Language: German
30.11.1936 (Monday)
Le Ministre de Suisse à Vienne, M. Jaeger, au Chef du Département politique, G. Motta
Political report (RP)
L’autonomie politique de l’Autriche entre l’Italie et l’Allemagne semble très précaire. L’ancien Empire est regretté par tout le monde, mais personne ne semble capable de prendre sa succession. Beaucoup de jeunes Autrichiens se tournent vers le national-socialisme.

Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
3. Autriche
3.4. Questions politiques générales
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Printed in

Jean-Claude Favez et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 11, doc. 326

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Bern 1989

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Cover of DDS, 11

Repository

dodis.ch/46247
Le Ministre de Suisse à Vienne, M. Jaeger, au Chef du Département politique, G. Motta1

Während die Besuche, Konferenzen und Gespräche von Aussenministern und Staatsoberhäuptern Mitteleuropas ihren Fortgang nehmen, wird es von Interesse sein, der öffentlichen Meinung des im Zentrum der Beteiligten gelegenen Landes auf den Grund zu gehen: so klein der Bundesstaat Österreich ist, so machtlos die hiesige Regierung den internationalen Ereignissen gegenübersteht, so bedeutungsvoll bleibt Wien für die Gestaltung der europäischen Lage in der nächsten Zukunft. Lehnt sich Österreich zu sehr an Deutschland, so bedeutet dies das Ende des italienisch-deutschen Zusammengehens; siegt der Legitimismus, ergeben sich unüberbrückbare Widerstände zum Dritten Reich, die seiner Aufassung von Mitteleuropa entgegenstehen; bleibt es beim Alten, so können sich interne Schwierigkeiten ergeben durch Überhandnahme der Indifferenz, der Religionslosigkeit und des Kommunismus. Was immer hier geschehen mag, ist somit von nicht zu unterschätzender Bedeutung, und man ist sich dessen auch voll bewusst.

Um zunächst auf die Frage des Weiterbestandes des status quo zurückzukommen, so ist bemerkenswert, dass all’die Manifestationen der Vaterländischen Front zwar grossartig organisiert waren, aber nicht eigentlich Wurzeln zu schlagen scheinen. Man begegnet so oft der Meinung, dass es besser wäre, sich als Kleinstaat still zu halten und ruhig seinen Weg zu ziehen statt zu versuchen, grössere Staaten nachzuahmen. Geschieht letzteres, so kann es sich ja doch mit dem grossen Nachbarn nicht messen und, statt für sich selbst, wird somit Propaganda für den Nationalsozialismus gemacht. Dasselbe gilt von der Einstellung dem Klerikalismus gegenüber, da der übertriebene katholische Kurs viele Leute dazu treibt, die Haltung des deutschen Reiches der Kirche gegenüber zu bewundern. Das Elend endlich, welches besonders in kleinbäuerlichen Kreisen infolge der gedrückten Preise zu verzeichnen ist, erleichtert die kommunistische Aktion, deren Auswirkungen wiederum darin bestehen, dass sich viele nach links wenden, wodurch wiederum eine Reaktion zu Hitler ausgelöst wird.

Da die status quo-Mentalität dem österreichischen Volk wenig zu passen scheint, das vor der Aufgabe steht, eine zu grosse Vergangenheit mit einer zu kleinen Gegenwart zu verschmelzen, so verbleiben die Alternativen des Legitimismus und des Nationalsozialismus als Retter vor der Stagnation, vor dem Abrutschen nach links. Der 24jährige Geburtstag des Erzherzogs Otto2 und der zwanzigste Todestag von Kaiser Franz Josef3 boten die erwünschte Gelegenheit zu Manifestationen, Zeitungspropaganda und religiösen Zeremonien. Dass dieselben von einem gewissen Erfolge begleitet waren, kann nicht bestritten werden, Volk und Gesellschaft kamen auf ihre Rechnung, Gottesdienste wechselten mit öffentlichen Versammlungen und Bällen, an denen das Erzhaus stattlich vertreten war und seinen Teil hatte an den Kundgebungen für den toten Kaiser und den abwesenden Prätendenten. Auch die Feste, welche anlässlich der Dreierkonferenz in Schönbrunn stattfanden, gaben Anlass zu Vergleichen und Erinnerungen, die, für einmal vom legitimistischen Standpunkt aus betrachtet, stets darauf hinaus liefen, dass das jetzige Regime einen Übergang bedeute, einen Übergang der von einer bewunderten Vergangenheit ins Ungewisse führe. Das Gefühl, welches man in legitimistischen Kreisen nicht los werde, lasse sich dahin zusammenfassen, dass die Restaurationsidee als solche sozusagen reif sei, dass es aber an Persönlichkeiten fehle, die Idee zu verkörpern. Sowohl der Thronfolger, wie auch sein hiesiger Statthalter und Vetter Hohenberg4, wie auch die ändern jungen Leute des Erzhauses würden keine schlechte Figur machen, wäre die Monarchie nicht untergegangen. Sie jedoch wieder zu beleben, erfordere aber mehr; ihnen Allen fehle es an Persönlichkeit. Es sei dies keine Frage der Intelligenz, die hätten sie wohl im selben Masse wie andere Leute, sondern eine Frage der persönlichen Bedeutung, des heldischen Muts und des Persönlichkeitscharms. Der Enthusiasmus, welchem der König von England, wenn immer er in Wien sich zeige, überall begegne, sei dafür bezeichnend. Von den Beratern des Erzhauses gelte dieselbe Feststellung. Leute wie Baron Wiesner hätten in normalen Zeiten Hofmarschallchargen ganz ordentlich erfüllen können; aber damit sei es heute nicht mehr ganz getan. Der Legitimismus leide somit in erster Linie am Mangel an hervorragenden Persönlichkeiten und nicht an der Verständnislosigkeit des Volkes.

