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1936 - 1945
Archiv Bank J. Vontobel & Co. AG, Zürich
Vontobel I: o. Signatur. Dossier Schwarze Liste I und II
Information Independent Commission of Experts Switzerland-Second World War (ICE) (UEK)
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Vontobel I



J. Vontobel & Co. AG, Zürich: o. Signatur. Dossier Schwarze Liste I und II



In diesen beiden Dossiers befinden sich a. Akten, die zeigen, wie Vontobel auf die Listensetzung reagiert und wie die Bank wieder von der Liste gestrichen wird [wichtige Akten kopiert] und b. der im folgenden beschriebene Revisionsbericht von Price Waterhouse & Co. Zürich vom 10.11.1945 [kopiert].

Price Waterhouse & Co. Zürich: Revisionsbericht über die Finanztransaktionen der Bank Vontobel mit der Achse 1940-1944, 10.11.1945

Der im Auftrag der Bank J. Vontobel & Co. Zürich erstellte Revisionsbericht vom 10.11.1945 bestätigt, dass die Finanztransaktionen der Bank Vontobel mit Firmen und Personen in den Achsenstaaten in den Jahren 1940 bis 1944 im Vergleich mit den übrigen schweizerischen Banken kein überdurchschnittliches Ausmass aufwiesen. Gemäss Price Waterhouse besass die Bank weder grössere Beteiligungen an ausländischen Gesellschaften noch gewährte sie grössere Kredite an Unternehmen mit Sitz oder Personen mit Wohnsitz im Ausland. Die Treuhandfirma fand zudem keine Hinweise auf irgendwelche Sympathien der Bankleitung oder Angestellten zu Ländern oder Institutionen der Achse. Der Bericht der Price Waterhouse & Co. Zürich widerlegt damit die Vorwürfe der Alliierten, welche dazu führten, dass die Privatbank per 31.12.1944 auf die englische und per 12.1.1945 auf die amerikanische Schwarze Liste gesetzt wurden. Mit Wirkung ab dem 17.11.1945 wurde Vontobel denn auch von der Schwarzen Liste gestrichen.
Der Bericht zeigt die Besitzverhältnisse und Finanzbeziehungen der Bank Vontobel zu deutschen Personen und Firmen auf und berichtet über den Wertschriften-, Devisen- und Goldhandel.

A. Besitzverhältnisse:
Neben dem unbeschränkt haftenden Gesellschafter Jakob Vontobel (Fr. 100'000.--) ist die Firma "Aktiengesellschaft für Partizipationen, Zürich" mit Fr. 300'000.-- an der 1936 neu gegründeten Bank beteiligt. In ihrem Bericht nennen die Revisoren den Namen des privaten, schweizerischen Geldgebers [1] jedoch nicht, der hinter dieser Aktiengesellschaft steht und die Bank Vontobel somit mehrheitlich besitzt, aber als Kommanditär nicht in Erscheinung zu treten wünscht. In dessen Auftrag leitet Dr. Hugo von Ziegler [2] die AG für Partizipationen, die allerdings seit ihrer Gründung im Jahre 1936 keine Geschäfte getätigt hat. Seit August 1945 vertritt eine Unterabteilung der AG für Partizipation die finanziellen Interessen österreichischer Flüchtlinge in der Schweiz.
Der Revisionsbericht führt zudem aus, dass Jakob Vontobel bis anfang 1945 Mitglied des Verwaltungsrats und der Direktion der Firmen Spinnerei Murg AG, Quarten und Allgemeine Gas-Industrie-Gesellschaft, Zürich gewesen ist. Hingegen ist er weiterhin für die "Société coopérative de secours mutuel et de protection des intérèts suisse en Russie, Berne" tätig.

[1] Beim Kommanditär handelt es sich um Robert Züst, einen langjährigen Freund Jakob Vontobels und Ingenieur der Firma "Intra", ohne Ortsangabe. Quelle: Vertrag zwischen Jakob Vontobel und Robert Züst, 21.7.1936 (kopiert). An der Bank ist kein ausländisches Kapital beteiligt. Q: Schreiben Vontobels an die Volkswirtschaftsdirektion Zürich, 12.6.1936 (kopiert). 1940 löst Jakob Vontobel die Kommandite von Fr. 300'000 durch Rückzahlung ab, so dass der unbeschränkt haftende Teilhaber zugleich auch der einzige Kommanditär der Bank ist. Q: Hans Vontobel, Vontobel-Chronik S. 36, Zürich, unvollständiges Manuskript, 1992. Dazu stellt ihm eine "Stiftung Pro Familia, Bulle, die von Robert Züst (von Lutzenberg (Appenzell), wohnhaft in Ronco), dessen Sohn Robert Züst jun. und von Jakob Vontobel geleitet wird, ein Darlehen zur Verfügung. Q: Entwurf des Berichtes [kopiert].
[2] Inhaber des gleichnamigen Bankgeschäftes in Schaffhausen, Schwiegersohn von C. Schindler. Q.: Entwurf des Berichtes [kopiert].

