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Documenti Diplomatici Svizzeri, vol. 1995, doc. 46
volume linkBern 2026
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| Archivio | Archivio federale svizzero, Berna | |
| Segnatura | CH-BAR#E2010A#2005/342#2061* | |
| Titolo dossier | Offizieller Arbeitsbesuch von Premierminister Gyula Horn in Bern, 22.09.1995 (1995–1995) | |
| Riferimento archivio | B.15.21(25) • Componente aggiuntiva: Hongrie |
| Archivio | Archivio federale svizzero, Berna | |
| Segnatura | CH-BAR#E8009A#2003/75#42* | |
| Titolo dossier | Bundesratssitzung vom 18.10.1995; 2. Teil (1995–1995) | |
| Riferimento archivio | 1 |
| Archivio | Archivio federale svizzero, Berna | |
| Segnatura | CH-BAR#E4801.2#2004/5#383* | |
| Titolo dossier | Bundesratssitzung vom 18.10.1995, Teil 2 (1995–1995) | |
| Riferimento archivio | 5 |
dodis.ch/68330Gespräche des Bundespräsidenten Villiger sowie der Bundesräte Delamuraz und Cotti mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Horn1
Offizieller Arbeitsbesuch in Bern, 22. September 1995
Im Rahmen eines offiziellen Arbeitsbesuches wurde der ungarische Ministerpräsident Gyula Horn (H) am 22. September 1995 in Bern von einer Delegation des Bundesrates, bestehend aus Bundespräsident Kaspar Villiger, Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz und Bundesrat Flavio Cotti, empfangen.2 H[orn] wurde von Industrie- und Handelsminister Imre Dunai sowie Arbeitsministerin Magda Kosa Kovacs begleitet. H[orn] wurde ebenfalls im Parlament von Jean-François Leuba, Vizepräsident des Nationalrates, und Ernst Mühlemann, Präsident der aussenpolitischen Kommission des Nationalrates, zu einem Höflichkeitsbesuch empfangen.3 Am Vorabend traf der ungarische Ministerpräsident in Zürich mit hohen Vertretern der Schweizer Wirtschaft zusammen.4
Ungarn hat dieses Jahr die Präsidentschaft der OSZE inne; die Schweiz wird sie 1996 übernehmen.5 Beide Seiten sind sehr zufrieden über die gute Zusammenarbeit innerhalb der Troika und können viel voneinander lernen.6 Für H[orn] wäre eine Veränderung des Entscheidungsprozesses in der OSZE wichtig; durch den obligaten Konsens ist die Organisation oft lahmgelegt. Beide Seiten hoffen, dass in Tschetschenien bald Wahlen stattfinden können.7
H[orn] charakterisiert die Lage in Zentraleuropa wie folgt. Alle Länder der Gegend verfügen über eine funktionierende Demokratie und nirgends droht eine Restaurationsgefahr. Alle haben sich auch dem schwierigen Übergang zur Marktwirtschaft verpflichtet. In jedem Bereich wird dem Beispiel der entwickelten Staaten gefolgt, was nicht immer unproblematisch ist. In Zentraleuropa herrscht weiterhin ein sicherheitspolitisches Vakuum, das nur durch einen NATO-Beitritt dieser Länder gefüllt werden kann. Es ist unerlässlich, Russland in jegliches neues europäisches Sicherheitsmodell einzubinden; das Gegenteil würde gemäss H[orn] zur Katastrophe führen.8 Die Rolle Russlands darf aber nicht so weit gehen, dass es gegen die NATO-Osterweiterung ein Veto einlegen könnte. In den letzten Jahren hat man versucht, Russland aus der Balkankrise herauszuhalten. Dies war laut H[orn] ein Fehler, denn ohne Belgrad gibt es keinen Frieden und Belgrad hängt in grossem Masse von Russland ab. So setzt sich H[orn] vehement für einen Europaratsbeitritt Moskaus ein. Eine solche Mitgliedschaft beinhalte auch viele Pflichten und schliesslich sei das Problem der russischen Minderheiten im Ausland (26 Millionen) das grösste Minderheitenproblem Europas.9
Das Problem der ungarischen Minderheiten im Ausland bleibt aktuell.10 Ungarns Nachbarstaaten streben danach, ihr Nationalbewusstsein durchzusetzen, dies meist auf Kosten der Minderheiten. So stehe das neue rumänische Unterrichtsgesetz im Gegensatz zu europäischen Normen. Notwendig sei eine positive Diskriminierung der Minderheiten und hier komme dem Europarat eine grosse Rolle zu. Budapest strebt die Schaffung eines Zentrums für die Minderheitenforschung an und hofft, dafür auf schweizerische Erfahrungen zählen zu können. Am meisten Sorgen bereitet H[orn] die Lage der ungarischen Minderheit (18%) in der serbischen Voivodina. Nach dem Krajinakrieg sind 80 000 serbische Flüchtlinge in der Voivodina angekommen, viele von ihnen bewaffnet.11 Es haben schon einige Vertreibungen von Ungaren stattgefunden. Laut H[orn] hat sich die internationale Gemeinschaft in dieser Frage viel zu passiv verhalten. Jedenfalls steht Budapest dazu im Gespräch mit Belgrad. Noch viel dramatischer würde die Lage in der Voivodina im Falle eines Kriegsausbruches zwischen Kroatien und Serbien wegen Ostslawonien.
