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Documents Diplomatiques Suisses, vol. 1994, doc. 47
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| Archives | Archives fédérales suisses, Berne | |
| Cote d'archives | CH-BAR#E2200.8#2001/73#52* | |
| Titre du dossier | Beziehungen Finnland-Schweiz inkl. Besuche (1993–1996) | |
| Référence archives | 360.1 |
dodis.ch/69171Gespräche der Bundesräte Villiger, Cotti und Delamuraz mit dem finnischen Ministerpräsidenten Aho1
Besuch in Bern, 21. Oktober 1994
Der finnische Ministerpräsident benützte einen privaten Aufenthalt in der Schweiz zu einem Besuch in Bern, wobei er von den Bundesräten Villiger (in Vertretung für den erkrankten Bundespräsidenten),2 Delamuraz und Cotti empfangen wurde.3 Das dreistündige Gespräch war reich an Substanz und vermittelte einen aufschlussreichen Einblick in das integrations- und sicherheitspolitische Denken des finnischen Premiers. Ebenso wichtig war aber sein klarer Hinweis auf die Entschlossenheit Finnlands, trotz vorderhand unterschiedlicher integrationspolitischer Wege die Freundschaft und Zusammenarbeit mit der Schweiz weiterhin sorgfältig zu pflegen.4 Auch ohne EU-Mitgliedschaft habe die Schweiz im internationalen Bereich zu viel anzubieten, als dass Helsinki sie vernachlässigen könnte.
Obwohl es sich beim EU-Referendum um einen Entscheid von grösster Tragweite handelte, glaubt Aho nicht, dass der Ausgang (57:43%) einen dauerhaften, tiefen Riss in der Bevölkerung hinterlässt.5 Die Regierung wird alles daran setzen, um die nötigen Anpassungen rasch und schonend vorzunehmen. Dies gilt vor allem für den Agrarbereich (Produktion und Verarbeitung).
a) Dies gesagt, nennt Aho drei Hauptgründe für die Zustimmung der finnischen Bevölkerung:
– Willen zur Mitgestaltung an der Zukunft Europas, besonders im Hinblick auf die EU-Regierungskonferenz von 1996
– Wirtschaftliche Überlegungen (gut zwei Drittel der finnischen Exporte gehen heute in den EWR, mit der EU als wichtigstem Partner)
– Sicherheitspolitische Argumente, wobei Aho Sicherheit ausdrücklich in einem umfassenden Sinn verstanden haben will (wirtschaftlich, ökologisch, usw.).6
b) Bezüglich der bevorstehenden Referenden in Schweden und Norwegen glaubt Aho nicht an eine «Domino»-Theorie. Schweden und Norwegen werden sich nicht in erster Linie am finnischen Entscheid orientieren, sondern ihre eigenen Interessen abwägen. Im Fall Schwedens erwartet er einen positiven Ausgang, unter anderem auch deshalb, weil er innerhalb der schwedischen Sozialdemokraten eine wachsende Unterstützung zugunsten des EU-Beitritts diagnostiziert. Für Norwegen wagt er hingegen keine Prognose.7
c) Wie sieht Aho die künftige Entwicklung der Union?
Helsinki befürwortet den Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten zur Union, wobei der Zeitpunkt entscheidend von der «Beitrittsfähigkeit» (politisch, wirtschaftlich, rechtlich) derselben abhängt. Aho sagt dies in einer Weise, die erkennen lässt, dass der Zeitpunkt der Osterweiterung nach finnischer Auffassung noch in einiger Ferne liegen dürfte.
Für den finnischen Ministerpräsidenten ist eine integrationspolitische Vertiefung der Union «à géométrie variable» kein Schreckgespenst. Schon der Vertrag von Maastricht lässt gewisse Abweichungen zu. Entscheidend ist, dass kein Mitgliedstaat vom Kern der Länder, die eine Integrationsvertiefung anstreben, formell ausgeschlossen wird. Alsdann kommt es einzig auf die Bereitschaft der einzelnen Mitgliedstaaten an, an den weiteren Integrationsschritten teilzunehmen.
Bemerkenswert ist die von Aho vorgenommene Charakterisierung der Zusammenarbeit in der EU als «cooperation among independent States». Auf den supranationalen Charakter der Union hingewiesen, präzisiert er, dass es wohl Bereiche gebe, welche dem «supranational decision making» unterlägen, dass aber das «national decision making» und die Kontrolle durch die nationalen Parlamente die entscheidenden Grundlagen für die Zusammenarbeit in der Union darstellten. Folgerichtig gibt er sich auch als ein starker Verfechter des Subsidiaritätsprinzips.