B. Folgende Kundenbeziehungen wurden untersucht:
1. Ein Manager der Norddeutschen Lloyd, Bremen, besitzt einen US-Pass und hält sich während des Krieges teilweise in New York, teilweise in Bremen auf. Er ist in den Versand von Liebesgaben nach Deutschland involviert, bei dem Personen aus neutralen Staaten Geld in harter Währung dafür bezahlen, dass ihre Verwandten und Freunde in Deutschland mit in Paketen versandten Konsumgütern versorgt werden, die sonst kaum verfügbar wären. Bei der Bank Vontobel eröffnet er 1939 ein Dollar-Konto, über das er Finanztransaktionen im Zusammenhang mit dem Liebesgaben-Versand abwickelt. Vontobel & Co. handeln als Inkassovertreter für den Versand von Liebesgabenpaketen nach Deutschland und Holland bis zum Juni 1942, als das Britische Generalkonsulat in Zürich diese Aktivitäten verurteilt und die Bank ein "Undertaking" unterzeichnet, [Zirkular der Vontobel, 4.9.1941 kopiert]. An den Transaktionen sind zudem folgende Personen und Gesellschaften beteiligt: [...]
2. Robert Bosch GmbH, Stuttgart: Vontobel & Co. kaufen für das Konto der Bosch im Juni 1944 für Fr. 200'000.-- Eidg. Anleihen, die am 5.10.1944 einem Vertreter der Bosch ausgeliefert werden.
3. Konto R.V.: Die Bank führt unter dem Namen R.V. (Ruth Vontobel, der Tochter von Jakob Vontobel) Konti und Depots, bei denen der Besitzer nicht in Erscheinung treten will: Der Schweizer Industrielle [3] besitzt 1939-1944 einen Produktionsbetrieb der zivilen Wirtschaft, der mit deutschen Konzernen derselben Branche verbunden ist. Da der Kontoinhaber früher in Deutschland wohnte, betrachten ihn die deutschen Devisenbehörden als "Devisen-Ausländer". Deshalb lässt er das Vermögen durch komplizierte Transaktionen tarnen und trifft für den Fall einer deutschen Invasion Vorkehrungen, um das Kapital in Sicherheit zu bringen.
4. Über ein Konto "Sundries" [Verschiedenes] werden Finanztransaktionen mit der Deutschen Heilstätte Davos und mit Schwinner, einem ehem. deutschen Konsul in Russland und in Italien abgewickelt.
5. Vontobel & Co. führen u.a. Konti für die im Deutschen Reich wohnhaften [...], einen ehem. Diplomat beim Deutschen Konsulat in Rom, für einen früher in Wien wohnhaften Kontoinhaber [4], für die Deutsche Handelskammer in der Schweiz, Zürich sowie für einen früher in Berlin wohnhaften Deutschen [5], der bei der Bank Vontobel das Nummernkonto 2000 besitzt.
6. Die auf der englischen und amerikanischen Schwarzen Liste aufgeführten Zürcher Firmen Felix Endrich AG, Immoval AG (die mit Dr. Barwisch, Davos Beziehungen pflegt), Reisebüro Hans Meiss AG, die Vorsorgestiftung der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon-Bührle & Co., Zürich, die Sociéte Bancaire de Genève, Genf und die Zürcher Filiale der Banca della Svizzera Italiana, Lugano werden als Kunden der Vontobel genannt.
7. Die beiden Prokuristen der Bank Vontobel Gustav Zangger und Walter Fischer sind Besitzer mehrerer Nummern- und Pseudonymkonti und kaufen u.a. von der Bank Sponholz & Co., Berlin Auslandbonds. [Die Bank verdankt Fischer ihre europäische Spitzenstellung auf dem Auslandbonds-Markt. Q: J. Vontobel & Co., Zürich: Kleine Geschichte des Bankhauses J. Vontobel & Co., Zürich, verfasst aus Anlass seines 50-jährigen Geschäftsjubiläums 1974, S. 27].
[3] [...]
[4] [...]
[5] der Name des Kontoinhabers Dr. W. Scholvien wird nur im Entwurf des Revisionsberichtes genannt. Siehe auch: Q. Spezialfall Nr. 230 der SVSt, 1947.

