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Die Schweiz und die Konstruktion des Multilateralismus, Bd. 3. Diplomatische Dokumente der Schweiz zur Geschichte der UNO 1942–2002, vol. 15, doc. 42
volume linkBern 2022
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E6100C#1998/106#2626* | |
| Dossier title | Jugoslawien: Création d'un Fonds de développement AELE - BRB 22.3.89 / Massnahmen gegen die Bundesrepublik Jugoslawien - BRB 1.6.92 / Aenderung der VO über Wirtschaftsmass (1967–1992) | |
| File reference archive | 992 |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E8001D#1997/5#3130* | |
| Dossier title | Massnahmen gegen die Bundesrepublik Jugoslawien (1992–1992) | |
| File reference archive | 324.1 |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E2010A#2001/161#6559* | |
| Dossier title | Allgemeines, Band 2 (1992–1992) | |
| File reference archive | C.23.20 • Additional component: Yougoslavie |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E5004A#2014/94#2327* | |
| Dossier title | Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien (1991–1996) | |
| File reference archive | 988.2-002 |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E7115A#2000/385#787* | |
| Dossier title | Embargo, sanctions en général et les cas particuliers Jan.-15. Juni (1992–1992) | |
| File reference archive | 863.9 • Additional component: Jugoslawien |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E2023A#2003/421#3552* | |
| Dossier title | Yougoslavie: Sanctions économiques (Embargo sur les armes), Band 1 (1992–1992) | |
| File reference archive | o.713.81(3) |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E1004.1#1000/9#1020* | |
| Old classification | CH-BAR E 1004.1(-)1000/9 1477 | |
| Dossier title | Beschlussprotokolle des Bundesrates Juni 1992 (5 Bände) (1992–1992) | |
| File reference archive | 4.10prov. |
dodis.ch/54873Antrag des EDA an den Bundesrat1
Massnahmen gegen die «Bundesrepublik Jugoslawien» («BRJ»)2
1. Die Kämpfe in Bosnien-Herzegowina dauern mit grösster Heftigkeit an und insbesondere in den letzten Tagen ist es – mit grösster Wahrscheinlichkeit von Seiten serbischer Elemente – zu einigen besonders grausamen und sinnlosen Mordtaten gekommen.3 Trotz deutlicher internationaler Signale – u. a. im Rahmen der KSZE, wo sich die Schweiz mit aller wünschenswerten Deutlichkeit am 18. Mai geäussert hat4 – machen weder die serbischen Verantwortlichen in Bosnien noch die «BRJ» Anstalten, ihre gegenwärtige Aggressionspolitik zu ändern und insbesondere ihren Verpflichtungen nachzukommen:
– zum Truppenrückzug
– zur Überführung von militärischem Personal und Material unter internationale Aufsicht
– zur konstruktiven Teilnahme an der EG-Friedenskonferenz von Brüssel (Konzept der Minderheitenlösung im Staate Bosnien-Herzegowina)
– mit Bezug speziell auf die «BRJ»: zur klaren, nicht nur rhetorischen Distanzierung von den serbischen Extremisten in Bosnien-Herzegowina unter Karadzic.
2. Angesichts dieser Entwicklungen wird in der internationalen Staatengemeinschaft der Druck in Richtung Massnahmen gegen die «BRJ» immer stärker und hat sich in den allerletzten Tagen wie folgt konkretisiert:
– Die EG wird am Montag, 1. Juni, formell folgende Massnahmen beschliessen:5
• Handelsembargo
• Luftverkehrsstop (allerdings in der Kompetenz der EG-Mitgliedsländer)
• Ölembargo (Unter Vorbehalt entsprechender Beratung, evtl. Entscheide in der UNO)
• Einfrierung von Finanzguthaben (Unter Vorbehalt entsprechender Beratung, evtl. Entscheide in der UNO)
Die USA und Kanada haben bereits klar zu erkennen gegeben, dass sie diese Massnahmen mitmachen werden. Gleiches gilt mit grosser Wahrscheinlichkeit für die anderen EFTA-Länder sowie voraussichtlich weitere europäische Länder.
– Ausgelöst durch die EG-Mitglieder im Sicherheitsrat der UNO wird im Moment (Freitag, 29. Mai) über eine Resolution6 beraten, die Massnahmen in zwei Etappen vorsieht:
• unmittelbar ein Handelsembargo, das Einfrieren von Finanzguthaben, ein Luftverkehrsembargo gegen JAT (altjugoslawische Fluggesellschaft) sowie Boykottmassnahmen in Sport, Kultur und Wissenschaft.
• ab 15. Juni (automatisch, wenn Belgrad nicht einlenkt): ein Ölembargo, Abbruch aller Luftverbindungen, Verringerung der diplomatischen Beziehungen.
Sowohl EG als auch UNO nehmen humanitäre Aktionen und Lebensmittellieferungen von Sanktionen aus.
