Language: German
12.5.1860 (Saturday)
Le Chargé d’affaires de Suisse à Vienne, L. Steiger, au Président de la Confédération, F. Frey-Herosé
Report (R)
Position de l’Autriche sur une éventuelle Conférence des puissances.

Classement thématique série 1848–1945:
I. RELATIONS BILATÉRALES
I.9. France
I.9.5. Question de Savoie
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Printed in

Jean-Charles Biaudet et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 1, doc. 395

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Bern 1990

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Repository

dodis.ch/41394
Le Chargé d’affaires de Suisse à Vienne, L. Steiger, au Président de la Confédération, F. Frey-Herosé1

Mit Ihrer geehrten Depesche vom 4. d. M.2 haben Sie die Güte, mir confidential die Unterredung mitzutheilen, welche der eidgenössische Herr Minister in Paris mit dem russischen Gesandten Herrn von Kisseleff hatte, sowie den Passus aus einer Zuschrift des Herrn de La Rive vom 1. d. M.3 über eine Unterredung, welche derselbe mit Lord John Russell hatte. Diese Mittheilungen waren mir von grossem Interesse, jedoch hat Lord John Unrecht, wenn er behauptet, dass Österreich sich in der savoyischen Frage kalt für die Schweiz beweise und mit den Worten schliesst: «On devrait peut-être insister un peu plus encore qu’on ne l’a fait auprès de l’Autriche.» Ich erlaube mir, hochgeachteter Herr, den Standpunkt näher zu beleuchten, von welchem Österreich diese Frage vom Anfänge an betrachtet und consequenter daran festgehalten hat als England es bisher gethan. Das Österreichische Cabinett hat, das ist vollkommen richtig, die Conferenz wegen der savoyischen Frage nicht gern gesehen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es von seinem Standpunkte nicht unrichtig behauptete: «Europa hat zu der Annexion der Herzogthümer still geschwiegen; eine Frage, welche für uns von viel grösserer Wichtigkeit, als diejenige von Savoyen ist, und nun verlangt man von uns, dass wir die erstere Frage fallen lassen und nur die savoyische Frage bei den Conferenzen zur Sprache bringen sollen.» Trotz dieser vorgefassten Meinung gelang es jedoch, dass Österreichische Cabinett von der Wichtigkeit der savoyischen Frage zu überzeugen und seine Theilnahme zu gewinnen, für das Recht und die Interessen der Schweiz in die Schranken zu treten. Graf Rechberg hatte den reiflichen Willen, die Conferenzen verwirklicht zu sehen, allein wie ich zu wiederhohlten Malen mitzutheilen die Ehre hatte, verlangte er, dass die Cabinette sich über die Schritte, welche in Paris gemacht werden sollten, vor Allem genau verständigen; ja er gieng noch weiter, er wollte den Entschluss der Mächte kennen, was sie zu thun gesonnen seien, wenn Frankreich die Vorschläge verwerfe, ob man in diesem Falle entschlossen sei, selbst mit Gewalt der Waffen die Forderungen zu unterstützen. Russland hat diesen Vorschlag Österreichs kaum beantwortet und in seiner Antwort ohne Rückhalt erklärt, dass es die Frage der Annexion Savoyens als ein Privat-Übereinkommen Piemonts und Frankreichs betrachte, welches die Interessen Europas nicht berühre. Die Haltung Preussens war so schwankend, dass eine feste Entscheidung nicht zu erwarten war; es blieben somit noch England und Österreich übrig, welche ihre Bemühungen fortsetzten, um ein Übereinkommen zu Stande zu bringen; jedoch scheiterten bis jetzt diese Anstrengungen an der Rathlosigkeit und dem Muthe derjenigen, welche berufen waren, die Rechte der Schweiz zu schützen. Diese Uneinigkeit der Mächte war für Frankreich ein gewonnenes Spiel und man scheute sich nicht mehr, eine Sprache zu führen, die gewiss nicht geführt worden wäre, wenn man in Paris nicht die sichere Überzeugung gehabt hätte, dass man in Petersburg sowohl als in Berlin keinen entscheidenden Schritt machen wollte, die garantirten Rechte der Schweiz zu schützen. Was ich Ihnen, hochgeachteter Herr, hier mitzutheilen die Ehre habe, sind nicht meine Ansichten allein, sondern Überzeugungen von Männern, welche die wichtige vorliegende Frage mit Ruhe verfolgt und in einem unverkennbaren Wohlwollen für die Schweiz gegen mich ausgesprochen haben. England und Österreich machten die traurige Erfahrung, dass ein Übereinkommen mit den Mächten nicht zu erzielen sei; allein so schwach die Aussichten waren, ein gemeinsames Vorgehen zu erreichen, so gaben sie dessen ungeachtet ihre Bemühungen in dieser Richtung nicht auf; ich habe meines Theils keine Gelegenheit versäumt, den Grafen Rechberg in dieser Ansicht zu bestärken und selbst auf die Gefahr hin, ihm