Language: ns
1943 - 31.8.1943
AfZ; NARA RG 242 T 120 / MF 186
Information Independent Commission of Experts Switzerland-Second World War (ICE) (UEK)
Info UEK/CIE/ICE ( deutsch français italiano english):
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AfZ NARA RG 242 T 120 / MF 186


Serial Number: 209


Seitennummer: 145308 - 145759
Umfang: 451 S.
Bemerkung (Karteikarte AfZ, paraphrasiert - meist aktenproduzierende Stelle plus Dossiertitel bzw. Inhaltsangabe): AA, Büro des Staatssekretärs, Schweiz, Bd. 3, 1/1943 - 8/1943. - Inhalt: Deutsch-schweizerische Wirtschaftsverhandlungen, Neutralitätsprobleme, Deutsche Druckversuche.
Kurzbeschrieb: Zu den Wirtschaftsverhandlungen: alles kopiert. - Sonstige Themen: Fliegerübergriffe; Schutzmacht; Gefangenenaustausch; Spionagetätigkeit; Ärztemission; Landesgruppenleiter; IKRK (Burckhardt); Schweizerische Kinderhilfe (deutsche Kinder: Ferien in der Schweiz); Fluglinien Schweiz-Deutschland; Chirurgen-Kongress Luzern (Teilnahme Sauerbruch); Einreisefragen; Italien (Umsturz).

Einzelne Dokumente:


Verfilmende Behörde: 3seitige Zusammenstellung mit den wichtigsten Dokumenten


[KOPIE]



Telegramm Hemmen / Koecher an AA Berlin, 10.1.1943


[KOPIE]

Gesandtschaft habe keine Bedenken gegen Zustimmung zum Antrag des OKW, «dass zur Ausnutzung der noch bis zum 15.1. bestehenden Auftragserteilungsmöglichkeiten die Erteilung von Devisenbescheinigungen bis zur Höhe von weiteren 200 Mill. Fr vom RWiM zugelassen wird.» Seyboth rät von dieser neuen Zuteilung ab, jetzt wo höchst zweifelhaft ob Kreditausweitung. «Wenn bisher grössere Beträge über die Verschuldungsgrenze von 850 Mio. Fr hinaus zur Verfügung gestellt wurden, so wurde dabei von der Annahme ausgegangen, dass nach dem Ablauf des gegenwärtigen Vertrages ein neuer Vertrag mit Kreditausweitung zustande kommt.» Ausserdem sei es ihm zweifelhaft, ob in diesen wenigen Tagen nutzbringend noch Aufträge untergebracht werden können.
Verschärfung der Schweizer Position nach Rückkehr der Schweizer Delegation aus London.


Telegramm Hemmen / Koecher an AA Berlin, 13.1.1943


[KOPIE]

Vorschläge der Schweiz für Deutschland nicht akzeptabel. Schweiz bietet an "eine Kreditausweitung von monatlich 10 Millionen Schweizerfranken für 6 Monate unter gleichzeitiger Ausdehnung der Auszahlungsfrist auf fünf Monate".
Koecher besuchte Pilet-Golaz. Dieser "sprach deutlich aus, dass man mit den Briten zu Rande kommen müsse und deutete an, dass ein vorübergehender vertragsloser Zustand diesem Zwecke vielleicht sogar dienlich sei"; warnt aber vor zu scharfen Massnahmen. Pilet-Golaz will mit Stampfli reden.
Vorschlag eines Übergangsabkommens bei Nichtgelingen eines neuen Vertrags ("modus vivendi"). Falls dieses auch nicht zustandekommt, dann drohen deutsche Sanktionen.


Telegramm Hemmen / Koecher an AA Berlin, 16.1.1943


[KOPIE]

Keine neue Lage. "Die Herren machen jetzt geltend, dass die schweizerische Regierung nicht in der Lage sei, weitere Kredite zur Finanzierung neuer Aufträge selbst gegen Weiterlieferung von Kohle und Eisen im bisherigen Umfang zur Verfügung zu stellen."
Diskussion über den weiterzuführenden Modus vivendi.
Beilage: Memorandum vom 15.1.1943 (Erklärung der deutschen Delegation zum vertragslosen Zustand), samt Korrektur vom 16.1.1943.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 16.1.1943


[KOPIE]

"Vertreter OKW, der auf ungehinderte Durchführung laufender Wehrmachtsaufträge entscheidendes Gewicht legt, hat gebeten, darauf hinzuwirken, dass scharfe Pressekommentare zurückgestellt werden, bis sich übersehen lässt, ob Schweiz von den ihr an Hand gegebenen Druckmitteln England gegenüber Gebrauch zu machen versteht." Koecher befürwortet diese Haltung.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 16.1.1943


[KOPIE]

Pilet-Golaz will den Engländern "ihre Verantwortung für die schwierige Lage der Schweiz klar [...] machen, die durch die steifen britischen Verhandlungsmethoden entstanden sei". Lomax sei immer positiv eingestellt gewesen, doch sei er während der deutschen Besetzung Frankreichs in Südfrankreich gewesen und können nicht nach Bern zurück. Pilet-Golaz bittet, Lomax freies Geleit zu geben.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 16.1.1943


[KOPIE]

Pilet-Golaz bedauert negativen Ausgang der Wirtschaftsverhandlungen. "Vertraulich teilte mir Pilet mit, dass er mit Verhandlungsführung schweizer Delegation nicht zufrieden sei. Delegation habe von Anfang eine viel zu unnachgiebige Haltung eingenommen."


Wiehl zuhanden RAM, 16.1.1943, "Betrifft: Deutsch-schweizerische Wirtschaftsverhandlungen"


[KOPIE]

Allgemeiner Überblick über das Scheitern der Verhandlungen. "Wenn es den Schweizern gelingt, bei den Feindmächten die notwendigen zufuhren durchzusetzen, so werden wir uns bei Fortsetzung unserer Verhandlungen mit etwas geringeren als den bisherigen Kriegsmateriallieferungen aus der Schweiz zufrieden geben und dann vielleicht zu einem Abschluss gelangen können. Das OKW muss jedoch bald Klarheit darüber haben, wie weit Aufträge für 1943 nach der Schweiz verlegt werden können. Sollte eine Einigung der Schweiz mit den Feindmächten nicht bald erzielt werden, so muss nach einigen Wochen von uns der Einsatz aller zur Verfügung stehenden Druckmittel gegen die Schweiz in Erwägung gezogen werden."


Telegramm Hemmen (Paris) an AA Berlin, 18.1.1943


[KOPIE]

Befürwortet freies Geleit für Lomax durch deutsch besetztes Gebiet.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 21.1.1943


[KOPIE]

"Es steht zu erwarten, dass die angekündigte Grossaktion zur Totalisierung der deutschen Kriegführung hier lebhaftes Interesse finden wird, selbst wenn sie nur zum Teil und auch nicht auf einmal bekanntgegeben wird. Bei der Nähe der deutschen Grenze und den vielfachen Beziehungen der Schweiz zu den alemanischen Grenzgebieten ist mit dem Bekanntwerden der angeordneten Massnahmen zu rechnen."
Über Feindpropaganda.


Weizsäcker z.H. Direktor HaPol [Wiehl], 21.1.1943


[KOPIE]

Besuch Frölichers im Auftrage des Bundesrates. Bedauern über Abbruch Verhandlungen. Verwunderung über Memorandum Hemmen vom 15.1.1943, unklar, ob es Meinung der deutschen Regierung ausdrücke.
Hotz wäre bereit, nach Berlin zu kommen.
"Die Schweiz sei nicht nur bereit, die laufenden Kontrakte zu erfüllen; sie habe nur eine bescheidene Reduktion des Lieferungstempos ins Auge gefasst, und wäre zur Entgegennahme neuer Aufträge bei entsprechender Gegenleistung bereit.


Aufzeichnung Wiehl, 22.1.1943


[KOPIE]

Besuch Zehnder bei Wiehl als Ergänzung des obigen Besuchs Frölicher bei Weizsäcker. Schweizer hätten bei Übergabe des deutschen Memorandums nur auf die Unannehmbarkeit und die Undurchführbarkeit der Kohlenregelung hingewiesen. [2. Seite unleserlich; besser lesbar in BArch Berlin, R 901, 68743.] Nicht relevant.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 23.1.1943


[KOPIE]

Wortlaut eines Rundschreibens des Vororts. Inhalt: Vertragsloser Zustand.