Die jahrhundertelange Neigung des Österreichers zur betont dekorativen Staatsführung führt daher viele junge Leute, mangels eines bessern, zum Nationalsozialismus. Dass das alte Reich in seiner grössten Grösse von Wien geleitet worden war, vergessen sie zwar nicht, glauben aber, es vorläufig hinnehmen zu können, dass die Parole aus Berlin oder München gegeben werde. Die Tatsache der Existenz von Grossdeutschland wirkt nach wie vor anziehend und verheissungsvoll auf die verschiedensten Klassen. Man begreift nicht, wie sich der eine Staatsmann in Lobreden auf das Reich ergeht, während der andere Arbeiter und Bürger verhaften lässt, die nationalsozialistisch eingestellt sind. Man hätte erwartet, dass Staatssekretär Schmidt5 sich in Berlin nicht wärmer als in Rom oder Budapest geäussert hätte, wenn es der Regierung wirklich ernst ist mit ihrem exklusiv österreichischen Programm, wie es vom Bundeskanzler kürzlich wieder in Klagenfurt umschrieben worden ist. Diese Unklarheiten wirken sich aus in einer Stärkung des deutschen Einflusses. Dass Herr von Schuschnigg den drei Gegnern der Vaterländischen Bewegung, dem Kommunismus, dem «Nazismus» und der Miesmacherei, den Prozess macht, hilft wenig, wenn nebenher von der bewunderungswürdigen Grösse des Dritten Reiches gesprochen wird. Der einfache Mann versteht derartige Doppelspurigkeit nicht und verliert die Geduld. Wird er nicht Kommunist, weil es ihm schlecht geht, so wendet er sich zum Nationalsozialismus, weil dieser ihm unbegrenzte Möglichkeiten zu bieten scheint. Und wenn es ihm leidlich gut geht, so stärkt er die Reihen der Miesmacher, ohne sich aktiv gegen die Regierung zu betätigen. Alle drei aber sind Staatsfeinde erster Klasse, wie der Bundeskanzler soeben ausgeführt hat, und um sie zu bekämpfen, scheint es mehr als schöne Worte über die Unabhängigkeit Österreichs zu brauchen, welche mit Lobreden auf den Geist dessen, was man zu bekämpfen glaubt, periodisch abwechseln.

Wie verlautet, war die Klagenfurtrede vom Donnerstag denn auch von Erwägungen dieser Natur inspiriert, indem der Kanzler selbst die Tragweite der Berliner Äusserungen seines Staatssekretärs für Äusseres einzusehen beginnt. Gegen letzteren hat eine scharfe Kampagne, natürlich wie hier üblich hinter den Kulissen, eingesetzt, und die Berufsdiplomaten am Ballhausplatz zeigen sich zumindest nicht sehr erstaunt. Wenn Schuschnigg gesagt hat «Der Nationalsozialismus – nur dieser hat uns zu interessieren – steht uns als Feind und Gegner gegenüber, und die Auseinandersetzung mit ihm ist eine Angelegenheit ausschliesslich innerösterreichischer Politik», so ist dies eine unzweideutige Warnung für Leute diesseits und jenseits der Grenze.

1
E 2300 Wien, Archiv-Nr. 51.
2
Fils du dernier empereur Charles, décédé à Funchal en 1922.
3
Le 21 novembre 1916.
4
Fils de François-Ferdinand, assassiné à Sarajevo en 1914.
5
Secrétaire d’Etat aux Affaires étrangères.