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Documents Diplomatiques Suisses, vol. 1995, doc. 7
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| Archives | Archives fédérales suisses, Berne | |
▼ ▶ Cote d'archives | CH-BAR#E7115B#2003/35#2114* | |
| Ancienne cote | CH-BAR 532 | |
| Titre du dossier | Besuche Inland (1995–1996) | |
| Référence archives | 3/071-NO • Composant complémentaire: Norwegen |
| Archives | Archives fédérales suisses, Berne | |
| Cote d'archives | CH-BAR#E7113B#2002/221#141* | |
| Titre du dossier | Integrationspolitische Besuche in der Schweiz (1995–1996) | |
| Référence archives | 700.71 |
| Archives | Archives fédérales suisses, Berne | |
| Cote d'archives | CH-BAR#E7113B#2002/221#588* | |
| Titre du dossier | Norwegen, 01.01.95-30.06.96 (1995–1996) | |
| Référence archives | 720.25 |
dodis.ch/70766Gespräche des Vorstehers des EVD, Bundesrat Delamuraz, mit der norwegischen Aussenhandelsministerin Knudsen1
Besuch in Bern, 23. Februar 1995
Auf ihren Wunsch hat die norwegische Aussenhandelsministerin Grete Knudsen (GK) am 23. Februar 1995 Bundesrat Delamuraz (BRD) einen Besuch abgestattet, um zwischen den verantwortlichen Ministern der beiden grössten verbliebenen EFTA-Staaten einen Gedankenaustausch zu pflegen, der sich vor allem um die weitere Entwicklung der Arbeiten im Rahmen dieser Organisation drehte. Der EFTA-Generalsekretariat Kjartan Johannsson2 nahm ebenfalls an dem Gespräch teil.3
Die beiden Minister begrüssten die Tatsache, dass ein Entscheid über die neue Struktur des EFTA-Sekretariates gefunden werden konnte.4 BRD [Bundesrat Delamuraz] erwähnte mit Bezug auf den bedeutenden Budgetanteil der Schweiz, dass er unter anderem von Parlamentariern auf den hohen Beitrag seines Landes angesprochen worden sei.5 Es sei nun notwendig, mit einer konstruktiven und erfolgreichen Zusammenarbeit den Beweis für die gute Verwendung dieser Gelder zu erbringen.
G[rete] K[nudsen] betonte, dass Brüssel als Sitz der EFTA von ihrem Land bevorzugt worden wäre, sie aber mit der gegenwärtigen Lösung gesamthaft zufrieden sei. Angesprochen auf Norwegens Vorstellungen bezüglich der weiteren Ausgestaltung der Drittlandbeziehungen konnte sie sich mit einer geographischen Ausdehnung des Aktivitätsbereichs der EFTA einverstanden erklären.6 Norwegen befürworte allerdings ein schrittweises Vorgehen. G[rete] K[nudsen] schlug vor, Slowenien zur Unterzeichnung des Freihandelsabkommens Mitte Juni 1995 an die EFTA-Ministertagung nach Bergen einzuladen.7 Auch die baltischen Staaten sollten zu diesem Anlass eingeladen werden, um den Beginn der Verhandlungen zur Multilateralisierung der Freihandelsabkommen zu markieren.8 Norwegen sei jedoch auch bereit, die gemeinsamen Aktivitäten im Rahmen der EFTA auf die Mittelmeerstaaten auszudehnen. Schliesslich sollte auch nicht vergessen werden, der Vertiefung der bereits abgeschlossenen Freihandelsabkommen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
Nach BRD [Bundesrat Delamuraz] befürwortet die Schweiz eine möglichst baldige Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit Slowenien, könne sich aber auch damit einverstanden erklären, diesen formellen Akt in Bergen zu erledigen.9
Bezüglich des Inkrafttretens eines in Bergen unterzeichneten Abkommens am 1. Juli 1995 zeigte sich G[rete] K[nudsen] optimistisch, versprach aber, die Frage, ob dazu ein Parlamentsbeschluss notwendig sei, nochmals abklären zu lassen. Die Schweiz machte klar, dass sie ein Abkommen auch kurzfristig provisorisch anwenden kann, während der EFTA-Generalsekretär für Island vermutete, dass das Abkommen für dieses Land erst im Herbst 1995 in Kraft treten könnte.