d) Auf entsprechende Fragen Aho’s hin erläuterten die Vorsteher des EVD und EDA die schweizerische Integrationspolitik.8 Besonders interessiert zeigt sich Aho an den schweizerischen Vorstellungen über die Zukunft der EFTA, welche während Jahren das Forum für eine enge Zusammenarbeit Schweiz–Finnland bildete.9 Bundesrat Delamuraz führte aus, dass definitive Entscheide erst im Licht der Abstimmungsergebnisse in Schweden und Norwegen getroffen würden. Mit Blick auf das EFTA-Sekretariat plädierte er für eine faire Teilung allfälliger Übergangs- und Redimensionierungskosten.10
Nach Aho muss die Frage der Sicherheit unserer Staaten in einem gesamteuropäischen Zusammenhang betrachtet werden. Dabei denkt er vor allem an die mittel- und osteuropäische Dimension. Der Wandel, den die osteuropäische Staatenwelt durchmacht, ist epochal, und Westeuropa sollte sie dabei tatkräftig unterstützen. Vor allem mit Blick auf Russland warnt er davor, an eine rasche Transformation zu glauben. Die tiefgreifende Demokratisierung sowie der Übergang zu marktwirtschaftlichen Verhältnissen werden noch Jahre beanspruchen. Enttäuschungen werden nicht ausbleiben, doch sollte deshalb die internationale Unterstützung nicht nachlassen.
Finnland wird an seiner bisherigen Sicherheitspolitik im engeren Sinn festhalten und keinen militärischen Bündnissen beitreten. Der Begriff der Neutralität wird allerdings an Bedeutung weiter verlieren (Aho: «We used to use that word»).11 Im Hinblick auf seine EU-Mitgliedschaft hat Finnland sein Interesse an einem Beobachterstatus bei der WEU bekundet. Eine Annäherung an die NATO steht nicht zur Diskussion.12
Finnland unterstützt die schweizerische Kandidatur für den KSZE-Vorsitz.13
Für die Gespräche mit dem finnischen Regierungschef hätte es kaum einen günstigeren Zeitpunkt geben können. Die Schweiz hat mit diesem Land und vor allem mit der Denkweise und dem Charakter seiner Bevölkerung so viel gemeinsam, dass es kaum übertrieben ist, von «like-minded countries» zu sprechen. Man kann sich deshalb einer gewissen Melancholie nicht erwehren angesichts der unterschiedlichen europapolitischen Wege, welche die beiden Staaten in den kommenden Jahren beschreiten. Wohl ist man geneigt, Finnlands Zusicherung einer engen Zusammenarbeit mit der Schweiz gerade auch im integrationspolitischen Bereich mehr Glauben zu schenken als andern bisherigen EFTA-Partnern, die ihre guten Absichten dann bei erstbester Gelegenheit vergessen. Dass aber die Qualität der Zusammenarbeit unter EU-Staaten eine andere, engere und intensivere ist als die klassische bilaterale Zusammenarbeit, ist nicht zu übersehen. Es wird die Schweiz zusätzliche Anstrengungen kosten, diesen «gap» durch die systematische Pflege der Beziehungen mit dem befreundeten Finnland wettzumachen.14
- 1
- CH-BAR#E2200.8#2001/73#52* (360.1). Diese Notiz wurde vom Chef der Politischen Abteilung I, Botschafter Franz von Däniken, verfasst und vom Direktor der Politischen Direktion des EDA, Staatssekretär Jakob Kellenberger, unterzeichnet. Die Notiz wurde im Wochentelex 43/94 vom 24. Oktober 1994 versendet, vgl. dodis.ch/66935. Das hier edierte Exemplar wurde von der schweizerischen Botschaft in Helsinki empfangen.↩
- 2
- Der Vorsteher des EFD, Bundespräsident Otto Stich, wurde am 14. Oktober 1994 wegen Herzrhythmusstörungen hospitalisiert, nachdem er in einer Sitzung der Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats zusammengebrochen war, vgl. dazu das Protokoll der Kommissionssitzung, dodis.ch/69550, S. 15, sowie das Verhandlungsprotokoll der 32. Sitzung des Bundesrats vom 19. Oktober 1994, dodis.ch/69542.↩
- 3