C. Wertschriftenverwaltung und Effektenhandel:
1. Ein Österreicher besitzt ein Depot mit Wertschriften, die er in den 1920er Jahren von seinem Vater, einem naturalisierten Schweizer, geerbt hat. Verfügungsberechtigt ist dessen Vormund, ein Anwalt aus Innsbruck.
2. Die Bank Sponholz & Co., Berlin verkauft Vontobel anfang 1943 Portugal-, Argentinien- und Brasilien-Anleihen, die angeblich nicht aus den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten stammen sollten. Vontobel verkauft die Wertschriften an ihre beiden Prokuristen Zangger und Fischer sowie an die Firma Fernandes Magelhaes Ltda., Oporto weiter. Für den Erlös von ca. Fr. 123'000.-- kauft Sponholz bei Vontobel im April und Juni 1943 Eidg. Anleihen. Nachdem die Bonds in Zürich eingetroffen sind, schöpfen Vontobel & Co. über die wirkliche Herkunft der Titel Verdacht und brechen die Beziehungen zur Bank Sponholz nach der Transaktion ab.
3. Die vom Deutschen Reich kontrollierte Konversionskasse für Deutsche Auslandschulden, Berlin, kauft über die Vontobel & Co. zwischen 1939 und 1944 für 5 Millionen Schweizerfranken Anleihen (Funding Bonds) zurück. Die Schuldner waren aufgrund der Anleihensprospekte verpflichtet, jährlich einen Teil des, in der Zwischenkriegszeit aufgenommenen Darlehens zurückzuzahlen. Da die Kurse dieser an der Schweizer (und insbesondere an der Zürcher) Börse gehandelten Obligationen während des Krieges 20 bis 50% unter dem Nominalwert stehen, ziehen die Darlehensnehmer es vor, ihren Verpflichtungen nicht durch Auslosung und Rückzahlung der entsprechenden Kapitalanleihe, sondern durch Rückkäufe am Markt nachzukommen. In grossem Umfang werden solche Tilgungs- und Amortisationskäufe über Vontobel abgewickelt, und somit aus der Sicht der Bank der deutschen Wirtschaft Schweizerfranken entzogen. Hingegen erhält Vontobel von der Konversionskasse nie Aufträge, Bonds zu kaufen, da dieselben alle über den offiziellen Vermittler der Koka, d.h. über eine grössere Schweizer Handelsbank, abgewickelt werden.
Zudem kauft die Bank Vontobel an der Zürcher Börse für 1,8 Millionen sFr. in der Schweiz emittierte Obligationen deutscher Industriegesellschaften (vor allem deutscher Elektrizitätswerke) und für sFr. 190'000.-- gesperrte Reichsmark, die sie anschliessend an die Deutsche Golddiskontbank, Berlin weiterverkauft. Dabei werden die Schweizerfranken - direkt oder durch Vermittlung einer der Schweizer Handelsbanken - durch die SNB vom Konto der Reichsbank an Vontobel überwiesen. Gemäss Vontobel werden solche mit der Koka und der Dego abgewickelte Transaktionen auch von vielen anderen Schweizer Handels- und Privatbanken durchgeführt. Der Bericht erwähnt schliesslich, dass Vontobel & Co. 1939 und 1942 von der Dego Britische und Amerikanische Obligationen im Betrag von ca. sFr. 60'000.-- gekauft haben.
4. Kleinere Transaktionen werden zwischen 1939 und 1941 mit den folgenden Banken getätigt: Dresdner Bank, Berlin und Hamburg; Merk, Fink & Co., Berlin; Commerz- und Privat Bank, Hamburg; Wunder von Wendland, Hamburg; Seiler & Co., München; Norddeutsche Kreditbank, Hamburg; Länderbank, Wien; Bützow & Tillisch, Kopenhagen; Den Danske Landemansbank, Kopenhagen; Guarantee Trust Co., Vichy; N. V. Mij. v/h T. A. Dikken, Amsterdam; Theodor Gilisson, Amsterdam.
5. Handel von Wertschriften: Zwischen 1942 und 1944 führt die Bank Vontobel jährlich ca. 15'000 Wertschriftengeschäfte aus. In 4% der zwischen 1.1. und 15.9.1944 von der Revisionsfirma untersuchten Fälle sind dabei die Wertschriften nicht mit einem Affidavit versehen. Gemäss Revisionsbericht tätigt Vontobel den Handel mit ausländischen Titeln so, wie ihn auch die übrigen schweizerischen Banken und die übrigen Zürcher Börsenagenten durchführen.

D. Devisen- und Goldhandel:
Der Handel in fremden Noten ist bis 1940 vernachlässigbar, hat aber zwischen 1940, als die Bank für den Noten- und Goldhandel einen Devisenhändler anstellt, und Ende 1944, als der Markt für ausländische Währungen zusammenbricht, eine gewisse Bedeutung.
Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wendet sich die Bank Vontobel auch dem Goldhandel zu. 1939 bis 1942 kauft sie vor allem für die regulären Bankkunden für ca. 4,6 Millionen sFr. Goldmünzen und für sFr. 800'000.-- Barren. Der Bericht hält zwei Transaktionen fest: Im September 1941 kauft Vontobel vom Deutschen Generalkonsulat in Zürich Gold im Betrag von ca. sFr. 50'000, das nach Ansicht der Bank von ins Deutsche Reich zurückreisenden Deutschen stammt. 1941/1942 verkaufen Vontobel & Co. zudem den beiden in Porto domizilierten portugiesischen Banken Cupertino de Miranda & Co. und Fernandes Magelhaes Ltda Gold im Wert von ca. sFr. 390'000.-- gegen Escudos.
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