G[rete] K[nudsen] kündigte weiter an, dass Norwegen in den nächsten Wochen einen Budgetentscheid für die zweite Hälfte 1995 benötige. Der Generalsekretär wurde beauftragt, per Mitte März einen entsprechenden Vorschlag vorzulegen.
Nach einer kurzen Beschreibung der verschiedenen schweizerischen Integrationsoptionen10 dankte BRD [Bundesrat Delamuraz] für das Verständnis der EFTA-EWR-Staaten, welche das Verhältnis mit der Schweiz nicht bloss im Lichte des Beobachterstatus, sondern im Sinne der Kooperation sähen.11
G[rete] K[nudsen] drückte ihre Enttäuschung über den negativen Ausgang des norwegischen Referendums aus,12 nicht zuletzt auch wegen der Bedeutung der EU als Handelspartner Norwegens (80% Exporte, 70% Importe). Ein Nein bedeute jedoch nicht eine Absage an eine aktive Europapolitik Norwegens. Europa sei in einer wichtigen Phase der Neudefinition, und Norwegen möchte eine aktive Rolle darin spielen. Nach G[rete] K[nudsen] müsse auch die EFTA daran teilnehmen; eine Diskussion darüber sei notwendig.
Bezüglich der neuen Struktur unter dem EWR-Abkommen war G[rete] K[nudsen] der Meinung, dass trotz der Schwächung der EFTA-Seite nach dem Übertritt von drei Staaten die bestehenden Strukturen weiter bestehen sollten, während über deren genaue Ausgestaltung diskutiert werden könnte (sie erwähnte als Beispiel die Möglichkeit einer Verringerung der Zahl der Mitglieder des gemeinsamen Parlamentarierausschusses). Gewisse Aspekte des EWR, z. B. der politische Dialog, müssten sogar erweitert werden. Diesbezügliche Kontakte mit der EU hätten stattgefunden, um dieser das norwegische Interesse an politischen Diskussionen und EU-Rattagungen zu den Themen Energie, Schiffahrt, Medizin, Bildung, etc. anzukündigen. Als Reaktion auf eine Bemerkung von Schweizer Seite, eine Pragmatisierung der Institutionen unter dem EWR sei wichtig für die Schweiz, erwähnte G[rete] K[nudsen], dass die EU bisher Interesse an einem pragmatischen EWR gezeigt hätte.
BRD [Bundesrat Delamuraz] informierte über den Ratifikationsprozess in der Schweiz,13 dankte Norwegen für die Unterstützung von Genf als Sitz der WTO14 und stellte die Kandidatur von Professor Thomas Cottier für den Posten des Chefs der künftigen WTO-Berufungsinstanz vor.15
G[rete] K[nudsen] betonte, dass nach dem Nein in Norwegen eine Mitgliedschaft in der WTO von noch grösserer Wichtigkeit sei. Für ihr Land sei allerdings auch eine Weiterbehandlung der Themen Schiffahrt, Arbeitsbedingungen und Umwelt von grossem Interesse, und sie habe ihre diesbezüglichen Ideen auch bei einem Treffen mit den Amerikanern mit Nachdruck vertreten. Eine Kandidatur für den Posten des Chefs der Berufungsinstanz aus einem Nicht-EU-Land sei begrüssenswert und würde von Norwegen in einem positiven Licht beurteilt.
Die beiden Minister stimmten überein, dass ihre Vertreter im Rahmen der WTO zusammenarbeiten sollten.