Das im März beschlossene Stabilisierungsprogramm zeigt gemäss H[orn] erste Wirkungen. So hat sich die Lage des Staatshaushalts nicht weiter verschlechtert und die Aussenhandelsbilanz hat sich verbessert. Es sind aber auch ernsthafte soziale Spannungen aufgetreten. 1996 soll der Kurs gehalten werden.12 Auf dem Programm steht namentlich die schwierige aber unausweichliche Reform der grossen Versorgungssysteme (Schulen, Sozialversicherungen, Renten). Die Privatisierung soll beschleunigt werden und auch strategische Sektoren (Energie, Telekommunikationen) betreffen. Ehrgeiziges Ziel der Regierung ist es, die Privatisierung bis 1997 abzuschliessen. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten Ungarns mit dem IWF spielt H[orn] eher herunter. Wichtiger als Kredite sei das Vertrauen.
Der Besuch H[orn]’s ist der erste Besuch eines ungarischen Ministerpräsidenten in der Schweiz. Dazu kommt er fast gleichzeitig mit dem 75. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern im Jahre 1920.13 H[orn] lädt den schweizerischen Bundespräsidenten zu einem Besuch nach Budapest ein. Er dankt der Schweiz und dem Schweizer Volk für deren Unterstützung Ungarns in der Vergangenheit. H[orn] erwähnt die mutigen Aktivitäten von Konsul Karl Lutz in Budapest in den Jahren 1944–45, dank denen 60 000 jüdischen Bürgern Ungarns das Leben gerettet werden konnte.14 Kurz nach dem Krieg wurden über Tausend ungarische Kinder für einige Monate in der Schweiz aufgenommen.15 1956 fanden 14 000 Ungarn in unserem Land eine neue Heimat.16
Bundesrat Delamuraz unterzeichnete mit Arbeitsministerin Kovacs ein sogenanntes Stagiaires-Abkommen, das je bis zu 100 Praktikanten pro Jahr erlauben wird, im anderen Lande ihre Berufs- und Sprachkenntnisse zu verbessern.17 Ferner konnte festgestellt werden, dass über den Text des Sozialversicherungsabkommens jetzt Einigkeit herrscht; es wird mit einer Unterzeichnung bis Ende Jahr gerechnet.18
H[orn] dankt für die schweizerischen Unterstützungsmassnahmen zugunsten Ungarns seit 1989.19 Er hofft, dass die vielen Projekte nach Möglichkeit weitergeführt werden können. Ganz besonders liegt ihm daran, dass die Schweiz solche Projekte finanziert, die als Ergänzung bereits laufender oder abgeschlossener Projekte dienen können.
Die Wirtschaftsbeziehungen wurden anlässlich eines separaten Treffens zwischen Bundesrat Delamuraz und Industrie- und Handelsminister Dunai am Nachmittag im Detail behandelt.20
Die schweizerische Seite erwähnt die Wichtigkeit der gegenwärtig laufenden Verhandlungen über die paneuropäische Kumulation der Ursprungsregeln.21
Ungarn will bis Mitte 1996 die OECD-Mitgliedschaft erwerben. Dabei kann es auf starke schweizerische Unterstützung zählen.
