Classement thématique série 1848–1945:
2. RELATIONS BILATÈRALES
2.1. ALLEMAGNE
2.1.5 AFFAIRES MILITAIRES
Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 14, doc. 27
volume linkBern 1997
more… |▼▶Repository
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E5795#1000/951#546* | |
| Old classification | CH-BAR E 5795(-)1000/951 136 | |
| Dossier title | Unterstellung der Abteilung Presse und Funkspruch unter den Bundesrat (1940–1942) | |
| File reference archive | 2.21.a |
dodis.ch/47213
Ich sehe mich veranlasst, Ihnen einen dringlichen Bericht via Gesandtschaft2 zu übermitteln. Ich habe Gelegenheit gehabt, in den verschiedensten Kreisen hier zu verkehren und Eindrücke zu gewinnen, die allerdings in bezug auf unser Land recht wenig erfreulicher Natur sind. Auch in denjenigen Kreisen, die unserm Land bis anhin immer sehr freundlich gesinnt waren und für unsere berühmte Eigenart alles Verständnis aufgebracht haben, ist die Stimmung gegenüber dem letzten Jahre bei meinem hiesigen Besuch auffallend ungünstiger und schlechter geworden. Nicht dass ich persönlich mich beklagen könnte, im Gegenteil, man hat mich überall mit der alten Liebenswürdigkeit empfangen, bedaure es aber ausserordentlich, dass man aus mehrfachen Gründen nicht mehr mit der alten Offenherzigkeit mir alles zeigen und mitteilen möchte, wie das früher der Fall war.
Den Höhepunkt all dieser unerfreulichen Eindrücke habe ich gestern bei einem Besuch des mir von Bern her bekannten Minister3 im Auswärtigen Amt von Weizsäcker erlebt. Herr von Weizsäcker, ein äusserst ruhiger süddeutscher Mann, der Schweiz in allen Teilen immer sehr gewogen, der sich immer um ein gutes Nebeneinanderleben bemühte, war diesmal nahezu ausser sich und sehr hart und scharf in seinen Ausdrücken, wenn er nachher auch diese mehr oder weniger bedauerte aber doch zutreffend fand.
Ich war bestürzt, zu konstatieren, welch tiefgehende Welle der Erregung die Pressekommentare insbesondere der «Thurgauer Zeitung» und des «St. Galler Tagblattes» hier ausgelöst haben, und wie schwer die Situation für uns geworden ist. Ich kann Sie versichern, dass im Laufe des Gesprächs das Wort «Krieg» gefallen ist, und dass die Langmut Deutschlands gegenüber den Presseangriffen in der Schweiz an seinem Ende angelangt ist. Nicht dass unmittelbar an eine kriegerische Verwicklung gedacht würde, wenn diese auch nicht ausserhalb jeglichen Bereiches liegt, so muss doch mit wirtschaftlichen Repressionen mit grösster Sicherheit gerechnet werden. Ich bin überzeugt, dass die Verhandlungen über die für uns so dringend nötigen Kohlenlieferungen ausserordentlich schwierige sein werden, und dass sie durch diese unerhörten Presseangriffe äusserst erschwert werden und uns viel härtere Bedingungen auferlegen, als wir hätten erwarten können. Es ist mir bekannt, dass noch zu Anfang dieser Woche die Lage so war, dass wir voraussichtlich vom Monat Juni ab mit rund zweimal hunderttausend Tonnen pro Monat hätten rechnen können. Jedenfalls werden die Unterhandlungen in einer sehr schwülen Stimmung geführt werden müssen. Was das alles für uns bedeutet, Herr General, einer wirtschaftlichen Pression unterliegen zu müssen, das mögen Sie selber ermessen. Ich will hier nicht als Schwarzmaler erscheinen, aber ich kann nach allen meinen Eindrücken nur sagen, dass es nicht nur 11. Stunde ist, sondern weit darüber hinaus, wenn wir unser Land nicht dem Verderben und Ruin entgegenführen wollen. Es muss nun endlich mit diesem Wahnsinn der Presse gründlich aufgehört werden. Bei allen Persönlichkeiten verschiedenster Berufskreisen, mit denen ich verkehrte, war nie irgendwie der Gedanke erwogen worden, die politische Unabhängigkeit und Integrität der Schweiz zu berühren. Im Gegenteil, man erhoffte von der Schweiz im neuen Europa grosse und wertvolle Dienste. Wenn das anders werden sollte und Not und Elend und eventuell sogar kriegerische Verwicklungen für unser Land eintreten, so verdanken wir das diesen unverständigen, verantwortungslosen Presseleuten. Ich glaube kaum, dass es im Sinne der Armeeleitung oder im Willen des schweizerischen Volkes liegen würde, nur wegen diesen Auswüchsen der Presse die Existenz unseres Landes auf das Spiel zu setzen, und das Elend eines Krieges über unser Land herauf zu beschwören.
In den übrigen Sachen glaube ich einiges Verständnis für unser Land und unser Volk gefunden zu haben. Ich schreibe diesen Brief im Einverständnis mit dem Herrn Minister und lasse eine Kopie4 an den Chef des Politischen Departementes, da die Sache mir sehr dringlich erscheint, abgehen.
Ich werde mich weiter bemühen Verständnis für unser Land und Volk vor allem für die Aufrechterhaltung unserer Integrität hier zu wecken und zu erhalten5.
- 1
- Lettre: E 5795/546.↩
- 3
- E. von Weizsäcker a été Ministre d’Allemagne à Berne de 1933 à 1937.↩
- 4
- Non retrouvé. A son retour en Suisse, E. Bircher aura un entretien avec M. Pilet-Golaz, cf. notice du 19 mai 1941, E 2809/1/2.↩
- 5
- Le Général H. Guisan a ajouté les notes suivantes à la fin du document: Aff [aire]Balkans liquidé, période critique, tr [oupes]disponfiblesj, nombreuses, temps favorables. Situation de Suisse plus dangereuse qu’en mai 1940. Les 2 Chefs d’Etat s’occupent de la Suisse. On parle du cas suisse partout. - Raisons idéologiques. - Confirmation/ que problème se pose. - Attitude presse et peuple. - Incidents graves. - Divorce entre gouvernement] et peuple. - Réactions du gouv [ernement]: 1. détente instantanée, env [oyer]un messager à Berlin et Rome, avec les articles] de la presse de l’Axe c [ontre]nous. Faire contre-offensive 2. règlement] question presse qui dégage c [omman]d [an]t [de l’Armée]Suisse 3. action du gouv[ernemenjt sur le peuple. - Nous ne voulons pas nous faire casser la figure p [our]la presse. Si ultimatum: risque d’avoir le peuple divisé - Tous pays attaqués parce qu’ils ont démobilisé! Remobilisation, rappel, - Congés de petites unités. Sur les conséquences de cette analyse, cf. le rapport du Général H. Guisan au Conseil fédéral du 10 mai 1941, publié ci-dessous No 38.↩