3. Mit Bezug auf schweizerische Massnahmen muss vorausgeschickt werden, dass erste politische Massnahmen (Vorverlegung des Mandatsendes unseres Botschafters, nur «de facto»-Beziehungen mit der «BRJ»)7 sowie erste vorbeugende Massnahmen (gewisse Restriktionen auf einem Konto der Zentralbank der «BRJ» bei der SNB, Zürich)8 bereits getroffen wurden.9
Ob und inwieweit sich die Schweiz an den unter Para 2 dargestellten Massnahmen beteiligen will, ist eine politische Frage; aus völkerrechtlicher Sicht besteht kein Hindernis zur Teilnahme. Zudem hat der Bundesrat im ersten Ziel der weltweiten Beziehungen während der Legislaturperiode 1991–95 klar festgehalten: In der neuen Legislaturperiode ist der Akzent weniger auf die Neutralität und verstärkt auf internationale Solidarität zu setzen.10 Aus politischer Sicht können immerhin zwei Gründe gegen eine Teilnahme aufgeführt werden:
– gegebenenfalls nicht, oder nicht ganz, universeller Teilnehmerkreis an Massnahmen gegen Serbien, falls in der UNO kein oder ein weniger weitreichender Beschluss als im Rahmen der EG zustande kommt.
– abnehmende Möglichkeit zur Leistung guter Dienste (gute Dienste erscheinen zumindest im Moment allerdings eher theoretisch)
Für eine Teilnahme der Schweiz an Massnahmen, die zumindest von einem für uns entscheidenden Teil der internationalen Staatengemeinschaft ergriffen werden, sprechen folgende Gründe:
– Verantwortung der Schweiz, nicht zuletzt als Aufenthaltsland zahlreicher Staatsangehöriger aus dem ehemaligen Jugoslawien, nach Erschöpfung anderer Mittel nun Sanktionen gegen schwere und wiederholte Verletzungen der «Hausordnung Europas» (KSZE, etc.) zu ergreifen.
– Ein schweizerischer Alleingang im Unterschied zu allen oder fast allen anderen europäischen Ländern wäre kaum zu begründen und würde von diesen noch weniger akzeptiert.
– Unsere Glaubwürdigkeit als künftiger solidarischer Partner der EG, insbesondere nach dem kürzlichen Gesuch um Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, würde leiden, wenn wir uns bei erster und entscheidender (die EG hat in Jugoslawien sehr viel politisches Prestige investiert) Gelegenheit in einer für die europäische Friedens- und Sicherheitsordnung wichtigen Frage von der EG-Linie distanzieren.
4. Wir sind der Überzeugung, dass die Gründe für eine schweizerische Teilnahme an den Massnahmen eindeutig überwiegen.11 Da aber Umfang und Einzelheiten der internationalen Massnahmen im Moment noch nicht bekannt sind, könnte der Bundesrat:
1) zunächst generell beschliessen, dass sich die Schweiz aus den in Para 1 genannten Gründen und bis diese durch entsprechendes Verhalten der «BRJ» wegfallen, an internationalen Massnahmen gegen die «BRJ» beteiligt, insbesondere in den Bereichen
– Handelsbeziehungen
– Finanztransfers
– Luftverkehr
– allenfalls mit weiteren Massnahmen, auch politischer Natur, und auch in anderen Bereichen. (Hier geht es um Einzelmassnahmen, die gegebenenfalls im Rahmen der vorangehenden Punkte nicht abgedeckt sind wie bei Exportkrediten oder der Reduktion des Botschaftspersonals, Einreisesperren, etc.)12
Um zu zeigen, dass die Massnahmen sich gegen die «BRJ» und ihre Führung, nicht aber die serbische Bevölkerung richten, wären der gesamte humanitäre Bereich sowie Lebensmittellieferungen von allen Massnahmen auszunehmen.13
2) die zuständigen Bundesstellen mit der Ausarbeitung einer Verordnung betrauen, welche nach Vorbild und auf Grund der Erfahrung mit anderen Boykotten (Irak/Kuwait;14 Libyen15) sowie in enger Tuchfühlung mit dem internationalen Umfeld (UNO, EG, etc.) die Einzelheiten der schweizerischen Massnahmen regelt. Diese Verordnung wird dem Bundesrat so schnell als möglich zum Entscheid vorgelegt.16
- 1
- CH-BAR#E1004.1#1000/9#1020* (4.10prov.). Dieser Antrag wurde unter der Verantwortung des stv. Chefs der Politischen Abteilung I, Daniel Woker, verfasst und vom Vorsteher des EVD, Bundesrat Jean–Pascal Delamuraz, in seiner Funktion als Stellvertreter des krankheitshalber abwesenden EDA–Vorstehers, Bundesrat René Felber, unterzeichnet. Der Bundesrat hat den Antrag an der Sitzung vom 1. Juni 1992 behandelt, vgl. das BR-Prot. Nr. 1044 vom 1. Juni 1992, Faksimile dodis.ch/54873.↩