Unter diesem Titel gaben beide Minister einen kurzen Überblick über die wirtschaftliche Situation in ihren Ländern, wobei die Konsequenzen des Abseitsstehens von der EG im Mittelpunkt standen. Norwegische Unternehmen hätten bis anhin das Land nicht verlassen. Ein solcher Schritt könnte jedoch nicht ausgeschlossen werden, wenn die durch den Wechsel von Finnland und Schweden zur EU entstandenen Zölle in bestimmten Bereichen (z. B. landwirtschaftliche Verarbeitungsprodukte, Fisch) nicht beseitigt werden könnten. Die konsequente Haltung ihrer Regierung nach dem Nein Ende November 1994 hätte sicher auch zu der Haltung der norwegischen Firmen beigetragen, trotz des Neins im Lande zu bleiben. Ein grösseres Problem ortete G[rete] K[nudsen] in der Tatsache, dass Norwegen immer noch zu einem unverhältnismässigen Grad von Öl- und Gaseinkommen abhängig sei, während sich die industrielle Basis nicht entsprechend weiterentwickelt hätte. In diesem Bereich müsste noch Arbeit geleistet werden.
BRD [Bundesrat Delamuraz] informierte die norwegischen Gäste, dass sich einige schweizerische Unternehmen, vor allem aus dem Textilbereich, mit dem Gedanken trügen, nach Österreich zu dislozieren.16 Eine Lösung der Probleme im Textilbereich ergäbe sich jedoch nur durch einen Vollbeitritt in der EU. In anderen Bereichen sei eine abschliessende Beurteilung zu früh nach knapp 13 Monaten Geltungsdauer des EWR.
- 1
- CH-BAR#E7115B#2003/35#2114* (3/071). Diese Notiz wurde von Hanspeter Tschäni, Sektionschef für Wirtschaftsintergration des Integrationsbüros EDA/EVD, verfasst und unterzeichnet. Der Direktor des Bundesamts für Aussenwirtschaft (BAWI) des EVD, Staatssekretär Franz Blankart, verteilte sie am 1. März 1995 unter anderem an den Direktor der Politischen Direktion des EDA, Staatssekretär Jakob Kellenberger, dessen zwei stv. Direktoren, Botschafter Franz von Däniken und Botschafter Heinrich Reimann, an den Chef des Integrationsbüros EDA/EVD, Botschafter Bruno Spinner, sowie an alle schweizerischen Botschaften in Europa. Für die vollständige Verteilerliste vgl. das Faksimile dodis.ch/70766.↩
- 2
- Für die Notiz des Sektionschefs des Integrationsbüros EDA/EVD und stv. Generalsekretärs der EFTA, Aldo Matteucci, über den Besuch von Generalsekretär Kjartan Johannsson in Bern vom 3. März 1995 vgl. dodis.ch/67129.↩
- 3
- Anmerkung im Original: Teilnehmer der norwegischen Delegation: Frau Grete Knudsen, Aussenhandelsministerin, Herr Einar Bull, stv. Generalsekretär, Frau Rita Westvik, Politische Beraterin, Herr Jan G. Jölle, Norwegischer Botschafter in Bern, Herr Arthur B. Knutsen, Informationschef. Teilnehmer der schweizerischen Delegation: Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, Vorsteher des Eidg. Volkswirtschaftsdepartements, Staatssekretär Franz Blankart, Direktor des Bundesamtes für Aussenwirtschaft, Botschafter Silvio Arioli, Delegierter des Bundesrates für Handelsverträge, Bundesamt für Aussenwirtschaft, Botschafter William Rossier, Chef der Schweiz. Delegation bei der EFTA und beim GATT, Genf, Herr HP. Tschäni, Sektionschef der Sektion Wirtschaftsintegration, Integrationsbüro EDA/EVD, Frau Barbara Schneeberger, pers. Mitarbeiterin des Departementschefs EVD, Herr Yves Seydoux, Pressechef EVD, Frau Andrea Reichlin, Diplomatische Mitarbeiterin, Politische Abteilung I, EDA.↩