Notiz Weizsäcker, 26.1.1943, samt Beilage: Aide-Mémoire, 26.1.1943


[KOPIE]

zum Aide-Mémoire: Deutsche Regierung bedauert, wenn durch vertragsloser Zustand "eine weitere Belastung der Wirtschaftsbeziehungen eintreten würde". Will Massnahmen vermeiden, die zur Verschärfung der Situation führen könnten. Weiter geht es um das Memorandum vom 15.1.1943. Einzelne Themen sind Devisenbescheinigungen, Sondervorteile, Kohlenlieferungen.


Telegramm Ribbentrop an Koecher 26.1.1943


[KOPIE]

"Bundesrat Pilet-Golaz scheint mit den in Ihrem Bericht vom 19. Januar mitgeteilten Äusserungen kein anderes Ziel gehabt zu haben als den Eindruck zu korrigieren, der durch das Gespräch zwischen dem italienischen Militärattaché Generalmajor Bianchi und dem schweizerischen Oberstbrigadier Masson entstanden sein könnte, nämlich, dass die Schweiz unter gewissen Umständen an unserer Seite in den Krieg eintreten werde. Pilet-Golaz wollte offensichtlich eindeutig klarstellen, dass die Schweiz nicht beabsichtige, uns gegen die Feindmächte irgendwie zu unterstützen. Dies geht deutlich daraus hervor, dass Pilet-Golaz erklärte, die Schweiz würde sich gegen jeden Feind zur Wehr setzen und plane ein Zusammengehen mit den Achsenmächten nur für den Fall, dass die schweizerischen Kräfte zur Abwehr nicht ausreichten."


"Kursbewegungen in der Schweiz", ohne Datum [Februar 1943]


[KOPIE]

Sommer 1942 bis Januar 1943. Für £, $, RM (frei, Sperrmark, Reisemark, Schwarzmarkt)


Notiz Weizsäcker, 9.2.1943, samt Beilage: Schweizerische Gesandtschaft, "Aide mémoire", 9.2.1943


[KOPIE]

Frölicher übergab die genannten Beilage. Zum Aide-Mémoire (7 Seiten lang): Schweiz bedauert vertragslosen Zustand, will Verschärfung der Situation vermeiden. Schweiz macht Vorschläge.


Koecher an AA Berlin, 9.2.1943


[KOPIE]

Beobachtung der Schweizer Wirtschaft seit vertragslosem Zustand ergibt:
Rüstungslieferungen sind fortgesetzt worden, entsprechende Firmen kündigen allerdings Arbeiterentlassungen an. Bei Maschinen- und Uhrenfirmen Tendenz, Lieferungen nur noch mit Bundesgarantie. Kritik an Regierung v.a. von mittleren und kleineren Firmen. Vorschläge der Sektion für Kraft und Wärme an Industrie (zum Energiesparen)


Telegramm Dr. Krueger, Ilsemann, Koecher an AA Berlin, 11.2.1943


[KOPIE]

"Die kriegstechnische Abteilung der Schweiz bezw. der schweizerische Metallverband hat alle schweizerischen Lieferfirmen zur Einreichung einer Betandsaufnahme vorliegender deutscher Aufträge per 15.1.43 veranlasst."


"Aufzeichnung" Wiehl, 13.2.1943


[KOPIE]

Zur Frage einer italienischen Teilnahme an "etwaiger Abschneidung der Schweiz vom Aussenhandel" teilt Clodius (nach Besuch bei Botschafter Giannini) folgendes mit:
Zuerst wird Rechtslage referiert (Transitabkommen Schweiz-Italien; Geleitschein-Abkommen). Eindruck, dass Italien "nicht sehr gern bei einer gemeinsamen Absperrung der Schweiz mitmachen würde".


Telegramm Koecher an AA Berlin, 13.2.1943


[KOPIE]

"Gelegentlich eines gesellschaftlichen Zusammenseins machte mich Aussenminister Pilet-Golaz gestern abend streng vertraulich darauf aufmerksam, dass aus Angst vor bevorstehenden Einziehungen zum Heeresdienst zahlreiche Personen aus dem Oberelsass illegal die Schweizer Grenze überschritten. Er wäre dankbar, wenn die Grenze auch deutscherseits ausreichend gesichert würde, um weitere Übertritte zu verhindern."


Kordt (Bern) an AA Berlin, 1.3.1943


[KOPIE]

Thema unklar. Es geht um einen Herrn Finkler, um einen Kaufpreis von 185000 Fr., einen Vertrauensmann in der Botschaft Buenos Aires, einen Mann namens Andre Lestville, 700000 Pesos. "Im Interesse unbedingter Geheimhaltung bittet Finkler, benötigte Pesobeträge nur durch ihn und unter keinen Umständen durch Mittelsleute in Buenos Aires anzufordern, andernfalls gesamte Aktionen gefährdet."


Wiehl z.H. RAM, "Aufzeichnung betr. Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 8.3.1945


[KOPIE]

Einschätzung der Lage durch die Deutschen (Schweiz habe auf alliierten Druck die Verhandlungen abgebrochen). Bisherige Besprechungen haben zu keinem Ergebnis geführt.


Wiehl z.H. RAM, "Aufzeichnung betr. Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 11.3.1945 ("Im Anschluss an die beiliegende Aufzeichnung vom 5.3." [liegt hier nicht bei - oder ist obige vom 8.3.1943 gemeint?])


[KOPIE]

"Wie das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition mitteilt, hat der Führer auf den Vortrag von Reichsminister Speer sich dahin geäussert, dass man das Vorgehen gegen die Schweiz nicht auf die Spitze treiben, sondern sich dabei die Möglichkeit einzulenken offen halten sollte, selbst wenn man hierzu bei den deutschen Wünschen betreffend Vergebung neuer Rüstungsaufträge kürzer treten müsse."
Deshalb soll Weizsäcker dem schweizerischen Gesandten eine weniger scharfe Erklärung zukommen lassen (siehe Beilage).


"Memorandum", 12.3.1943


[KOPIE]

Beilage zu obigem Dokument. Deutsche Forderungen gegenüber der Schweiz.


"Mündliche Ausführungen bei Übergabe der [obigen?] Notiz", o.D.


[KOPIE]

Wiederholung des obigen Standpunkts.


Wiehl z.H. RAM, "Aufzeichnung betreffend Plan des schweizerischen Nationalsozialisten Dr. Max Leo Keller, früher in Zürich, jetzt in Berlin, über europäische Energieplanung, insbesondere Steigerung der schweizerischen Energieausfuhr nach Deutschland", ?.3.1943 [auf der Kopie ist das Datum unleserlich, s. Blatt 145431]


[KOPIE]

Grundidee: Elektrische Energie von der Schweiz (Wasserkraftwerke an der Grenze) nach Deutschland "für Zwecke der deutschen Rüstungswirtschaft als Gegenlieferungen für deutsche Kohle und Eisen". Wiehl hat Besprechung mit anderen Ministerien gehabt: "Die Deutsche Gesandtschaft in Bern hat sich dahin geäussert, dass bereits jetzt 80% der schweizerischen Exportenergie nach Deutschland gehe, dass eine Steigerung in absehbarer Zeit nicht möglich sei und dass die Verzögerung des im Rahmen des schweizerischen 10-Jahresplanes vorgesehenen Ausbaus der Kraftwerke nicht auf politischer Abneigung gegenüber Deutschland, sondern auf kriegsmässig bedingten Schwierigkeiten, insbesondere Materialmangel beruhe." Z.T. werden die Pläne Kellers "wohlwollend geprüft".
Grundsätzlich habe Kellers Arbeit wertvolle Gesichtspunkte, aber auch anfechtbare, v.a. technische, Detailprobleme.


Telegramm Koecher an AA Berlin, o.D. [nochmals auf dem MF schauen, 145434]


[KOPIE]

Über Rückweisungen von Flüchtlingen an Schweizer Grenze.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 31.3.1943


[KOPIE]

Pilet-Golaz teilte mit, dass Bundesrat die Berliner Gesandtschaft mit neuen Instruktionen versehen habe. "Ohne auf nähere Einzelheiten einzugehen, erklärte Pilet, dass dieses Angebot nicht ohne erheblichen Widerstand einiger Bundesratsmitglieder und führender schweizerische Industriekreise zustandegekommen sei. Er glaube daher nicht, dass wir mit einem weiteren Entgegenkommen der Schweiz rechnen könnten, hoffe jedoch, dass sich in diesem Angebot die Basis für die baldige Aufnahme neuer Verhandlungen finden lasse."


