Classement thématique série 1848–1945:
I. RELATIONS BILATÉRALES
I.2. Autriche
I.2.4. Relations commerciales
Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 1, doc. 317
volume linkBern 1990
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dodis.ch/41316
Das abgelaufene Jahr 1858 hat in den commerziellen Beziehungen des Lombardisch-Venetischen Königreichs mit der Schweiz keinerlei Veränderungen erlitten, die das Interesse unseres Handels und unserer Industrie besonders in Anspruch nehmen könnten.
Durch die bestehenden Zollverhältnisse bleibt die Einfuhr den meisten unserer Schweizer Fabrikate wenn nicht unmöglich, doch so erschwert, dass ein Handel, der nur beim Schmuggel bestehen kann, nicht wohl befürwortet werden könnte. Die Druckwaaren aus Glarus, die sogenannten Toggenburger Artikel, finden ihren Hauptconsum in den Herzogtümern und Unter-Italien, während hier selbstredend die Vorarlberger den Bedarf der Lombardie decken.
Die Stickereien der Kantone St. Gallen und Appenzell, die Ridaux-Fabrication, die tamburirt gestickten Mousseline-Tücher haben hier immer noch einen gewissen Absatz, welcher durch die Lage und getroffene Einrichtung jener dortigen Fabrikanten mit ihren Filialen jenseits der Grenze nach Bregenz hin ermöglicht wird.
In geringem Seidenbändern finden die Zofinger-Fabrikanten immer einigen Absatz, der nach einem Lande, wo Seiden erzeugt werden und es an Fabriken dieses Artikels nicht fehlt, um so rühmlicher ist.
Wenn nun, wie gesagt, diese verschiedenen Erzeugnisse unserer Schweizer-Fabrik der bestehenden Verhältnisse wegen nicht bedeutendem Verkehr zugänglich sind, so kann sich die Schweiz aber rühmen, der hiesigen Industrie die Werkzeuge gegeben zu haben, um sich ihre Fabrikate selbst zu machen. Die grosse Anzahl hiesiger Baumwoll-Spinner arbeitet mit Maschinen aus den Etablissements der Herren Escher Wyss & Co., Jacob Rieter & Co., und jeder italiänische Spinner zeigt mit Wohlgefallen seine neue Bank Abegg oder sein Zuppingerrad, damit sagen wollend, wie er nicht zurükbleibe und die erste Aufgabe des Industriellen, dem Progress zu folgen, verstehe. Die Maschinen für Seiden-Spinnerey und Seiden-Zwirnerey wurden ausser obigem erstgenannten Etablissement bis jetzt meistens durch dasjenige in St. Georgen geliefert und darf sich dieses rühmen, auch nach der Wiedergeburt des nun gegenwärtig durch einen Schweizer rühmlichst dirigirten hiesigen Ateliers «l’Elvetica» die Mehrzahl der in dieses Fach einschlagenden Maschinen dennoch construirt zu haben. Die letztjährige Crise, die diese Branche so schwer mitgenommen und dem Seiden-Spinner und -Zwirner einstweilen den Muth genommen hat, seine Fabriken zu verbessern oder zu vergrössern, that leider diesen wichtigen Beziehungen starken Abzug.
Den finanziell grössten Tribut, von der Industrie auf die Landwirthschaft übergehend, entrichtet die Lombardie immer noch unsern kleinen Cantonen durch ihren grossen Bedarf an Vieh; und wenn die Märkte, die alljährlich in Lugano und Lecco abgehalten werden, nicht mehr die gleiche Anzahl Stücke aufzählen sollten, so liegt der Grund allein darin, dass die hiesigen Händler nicht erst diese Märkte abwarten, sondern das ganze Jahr so zu sagen ihre Associés oder Agenten in den erzeugenden Cantonen stationirt halten und so aus diesem Handel ein ganz regelmässiges Geschäft geworden ist wie jedes andere. Von allen Produkten dieses letzten Jahres fand der hiesige Landwirth sein bestes Interesse bei der Käserzeugung, und während der Bauer aus der Gegend, wo diese Industrie nicht besteht und des Landes wegen nicht bestehen kann, und der bei seinem Wein, der immer noch nicht recht gerathen will, seinem Korn und türkisch Korn, das wenig gilt, mit herber Noth zu kämpfen hat und seine schweren Lasten kaum ertragen kann, wird der grosse Besitzer, der Käse und Vieh erzeugt, zum reichen Herrn; kein Wunder also, dass dieser fortwährend bedacht ist, neue Wiesen anzulegen und seinen Viehstand zu vergrössern, daher denn für unsere Lieferanten alljährlich höhere Preise und grösserer Absatz in Aussicht steht. Die grossen Speditionen von Schweizer Käsen gehen mehr in Transit nach Venedig und Triest, da der Consum in der Lombardei durch die wohlfeilem Tyroler Käse zum grössten Theil versehen wird.
Eine andere wichtige Gabe der Natur, die Millionen auch von hier in unser Land bringt, ist das Holz; welcher Reichthum für das nahe Bündten, für das nahe Tessin! – Aber wie sehr ist die Wiederanpflanzung und nicht nur das Ausholzen zu empfehlen. Bald fliegt die Locomotive durch ganz Italien und besitzt den kleinsten Theil von Brennmaterial, seine Industrie dehnt sich immer mehr aus und bedarf Bau- und Brennholz vom Ausland.
