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Die Schweiz und die NNSC. Diplomatische Dokumente der Schweiz zur Geschichte der Neutral Nations Supervisory Commission in Korea 1951–1995, vol. 21, doc. 49
volume linkBern 2023
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| Archives | Archives fédérales suisses, Berne | |
▼ ▶ Cote d'archives | CH-BAR#E2001E-01#1988/16#2787* | |
| Ancienne cote | CH-BAR E 2001(E)-01/1988/16 683 | |
| Titre du dossier | Numerierte Berichte von van Muyden 1.1.1976 - 31.12.1978 (1976–1978) | |
| Référence archives | B.73.0.1.(31) • Composant complémentaire: Korea, Republik |
dodis.ch/66139Der stv. Chef der schweizerischen NNSC-Delegation, Hauptmann Widmer, an den Direktor der Politischen Direktion des EPD, Botschafter Weitnauer1
Die Lage in Panmunjom (15)
Die Ereignisse der letzten Woche folgten sich Schlag auf Schlag und ich gestatte mir deshalb, sie in chronologischer Folge aufzuführen.
Am Montag, 16. August gab General Stilwell an einer Pressekonferenz in Seoul bekannt, dass er seinen Dienst bei der amerikanischen Armee demnächst quittieren und Korea voraussichtlich in der ersten Woche Oktober verlassen werde. Er nannte folgende vier Hauptgründe:
1. Er sei bald 60. Dies sei das obligatorische Rückzugsalter. Er sei freiwillig in die Armee eingetreten und möchte auch freiwillig abtreten, bevor er dies nächstes Jahr offiziell tun müsse.
2. Als er das Kommando übernommen habe, habe er sich eine Anzahl Ziele gesteckt. Einige seien zu gross gewesen, um in dieser kurzen Zeit erreicht zu werden; die andern seien entweder schon erreicht worden oder aber auf dem besten Wege dazu.
3. Die hauptsächlichen militärischen Projekte für 1976 seien unter Dach und er möchte seinem Nachfolger2 ermöglichen, sich in seine neue Aufgabe einzuarbeiten, bevor dieser die 1977er Aktivitäten an die Hand nehmen müsse.
4. Er sei länger als alle seine Vorgänger als CINCUNC (Commander in Chief United Nations Command) tätig gewesen und es sei an der Zeit, dem UNC neue Vitalität, Energie und Enthusiasmus einzuspritzen, zum Wohle der Republik Korea.
Der Nachfolger wurde noch nicht ernannt.
Um zwischen dem UN-Beobachtungsposten OP 5 und dem Areal des UN-Checkpoints 3 (in der Nähe der «Bridge of no return») bessere Sichtverbindung zu schaffen, befahl der amerikanische Kdt des Camp Kitty Hawk (auch Advance Camp genannt), Oberstlt Vierra, die untersten Äste eines in der Nähe von Checkpoint 3 stehenden grossen Baumes zu stutzen. Diese Arbeit wurde von fünf südkoreanischen Arbeitern in Zivil ausgeführt, dabei wurden sie von ca. 10 amerikanischen und südkoreanischen MP’s unter dem Kdo von CPT Bonifas und 1LT Barrett bewacht; zugegen war auch der südkoreanische CPT Kim. Kurz nach Beginn der Arbeit, ca. um 1045, kamen von der andern Seite der Brücke 10 KPA-Soldaten, angeführt von 2 Offizieren. Vorerst schienen sie keine Einwände gegen die Ausführung der Arbeit zu haben. Plötzlich und anscheinend ohne ersichtlichen Grund befahlen die Nordkoreaner den südkoreanischen Arbeitern, die Arbeit sofort einzustellen. Hierauf versuchte CPT Kim, den KPA-Leuten den Grund für die Arbeit zu erklären. CPT Bonifas befahl den Arbeitern, weiterzumachen. Die Zahl der Nordkoreaner war inzwischen auf ca. 30 angewachsen. Es kam zu Diskussionen. Plötzlich scheint der KPA-Lt Pak Chol (der schon beim Henderson-Zwischenfall im Juni 19753 eine unrühmliche Rolle gespielt haben soll) CPT Bonifas einen Tritt in den Unterleib gegeben zu haben, was den Anstoss zu einem Handgemenge gab. Dabei wurden CPT Bonifas und 1LT Barrett durch Axthiebe und Messerstiche so schwer verletzt, dass sie kurz darauf starben. Weitere 9 Mann wurden verletzt, jedoch nicht lebensgefährlich. Sofort wurde die in der Nähe der JSA stationierte amerikanische «Quick Reaction Force» herbeigerufen und war auch sofort zur Stelle. Sie kam jedoch nicht mehr zum Kampfeinsatz, da das Handgemenge insgesamt nur ca. 4½ Minuten dauerte. Nach inoffiziellen Berichten soll die Nordseite 3 Mann verloren haben und 11 sollen verletzt sein. (Es ist erfahrungsgemäss praktisch unmöglich, von der Nordseite Angaben über Verluste ihrerseits zu erhalten. So sprach sie am MAC-Meeting 379 offiziell nur von 5 Verletzten.4 Deshalb diese Angaben unter jedem Vorbehalt.)