Wiehl z.H. RAM, "Betr. Verhandlungen mit der Schweiz" 2.4.1943


[KOPIE]

Mit Schweiz ist ein modus vivendi vereinbart worden (Kohlenlieferungen gegen Rüstungslieferungen und weitere "Finanzfazilitäten").


Weizsäcker an HaPol, 9.4.1943


[KOPIE]

Frage, ob einem britischen Handelsattaché für die Reise nach Bern freies Geleit gegeben werde (Lomax komme nicht mehr in Frage).


Wiehl z.H. RAM, "Aufzeichnung betr. freies Geleit für einen neuen englischen Handelsattaché nach Bern", 29.4.1943


[KOPIE]

nicht relevant.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 3.5.1943 ("Geheime Reichssache")


[KOPIE]

"Bei Abschiedsbesuch des Gesandten von Bibra kam Bundesrat Pilet-Golaz von sich aus und, wie er sagte, nicht amtlich sondern von Mann zu Mann, auf die Haltung der Schweiz im Falle eines Angriffs unserer Feinde auf schweizerisches Gebiet zu sprechen. Er unterstrich nochmals den festen Willen der Schweiz sich gegen denjenigen der Kriegführenden mit aller Macht zur Wehr zu setzen, der als erster schweizerisches Gebiet angreife."


Keitel (OKW) an Ribbentrop, 10.5.1943


[KOPIE]

"Wie mir gemeldet wird, sind die mehrfachen Versuche zu einem neuen Wirtschaftsvertrag mit der Schweiz zu kommen, um insbesondere den Fortgang der deutschen Rüstungsverlagerungen in der Schweiz zu sichern, bisher gescheitert [...]. [...].
Im Interesse der Sicherung und des For[t]ganges der deutschen Rüstungsverlagerungen lege auch ich den grössten Wert darauf, dass dieser Versuch [neue Verhandlungen] gelingt. Sollte er aber scheitern, so kann dieses Ziel nur noch durch einen zeitlich begrenzten, aber voll wirksamen Wirtschaftskrieg erreicht werden, der eine möglichst vollständige Sperrung der Ausfuhr aus der Schweiz nach dritten Ländern und der Einfuhr der Schweiz nicht nur über Deutschland oder die durch deutschlandbesetzten Gebiete sondern auch über Italien und durch Italien besetzte Gebiete vorsieht." Italien will aber vielleicht nicht vollständig mitmachen (Übersee-Einfuhrsperre von Genua), weshalb man mit Italien verhandeln muss.
"Bei der grossen Bedeutung, die ich dieser Frage wegen der militärischen Bedeutung für die Kriegführung beimesse, wäre ich dankbar, wenn Sie mir möglichst bald Ihre Auffassung mitteilen würden, damit gegebenenfalls ein gemeinsamer Vortrag bei dem Führer erfolgen kann."


Dr. Bielfeld an Inland I ("Herrn Brigadeführer Frenzel"), 10.5.1943


[KOPIE]

Köcher muss nicht nach Berlin kommen. "Die Wünsche des Gauleiters Sauckel könnten der Gesandtschaft Bern durch entsprechenden Erlass des Auswärtigen Amtes übermittelt werden. Zu diesem Zweck ist es aber zunächst notwendig, dass Gauleiter Sauckel dem Auswärtigem Amt gegenüber seine Wünsche konkretisiert und insbesondere mitteilt, wieviel Arbeitskräfte er aus der Schweiz haben will. Der Herr Staatssekretär bittet noch um Mitteilung, wie weit die Verhandlungen mit der Schweiz gediehen sind. Was hat die Schweiz angeboten? Wie hoch ist die Zahl der Arbeiter, um die die Verhandlungen gingen?"
Weiter geht es um Frage der italienischen Arbeiter.


Clodius z.H. RAM, "Aufzeichnung über den Stand der Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 12.5.1943


[KOPIE]

Deutsche Forderungen, kurzfristig getroffenen Sonderregelungen, mögliche Druckmassnahmen (am wichtigsten: Abschnürung der Schweiz von jeglicher Einfuhr aus Übersee).


"Entwurf eines Schreibens an Generalfeldmarschall Keitel", ohne Signatur [der RAM sollte wahrscheinlich unterschreiben], o.D.


[KOPIE]

"Ich teile Ihre Auffassung über die Bedeutung, die dem Verlauf der schwebenden Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz wegen der Sicherung der deutschen Rüstungsaufträge zukommt." Hemmen ist dementsprechend instruiert. Gemeinsamer Vortrag beim Führer soll zurückgestellt werden.


Protokoll zwischen Karl Ritter und A. Giannini, 17.8.1943


[KOPIE]

Koordination "zum Zwecke einer wirkungsvollen Führung des Wirtschaftskrieges".


Telegramm Hemmen / Koecher an AA Berlin, 19.5.1943


[KOPIE]

Bisher keine Einigung bei laufenden Verhandlungen. Es ist klarer geworden, "dass Schweizer Regierung fest entschlossen ist und demgemäss eine Reihe einschneidender Massnahmen getroffen hat, um die Auslieferung laufender deutscher Rüstungsbestellungen in erheblichem Umfang zu drosseln und künftig deutsche Rüstungslieferungen nach Firmen und Warengattungen auf 80 Prozent des Jahres 1942 zu beschränken." Weitere Details dazu.
"Völlig neu ist nun aber der weitere grundsätzliche Vorbehalt, der uns gleichfalls nicht mitgeteilt, sondern erst aus verschiedenen Rundschreiben hier bekannt geworden ist, dass die Schweizer Regierung sich neuerdings vorbehält, die Auslieferung aller Rüstungsbestellungen, gleichgültig ob alt oder neu überhaupt, zu verhindern, falls 'die eigene Landesversorgung' dies erfordert. Offenbar ist dieser Vorbehalt auf die gegenwärtige gespannte militärpolitische Lage zurückzuführen."
Weiter über Kohlenlieferungen (Preisdiskussion).
Hemmen sieht geringen Chance auf Abschluss. "Die Schweizer würden zwar bereit sein weiter zu verhandeln, schon um sich dadurch die Aufholung der Rückstände an Kohlen und Eisen aus dem letzten Vertrag zu sichern, würden aber gleichzeitig durch die oben gekennzeichnete Verwaltungspraxis und die Anwendung der Ausfuhrkontingentierung die Auslieferung unserer laufenden Bestellungen, soweit sie das nur irgend können, herabsetzen.
Wegen unserer entscheidend wichtigen Rüstungsbestellungen, dann aber auch wegen unseres grossen allgemeinen Interesses an der Aufrechterhaltung vertraglicher Beziehungen mit der Schweiz, wenn [...] ernste Vorstellungen gemacht, gleichzeitig aber der hiesigen Delegation erneut Weisungen auf Fortsetzung der Verhandlungen gegeben würden, um zunächst noch einmal durch einen solchen erneuten diplomatischen Versuch dortige Beschlüsse ultimativen Charakters zu vermeiden, die zu einem Abbruch der Verhandlungen führen müssten."


Wiehl z.H. RAM, "Aufzeichnung betr. Erkrankung des Gesandten Hemmen", 20.5.1943


[KOPIE]

Darmblutung, längere Kur notwendig. Wiehl schlägt sich selbst als Leiter der Delegation vor. Leitung Hapol könnte er von Bern aus wahrnehmen (oder dann durch Ministeraldirektor Clodius).


