Language: German
28.11.1944 (Tuesday)
Le Consul général de Suisse à New York, V. Nef, au Chef de la Division des Affaires étrangères du Département politique, P. Bonna
Political report (RP)
Influence d’importance relative mais perceptible d’une information soviétique antisuisse dans la presse américaine. Mesures proposées pour mieux faire connaître, au plan économique et touristique, en vue de l’après-guerre, la Confédération helvétique aux Etats-Unis.

Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
II.9. ÉTATS-UNIS
II.9.1. ÉTATS-UNIS - RELATIONS POLITIQUES
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Printed in

Philippe Marguerat, Louis-Edouard Roulet (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 15, doc. 305

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Bern 1992

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dodis.ch/47909 Le Consul général de Suisse à New York, V. Nef, au Chef de la Division des A ff aires étrangères du Département politique, P. Bonna1

Wie Ihnen bekannt ist, publizierte die amerikanische Presse sowohl in den Nachrichtenkolonnen, als in Leitartikeln die Stellungnahme Moskaus, welche zur Weigerung der Wiederaufnahme der Beziehungen mit der Schweiz geführt hat2. Wenn aus der Lektüre dieser Artikel und aus Gesprächen mit verschiedenen Personen auch hervorgeht, dass die amerikanische öffentliche Meinung, welche im allgemeinen nicht pro-russisch ist, mit unserer Auffassung im Verhältnis zu Russland volles Verständnis zeigt, so ist doch nicht zu übersehen, dass die von Russland aufgetischten Behauptungen, die Schweiz sei «pro Nazi» und «pro fascistisch», ebenso die immer wieder publizierte Mitteilung, dass wir während des ganzen Krieges durch enorme Lieferungen von Kriegsmaterial nach Deutschland und auf andere Weise unserm nördlichen Nachbarn nahegestanden seien, im Gedächtnis des grossen Publikums doch gewisse Spuren zurücklassen werden, die für uns nicht günstig sind. Es ist auch nicht zu vergessen, dass einige Tausend russische Propaganda-Agenten, welche sich mit Diplomatenpässen in den USA aufhalten, das ihrige dazu beitragen dürften, um gegen uns zu agitieren. Ich bin daher der Auffassung, dass wir alles daran setzen sollten, die Sympathien der Vereinigten Staaten und zwar nicht nur einzelner Behörden allein, sondern auch im Handel, Industrie und im breiten Publikum für uns zu erhalten zu suchen. Das in gewissen Kreisen gegen uns sich bildende Vorurteil, kann sich einmal als sehr nachteilig auswirken und sollte daher nach Möglichkeit verhindert werden. Wenn es Russland gelingt durch seinen gutgeschmierten Propaganda-Apparat noch mehr gegen uns zu schüren, was sowohl durch die Presse als durch das allmächtige Radio, in Vorträgen und in Schriften geschehen könnte, werden wir das ungünstige Resultat dieser Schritte sicherlich zu verspüren bekommen.

Unter diesen Umständen glaube ich, dass die Zeit vielleicht doch gekommen ist, wo wir uns ernstlich die Frage stellen müssen, ob es nicht angebracht ist, aus unserer, durch die Kriegswirren verursachten Isolation und auferlegten Reserve hervorzutreten und Schritte zu unternehmen, um die Amerikaner mit unsern Verhältnissen besser vertraut zu machen, wobei es sich nicht nur um die Wiederaufnahme der bis Kriegsausbruch finanziell in sehr bescheidenem Mass, jedoch gut durchgeführten Aktion zugunsten der schweizerischen Hotelindustrie und der Transportanstalten handeln darf, sondern um vermehrte Betonung unserer kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Probleme. Eine derartige Tätigkeit müsste selbstverständlich in sehr diskreter Weise an die Hand genommen werden, und unter der Leitung eines mit den Verhältnissen in der Schweiz und in Amerika vertrauten Schweizers stehen. Dabei sollten in der Verbreitung des in Frage kommenden Materials vorwiegend amerikanische Kreise und nicht schweizerische verwendet werden.

Wie Sie wissen hat das hiesige Bureau der S.B.B. resp. der Schweizerischen Verkehrszentrale seit Jahrzehnten auch in dieser Richtung gearbeitet, indem es nicht nur mit der Presse, sondern auch mit den Rundspruchgesellschaften, ihren Ansagern und einflussreichen Tageschronikern und Chronologen in ständiger Verbindung steht, sondern auch eine Anzahl Vortragsreisende an der hand hat, welche für uns wirken. Ich bin der Auffassung, dass es an der Zeit ist, diese Tätigkeit, welche durch den Krieg eingeschränkt worden ist, nicht nur neu zu entfalten, sondern sie gegenüber früher erheblich auszudehnen, wobei nicht nur die schweizerische Hotellerie den Kernpunkt dieser Tätigkeit einnehmen sollte, sondern unser gesamtes Geistesleben. Ferner bin ich der Auffassung, dass infolge des baldigen Rücktrittes des Vorstehers der Agentur, Herr Dossenbach, ein Mann wie z. B. Herr Walter Bosshard, Korrespondent der N.Z.Z., der die hiesigen Verhältnisse kennt und über ausgedehnte Beziehungen verfügt, in dieser Beziehung das richtige Fingerspitzengefühl hätte, um eine diesbezügliche Tätigkeit zu entfalten.