Nach diesem Zwischenfall verlangte die Nordseite ein sofortiges Security Officer’s Meeting «on the spot», was von Oberstlt Vierra wegen der nun herrschenden grossen Spannung in der JSA und der Erregung seiner Leute abgelehnt wurde. Die Südseite ihrerseits verlangte ein MAC-Meeting (379) für Donnerstag, 19. August, 1100. Die Nordseite liess verlauten, dass sie ohne vorhergehendes Security Officer’s Meeting an keinem MAC-Meeting teilnehmen würde, während die Südseite auf dem MAC-Meeting ohne vorheriges Security Officer’s Meeting beharrte. Schliesslich einigte man sich auf einen Kompromiss: gleichzeitig um 1600 Uhr MAC-Meeting im normalen Konferenzgebäude und Security Officer’s Meeting auf dem Platz unmittelbar östlich davon.
In Anwesenheit6 eines Grossaufgebotes von Presseleuten (fast ausschliesslich von der Südseite) und in einer spürbar gespannten Atmosphäre inner- und ausserhalb des Konferenzgebäudes begannen gleichzeitig um 1600 Lokalzeit die beiden bereits erwähnten Meetings. Das Security Officer’s Meeting war eine reine Formsache und dauerte nur 17 Minuten. Innerhalb des Gebäudes am MAC-Meeting 379 übermittelte Adm. Mark P. Frudden, Senior UNCMAC Member, mündlich einen streng gehaltenen formellen Protest des Oberkommandierenden UNC – General Stilwell – direkt an den Oberkommandierenden der KPA, also Staatspräsident Marschall Kim Il Sung. Der Originaltext lautet wie folgt:
Quote: Yesterday, an unprovoked act of severe hostility was initiated by members of the KPA Security Force against the UNC Security Force in the Joint Security Area. This incident of most grave consequences was an open and flagrant act of belligerency by the Korean People’s Army resulting in the death of two UNC security officers. This incident not only jeopardized the entire framework of this commission but it violates the neutrality of the JSA as agreed upon by both sides in July 1953, as well as all internationally recognized conventions in regards to armistice agreements. Never before in the twenty-three years since the ceasefire was formally signed has there been the outright and brutal murder of JSA Security Force personnel. This was not the eruption of an unplanned argument. It was the deliberate murder of two UNC personnel who, while engaged in routine maintenance functions of a type your personnel often perform, were attacked unmercifully by a numerically superior force, wielding axes and clubs. I ask your assurance that an incident such as this will not occur again. End of quote.
Seit der Pueblo-Affäre 1968 und seit dem Abschuss eines amerikanischen Aufklärungsflugzeuges vom Typ EC121 im Jahre 1968 war dies der erste Protest, den das UNC direkt an den nordkoreanischen Staatschef richtete.7
Hierauf liess der UNCMAC Senior Member 15 Bilder des Kampfes zeigen, die als Beweismaterial vom nahegelegenen OP 5 aus aufgenommen wurden. Die Aufnahmen zeigen eindeutig, wie die numerisch überlegenen Nordkoreaner die UN-Leute mit Äxten, Axtstielen und Stöcken angriffen.
Generalmajor Han, Senior Member KPA/CPV-Seite, machte hierauf geltend, der Kampf hätte angefangen, nachdem die UN-Leute die Nordkoreaner provoziert hätten. Trotz mehrmaliger Aufforderung zum Einstellen der Arbeit sei damit fortgefahren worden, obschon die Pflege dieses Baumes eindeutig Sache der Nordseite sei. Im weiteren sei die Arbeit ohne vorherige Absprache mit dem Norden in Angriff genommen worden.
Dauer des Meetings: 1 Std. und 40 Min.