Clodius z.H. RAM, "Aufzeichnung zum Schreiben des Generalfeldmarschalls Keitel an den Herrn Reichsaussenminister vom 10.5.1943", 20.5.1943


[KOPIE]

Hat mit dem "Chef des Wehrwirtschaftsstabes im Oberkommando der Wehrmacht, General Becker, mit dem das Verfahren bei den Schweizer Verhandlungen regelmässig laufend abgestimmt worden ist", gesprochen. Dieser meinte, das Schreiben sei nicht notwendig gewesen, weil die beiden Ämter im ständigen Kontakt seien [?].
"Ich habe daraufhin festgestellt, dass das Schreiben vom Chef des Sonderstabes für Handelskrieg, Admiral Groos, ausgegangen ist, der an den Verhandlungen mit der Schweiz nur insofern interessiert ist, als gegebenenfalls Massnahmen auf dem Gebiet des Wirtschaftskrieges gegen die Schweiz erforderlich werden. Als ich Herrn Groos darauf hinwies, dass das Schreiben vom 10. Mai überflüssig gewesen sei und ausserdem den Eindruck erwecken müsse, als ob das für die Verhandlungsführung verantwortliche Auswärtige Amt nicht von sich aus bereit sei, alle Mittel zu ergreifen, die zur Erreichung unserer Ziele der Schweiz gegenüber erforderlich und möglich seien, erwiderte Herr Groos, er habe in der Tat den Eindruck gehabt, dass vielleicht nicht alle beteiligten deutschen Stellen sich darüber klar seien, dass es gegebenenfalls erforderlich sei, mit allen Nachdruck gegen die Schweiz vorzugehen. Ich habe diese Auffassung des Herrn Groos, soweit das Auswärtige Amt in Frage kommt, nachdrücklich bestritten und ihm erklärt, es sei allerdings das ziel des Auswärtigen Amtes, zunächst mit allen Mitteln zu versuchen, auf dem Verhandlungswege zu einem befriedigenden Ergebnis der Schweiz gegenüber zu kommen, weil gerade das Oberkommando der Wehrmacht und das Rüstungsministerium entscheidenden Wert darauf legten, dass die schweizer Lieferungen nicht durch einen Wirtschaftskrieg unterbrochen würden. Sollte der Wirtschaftskrieg mit der Schweiz aber unvermeidlich sein, so werde das Auswärtige Amt selbstverständlich auch zur rechten Zeit die dann erforderlichen Vereinbarungen mit Italien treffen."
Legt Entwurf eines Briefes an Keitel bei [siehe unten]


Clodius, "Entwurf eines Schreibens an Generalfeldmarschall Keitel", o.D., ohne Signatur [= RAM]


[KOPIE]

ähnlich wie obiger Entwurf. Teilt Meinung über Bedeutung der Auftragssicherung in der Schweiz. Falls Wirtschaftskrieg notwendig sei, dann werde man sich mit Italien absprechen. "Von seiten des Wehrwirtschaftsstabes ebenso wie von weiten des Rüstungsministeriums ist dabei immer wieder zum Ausdruck gebracht worden, dass aus militärischen Gründen an der ununterbrochenen Fortsetzung der deutschen Rüstungslieferungen aus der Schweiz besonderes Interesse besteht und dass daher zunächst alle mittel angewandt werden müssen, um den Versuch zu machen, auch ohne wirtschaftliche Kampfmassnahmen, die selbstverständlich eine kürzere oder längere Unterbrechung dieser Lieferungen bedingen würden, zu einem Ergebnis zu kommen."


Ohne Signatur [wahrscheinlich Koecher] z.H. RAM, "Aufzeichnung über den Stand der Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 21.5.1943


[KOPIE]

Schweiz bleibt hart: "Die Schweizer Regierung ist nicht nur bei ihrer Weigerung geblieben, im Jahre 1943 deutsche Rüstungsaufträge in der Schweiz annähernd im gleichen Umfange vergeben zu lassen wie im Jahre 1942, sondern sie hat darüber hinaus durch ein neu eingeführtes Kontingentierungssystem auch die Auslieferung der Waren aus den noch laufenden alten Verträgen erheblich beschränkt, indem sie zurzeit nur 80% der tatsächlichen Lieferungen des Jahres 1942 für die Ausfuhr freigeben will." Weitere Forderungen der Schweiz siehe dort.
"Ferner besteht nach wie vor ein erhebliches deutsches Interesse daran, dass die Durchführung der Auslieferungen nicht für längere zeit völlig unterbrochen wird, wie dies bei der Ergreifung wirtschaftlicher Kampfmassnahmen durch uns der Fall sein würde. Schon aus diesem Grunde ist es zweckmässig, wirtschaftliche Kampfmassnahmen erst zu ergreifen, wenn wirklich alle anderen Mittel erschöpft sind."
Schlägt neuen Verhandlungsleiter vor (für "neue Impulse"), da Hemmen sowieso nicht mehr in der Lage ist.


Telegramm Hemmen an AA Berlin, 21.5.1943


[KOPIE]

Erklärt Erkrankung und Unfähigkeit, Verhandlungen weiter zu führen.


Telegramm Köcher an AA Berlin, 22.5.1943


[KOPIE]

Gespräch mit Pilet-Golaz. Köcher legte dar "mit aller Deutlichkeit, dass wir diese Zwangssteuerung unserer Ausfuhr nach Mengen und Firmen unter keinen Umständen hinnehmen könnten, [...]. Bei gegenwärtiger Lage sei es nicht zu verantworten, Kohle und Eisen zu liefern, wenn wir in Bezug der rüstungswirtschaftlich interessanten Waren derart beschränkt würden. Durch bürokratische Handhabung Verordnung würden zudem Teile unseres Rüstungsprogramms, auf deren fristgemässe Ausführung wir Wert legen müssten, verzögert."
Pilet-Golaz: "Schweizer Regierung habe den festen Wunsch, mit Deutschland wieder zu einem vertraglichen Zustand zu kommen. Die Überschreitung der uns auf Grund des alten Vertrages gegebenen Kreditmöglichkeiten habe sie jedoch zur Ergreifung gewisser Vorsichtsmassnahmen gezwungen. Kontingentierungsverordnung, über deren Handhabung und Auswirkungen er sich noch näher unterrichten lassen wolle, bitte er mich nicht als einseitig gegen Deutschland gerichtet zu betrachten. Schweizer Regierung wolle sich damit lediglich Handhabe schaffen, um ungesunde Aufblähung Rüstungsindustrie zu verhindern. Abschliessend legte ich Pilet-Golaz in eindringlicher Weise nahe, Schweizer Regierung möge alles vermeiden, was zu einer weiteren Verschärfung führen müsse. Wenn nämlich durch Aufrechterhaltung Kontingentierung die uns in Aussicht gestellten, an sich schon zu geringen Kreditfazilitäten noch entwertet würden, könne der Moment eintreten, in dem Deutschland an seinen Bestellungen in der Schweiz jedes Interesse verliere. Die daraus resultierenden Konsequenzen könne man sich nicht klar genug vor Augen halten."


Telegramm Koecher an AA Berlin, 22.5.1943


[KOPIE]

"Bundesrat Pilet-Golaz kam bei meinem gestrigen Besuch auf allgemeinpolitische Dinge zu sprechen, die als Meinung des Bundesrats festgehalten zu werden verdienen. Der Bundesrat wandte sich zunächst mit unverhohlener Schärfe gegen die besonders von London aus propagierte Auffassung, dass Italien in diesem Zeitpunkt mit politischen Mitteln von der Achse abgesperrt werden könnte. Er sei der Überzeugung, dass Italien fest zu seinem deutschen Bundesgenossen stünde, da ein Ausscheiden aus dem kriege zum jetzigen Zeitpunkt für Italien von den verhängnisvollsten Folgen begleitet sein müsste."
Dann über Finnland, Rumänien, Ungarn, Friedensrede Francos vom 10.5.1943, USA.


Wiehl, "Aufzeichnung betr. Schweizer Verhandlungen", 24.5.1943


[KOPIE]

Sehr ausführlich (siehe dort). Schweizer Regierung unkooperativ (Kontingentierung der Schweizer Ausfuhr) = "Schikanen", insbesondere bei Kriegsmateriallieferungen. Über den zeitlichen Verlauf der letzteren. Zur Clearing-Milliarde:
"Die schweizerische Delegation beanstande, das wir Devisenbescheinigungen nicht nur in Höhe von 850 Mio sfr, sondern bis zu etwa 1350 Mio sfr ausgestellt hätten. Abgesehen davon, dass wir uns hierzu nach dem Wortlaut des Vertrages von 1941 für berechtigt gehalten hätten, da die Verschuldungsgrenze von 850 Mio praktisch auch heute noch nicht erreicht sei, hätten wir dies auch deshalb umsomehr tun können, als bei den engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz und dem freundschaftlichen Geist, in dem die Wirtschaftsverhandlungen früher immer geführt worden seien, mit einer weiteren Kreditgabe der Schweiz auch in einer neuen Vertragszeit gerechnet werden konnte."
Deutsche Regierung droht mit Einschränkungen ihrer Ausfuhr. "Sie glaube jedoch, sich mit der schweizerischen Regierung darin einig zu sein, dass gegenseitige Massnahmen von solcher wirtschaftlichen und politischen Tragweite durchaus unerwünscht sind. Sie könne sich insbesondere nicht vorstellen, dass eine solche Entwicklung für die schweizerische Wirtschaft, die doch hauptsächlich durch den umfangreichen Waren- und Leistungsverkehr mit Deutschland auf ihrer für die jetzige Kriegszeit nahezu einzigartigen Höhe erhalten worden sei, erwünscht sein könnte."


