Language: German
21.7.1914 (Tuesday)
Le Ministre de Suisse à Berlin, A. de Claparède, au Chef du Département politique, A. Hoffmann
Political report (RP)
Entretien de Claparède avec Zimmermann sur la situation dans les Balkans après l’attentat de Sarajevo.
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Printed in

Jacques Freymond et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 3

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Bern 1981

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dodis.ch/43278
Le Ministre de Suisse à Berlin, A - de Claparède, au Chef du Département politique, A. Hoffmann1

Am Tage der Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand hatte ich einen Bericht über eine Unterredung begonnen, welche ich zwei Tage vorher mit Herrn Unterstaatssekretär Zimmermann über die politische Lage gehabt hatte. Herr Zimmermann hatte sich wieder sehr optimistisch ausgesprochen: Die immer andauernde Pressfehde, die Schwierigkeiten, welche in Frankreich die Durchführung der dreijährigen Dienstzeit begegnet, die finanziellen Sorgen und die Unstabilität der parlamentarischen Lage, dies alles konnte Frankreich nicht veranlassen, die Heilung der inneren Krankheit durch eine abenteuerliche kriegerische Politik anzustreben. Ebensowenig seien Frankreichs Verbündete geneigt, einen Krieg heraufzubeschwören: England nicht, weil es weiss, dass seine Beteiligung an einem Krieg es nötigen würde, sich am Landkrieg zu beteiligen, was es nicht will, Russland ebenfalls nicht, weil es trotz aller gegenteiligen Meldungen nicht kriegsbereit ist und den Lärm der russischen Presse nur den Franzosen zuliebe zulässt.

So ungefähr der Plan des begonnenen Berichtes. Als aber die Kunde der schrecklichen Tat in Sarajewo hier eintraf, und noch mehr am folgenden Tag die Meldung von dem Abgang der angeblichen komminatorischen Note nach Belgrad anlangte, erschien mir die Situation derart verändert, dass ich auf die Absendung eines Berichtes in dem oben angedeuteten Sinne Abstand zu nehmen mich veranlasst sah.

Seitdem ist die Stimmung hier, im allgemeinen, Oszillationen unterworfen gewesen, welche namentlich dadurch erzeugt wurden, dass, nachdem festgestellt wurde, dass die fragliche österreichische Drohnote nicht abgegangen war, eine bestimmte Absicht, in Wien einen Krieg à tout prix herbeizuführen, nicht bestand. Eine andere Strömung kam dadurch auf, und die Wiener Börse hat dieselbe stark verwertet, dass immer neue unverbürgte Nachrichten über die Aktion der grossserbischen Partei eine weite Verbreitung gefunden haben.

Um die Ansichten des hiesigen Auswärtigen Amtes zu erforschen, begab ich mich gestern zu dem Herrn Unterstaatssekretär Zimmermann, um mit ihm die verschiedenen balkanischen Fragen zu besprechen. Bei der Begrüssung gab er mir, auf eine bezügliche Frage meinerseits, die Antwort, dass er den Antritt seines Urlaubs etwas verschoben hatte, nicht, wie ich hierauf der Vermutung Ausdruck gegeben hatte, weil die politische Situation gefahrdrohend geworden sei, sondern nur um zu sehen «wie sich die Sache abwickeln würde». Die Absichten der österreichischen Regierung sind uns noch völlig unbekannt, sagte er mir, wir können nur annehmen, nach der bisherigen Entwicklung der Frage seit der Ermordung des Erzherzogs, dass die österreichische Aktion gemässigt, aber recht bestimmt sein wird. Herr Zimmermann glaubte, dass dem Verlangen Österreich-Ungarns Folge gegeben werden würde, ohne dass es zum Äussersten komme. Die Serben werden sich ja besinnen und gerechten Forderungen gegenüber nachgeben. Auf meine Frage, ob, falls es dennoch zu einem Kriege käme, andere Mächte sich daran beteiligen würden, gab mir Herr Zimmermann zur Antwort: «Hie wo! glauben Sie, dass die Grossmächte sich werden wegen dieser Lokalfrage schlagen wollen?» Ich kam dann auf die kriegerische Stimmung, welche in der österreichischen Militärpartei angeblich herrschen soll, und auf den ermordeten Erzherzog zu sprechen. Herr Zimmermann gab freilich zu, dass der Erzherzog als Vertreter dieser Richtung galt, dann fügte er hinzu: «Ja er gehörte zu den wenigen, welche diese Richtung vertraten.» (Hier darf ich einschalten, dass einer meiner hiesigen Kollegen mir kürzlich mitteilte, dass sein Wiener Kollege berichtet habe, «dass man nach der Tragödie von Sarajewo in Wien frei atmen wieder anfing, da man von dem Verstorbenen immer eine Überraschung im kriegerischen Sinne befürchtete».) Im Verlauf dieser Unterredung bemerkte Herr Zimmermann wiederholt, dass er die Forderungen Österreich-Ungarns absolut nicht kenne, dass aber nach seinen Informationen die bezügliche Note in diesen Tagen in Belgrad abgegeben werden wird.