Nach dem Zwischenfall in der JSA vom 18. August wurden die 42 000 starken amerikanischen Streitkräfte sowie die rund 600 000 Mann umfassende südkoreanische reguläre Armee, aber auch Teile der U.S. Truppen in Japan in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Die amerikanischen Truppen in Korea wurden in den sogenannten Zustand der «Defense Condition 3» versetzt, was ungefähr einem Bereitschaftsgrad in der Mitte zwischen regulären Friedens- und absoluten Kriegsverhältnissen entspricht. Praktisch bedeutet es, dass die im Urlaub weilenden Leute zu den Einheiten zurückgerufen werden, die Sicherheitsmassnahmen in den Basen verschärft, das Material auf seine Kriegstüchtigkeit überprüft, die Fahrzeuge sind aufgetankt und jederzeit fahrbereit.
Eine Staffel (18–20 Flz) F 4 «Phantom» wurde am 19. August von Kadena AB auf Okinawa nach Korea verlegt. Desgleichen eine Staffel F 111 im Nonstopflug von Idaho nach Korea, mit Auftanken in der Luft.
Inzwischen ist auch der Flugzeugträger USS MIDWAY mit 75 Kampfflugzeugen an Bord und 5 Begleitschiffen aus der Marinebasis Yokosuka in Japan Richtung Korea in See gestochen.
Laut den heutigen südkoreanischen Zeitungen hat aber auch Nordkorea seine 563 000 starke reguläre Armee wie auch 1,5 Millionen Reservekräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt.
Um 0700 Lokalzeit drang eine US Army Sappeur-Gruppe unter Bewachung von 300 UN-Soldaten in die JSA ein und fällte die Pappel, die den indirekten Anstoss zum Zwischenfall vom 18. August gegeben hatte. Die handstreichartige Aktion wurde von weitern Streitkräften, direkt südlich der JSA einsatzbereit, gedeckt. Nach neuesten Meldungen waren zur Zeit des Kommandounternehmens drei B 52 Bomber, eine mir nicht bekannte Anzahl F 4’s, F 111’s, sowie ca. 20 Kampfhelikopter in der Luft. Ferner waren grössere UN-Verbände kampfbereit unmittelbar südlich des Imjin-Flusses.8
Die KPA-Truppen reagierten überhaupt nicht und von Kampfhandlungen wurde bis jetzt nichts bekannt. Unmittelbar nach dem Fällen des Baumes wurden die Sappeure und ihre Bewachung sofort wieder aus der JSA abgezogen. Die Helikopter kreisten jedoch weiterhin über dem Südteil der DMZ und auch ein Teil der direkt südlich der JSA sich befindlichen UN-Truppen blieb vorerst noch da, in der JSA eine grosse Spannung verursachend. Die Lage blieb jedoch ruhig.
Kurz vor Mittag löste sich die Spannung merklich als bekannt wurde, Generalmajor Han hätte auf 1200 Uhr Lokalzeit ein Meeting zwischen ihm und Admiral Frudden vorgeschlagen. Dieser akzeptierte und das Treffen fand im MAC-Tagungsgebäude in der JSA sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Beide Herren waren nur von je drei Offizieren begleitet. Einziges Traktandum war die mündliche Bekanntgabe der Antwort Pyongyang’s auf General Stilwells Protest gegen die brutale Ermordung zweier amerikanischer Offiziere in der JSA am 18. August. Sie lautet im Originaltext:
Quotation: It was a good thing that no big incident occurred at Pan Mun Jom for a long period. However it is regretful that an incident occurred in the Joint Security Area, Pan Mun Jom this time. An effort must be made so that such incidents may not recur in the future. For this purpose both sides should make efforts. We urge your side to prevent the provocation. Our side will never provoke first, but take self defensive measures only when provocation occurs. This is our consistent stand. End of quotation.
Nachher versuchte General Han noch, auf die Aktion der Südseite (Fällen des Baumes) zu sprechen zu kommen. Admiral Frudden liess ihn jedoch wissen, dass er diese Sache an einem kommenden Meeting zu besprechen gedenke.
Dauer dieses Treffens: 13 Minuten.