Telegramm Schleier (Paris) an AA Berlin, 25.5.1943


[KOPIE]

Stucki teilt vertraulich mit, "Schweiz sei von Engländern nahegelegt worden, ihre Gesandtschaft in Berlin zu räumen und 50 - 60 km ausserhalb von Berlin Wohnung zu nehmen." Sie will aber bleiben.
"Auf die Verhältnisse in der Schweiz angesprochen äusserte Stucki, dass kürzlich englischer Bombenabwurf bei Oerlikon in der Schweiz als Warnung aufgefasst worden sei, Schweizer Fabrik weiter für Deutschland arbeiten zu lassen. Englischer Druck gegen Schweiz hervorgeht auch aus Verweigerung jeglichen Navycerts seit zehn Tagen, Tatsache, die mit deutsch-schweizerischen Wirtschaftsverhandlungen zusammenfalle. Stucki, der Bundesrat Pilet-Golaz gesprochen hatte, erklärte, dass in massgebenden Kreisen in der Schweiz hierüber erheblich Verstimmung herrscht und diese weniger anglophil eingestellt seien, als breite Masse Schweizer Bürger. Leider sei Schweiz in London durch anglophilen Gesandten Turnherr [= Thurnheer] schlecht vertreten.


Wiehl, "Aufzeichnung betr. schweizerische Verhandlungen", 25.5.1943


[KOPIE]

"Er [Herr Staatssekretär gegenüber schweizerischem Gesandten] hat in ruhiger Form, aber mit allem Nachdruck unterstrichen, dass es für uns völlig untragbar sei, dass die Rüstungslieferungen, auf die wir nach den geschlossenen Verträgen Anspruch hätten und mit denen wir fest gerechnet hätten, durch die schweizerischen Massnahmen systematisch abgedrosselt würden, während gleichzeitig die Schweiz ihre Lieferungen an die Feindmächte nicht nur vermindern, sondern auf Grund des September-Protokolls sogar vermehren wolle."


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 28.5.1943


[KOPIE]

Unterredung mit Bundesrat Stampfli. "Der Bundesrat und der schweizerische Verhandlungsführer Hotz suchten die schweizerischen Massnahmen zur systematischen Drosselung unserer Rüstungsbezüge, gegen die ich protestierte, aus innerschweizerischen Notwendigkeiten oder mit unautorisiertem Vorgehen nachgeordneter Stellen zu erklären."
Dann Diskussion über einzelne Punkte. "Da die Schweizer sich zu alsbaldigen Besprechungen über einen solchen Kredit bereiterklärten, sagte ich zu, mich dafür einzusetzen, dass die praktische Einhebung der erhöhten deutschen Kohlenpreise so lange ausgesetzt wird, bis sich das Ergebnis dieser Besprechungen überblicken lässt."
"Bundesrat Pilet-Golaz unterstrich bei anschliessender Unterredung erneut schweizerischen Verständigungswillen, betonte jedoch ebenfalls grosse Schwierigkeiten für die Schweiz, zwischen den beiden feindlichen Mächtegruppen das richtige Ausmass der Lieferungen zu finden. Über den wachsenden Feinddruck äusserte er sich ruhiger, da schweizerische Schiffahrt bei Fortschreiten des Krieges über das Mittelmeer doch zum Erliegen kommen müsste. Auch die Feindmächte müssten schliesslich verstehen, dass die Schweiz eben mitten in Europa liege und diesem Umstand Rechnung tragen müssen."


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 28.5.1943


[KOPIE]

"Bundesrat Stampfli erwähnte als besonders bedeutsames Anzeichen des wachsenden Feinddrucks den kürzlichen Abwurf von mehreren Bomben englischen Ursprungs in der Nähe von Oerlikon. Bundesrat Pilet-Golaz sei von einer autorisierten Stelle informiert worden, dass dies kein Zufall gewesen sei. Daraus sei nach Stampflis Ansicht zu schliessen, dass unter Umständen später derartige Bomben noch näher an die für Deutschland arbeitenden Fabriken von Buehrle fallen könnten."
Pilet-Golaz meinte hingegen, der Bombenabwurf sei ein Zufall gewesen, denn: "Absichtlich geworfene Bomben würden selbstverständlich für die Schweiz eine Kriegserklärung bedeuten."


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 28.5.1943


[KOPIE]

Erweiterungen, die der Schweiz zugestanden werden (Zollpositionen). "Auf Grund hier vorgefundener Lage halte ich zur Erreichung Verhandlungszieles Möglichkeit weiteren Entgegenkommens für erforderlich und bitte, mir folgende neue Konzessionen an die Hand zu geben, die Oberstleutnant Sommer für tragbar hält).


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 30.5.1943


[KOPIE]

Es gab einen neuen Vorschlag an die Schweizer (betr. Kreditfazilitäten). "Die Aufnahme war völlig negativ. Schweizer erklärten, sie seien bestürzt, dass wir einen solchen Gedanken, wenn auch nicht als offiziellen Vorschlag, überhaupt zur Sprache brächten." Lange Ausführungen dazu; auch über Devisenbescheinigungen.
"Vertreter Munitionsministeriums hinwies eindringlich auf die grosse zahl von Lieferungen wichtigsten Kriegsmaterials, die trotz Erfüllung aller anderen Voraussetzungen lediglich deshalb notleiden, weil die KTA- Genehmigung entweder überhaupt nicht oder nach dem 16.1.43 erteilt wurde."
"Auch sonst zeigen zeigten die Schweizer Bereitwilligkeit, die übrigen mit der Unterscheidung zwischen alten und neuen Aufträgen zusammenhängende Fragen durch Besprechungen zwischen deutschen und schweizerischen Vertretern bei der Verrechnungsstelle in Zürich und zwischen Vertretern der Diko und der KTA zu klären."


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 30.5.1943


[KOPIE]

"Das Angebot, an dem die Schweizer hartnäckig festhalten, entspricht weder unseren an sich berechtigten Erwartungen, noch unseren Kriegsnotwendigkeiten."
"Eine wesentliche Änderung der schweizerischen Grundeinstellung halte ich im Verhandlungsweg nicht mehr für erreichbar. Ein Abbruch der Verhandlungen und Anwendung von Druckmitteln, selbst bis zur Sperre der schweizerischen Aus- und Einfuhr, würde uns kaum die Aussicht auf grössere Rüstungslieferungen eröffnen, dagegen ernste Schwierigkeiten, wenn nicht völlige Unterbindung von verschiedene für uns wichtigen schweizerischen Leistungen auf anderen Gebieten, herbeiführen, wie Transit nach Italien, Stromlieferungen, Hilfeleistung im freien Kapitalverkehr.
Aus diesen und den in Berlin erörterten anderen Gründen wird weiter versucht werden müssen, im Verhandlungsweg zu einer Lösung zu gelangen, die einerseits die Fortsetzung der genannten wichtigen Leistungen der Schweiz sicherstellt, andererseits uns möglichst wenig wichtige Leistungen, besonders Kohle kostet. Einer Herabsetzung der bisherigen Kohlenmenge würde die Schweiz, wenn überhaupt, nur unter gleichzeitiger entsprechender Herabsetzung der kriegswichtigen Lieferungen zustimmen Trotzdem wird eine Herabsetzung der Kohlenlieferungen selbst auf Gefahr entsprechender Herabsetzung der Kriegsgegenlieferungen anzustreben sein. Die unverkürzte Fortsetzung der Strom-Lieferungen wäre seitens Schweiz formell zuzusagen. Auch die Festsetzung der übrigen erwähnten wichtigen Leistungen wäre soweit möglich formell sicherzustellen. Wo formelle Zusicherung schwierig, wie z.B. bei internationalen Finanztransaktionen der Reichsbank wäre den Schweizern unmissverständlich zur Kenntnis zu bringen, dass wir die reibungslose Fortsetzung dieser Dienste als selbstvertändliche Voraussetzung für den Abschluss und die Durchführung jedes Abkommen betrachten. Ferner wäre die weitere Zurverfügungstellung möglichst hoher Finanzfazilitäten durch die Schweiz anzustreben, darunter ein Privatkohlenkredit von möglichst etwa hundert Schweizer Franken je Tonne unter Verzicht auf die Kohlenpreiserhöhung und schweizerischerseits auf Ausfuhrtaxe und Beseitigung der Ausfuhrschwierigkeiten. Die möglichen Konzessionen auf den übrigen Gebieten (Geleitscheine, Warenverkehr mit dritten Ländern, Seeschiffe, Versicherungswesen, Flugverkehr) wären alle zu verwenden, um mit möglichst wenig Kohle auszukommen."