- Die schweizerische Delegation setzte sich nebst dem Vizepräsidenten des Bundesrats, Kaspar Villiger, und den Vorstehern des EVD und des EDA, den Bundesräten Jean-Pascal Delamuraz und Flavio Cotti, aus dem schweizerischen Botschafter in Helsinki, Sven Meili, dem Chef der Politischen Abteilung I des EDA, Botschafter Franz von Däniken, dem Protokollchef, Botschafter Daniel von Muralt, und dem Chef des Informationsdiensts des Integrationsbüros EDA/EVD, Dominik Furgler, zusammen. Der finnische Ministerpräsident, Esko Aho, wurde von seinem Mitarbeiter Pekka Huhtaniemi, dem finnischen Botschafter in Bern, Henry Söderholm, sowie dem Direktor der Politischen Direktion im finnischen Aussenministerium, Hannu Himanen, begleitet. Für die Delegationslisten und das Programm vgl. das Dossier CH-BAR#E2010A#2005/342#1803* (B.15.21).↩
- 4
- Zu den Beziehungen zwischen der Schweiz und Finnland vgl. die Notiz des für Finnland zuständigen Mitarbeiters in der Politischen Abteilung I, Walter Frunz, vom 18. Oktober 1994, dodis.ch/69893. Zu den Wirtschaftsbeziehungen vgl. die Notiz von Charles Buser vom Dienst Freihandelsländer (Westeuropa) des Bundesamts für Aussenwirtschaft des EVD vom 10. Oktober 1994, dodis.ch/69894.↩
- 5
- Die Volksabstimmung in Finnland fand fünf Tage vor dem Besuch von Ministerpräsident Aho statt. Vgl. den Politischen Bericht Nr. 11 von Botschafter Meili vom 17. Oktober 1994, dodis.ch/69524.↩
- 6
- Botschafter Meili hat auf seiner Empfangskopie die drei Punkte in der Reihenfolge 2, 3, 1 nummeriert, vgl. das Faksimile dodis.ch/69171.↩
- 7
- Handschriftliche Marginalie von Botschafter Meili: Aho sagte, er glaube, die Norweger würden ablehnen. Die schwedische Bevölkerung stimmte am 13. November 1994 mit einem Ja-Anteil von 52,2% für einen EU-Beitritt, die norwegische Bevölkerung stimmte am 27. und 28. November 1994 mit einem Nein-Anteil von 52,3% gegen einen EU-Beitritt, vgl. den Politischen Bericht Nr. 16 des schweizerischen Botschafters in Stockholm, Paul A. Ramseyer, vom 17. November 1994, dodis.ch/69525, sowie den Politischen Bericht Nr. 11 des schweizerischen Botschafters in Oslo, Gaudenz von Salis, vom 1. Dezember 1994, dodis.ch/69527.↩
- 8
- Vgl. dazu die vorbereitende Notiz des Integrationsbüros EDA/EVD vom 17. Oktober 1994, dodis.ch/69609.↩
- 9
- Finnland trat 1985 mit der Unterstützung der Schweiz der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) bei, vgl. das BR-Prot. Nr. 1921 vom 13. November 1985, dodis.ch/57253. Am 21. und 22. Juni 1994 fand nochmals eine EFTA-Ministerkonferenz in Helsinki statt, vgl. das BR-Prot. Nr. 1074 vom 13. Juni 1994, dodis.ch/67667, sowie die Informationsnotiz des EVD an den Bundesrat vom 11. Juli 1994, dodis.ch/67838. Gemeinsam mit Österreich und Schweden verliess Finnland aufgrund seines Beitritts zur EU am 31. Dezember 1994 die EFTA, vgl. dazu das BR-Prot. Nr. 2217 vom 12. Dezember 1994, dodis.ch/67687, sowie die Informationsnotiz des EVD an den Bundesrat vom 20. Dezember 1994, dodis.ch/67462.↩
- 10
- Zur Umstrukturierung des EFTA-Sekretariats vgl. die Zusammenstellung dodis.ch/C2684.↩
- 11
- Vgl. dazu auch das Treffen von Bundesrat Villiger mit der finnischen Verteidigungsministerin Elisabeth Rehn sowie den Verteidigungsministern Österreichs und Schwedens, Werner Fasslabend und Anders Björck, im Oktober 1992 in Bern, DDS 1992, Dok. 46, dodis.ch/61100.↩
- 12
- Zur schweizerischen Haltung gegenüber der Westeuropäischen Union (WEU) und der NATO vgl. auch DDS 1992, Dok. 62, dodis.ch/61267.↩
- 13
- Zur schweizerischen Kandidatur für den KSZE-Vorsitz 1996 vgl. DDS 1994, Dok. 26, dodis.ch/62509, sowie die Zusammenstellung dodis.ch/C2233.↩
- 14
- Botschafter Meili reagierte am 21. November 1994 mit einem Schreiben an Botschafter von Däniken auf den Wochentelex 43/94 und regte einen Besuch von schweizerischer Seite in Helsinki an. Botschafter von Däniken informierte am 5. Dezember 1994 Staatssekretär Kellenberger, dass er sich überlege, «ohne konkreten Anlass» nach Helsinki zu reisen, vgl. dodis.ch/68131. Der Besuch Botschafter von Dänikens in Finnland fand am 16. März 1995 statt, vgl. dodis.ch/68132.↩
Liens avec d'autres documents
| http://dodis.ch/69609 | est la préparation à | http://dodis.ch/69171 |
| http://dodis.ch/69171 | est extrait de | http://dodis.ch/66935 |
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