manchmal lästig zu fallen, unausgesetzt das Zustandekommen der Conferenzen bei ihm angeregt. Der englische Gesandte selbst hat es anerkannt und mir es erst vorgestern wiederhohlt, dass Graf Rechberg eifrigst bemüht sei, eine Übereinstimmung in dieser Frage zu erreichen, er habe auch in diesem Sinne an seine Regierung berichtet, allein der Standpunkt Österreichs sei nach seiner Privat-Ansicht, denn er habe von seiner Regierung gar keine Instruktionen, der vollkommen richtige. Österreich frage ganz einfach: was wollt ihr in Paris thun, wollt ihr euch der Gefahr aussetzen, dass Frankreich von euch verlangt, den Vertrag der Cession Savoyens anzuerkennen, und Anderes wird Frankreich nicht verlangen, oder wollt ihr vereint ein Programm entwerfen, welches die Mächte dem Congresse vorlegen. Zu ersterer Auffassung wird Österreich nie seine Zustimmung geben, und dies mit vollem Rechte, denn dadurch würde der Schweiz nicht nur kein Dienst geleistet, sondern ihr eher geschadet. Es muss daher vor Allem eine Übereinstimmung erzielt werden; man muss wissen, was man für die Interessen der Schweiz fordern will, und diese Forderungen auch mit Nachdruck behaupten können. So äussern sich viele meiner Collegen und diese Äusserungen stimmen mit denjenigen des Grafen Rechberg vollkommen überein. Kann man sich in dieser Richtung verständigen, so wird Österreich sich unbedingt den ändern Mächten anschliessen, denn es ist sehr irrig, wenn man in London glaubt, man habe hier alle Hoffnung einer Verständigung schon aufgegeben; viele meiner Collegen glauben im Gegentheile, dass man in London weniger aufrichtig guten Willen hat, eine entschiedene Forderung an Frankreich zu stellen, als hier. In Paris sucht man die Frage der Conferenz solange als möglich hinauszuziehen, und wie Herr Dapples ganz richtig bemerkt, die Mächte und die Schweiz zu ermüden und dadurch direkte Verhandlungen mit der Schweiz herbeizuführen. Frankreich will die Conferenzen nicht und sucht alle Vorwände, deshalb die Einschiebung Piemonts und der Vorwurf an Österreich, dass es gegen die Theilnahme dieses Staates an der Conferenz protestire. Allerdings mag Österreich, nicht allein vom Rechtsstandpunkt, Piemont das Recht der Theilnahme bestreiten, sondern auch ein Akt der Jalousie obwalten, diesen Staat in den europäischen Fragen am grünen Tische zu sehen, allein ich glaube nicht, dass dieses Hindernis unbesiegbar ist, wenn einmal die Hauptsache, das Programm der Mächte und die Theilnahme der Garanten der Verträge sichergestellt ist. Ich habe heute neuerdings mit Graf Rechberg eine Unterredung gehabt und ihm kein Hehl daraus gemacht, dass man in London behaupte, das Zustandekommen der (Konferenzen scheitere an der Theilnahmlosigkeit Österreichs, worauf er mir bemerkte, es sei keine Kunst, wenn man selbst keinen guten Willen habe, den Fehler ändern in die Schuhe zu schieben; er bemerkte ferner, Österreich halte an dem fest, was er immer gegen mich geäussert habe; bevor man die Conferenz beschicke, müsste man einig sein, was man in Paris wolle; könne man sich darüber einigen, so werde Österreich sich den ändern Mächten anschliessen; er habe in diesem Sinne neuerdings nach London geschrieben und erwarte Antwort; Lord Loftus habe gestern seinen Courier bekommen, jedoch noch keine Vorschläge auf seine Anfrage; die Frage habe sich daher nicht im Geringsten verändert. Ich habe sowohl gegen ihn wiederhohlt als auch gegen den preussischen und englischen Gesandten die Instruktionen, dass die Schweiz entschieden wünschen müsse, den Conferenzen permanent beizuwohnen, und ich glaube hoffen zu dürfen, dass man dieses Recht der Schweiz reserviren wird. Dies, hochgeachteter Herr, ist der genaue Stand der Dinge, und ich hoffe, dass sie daraus die Überzeugung schöpfen werden, dass Österreich für die savoyische Frage ebenso wenig gleichgültig ist als England.4

1
E 2300 Wien 13.
2
E 2/1632.
3
Idem.
4
Note de F. Frey-Hérosé: 1.) An H. Steiger: Die Conferenz soll sich mit der savoyischen Frage befassen, weil die Schweiz deshalb den Zusammentritt wünschte. Von Seite Parmas und Modenas ist der dortigen Verhältnisse wegen, von den Betheiligten keine Conferenz angerufen worden. Die für die Schweiz wichtige Frage wird verrükt und verallgemeinert. Verhilft man der Schweiz zu ihrem Recht, so ist wenigstens theilweise, und in dem für Europa wichtigsten Punkt, der Cessionsvertrag zwischen Piemont und Frankreich nicht anerkannt und im europäischen Interesse modifizirt. Einfaches Gehenlassen aber giebt dem Vertrag seine Gültigkeit. 2.) Mittheilung an H. Kern und De La Rive.