Telegramm Köcher an AA Berlin, 1.6.1943


[KOPIE]

Betr. britischen Bombenabwurf über Zürich. Pilet-Golaz interpretiert ihn als nicht vorsätzlich - im Gegensatz offenbar zu Stucki. "Verweigerung Erteilung von Navycerts an Schweiz zusammenhängt allerdings mit deutsch-schweizerischem Wirtschaftsverhandlungen, bei denen britische Regierung verschärften Druck auszuüben versucht. Es trifft zu, dass das britische Vorgehen in schweizerischen Regierungskreisen Verstimmung hervorgerufen hat, die allerdings bis zu einem gewissen Grade durch sehr schwierigen Fortgang deutsch-schweizerischer Wirtschaftsverhandlungen kompensiert wird."
"Negative Beurteilung schweizerischen Gesandten London durch Stucki deckt sich mit meiner Auffassung".


Clodius z.H. RAM, "Aufzeichnung über den Stand der Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 3.6.1943


[KOPIE]

= berühmtes Clodius-Papier, vgl. Stefan Frech, Die deutsche Kriegswirtschaft und die Schweiz 1943-1945. Bedeutung der Schweiz als Handelspartnerin und Warenlieferantin. Lizentiatsarbeit Bern 1998 [unveröffentlichtes Manuskript], S. 62ff.
Über die Schweizer Rüstungslieferungen. Nach Erörterungen mit HPA, OKW und verschiedenen Ministerien wird die Wichtigkeit der schweizerischen Lieferungen betont, selbst im beschränkten Umfang. Deshalb dürfen Verhandlungen nicht abgebrochen werden. Die Schweiz liefere zwar nur etwa ½% der deutschen Rüstungskapazität, "es handele sich aber um besonders wichtige technische Speziallieferungen, deren Ausfall gerade in den nächsten Monaten u.a. das deutsche Panzerprogramm und das Fernsteuerprogramm erheblich beeinflussen würde." [Diese Einschätzung steht allerdings im Gegensatz zu sonstigen Äusserungen.]
"Der Vertreter des Reichsbankdirektoriums hat erklärt, dass er auch unabhängig von der Stellungnahme des Munitionsministeriums einem Abbruch der Verhandlungen und den wirtschaftlichen Kampfmassnahmen nicht zustimmen könne, weil die Schweiz die einzige Möglichkeit für die Beschaffung von freien Devisen bietet."
"Das Munitionsministerium hat ferner darauf hingewiesen, dass die von der Schweiz als Gegenmassnahme zu erwartende Abschneidung der Stromzufuhr für Süddeutschland zum Teil wichtige Kriegsproduktion beeinträchtigen würde, und zwar vor allem die Aluminiumfabrikation in Rheinfelden, die einen erheblichen Teil der deutschen Aluminiumproduktion darstelle.
Reichsminister Funk, den ich auch noch persönlich über seine Stellungnahme gefragt habe, hat die Erklärung des Vertreters des Reichsbankdirektoriums in vollem Umfange bestätigt und hinzugefügt, der könne nicht einmal für zwei Monate auf die Möglichkeit verzichten, in der Schweiz Devisentransaktionen (vor allem Umwandlung von Gold in freie Devisen) durchzuführen."
Weiter wären Kohlentransporte nach Italien gefährdet.
"In einem früheren Stadium der Verhandlungen hat der Führer befohlen, dass die Verhandlungen mit der Schweiz so geführt werden sollen, dass nach Möglichkeit eine gütliche Einigung herbeigeführt wird. Bei der vorstehend geschilderten Sachlage halte ich es nicht für vertretbar, dem Führer zu raten, von diesem Standpunkt abzugehen."
Problem der deutschen Verhandlungsstrategie: Sie wollen mit Kampfmassnahmen drohen, obwohl sie sie nicht einsetzen wollen. Strategie soll sein, Lösung zu finden ohne zu drohen.


Telegramm Wiehl / Köcher an AA Berlin, 5.6.1943


[KOPIE]

Vorschlag einer Übergangsregelung, gegen die die Schweizer allerdings starke Bedenken haben.


Steg (Büro RAM) an Botschafter Hewel, 5.6.1943


[KOPIE]

RAM einverstanden, dass man eine Lösung ohne Wirtschaftskampf erreicht.


Telegramm Wiehl / Köcher an AA Berlin, 12.6.1943


[KOPIE]

Betr. Änderungen in der Übergangsregelungen.


Telegramm Wiehl / Köcher an AA Berlin, 12.6.1943


[KOPIE]

Inhalt Notenwechsel zu Ziffer 1 Übergangsregelung.


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 12.6.1943


[KOPIE]

"Stellungnahme zu nahezu abschlussreifer Übergangsregelung", sehr ausführlich, u.a. zum Clearing-Kredit.
"Ich halte hiernach mit dem Vertreter des Rüstungsamtes und den übrigen Delegationsmitgliedern die Annahme der Übergangsregelung für tragbar und geboten, zumal nach unserer übereinstimmenden Auffassung die Verhandlungsmöglichkeiten über eine Übergangsregelung erschöpft sind und ein besseres Ergebnis nicht zu erzielen sein wird. Ohne Übergangsregelung würde in langwierigen Verhandlungen weitere wertvolle zeit verloren gehen, und die Lage wahrscheinlich weiterhin verschärft und für uns verschlechtert werden. Nach Abschluss der Übergangsregelung wird sich dagegen unsere jetzige verhältnismässig nachteilige Verhandlungsposition wesentlich bessern, da sich dann der jetzt auf uns lastende Zeitdruck vermindert, während es der schweizerischen Regierung schwer fallen wird, den Hauptvertrag scheitern zu lassen, nachdem sie mit erheblichen weiteren Bundesgarantien ihre Ermächtigung vom 850 Mill. SFRS. überschritten haben und nachdem in zahlreichen Fabriken die Arbeit für die Ausfuhr nach Deutschland wieder mit vollen Touren aufgenommen sein wird."


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 12.6.1943


[KOPIE]

Thema immer noch die Übergangsregelung. Offenbar wollte eine Behörde (Rüstungsministerium) noch eine Änderung einbringen, die aber von Wiehl abgelehnt wird.
"Ein Versuch, die schweizerische Bereitschaft zur Finanzierung von Lieferungen nach Deutschland über 300 bis 500 MIO.Fr. zu steigern, lässt sich im Rahmen der Übergangsregelung keinesfalls verwirklichen, würde sie vielmehr unabsehbar verzögern. Für die Hautverhandlungen ist ein solcher Versuch weiterhin geplant, er scheint allerdings wenig aussichtsreich. Der Gedanke, auf die 300 Millionen (dreihundert Millionen) neue Finanzierungsmöglichkeiten zu verzichten, die Rüstungsaufträge entsprechend einzuschränken und die Kohlenlieferungen entsprechend zu vermindern, wird sich, wie im dortigen Drahterlass bereits hervorgehoben, ohne Herabsetzung der Stromlieferungen und Gefährdung der übrigen bekannten Belange nicht verwirklichen lassen."


Clodius, z.H. RAM "Aufzeichnung", 12.6.1943


[KOPIE]

Speer hat Stellung genommen zu den Übergangsregelungen [Schreiben liegt nicht bei.]
"Reichsminister Speer kommt dabei in Abweichung von seiner bisherigen Stellungnahme zu dem Ergebnis, dass das Munitionsministerium äusserstenfalls auf die bisher als unentbehrlich bezeichneten Schweizer Mindestlieferungen in Höhe von 300 Millionen Schweizer Franken im Jahre 1943 noch [doch?] verzichten könnte."
"Die plötzliche Änderung der Stellungnahme des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition hat übrigens beim Oberkommando der Wehrmacht und allen anderen beteiligten Ministerien Erstaunen hervorgerufen. Sie hat jedoch nicht zu einer Änderung der Stellungnahme dieser Ministerien geführt, weil für die Entscheidung, dass ein Wirtschaftskrieg mit der Schweiz vermieden werden müsse, nicht nur die Stellungnahme des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition, sondern auch eine Reihe anderer wichtiger Gründe bestimmend waren. Insbesondere hat Herr Reichsminister Funk erklärt, dass ganz unabhängig von allen anderen Gründen schon allein wegen der erforderlichen Devisenbeschaffung über die Schweiz ein Wirtschaftskrieg auch für die Dauer von nur einigen Monaten unbedingt vermieden werden müsse."