Bundesrat Cotti übergibt H[orn] ein Aide-Mémoire zur Kandidatur Genfs als permanenter Sitz des Sekretariats der internationalen Konvention über Biodiversität.22
- 1
- CH-BAR#E2010A#2005/342#2061* (B.15.21(25)). Diese Informationsnotiz an den Bundesrat wurde vom Vorsteher des EDA, Bundesrat Flavio Cotti, unterzeichnet. Der Text der Informationsnotiz wurde unverändert als Punkt 5 des Wochentelex vom 2. Oktober 1995 versandt, vgl. dodis.ch/67834.↩
- 2
- Für die Vorbereitungen des Besuchs vgl. das BR-Prot. Nr. 1420 vom 13. September 1995, CH-BAR#E1004.1#1000/9#17351*.↩
- 3
- Dieses Gespräch fand mit Nationalrat Jean-François Leuba, Riccardo Jagmetti von der Aussenpolitischen Kommission des Ständerats (APK-S), Eva Segmüller von der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats (APK-N) sowie dem ungarischen Botschafter in Bern, Pál Gresznáryk, aber höchstwahrscheinlich ohne den Präsidenten der APK-N, Ernst Mühlemann, statt, vgl. dodis.ch/73525.↩
- 4
- Vgl. dazu das Dossier CH-AfZ#IB Vorort-Archiv / 331.3.9.↩
- 5
- Vgl. dazu DDS 1995, Dok. 44, dodis.ch/62659, sowie die Zusammenstellung Schweizer OSZE-Präsidentschaft 1996, dodis.ch/T2233.↩
- 6
- Vgl. dazu die Informationsnotiz des EDA an den Bundesrat über den Besuch von Bundesrat Cotti in Budapest am 17. März 1995, dodis.ch/68329, die Notiz des OSZE-Koordinationsstabs des EDA über das Troika-Treffen in Wien vom 13. Juli 1995, dodis.ch/71501, sowie die Notiz über den Besuch von István Gyarmati, Vertreter der ungarischen OSZE-Präsidentschaft, in Bern am 25. September 1995, dodis.ch/73916.↩
- 7
- Für eine Beurteilung der politischen Lage im Herbst 1995 vgl. die Notiz von Heidi Tagliavini, Mitglied der OSZE-Unterstützungsgruppe in Tschetschenien, vom 27. Oktober 1995, dodis.ch/73018. Vgl. dazu auch die Zusammenstellung Erster Tschetschenienkrieg, dodis.ch/T2571.↩
- 8
- Zur Erarbeitung eines Sicherheitsmodells im Rahmen der OSZE vgl. die Zusammenstellung dodis.ch/C2826.↩
- 9
- Für das Beitrittsgesuch Russlands im Europarat vgl. die Notiz des Diensts Europarat des EDA vom 11. Oktober 1995, dodis.ch/73993. Für die Haltung der Schweiz vgl. die Informationsnotiz des EDA an den Bundesrat vom 30. Januar 1996, dodis.ch/70789.↩
- 10
- Vgl. dazu den Politischen Bericht Nr. 1 des schweizerischen Botschafters in Bukarest, Jean-Pierre Vettovaglia, vom 2. Februar 1995, dodis.ch/72360. ↩
- 11
- Zur Situation in Ex-Jugoslawien vgl. die für den Besuch verfasste Notiz des Aussenpolitischen Planungsstabs des EDA vom 18. September 1995, dodis.ch/74502. Vgl. dazu auch DDS 1995, Dok. 57, dodis.ch/69366.↩
- 12
- Vgl. dazu den Politischen Bericht Nr. 6 des schweizerischen Botschafters in Budapest, Claudio Caratsch, vom 6. Juni 1995, dodis.ch/72254.↩
- 13
- Vgl. dazu den Antrag des EPD an den Bundesrat vom 27. September 1920, DDS, Bd. 7-II, Dok. 407, dodis.ch/44618.↩
- 14
- Vgl. dazu den Bericht des ehemaligen Vizekonsuls in Budapest, Carl Lutz, vom 24. Februar 1949 über die Rettungsaktion 1944–1945, dodis.ch/14325.↩
- 15
- Vgl. dazu den Bericht der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes vom 30. April 1948, dodis.ch/74134.↩
- 16
- Zur Aufnahme ungarischer Flüchtlinge 1956 vgl. die Zusammenstellung dodis.ch/C1832.↩
- 17
- Abkommen zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Republik Ungarn über den Austausch von Stagiaires vom 22. September 1995, AS, 1996, S. 1233–1235. Vgl. dazu auch das BR-Prot. Nr. 1446 vom 13. September 1995, dodis.ch/69514.↩
- 18
- Das Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Republik Ungarn über Soziale Sicherheit wurde am 4. Juni 1996 abgeschlossen und trat am 1. Januar 1998 in Kraft, vgl. AS, 2000, S. 1207f. Vgl. dazu auch die Botschaft betreffend das Abkommen zwischen der Schweiz und Ungarn über Soziale Sicherheit vom 6. November 1996, dodis.ch/69151. ↩
- 19
- Vgl. dazu die Zusammenstellung dodis.ch/C2756.↩
- 20
- Für einen Überblick über die schweizerisch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen vgl. die Gesprächsnotiz des Bundesamts für Aussenwirtschaft (BAWI) des EVD vom 22. September 1995, dodis.ch/67553.↩
- 21
- Vgl. dazu die Zusammenstellung dodis.ch/C2734.↩
- 22
- Für das Aide-mémoire vgl. dodis.ch/73526, Anhang. Zur schweizerischen Kandidatur vgl. die Zusammenstellung dodis.ch/T1849.↩
Tags
Organizzazione per la sicurezza e la cooperazione in Europa (OSCE) Presidenza svizzera dell'OSCE 1996