Während der Zwischenfall vom 18. August mit der Sicherheit der Schweizer Delegation in Panmunjom nichts oder nur am Rande zu tun hatte, sah es am frühen Morgen des 21. August etwas anders aus. Weder die schwedische noch die schweizerische Delegation waren im voraus über die geplante Aktion in der JSA orientiert worden. Genau um 0700 erschienen die Helikopter, ihr Kreisen über der DMZ bis hart an die Demarkationslinie war vom Lager aus gut sichtbar, ferner hörte man das Motorengeräusch der in die DMZ einfahrenden Kolonne. Ca. um 0705 wurde ich ins Quartier des schwedischen Delegationschefs, Generalmajor Wernstedt gerufen, wo uns der Joint Duty Officer der Südseite, LCDR G. Sokil, über die Aktion orientierte, also ca. 10 Minuten nach Beginn. Am Schlusse seiner Orientierung teilte er uns mit, man überliesse den Entscheid über eine eventuelle Evakuation uns. Nach kurzer Besprechung mit den übrigen Mitgliedern der beiden Delegationen kamen wir überein, bis auf weiteres in PMJ zu bleiben, die vorgesehenen PW’s jedoch vom Advance Camp heraufkommenzulassen um sie im Notfalle sofort zur Verfügung zu haben, was sich in der Folge nicht als notwendig erwies. Ob und wie wir im Falle einer nordkoreanischen Reaktion weggekommen wären, sei hier nicht näher untersucht. Ebenso nicht, warum uns die Südseite nicht rechtzeitig, also am Vorabend, orientierte. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich werde bei meinem nächsten Besuch in Seoul bei den für uns zuständigen UN-Militärbehörden vorstellig werden und ihnen meine Beunruhigung über die samstägliche Situation aussprechen. Hingegen möchte ich es Herrn Botschaftsrat van Muyden überlassen, nach seiner Rückkehr weitere Schritte in dieser Richtung zu unternehmen.
Dies war eine möglichst objektive Schilderung der Ereignisse der letzten Woche, so gut es von PMJ aus möglich war, da ich in den letzten Tagen infolge der Ereignisse nicht von hier weg konnte, um in Seoul noch weitere Unterlagen zu beschaffen.
Offen bleiben viele Fragen, besonders diejenige, was Pyongyang wohl mit dem Zwischenfall vom 18. August bezweckte.
Fest steht hingegen, dass Uncle Sam ziemlich heftig mit dem Säbel gerasselt hat und keine Zweifel darüber offen liess, was die Nordkoreaner bei der Entfachung eines zweiten Koreakrieges erwarten würde. Dass die Aktion in der JSA vom 21. August eine nicht misszuverstehende Warnung an die Adresse Pyongyang’s war, geht einerseits aus dem Aufwand dafür hervor, andererseits aber auch dadurch, dass sie unter der Leitung höchster amerikanischer Offiziere kompromisslos und zum Äussersten bereit durchgeführt wurde, nachdem Präsident Ford persönlich das grüne Licht dazu gegeben hatte.
Zur Zeit ist die Lage in der DMZ ruhig. Ein MAC-Meeting wurde bis zur Stunde noch von keiner Seite verlangt. Ebensowenig gelangte keine der beiden Parteien bis jetzt wegen dieser Zwischenfälle an unsere Kommission.
- 1
- CH-BAR#E2001E-01#1988/16#2787* (B.73.0.1.(31)). Dieses an den Direktor der Politischen Direktion des EPD, Botschafter Albert Weitnauer, gerichtete Schreiben wurde vom stv. Chef der schweizerischen NNSC-Delegation, Hauptmann Armin Widmer, verfasst und unterzeichnet. Kopien gingen an die schweizerischen Botschaften in Beijing, Tokio und Seoul. Eine weitere Kopie wurde am 1. September 1976 von Alfred Rüegg von der Politischen Abteilung II des EPD an die Abteilung für Adjutantur des EMD übermittelt.↩
- 2
- General John William Vessey Jr.↩
- 3
- Vgl. dazu das Schreiben des Chefs der schweizerischen NNSC-Delegation, Botschaftsrat Claude van Muyden, an den Direktor der Politischen Direktion des EPD, Botschafter Ernesto Thalmann, vom 7. Juli 1975, dodis.ch/66174.↩
- 4
- Vgl. das Protokoll des 379. MAC-Meetings vom 19. August 1976, CH-BAR#E9500.188-01A#1992/37#44* (2.1).↩
- 5
- Vgl. das Protokoll des 379. MAC-Meetings vom 19. August 1976, CH-BAR#E9500.188-01A#1992/37#44* (2.1)↩
- 6
- Handschriftliche Korrektur aus: In Anwesendheit.↩
- 7
- Vgl. dazu QdD 21, Dok. 40, dodis.ch/33824, und Dok. 41, dodis.ch/65590.↩
- 8
- Handschriftliche Marginalie von Alfred Rüegg von der Politischen Abteilung II des EPD: Alles, um einen Baum zu fällen...↩
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Commission de surveillance des nations neutres pour l'armistice en Corée (NNSC)