- 2
- Am 27. April 1992 rief das Präsidium der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien die aus den Republiken Serbien und Montenegro bestehende «Bundesrepublik Jugoslawien» aus. Zu einer Einschätzung der Direktion für Völkerrecht des EDA vom 29. April 1992 vgl. dodis.ch/62165.↩
- 3
- Für einen Überblick zur Haltung der Schweiz zum Krieg auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawiens vgl. DDS 1991, Dok. 55, dodis.ch/57983 sowie das BR-Prot. Nr. 2355 vom 7. Dezember 1992, dodis.ch/60645.↩
- 4
- Erklärung der schweizerischen Delegationsleiterin, Botschafterin Marianne von Grünigen, an der Sitzung des Ausschusses Hoher Beamter der KSZE vom 18. Mai 1992, dodis.ch/62450.↩
- 5
- Vgl. dazu die Notiz des Direktors der Politischen Direktion des EDA, Staatssekretär Jakob Kellenberger, an Bundesrat Delamuraz, dodis.ch/62157 sowie die Notiz des Diensts Südosteuropa, Israel an den Direktor des Bundesamts für Aussenwirtschaft des EVD, Staatssekretär Franz Blankart, dodis.ch/62706, beide datierend vom 26. Mai 1992.↩
- 6
- Vgl. die Resolution Nr. 575 des Sicherheitsrats der UNO vom 30. Mai 1992, UN doc. S/RES/575.↩
- 7
- Vgl. die Notiz an Bundesrat Felber vom 12. Mai 1992, dodis.ch/62451 sowie den Schriftwechsel zwischen dem EDA und dem schweizerischen Botschafter in Belgrad, Jean-Jacques Indermühle, dodis.ch/62442 und dodis.ch/62449.↩
- 8
- Vgl. dodis.ch/62711. ↩
- 9
- Vgl. dazu auch dodis.ch/62361 und dodis.ch/62706.↩
- 10
- Bericht über die Legislaturplanung 1991–1995 vom 25. März 1992, BBl, 1992, III, S. 1–200, hier S. 31.↩
- 11
- Im Verhandlungsprotokoll der 19. Sitzung des Bundesrats vom 1. Juni 1992 steht dazu: «Le Conseil partage la proposition mais critique sa justification telle qu’elle est exprimée dans la proposition du DFAE. En effet, tout l’argumentation se base sur le fait que la CE a pris cette décision et que la Suisse ne peut se tenir à l'écart. Cela donne le sentiment que notre pays est à la remorque de la CE. Dans les explications publiques, il faudra éviter de donner cette impression et donc souligner que c’est le rôle d’un petit État de droit que d'œuvrer pour le respect du droit international.» Vgl. dodis.ch/60938, S. 2. Im Beschluss wurde deshalb der Satz eingefügt: «Die Öffentlichkeit wird insbesondere auch über die politischen Beweggründe der beschlossenen Massnahmen informiert.» Vgl. dazu das Faksimile dodis.ch/54873 sowie das Dossier CH-BAR#E2010A#2001/161#6559* (C.23.20). Für die von Vizekanzler Achille Casanova im Anschluss an die Sitzung abgegebene Erklärung vgl. dodis.ch/54772.↩
- 12
- Vgl. dazu dodis.ch/54806, dodis.ch/54774 sowie dodis.ch/54807.↩
- 13
- Für die humanitären Hilfsmassnahmen der Schweiz für die Opfer des jugoslawischen Bürgerkriegs vgl. das BR-Prot. Nr. 1222 vom 29. Juni 1992, dodis.ch/60663. ↩
- 14
- Vgl. dazu QdD 15, Dok. 40, dodis.ch/54497 sowie die Zusammenstellung dodis.ch/C1674.↩
- 15
- Vgl. dazu die Zusammenstellung dodis.ch/C2192.↩
- 16
- Am 1. Juni 1992 unterbreitete Bundesrat Delamuraz auf Grund der Entwicklungen während dem Wochenende (Verabschiedung der UNO-Resolution) einen aktualisierten Beschlussentwurf sowie einen Verordnungsentwurf, vgl. das BR–Prot. Nr. 1044 vom 1. Juni 1992, Faksimile dodis.ch/54873. Der Bundesrat hiess die Verordnung am 3. Juni 1992 per Präsidialverfügung gut. Vgl. das BR-Prot. Nr. 1066, CH-BAR#E1004.1#1000/9#1020* (4.10prov.) sowie die Verordnung über Wirtschaftsmassnahmen gegenüber Jugoslawien (Serbien und Montenegro) vom 3. Juni 1992, AS, 1992, S. 1203–1208.↩
Relations to other documents
| http://dodis.ch/54806 | refers to | http://dodis.ch/54873 |
| http://dodis.ch/54773 | is decided in | http://dodis.ch/54873 |
| http://dodis.ch/60671 | is the sequel to | http://dodis.ch/54873 |
Tags
UN Sanctions against the Federal Republic of Jugoslavia (Serbia and Montenegro) (1992)


