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Documenti Diplomatici Svizzeri, vol. 1995, doc. 55
volume linkBern 2026
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| Archivio | Archivio federale svizzero, Berna | |
| Segnatura | CH-BAR#E2200.202-02#2006/41#71* | |
| Titolo dossier | Musiciens et orchestres suisses dans la vie musicale de l'Etat de résidence (Stephan Eicher, Patent Ochsner) (1995–1995) | |
| Riferimento archivio | 643.41 |
dodis.ch/70408Notiz der Geschäftsträgerin a. i. der schweizerischen Botschaft in Antananarivo, Schelling1
À vous de jouer/Gasikara maitso volo
Zwischen dem 22.10. und dem 12.11. hielt sich bekanntlich im Rahmen des zweiten Teils des Projektes «À vous de jouer/Gasikara maitso volo» eine Gruppe von schweizerischen Musikern (Patent Ochsner, Michel Besson) in Madagaskar auf, um zusammen mit madagassischen Musikgruppen eine Serie von Konzerten und Begegnungen zum Thema Umwelt in verschiedenen Regionen Madagaskars durchzuführen.2
Begleitet wurde die Gruppe von einer Anzahl schweizerischer und lokaler Journalisten sowie von Vertretern der Organisatoren (Kobü, BUWAL, lokales Konsortium).3 Am Ende der Tournee stand ein Konzert in Antananarivo auf dem Programm. Auf den Tag zuvor hatte ich die Teilnehmer der Tournee (Musiker, Journalisten, Organisatoren) zusammen mit Vertretern des Kulturministeriums und der Stadtbehörden zu einem mit einer abschliessenden Pressekonferenz verbundenen Empfang in die Residenz eingeladen. Die Einladungen wurden den Musikern nach ihrer Ankunft in Madagaskar durch das Koordinationsbüro übergeben. In der Folge begab sich die gesamte Gruppe auf Konzerttournee in die verschiedenen Regionen Madagaskars und konnte wegen der mangelhaften Kommunikationsmöglichkeiten nur noch sporadisch und auf indirektem Wege kontaktiert werden.
Am 6. November – der Empfang sollte am 10. November stattfinden – erhielt ich einen vom Koordinator4 und dem Beauftragten des BUWAL5 am 1. November verfassten Brief.6 Darin teilten sie mir mit, die Musiker freuten sich über die Einladung und hätten sich spontan bereit erklärt, bei dieser Gelegenheit einige Musikstücke aus ihrem Repertoire im Garten der Residenz vorzutragen. In diesem Repertoire befand sich auch das Lied «Jaques» gegen die Atomversuche im Südpazifik von Patent Ochsner.7 Das Vortragen dieses Liedes hatte einige Tage zuvor in Tamatave dazu geführt, dass der anwesende Aussenminister8 und der Stadtpräsident das Konzert verliessen.
Die Gruppe P[atent] O[chsner] war aus Überzeugung der Auffassung, dass ein Konzert auf der Residenz ohne diesen Song für sie nicht in Frage komme. Ihre Teilnahme am Empfang stellten sie jedoch – so der Brief – nicht in Frage. Ich wurde gebeten zu entscheiden, ob ich unter diesen Umständen das Angebot der musikalischen Untermalung des Empfangs annehme oder nicht.
In der Folge kontaktierte ich die DEH und die Politische Abteilung I und nahm mit dem Kabinettschef des Kulturministeriums Kontakt auf, weil ich angesichts des geschilderten Zwischenfalls in Tamatave wissen wollte, wie sich die madagassischen Behörden zu diesem Thema stellten. Es wurde mir gesagt, dass Madagaskar in der gegenwärtigen schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage alles vermeide, was auch nur indirekt in irgendeiner Weise als Kritik an der französischen Politik interpretiert werden könnte und man deshalb sehr froh wäre, wenn auf den Vortrag dieses Liedes im Rahmen eines offiziellen Empfanges, bei dem u. a. auch die Presse anwesend sei, verzichtet werden könnte.