- 4
- Vgl. dazu die Notiz von Botschafter Spinner vom 17. Januar 1995, dodis.ch/70308, sowie die Zusammenstellung dodis.ch/C2684.↩
- 5
- Für die Diskussion der zukünftigen Rolle der Schweiz in der EFTA im Parlament vgl. das Teilprotokoll III der Sitzung der Aussenpolitischen Kommission des Ständerats vom 18. und 19. August 1995, dodis.ch/67536, sowie das Teilprotokoll I der Sitzung der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats vom 22. und 23. August 1995, dodis.ch/67350.↩
- 6
- Für die schweizerischen Überlegungen zur Annäherung Sloweniens an die EFTA vgl. die Notiz von Botschafter Spinner vom 13. Januar 1995, dodis.ch/68783.↩
- 7
- Für die EFTA-Ministertagung von Bergen vgl. die Informationsnotiz des EVD an den Bundesrat vom 19. Juni 1995, dodis.ch/70505.↩
- 8
- Anmerkung im Original: G[rete] K[nudsen] kam auch während des gemeinsamen Mittagessens auf die Zusammenarbeit mit den PECOs zurück. Die EFTA-Staaten hätten die Verpflichtung, mit diesen Ländern eng zusammenzuarbeiten, und Norwegen werde im Rahmen der EFTA auf diesen Punkt zurückkommen.↩
- 9
- Vgl. das Abkommen vom 13. Juni 1995 zwischen den EFTA-Staaten und der Republik Slowenien, CH-BAR#K1#1000/1480#1752* (K1.5620). Vgl. dazu auch das BR-Prot. Nr. 658 vom 26. April 1995, dodis.ch/70775. Bundesrat Delamuraz unterzeichnete das Abkommen während seines Besuchs in Ljubljana am 9. November 1995, vgl. die Informationsnotiz des EVD an den Bundesrat vom 13. November 1995, dodis.ch/68144.↩
- 10
- Für die Perspektive des Parlaments auf die schweizerischen Integrationsoptionen Anfang 1995 vgl. den Bericht «Europapolitik» der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats vom 27. März 1995, dodis.ch/70153. Für die Perspektive des Bundesrats vgl. den Zwischenbericht zur europäischen Integrationspolitik derSchweiz vom 29. März 1995, dodis.ch/69306.↩
- 11
- Vgl. dazu das Schreiben von Botschafter Spinner an den Chef der ständigen Mission der Schweiz bei WTO und EFTA (ECE/UNO, UNCTAD, ITC) in Genf, Botschafter William Rossier, vom 10. Februar 1995, CH-BAR#E7113B#2011/13#163* (750.21).↩
- 12
- Zur norwegischen Referendumsabstimmung über einen EU-Beitritt vgl. den Politischen Bericht Nr. 11 des schweizerischen Botschafters in Oslo, Gaudenz von Salis, vom 1. Dezember 1994, dodis.ch/69527.↩
- 13
- Vgl. dazu die Informationsnotiz des EVD an den Bundesrat vom 14. Februar 1995, dodis.ch/70404.↩
- 14
- Vgl. dazu DDS 1994, Dok. 29, dodis.ch/68565, sowie die Zusammenstellung dodis.ch/C2441.↩
- 15
- Vgl. dazu das Dossier CH-BAR#E2023A-01#2005/37#4589* (o.741.60).↩
- 16
- Vgl. dazu die Notiz über das Gespräch von Nationalrat Christoph Blocher und Vertretern der Textilindustrie mit Bundesrat Delamuraz vom 5. Juli 1995, dodis.ch/71267, sowie die Zusammenstellung dodis.ch/C2006.↩
Tags
Association européenne de libre-échange (AELE) Union européenne (CEE–CE–UE)