Inbezug auf Dotierung einer solchen Tätigkeit mit den notwendigen Krediten dürfen wir nicht kleinlich sein, sondern müssen uns vergegenwärtigen, dass die geistige Landesverteidigung die militärische sekundieren sollte und dass die öffentliche Meinung eines Landes wie die Vereinigten Staaten für die Gestaltung der künftigen Verhältnisse in Europa, namentlich im Gegengewicht zu Russland, heute schon, aber besonders in der Nachkriegszeit, eine ausschlaggebende Rolle zu spielen berufen ist. Es ist gewiss denkbar, dass der Fall eintreten kann, in welchem die USA einmal die Rolle des Züngleins an der Wage zwischen Russland und England spielen könnten, wenn sie sich nicht wieder in ihre Isolation zurückziehen, sodass es meines Erachtens sehr wichtig ist, dass man in diesem grossen, einen ganzen Kontinent umfassenden Land, für uns Sympathien besitzt. Es wird daher notwendig sein, verhältnismässig grosse Mittel aufzubringen, wenn wir ein Resultat erzielen wollen. Ich kann in diesem Zusammenhang nur erwähnen, dass unsere bisherigen diesbezüglichen Aufwendungen einem Betrag von $350.– pro Jahr gleichkommen, wenn die USA als Gegenstück im gleichen Masse für ihr Land in der Schweiz werben wollten. Man kann sich daher leicht vor stellen, was man mit einer derartigen Summe in der Schweiz anfangen könnte.

Ferner bin ich der Auffassung, dass wenn wir unsere Exportindustrie in der Nachkriegszeit wieder neu entfalten wollen, wir als Grundvoraussetzung mit einer uns sympathisch gesinnten öffentlichen Meinung, namentlich der Vereinigten Staaten müssen rechnen können, was wiederum nur möglich sein wird, wenn man unsere Verhältnisse, unser Wesen, unsere Lebensauffassungen etc. kennt. Die bisher genossenen Sympathien drohen aber durch die scharfen Angriffe Russlands heute auf eine schiefe Ebene zu kommen. Wenn wir jedoch in unserer Isolation verharren wollen, so werden wir für den Export von Waren, von Kapital, von Arbeitsprodukten und Arbeitskräften u.s.w. in der Nachkriegszeit auf Schwierigkeiten stossen, ebenso im Anlocken von fremden Touristen. Die Ernennung von sog. Agenten der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung in einzelnen Städten der USA, wo bereits die Industrie genügsam vertreten ist und besonders wo Konsulate bestehen, ebenso die Schaffung von Unteragenturen der Verkehrszentrale in ändern Städten als New York, ist meines Erachtens nicht die richtige Lösung, die bestenfalls nur eine Duplizierung der Arbeit und daher eine Gold- und Zeitverschwendung nach sich zu ziehen droht, die wir uns nicht leisten können. Man sollte m.E. diese Probleme von einer höhern Warte aus betrachten und die Bemühungen der Konsulate, der Agentur der Verkehrszentrale und der bereits vertretenen Firmen in allgemeiner Hinsicht durch Schaffung günstiger Voraussetzungen für unser Land und seine Produkte unterstützen. Wir können es uns einfach nicht leisten, unsere Mittel und Kräfte derart zu zersplittern. Man sollte endlich zur Einsicht kommen, dass es rationeller ist, auf das Bestehende und das sich bereits Bewährte aufzubauen, anstatt immer mit neuen Plänen kostspielige Versuche durchzuführen. Jedenfalls scheint mir die Zeit reif zu sein, diese Frage einer genauen Prüfung zu unterziehen, besonders seitdem wir durch die Angriffe von Russland, von welcher Seite wir möglicherweise noch weitere Hiebe zu gewärtigen haben werden, Gegenstand von unliebsamen Presseerörterungen geworden sind.

Zum Schlüsse beehre ich mich beizufügen, dass ich diese Fragen auch mit dem Vorsteher des hiesigen Büros der Verkehrszentrale, Herrn Dossenbach, besprochen habe, der mit mir durchaus einig geht, ebenso mit zahlreichen Agenten schweizerischer Firmen.

Ich lege einige Kopien bei, in der Annahme, dass das Volkswirtschaftsdepartement, der «Vorort», die Verkehrszentrale, vielleicht auch Herr N.R. Bühler, welcher, so viel ich weiss, sich mit diesen Fragen eingehend beschäftigt hat, sich dafür interessieren werden.

1
Lettre (Copie): E 2300 Washington/47.
2
Cf. No 288.