Clodius z.H. RAM, "Aufzeichnung über den Stand der Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 17.7.1943


[KOPIE]

"Für die Durchführung des deutschen Rüstungsprogramms ist es in erster Linie von Bedeutung, dass die schweizer Rüstungslieferungen an Deutschland, bei denen es sich um wichtige technische Speziallieferungen handelt, die eine Art Schlüssellieferungen darstellen, gerade in den nächsten Monaten nicht unterbrochen werden. Um diese Lieferungen sicherzustellen, ist eine Übergangsregelung in Aussicht genommen, die die Einführung der Kontingentierung der schweizer Ausfuhr mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von Waren bis zum 31.7.1943 hinausschiebt. Ausserdem hat sich die Schweiz bereit erklärt, in diesem Zeitraum für rund 130 Millionen Schweizer Franken strittiger Lieferungen, die bisher von der Schweiz nicht genehmigt worden waren, weil sie nach schweizer Auffassung den Rahmen der alten Abmachungen überschritten, ebenfalls für die Lieferung freizugeben. Gerade auf die Lieferung dieser 130 Millionen legt das Munitionsministerium besonderen Wert."
Weiter geht es um deutsche Kohlenlieferungen.
"Nach der übereinstimmenden Auffassung der beteiligten deutschen Ministerien besteht ein dringendes Interesse daran, diese Übergangsregelung jetzt sofort abzuschliessen, weil jedes Hinausschieben unsere Möglichkeit beeinträchtigen würde, bis zum 31. Juli ohne Kontingentierung noch möglichst viele Lieferungen aus der Schweiz zu erhalten."
Wiehl habe geschrieben (Zitat Wiehl): "Heutige nochmalige Beratung hat wiederum einhellige Überzeugung der Delegation von erheblichen Vorteilen alsbaldiger Übergangsregelung ergeben, insbesondere hinsichtlich Flottmachung wichtigster Rüstungslieferungen sowie allgemeiner Wiederankurbelung der Fabrikation und der Lieferbereitschaft schweizer Auftragnehmer."


Clodius z.H. RAM, "Aufzeichnung über den Stand der Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 19.7.1943


[KOPIE]

I. Über die deutschen und schweizerischen Forderungen.
"Da während der bisher ergebnislosen Verhandlungen die Fertigung für die bereits erteilten Aufträge in der Schweiz weitergegangen ist, ist bisher noch kein erheblicher Schaden entstanden. Es kommt also jetzt in erster Linie darauf an zu erreichen, dass diese fertiggestellten Lieferungen auch tatsächlich ausgeliefert werden. Diesem Zweck dient die jetzt in Aussicht genommene Übergangsregelung, über die wir bereits seit einiger Zeit verhandeln und die jetzt abschlussreif ist. Auf Grund dieser Übergangsregelung können wir bis zum 31. Juli den wichtigsten Teil aller fertiggestellten Lieferungen aus der Schweiz herausbekommen."
Sonstige Verpflichtungen der Schweiz und Deutschlands.
II. Danach muss wieder ein eigentlicher Vertrag geschlossen werden.. Forderungen der Schweiz und Deutschlands (Streitpunkt: Clearingkredit und Kohlelieferungen). "Für diese weiteren Verhandlungen sind wir aber nach übereinstimmender Auffassung der Delegation und der beteiligten Ministerien in einer günstigeren Stellung, wenn wir zunächst durch den Abschluss der Übergangsregelung die vom Munitionsministerium am dringendsten benötigten Lieferungen erhalten."
III. Rüstungsministerium betont nochmals Wichtigkeit des Abschlusses einer Übergangsregelung. "Beide Herren [Vertreter RÜM] haben ferner nochmals ausdrücklich bestätigt, dass das Schreiben des Reichsministers Speer vom 10. Juni, soweit es im Widerspruch zu dieser Erklärung steht, überholt sei. Das Schreiben sei in einem Zeitpunkt abgesandt worden, als die Verfasser dieses Schreibens noch keinen klaren Überblick über die tatsächliche Sachlage gehabt hätten. Das Schreiben sei vielleicht insofern missverständlich gefasst gewesen, als es den Eindruck erwecken könnte, als habe das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition nichts [sic] stets entscheidenden Wert auf den Erhalt dieser fraglichen Lieferungen gelegt. Dies sei aber nicht richtig. Das Schreiben habe gerade zum Ausdruck bringen sollen, dass ein Weg gefunden werden müsse, um diese Lieferungen so schnell wie möglich zu  erhalten. Das geschehe ja nun durch die Übergangsregelung."


Telegramm Wiehl / Koecher an AA Berlin, 22.6.1943


[KOPIE]

Vorschlag eines Pressecommuniqués bei Vereinbarung der Übergangsregelung.


Telegramm Koecher an AA Berlin, 23.6.1943


[KOPIE]

"Reichsangehöriger Kunstexpert Dr. Hans Wendland, geboren 28.12.1880 in Neuruppin, seit 1939 wohnhaft Luzern, vorher Paris, ist durch Verfügung Chefs Schweizer Bundespolizei zum 1.7. d.J. aus der Schweiz mit der Begründung ausgewiesen worden, dass er durch häufige Reisen nach Paris (Hotel Ritz) sich nachrichtendienstlich verdächtig gemacht habe. Wendland betätigt sich nach hiesiger Kenntnis als Kunsthändler und hat angegeben, deswegen mit amtlichen deutschen Stellen wie Botschaft Paris, Reichspropagandaministerium, Führermuseum in Linz in Verbindung zu stehen. Kunsthändler Professor Haberstock in Berlin soll über ihn unterrichtet sein.
[...]. Erbitte baldige Drahtweisung, ob an weiterem Verbleiben Wendlands in der Schweiz wesentliches Interesse besteht."


Clodius z.H. RAM, "Aufzeichnung über den Stand der Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz", 27.6.1943


[KOPIE]

"Auf Grund der Anfang Juni vom Führer erteilten Weisung, die Wirtschaftsverhandlungen mit der Schweiz so weiter zu führen, dass auch ohne Anwendung wirtschaftlicher Kampfmassnahmen ein für Deutschland möglichst befriedigendes Ergebnis erreicht wird, ist am 23. Juni ein Protokoll zur vorläufigen Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz unterzeichnet worden. Durch dieses Protokoll wird der vertragslose Zustand, der seit dem 16.1.1943 bestanden hat, beendet.
Das wesentlichste deutsche Interesse an den Wirtschaftsbeziehungen mit der Schweiz besteht zur zeit darin, dass wir in den nächsten Monaten die in der Schweiz vergebenen Rüstungs-Lieferungen erhalten, bei denen es sich zum grössten Teil um besonders wichtige technische Speziallieferungen handelt, deren Ausfall gerade in den nächsten Monaten u.a. das deutsche Panzerprogramm und das Fernsteuerprogramm erheblich beeinflussen würde."
Weiterer Inhalt der Übergangsregelung. Wichtigste deutsche Gegenleistung: Kohle- und Eisenlieferungen bis Ende 1943 in bisheriger Höhe fortsetzen.
"Die Verhandlungen über einen endgültigen Vertrag werden fortgesetzt, wobei sich unsere Verhandlungsposition dadurch gebessert hat, das wir auf Grund der Uebergangsregelung die von uns am dringendsten benötigten militärischen Lieferungen erhalten und daher für die weiteren Verhandlungen nicht mehr unter Zeitdruck stehen."