Auf andere Fragen übergehend, begann Herr Zimmermann über Albanien zu sprechen und sagte, es sei eine kollektive Rettungsaktion zugunsten des Fürsten von Albanien seitens des Dreibunds und der Triple-Entente-Mächte nicht zu gewärtigen, von Deutschland namentlich nicht, nachdem dasselbe von Anfang an dem Prinzen von Wied die Annahme der Dornenkrone abgeraten hatte; allein, er wurde hierzu von seiner ehrgeizigen Gemahlin getrieben und müsse nunmehr die Konsequenzen seines Entschlusses tragen. Die Mission seines Ratgebers Turkhan-Pascha bei den Grossmächten sei als gänzlich gescheitert zu betrachten; die einzige Hoffnung, die für den Fürsten von Albanien noch bestehe, wäre, wenn Österreich und Italien sich noch entschlössen, ihm eine tatkräftige Hilfe zu gewähren. Dies sei nicht ausgeschlossen, denn nachdem die anderen Grossmächte erklärt haben, nicht mitmachen zu wollen, stehe es Österreich und Italien frei, nach Belieben zu handeln. Russland namentlich würde keinen Protest gegen eine solche Aktion erheben, weil es dabei hoffen könnte, dass Österreich und Italien in Schwierigkeiten zueinander geraten würden! Die italienische Mobilisierung sei zum Teil mit der Eventualität einer Truppensendung nach Albanien, zum anderen Teil wegen der noch spukenden Agitation der Eisenbahnen erfolgt.

Die Verhältnisse zwischen Griechenland und der Türkei, meinte Herr Zimmermann, scheinen ihm sich bessern zu wollen. Freilich habe er keine greifbaren Tatsachen hiefür anzuführen; allein, er habe die Empfindung, dass beide Regierungen in ihren Verhandlungen zueinander mildere Saiten als bisher anschlagen und dass beide ein Friedensbedürfnis empfinden. Dass ein Krieg zwischen denselben in nächster Zeit entstehe, scheine ihm ausgeschlossen, es sei denn, dass auf anderer Seite auf den Balkanen ein Krieg ausbrechen würde, wozu, wie er sagte, für einstweilen keine Aussicht vorhanden ist.

Ich darf hier noch hinzufügen, dass der griechische Gesandte, mit welchem ich mich kürzlich über die albanische Frage und die Bewegungen der Epiroten lange unterhielt, sich ebenfalls in optimistischen Sinne aussprach; über die Italien vielfach zugeschriebene weitere Aktion lachte er und meinte, dass Italien für die Unterdrückung der Bewegungen der Epiroten nicht 60000 Mann, sondern bloss 5000 gebrauchen würde. Die italienische Mobilmachung visiere somit hauptsächlich die anarchistischen Umtriebe im eigenem Lande.

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Rapport politique: E 2300 Berlin, Archiv-Nr. 16.