Language: German
9.7.1875 (Friday)
Der schweizerische Legationsrat in Berlin, A. de Claparède, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departements, J. J. Scherer
Report (R)
Die Gesandtschaft Berlin informiert über den fortgeschrittenen französischen Festungsbau. Kriegsgefahr zwischen Deutschland und Frankreich.
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Printed in

Erwin Bucher, Peter Stalder (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 3, doc. 71

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Bern 1986

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dodis.ch/42050
Der schweizerische Legationsrat in Berlin, A. de Claparède, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departements, J. J. Scherer1

Confidentielle

In Ihrem confidentiellen Erlass an Herrn Obersten Hammer, vom 12. May2 abhin, sprachen Sie den Wunsch aus über den Stand der französischen Landesbefestigungen Bericht zu erhalten. Da vor seiner Abreise nach Petersburg Herr Oberst Hammer das zur Berichterstattung erforderliche Material nicht mehr hatte beschaffen können, habe ich seither bei dem General von Voigts-Reetz confidentielle Erkundigung eingezogen und von ihm mündliche Mittheilungen erhalten, die er dadurch vervollständigt und bestätigt hat, dass er mir heute die letzterschienene anbeifolgende Nummer 54 des «Militär-Wochenblattes»3 übermittelt, in welcher eine übersichtliche Darstellung der von der französischen Regierung in Angriff resp. in Aussicht genommenen Befestigungen zu finden ist.

Dieser aus der vom Grossen Generalstabe veröffentlichten «Registrande» entnommenen Darstellung beehre ich mich hinzuzufügen, dass, den Mittheilungen des General von Voigts-Reetz zufolge, die Arbeiten an den Doubs-Ober Mosel und Maaslinien, – namentlich in Beifort, Besançon, Toul und Verdun, – sowie um Paris, Lyon und Dijon mit ganz besonderem Eifer und in der Weise betrieben werden, dass bis Ende des Sommers 1876 der grösste Theil der an gedachten Orten projektirten Werke in Vertheidigungszustand gesetzt werden können.

Was die Befestigungen von Paris insbesonders betrifft, so vernahm ich durch General von Voigts-Reetz sowie durch einen in Paris lebenden Schweiz. Genie-Offizier, dass man dort zumeist mit der Ausführung der im Norden und im Süden der Hauptstadt zu errichtenden Werke beschäftigt sey.

Bei diesem Anlass will ich einen angeblich vom Grafen Moltke herrührenden Ausspruch über die Reorganisation des französischen Heerwesens erwähnen, demzufolge ein im Jahre 1876 oder 1877 ausbrechender Krieg mit Frankreich für Deutschland einen Mehrverlust von 100,000 resp. 180,000 Mann zur Folge haben würde, als wenn derselbe schon in diesem Jahr stattfände.

Ohne für die angegebene Authorschaft dieses in militärischen Kreisen kursirenden Ausspruches eintreten zu wollen, glaube ich denselben hier desshalb anführen zu können, weil er sowohl die Meinungen massgebender deutscher Offiziere oder Staatsmänner über die französischen Rüstungen zu kennzeichnen, als in Betreff der den jüngsten Kriegsdrohungen zu Grunde liegenden Motive Aufschluss resp. Bestätigung zu gewähren mir geeignet erscheint.

1
Bericht: E 27/23324.
2
Nicht ermittelt.
3
Nicht abgedruckt.