Fritz Sauckel ("Der Beauftragte für den Vierjahresplan - Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz") an Ribbentrop, 7.7.1943


[KOPIE]

Nur noch (neben Schweden und Portugal) in der Schweiz "Arbeitskräfte, vor allem Facharbeiter, für den Arbeitseinsatz".
"Der Kräftebedarf der deutschen Kriegswirtschaft, der durch laufende Einziehungen zur Wehrmacht und durch Ausweitung der Rüstungsprogramme ständig anwächst, legt den Versuch nahe, die in der Schweiz noch verfügbaren Arbeitskräfte für den Einsatz in Deutschland zu gewinnen. Die bisherigen Bemühungen sind wegen der Ablehnung der Schweizer Regierungsstellen und der unzulänglichen Bemühungen getarnter deutscher Stellen zahlenmässig ohne grösseren Erfolg geblieben.
Der an sich naheliegende Gedanke, im Wege einer weitgehenderen Auftragsverlagerung die noch frei verfügbaren Arbeitskräfte in der Schweiz selbst für die deutsche Kriegswirtschaft einzusetzen, scheitert an mangelnde Devisenmöglichkeiten sowie an dem englisch-amerikanischen Druck gegenüber der Schweiz.
Es bleibt somit nur der unmittelbare Einsatz im Reich selbst übrig. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Schweizer Regierungsstellen aus Gründen der Neutralität sowohl gegen jede legale als auch jede illegale Anwerbung von schweizer Arbeitskräften für Deutschland wenden."
Es bleibt also nur noch die illegale Werbung übrig. Dabei sollen Schweizer Nationalsozialisten eingesetzt werden. "Die für die Aufnahme ins Reich in Frage kommenden schweizer Bürger werden wie bisher dem Angestellten Osthoff der reichsdeutschen Firma Getewent in Bern zugeführt. Osthoff gilt formal als Mitglied der Deutschen Gesandtschaft in Bern. Er stellt fingierte Arbeitsverträge aus, die nur dazu bestimmt sind, Militärurlaub zu bekommen. Nach dem Grenzübertritt werden diese Arbeitsverträge wieder abgenommen. Die angeworbenen Schweizer kommen zunächst in ein durch meine Dienststelle einzurichtendes Auffanglager. Hier erfolgt ihre Überprüfung in abwehrmässiger, ärztlicher und arbeitseinsatzmässiger Beziehung. Vom Auffanglager werden die schweizer Arbeitskräfte je nach ihren beruflichen Fähigkeiten zu den einzelnen Arbeitsstollen in Marsch gesetzt. Schweizer, die von den schweizer Behörden keine Ausreisegenehmigung erhalten, werden durch die schweiz. Nationalsozialisten in geschickter Weise angehalten, die grüne Grenze zu überschreiten. Sofort nach Grenzübertritt werden auch sie dem Auffanglager zugeführt."
Bittet um Zustimmung zu diesem Plan.


Telegramm Schleier (Paris) an AA Berlin, 6.8.1943


[KOPIE]

"Professor Noe, früherer Aufsichtsrat-Vorsitzender der Danziger Werften, jetzt zugeteilt für Werftfragen dem Marine Befehlshaber West, hat vor etwa 6 Wochen in dienstlichem Auftrage Besprechungen mit der Firma Sulzer Winterthur (Schweiz) geführt. Bei dieser Gelegenheit traf er den schweizerischen Gesandten in London Dr. Sulzer der im 1. Weltkrieg schweizerischer Gesandter in Washington war."
Noe hat Schleier vom Treffen mit Sulzer unterrichtet: Alliierte würden von Süden her in Italien vorstossen; Sulzer "sei in grosser Sorge, dass auf diese Weise auch die Schweiz mit in den Krieg gezogen würde". Weiter über die Stimmung in England, wenig Angst vor dem Bolschewismus.
"Sulzer habe zum Schluss zum Ausdruck gebracht, dass Deutschland den Krieg gewinnen müsse, da das Deutschland von den Angelsachsen zugedachte Schicksal nach seiner Ansicht eine Gefahr für die übrigen Länder des europäischen Kontinents bedeute und dem Bolschewismus die Wege ebne. Er fühle sich als Schweizer, der in Deutschland studiert habe, dem deutschen Kulturkreis zugehörig und wünsche im Interesse seines Landes und der europäischen Kultur, dass die Pläne der Angelsachsen nicht zur Wirklichkeit werden."


Telegramm Köcher an AA Berlin, 9.8.1943


[KOPIE]

Thema: Transit durch die Schweiz.
"Danach [zitierte Weisungen] ist die Durchfuhr von eigentlichem Kriegsgerät durch die Schweiz für die Dauer des Krieges genehmigungspflichtig gemacht worden, solche Durchfuhrgenehmigungen werden indessen aus Gründen der Neutralität nicht erteilt." Weiter zum Begriff "Kriegsgerät" (Bezugnahme auf schweizerische Verordnung vom 8.7.1938): Es gibt 5 Kategorien (BRB 3.11.1939):
1) Feuerwaffen, Zielgerät, Munition, gepanzerte Fahrzeuge
2) Flugzeuge, Motore, Flugzeugbewaffnung
3) chemische Produkte ausschliesslich für militärische Zwecke
4) Gasmasken und ähnliches
5) Nachrichtenapparate
"Gegenstände, die, ohne eigentliches Kriegsgerät zu sein auch militärischen Zwecken dienen, wie Lastfahrzeuge Baugerät aller Art sind bisher ohne vorherige Genehmigung der schweizerischen Dienststelle zur Durchfuhr zugelassen worden. Es besteht jedoch die Praxis, dass die Durchfuhren kontrolliert werden und dass die unteren Dienststellen in Zweifelsfällen die Entscheidung der Oberzolldirektion herbeiführen."


Telegramm Koecher an AA Berlin, 9.8.1943


[KOPIE]

Reichsbahnvertretung in Bern berichtet, dass - ausser mit einer Ausnahme - Nitroglyzerinzellulosepulver von schweizerischer Zollverwaltung und SBB nicht als Heeresbedarf angeschaut wurde (und deshalb Transit möglich war).
"Im Gegenteil habe die Generaldirektion der schweizerischen Bundesbahnen aus Anlass eines Einzelfalles noch vor 14 Tagen erklärt, dass sie zwar eigentliches Kriegsgerät im Sinne der Verordnung vom 3.11.1939 nicht zur Durchfuhr annehme, aber keine Einwendung erhebe, wenn Gebrauchsgüter durchlaufen, die auch für Heeresbedarf verwendbar sind. Es würde bei den schweizerischen Behörden die reibungslose Abfertigung in jedem Einzelfall erleichtert werden, wenn die Begleitpapiere die Bestimmung der Güter für Heeresbedarf nicht erkennen lassen."
Wiehl meinte, dass Schweiz mehrere Male Transite nach Italien (v.a. Kohle) zur Sprache gebraucht habe, aber nicht speziell den Heeresbedarf erwähnt habe. "Herr Wiehl weist aber darauf hin, dass die Schweiz im Interesse der Wiederzulassung ihrer Zufuhren von Übersee offensichtliche Verstimmung Feindmächte zu vermeiden suche und dass gegenüber den Durchtransporten mit Schwierigkeiten seitens der Schweiz zu rechnen ist, falls die Feindmächte wegen eines vermehrten Durchtransports von Heeresbedarf ihren Druck auf die Schweiz verstärken."
"Mein Votum geht dahin, dass die Schweiz bis auf weiteres keine Einwendungen gegen vermehrte Durchtransporte von Gebrauchsgütern für Heeresbedarf erheben wird, solange ihr formellrechtlich der Vorwurf einer Neutralitätsverletzung nicht gemacht werden kann. Sie wird dabei einen strengen Masstab an den Charakter der Durchtransporte anlegen, schon weil nach allen Erfahrungen die Vermehrung der Durchtransporte der Feindseite nicht verborgen bleiben wird. Inhalt und Adressierung der Begleitpapiere wird daher von grosser Bedeutung sein. Zwecks Tarnung gegenüber Kontrolle der Feindseite wäre möglichst weitergehende Verwendung gedeckter Wagen empfehlenswert."


Telegramm Koecher an AA Berlin, 11.8.1943


[KOPIE]

Bestätigt die Angaben Sulzers (an Noe, vgl. oben) betr. Stimmung in England.
"Die von Sulzer geäusserte Einstellung gegenüber Deutschland entspricht der Auffassung der schweizerischen Regierung, die mir auch Bundesrat Pilet-Golaz verschiedentlich zum Ausdruck gebracht hat. So sehr man zu Zeiten unseren Sieg fürchtete wegen der möglichen aussenpolitischen Rückwirkungen für die Schweiz, so sehr bangt man heute davor, dass ein Sieg unserer Feinde ganz Europa in einen Trümmerhaufen verwandeln könnte. Die Hybris, die in den amtlichen Äusserungen der englischen und amerikanischen Staatsmänner zum Ausdruck kommt, wird von allen politisch denkfähigen Schweizern scharf verurteilt."
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