Was nun die Lombardie unserem Lande gegen diese Millionen gibt, ist die Seide, die ihr in reichem Masse dadurch wieder zurükfliessen, und ist zu bedauern, dass dieser wichtige Artikel in Production wie in Consum so wenig sichere statistische Angaben aufzuweisen hat.
Es wurden im Jahr 1858 über die beiden Hauptpassagen versandt:
Splügen 7794 Ballen St. Gotthard 5111 Ballen,
die ein Gewicht von circa 1 Million Kilogramm und zum diesjährigen Durchschnittspreis einen Betrag von 90 Millionen Franken constatiren.
Wieviel jetzt von diesen in den Consum der Schweiz selbst übergangen, kann annähernd am besten aus den Seidentroknungs-Anstalten von Zürich und Basel entnommen werden. Das übrige gieng in Transit nach Deutschland, England und Russland.
Die Seiden-Ernte des Lombardisch-Venetischen und italienischen Tyrols war 1/4 einer gewöhnlichen Mittel-Ernte und nach den von der Crise noch blutenden Wunden des Spinners wie des Fabrikanten blieben Cocons auf mässigem Preis, so dass bei dem enormen Consum der letzten Monate sowol für Europa als ganz besonders für Amerika die Preise so beträchtlich gestiegen, dass ein Theil des gemachten Verlustes wieder eingeholt ist.
Die Seidenraupenkrankheit ist noch nicht im Abnehmen, man verschafft sich die Raupen-Eyer aus allen Zonen der Welt, ohne bis jetzt auch aus denen, die es bis zu Cocon brachten, die Fortpflanzung erzielen zu können; der beste Beweis, dass auch der von Atrophie ganz freie kleine Wurm durch die vegetabilische Krankheit des Maulbeerbaums im letzten Stadium, wo er am meisten verzehrt, die Krankheit durch Nahrung bekömmt. Ohne in dieses zu weit führende Thema, über das die Gelehrten noch nicht einig sind, eintreten zu wollen, wäre jedoch unsern Fabrikanten in der Schweiz immer mehr zu empfehlen, sich mit der Anwendung asiatischer Seiden recht vertraut zu machen, da die Ernten in Europa noch lange so bedroht und die Preise des Rohstoffs auf noch nie erlebte Höhe kommen können.
Reis machte eine geringe Ernte, bleibt aber bei den reichen Ernten anderer Früchte im Ausland auf niedrigem Preis, da dieses ein Erzeugnis des grossen Besitzthums und nicht des kleinen Grundeigenthümers ist, so ist der Stand dieses Artikels von weniger wichtigen Folgen für dieses Land als für das nahe Piemont.
In Eisenbahnen kamen die Bahnen nach der piemontesischen Gränze bis nach Magenta, und Verona nach Tyrol zur Vollendung, und kann letztere durch die Güter von Triest nach Deutschland dem Splügen Eintrag thun.
Die projectirte Fahrbarmachung für Dampfschiffe von Colico nach Riva und von da an eine Eisenbahnlinie bis nach Chiavenna wäre um so wünschbarer, und da dieses Unternehmen wahrscheinlich weder zu den verwegenen noch zu grossen Summen erfordernden gehört, so ist zu bedauern, dass Chur noch keine Gesellschaft gegründet hat, die um diese Conzession bei der östreichischen Regierung einkömmt, anstatt bei dem schon lange genährten Project stehen zu bleiben und zu warten, bis es Andere energischer an die Hand nehmen.
Der neue östreichische Münzfuss bleibt in seinen Wirkungen zum Grosshandel gleich und im hiesigen Kleinhandel wird man fortfahren, nach Zwanzigern zu rechnen, wie man seit undenklichen Zeiten in Mailänder Lire abusiv, die nicht bestanden, gerechnet hat. Der grösste Theil der heute noch circulierenden Münze ist der alte Zwanziger zu 34 oder der Neue zu 35 Neukreuzer. Neue Guldenstüke haben bereits ihren Abusiv-Curs im Kleinhandel zu Lire aust. 2.95 in der Stadt und zu £ 3.– in der Provinz.
Der Seidenhandel hat bei diesem Anlass sein Gewicht auf Kilogramm und den Guldenfuss gestellt und betragen z. B. £ 30 für kleines Pfund heute Fl. 32.13 pr. Kilogramm.
Die Errichtung einer Sconto-Bank wird auch dem schweizerischen Wechsel-Geschäft in seinem bedeutenden Verkehr mit hiesigem Platz von Nuzen werden; die endliche Eröffnung derselben fand bis jetzt eine Verzögerung in der Wahl der Direction und inneren Differenzen unter den Unterschriften.
Ich wiederhole mein Bedauern, einem löblichen Handels- und Zoll-Departement meinen Bericht durch statistische Übersichten nicht vollständiger machen zu können, aber was hier zu Lande darin besteht, ist total unzuverlässig, da die Interessen jedes Individuums und jeder Local-Behörde der Art sind, den wahren Umsatz ihres Handels und ihrer Industrie so viel als möglich aus Furcht der Besteuerungen zu verbergen und diese Angaben zu alterieren.
- 1
- Rapport (Copie): E 2200 Mailand 1.↩
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