Unter diesen Umständen beschloss ich mit Rücksicht auf die Sensibilität des Gastlandes in dieser Angelegenheit auf das Konzertangebot zu verzichten und informierte die Gruppe via Koordinator und Organisatoren entsprechend.9
In der Folge befand ein Teil der Musiker ihrerseits, unter diesen Umständen wollten sie überhaupt nicht am Empfang teilnehmen. Ein Empfang samt Pressekonferenz, an dem die Hauptakteure nicht vorhanden sind, ist jedoch nur schlecht vorstellbar und eine Absage zwei Tage vor dem Ereignis auch nicht gerade einfach.
Als Alternative bot sich an, anstatt einem Empfang mit Pressekonferenz in der Residenz lediglich eine Pressekonferenz im Koordinationsbüro abzuhalten. Ich entschied mich jedoch, den Empfang wie geplant in der Residenz abzuhalten. Die Gruppe P[atent] O[chsner] beschloss, am ersten Teil des Empfangs nicht teilzunehmen, sondern solange in der Einfahrt zu warten und erst an der anschliessenden Pressekonferenz im Garten der Residenz zu den übrigen Gästen zu stossen.
In der Folge hielt P[atent] O[chsner] es immerhin für nötig, vor der Presse zu verkünden, dass ich es ihnen nicht erlaubt habe, das Lied «Jaques» vorzutragen und die (schweizerischen) Politiker aufzufordern, die französischen Atomversuche endlich konsequent zu verurteilen.
Angesichts dieser Situation sah ich mich am Ende der Pressekonferenz veranlasst festzuhalten, dass die Schweiz die Atomversuche ebenfalls verurteilt habe10 und dass es hier lediglich darum gehe, als Gast in einem Land auf die lokalen Sensibilitäten und Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen.
- 1
- CH-BAR#E2200.202-02#2006/41#71* (643.41). Diese Notiz wurde von der Geschäftsträgerin a. i. der schweizerischen Botschaft in Antananarivo, Rosmarie Schelling, verfasst und unterzeichnet. Kopien gingen an die Sektion Ostafrika und den Informationsdienst der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und technische Zusammenarbeit mit Zentral- und Osteuropa (DEHZO), die Abteilungen I und II der Politischen Direktion und den Informationsdienst des EDA sowie an das schweizerische Koordinationsbüro in Antananarivo.↩
- 2
- Im Rahmen des ersten Teils des Projekts absolvierte eine Auswahl madagassischer Musiker, begleitet vom Kultur-, Kommunikations- und Freizeitminister Tsilavina Ralaindimby, vom 7. Mai bis zum 24. Juni 1995 eine Konzerttournee in der Schweiz. Neben Patent Ochsner nahm daran auch die Lausanner Hip-Hop-Gruppe Sens Unik teil, vgl. dazu das Schreiben von Kampagnenleiter Stefan Frey an den DEHZO-Koordinator in Antananarivo, Philippe Zahner, vom 27. Juni 1995, dodis.ch/73985, sowie die Telefonnotiz von Manuela Sonaniani Freimann von Pro Helvetia vom 17. Juli 1995, dodis.ch/74222. Zur gemeinsamen Umweltsensibilisierungskampagne À vous de jouer! bzw. Mund auf statt Augen zu! des Bundesamts für Umwelt (BUWAL) des EDI und der DEHZO vgl. die Zusammenstellung dodis.ch/C2798.↩
- 3
- Für eine Liste der Teilnehmenden vgl. das Dossier CH-BAR#E2200.202-02#2006/41#71* (643.41).↩
- 5
- Stefan Frey.↩
- 6
- Nicht ermittelt.↩
- 7
- Zur Frage der französischen Kernwaffenversuche im Südpazifik und der Haltung des EDA vgl. die Zusammenstellung dodis.ch/C2745.↩
- 9
- Vgl. das Fernschreiben von Geschäftsträgerin a. i. Schelling an Koordinator Zahner und Kampagnenleiter Frey vom 7. November 1995, CH-BAR#E2200.202-02#2006/41#71* (643.41).↩
- 10
- Zur schweizerischen Intervention im Rahmen der Abrüstungskonferenz in Genf vom 22. Juni 1995 vgl. dodis.ch/72471, Beilage.↩
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Madagascar (Generale) Francia (Generale) Questione delle armi nucleari CT: ambiente


