Language: German
23.1.1907 (Wednesday)
H. und Ch. Vögeli an den schweizerischen Gesandten in Wien, F. du Martheray
Letter (L)
Die Firma Vögeli gratuliert du Martheray zu seiner Verhandlungsführung, insbesondere zugunsten der ostschweizerischen Textilindustrie. Die Schweiz sollte nun die günstige Gelegenheit ergreifen, ohne sich in Bezug auf die wenigen serbischen Exportartikel kleinlich zu zeigen.
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 164

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Bern 1983

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Cover of DDS, 5

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dodis.ch/43019
H. und Ch. Vögeli an den schweizerischen Gesandten in Wien, F. du Martheray1

Unter höflicher Bezugnahme auf die gehabte mündliche Unterredung, möchten wir uns erlauben, Ihre geneigte Aufmerksamkeit auf einige weitere Schweizerische Exportartikel zu lenken, die in den Vertrag aufzunehmen sich sehr empfehlen dürften. Wir legen einige Daten darüber hier bei und erlauben uns besonders auf die bedruckten Wolltücher hinzuweisen, die ausschliesslich aus der Schweiz und aus Böhmen importiert werden, bei Fehlen eines Vertrages mit Österreich somit allein aus der Schweiz bezogen würden.

Ferner erschiene sehr wünschenswerth in den Handelsvertrag speziell die Bedingung aufzunehmen, dass nicht nur die von den Schweizerischen Handelskammern ausgestellten Ursprungszeugnisse volle Giltigkeit haben und hierseits anerkannt werden, sondern auch die Certifikate der kantonalen Finanz- und Handels-Direktionen. Speziell der glarnerische Handel hatte diesfalls in letzter Zeit viele Umtriebe mit den Ursprungszeugnissen, für welche das hiesige deutsche Konsulat oft in Anspruch genommen wurde, mangels einer eigenen Vertretung der Schweiz in Belgrad.

Des weitern wäre ein Zusatz sehr zu begrüssen, der bestimmen würde, dass Atteste Schweizerischer Handelskammern, über Zusammensetzung von Geweben, ehem. Produkte etc. hierseits als giltig anerkannt werden.

Bestimmungen dieser Art würden der Schweizerischen Industrie mancherlei Umtriebe und Nachtheile ersparen.

Im Interesse des regen Geschäftsverkehrs zwischen der Schweiz und Serbien, der zweifellos ein viel grösserer ist, als die Statistiken ausweisen, wäre der baldige Abschluss eines Handelsvertrages nur zu begrüssen, umsomehr als eine Periode stark gesteigerten Importes bevorsteht. Die Stockung in der Einfuhr - hauptsächlich in der Textilbranche - dauert nun schon ein Jahr, und es sind während dieser Zeit die Lager sowohl bei den Grossisten als auch im Kleinhandel vollständig ausverkauft, so dass sich ein grosser Bedarf geltend machen wird, sobald nur erst einmal Gewissheit bezüglich der definitiv geltenden Zollsätze geschaffen sein wird. [...]

Ein ausserordentlich treffender Gedanke und der einzig glückliche Ausweg liegt Ihrer Massnahme zu Grunde, speziell die Glarner Artikel in eine besondere Position zu verweisen und dass es Ihnen gelungen ist, die hiesige Regierung auf diesen Weg zu leiten, bedeutet einen vollständigen Erfolg für die Schweizerische, speziell glarnerische Industrie, ein Erfolg, der vielleicht nur da voll erkannt und gewürdigt wird, wo man mit den hiesigen Verhältnissen vertraut ist. Ein Sturmlauf gegen die ganze Position 277, wie aus Handelskreisen proponirt - gegen eine Position, die in fiskalischer Hinsicht, wenn nicht die stärkste, so doch eine der stärksten des ganzen serbischen Zolltarifes ist, einen solchen Sturmlauf zur richtigen Zeit als müssiges Beginnen anerkannt zu haben, hiezu kann Ihnen, Herr Minister, die Schweizerische Industrie nur gratuliren. Italien hat nur eine ganz unwesentliche Reduction der für besagtes Land ungleich wichtigeren Position erreicht, wie überhaupt Reduktionen der Tarife der grösste Widerstand entgegengestellt wird, wie die Verträge mit Frankreich und Italien beweisen. Für die Schweiz und somit für Sie, Herr Minister, ist der Standpunkt ein umso schwierigerer, als Ihrerseits wenig genug Equivalente für Zollreduktionen geboten werden können. Wer der hiesigen Regierung nicht mit der einen Hand eine schöne runde Anleihe, mit der anderen eine Viehconvention anbietet und als Haupttrumpf nicht die Unterstützung der serbischen Politik in Mazedonien in der Tasche hat, der kommt so gut als mit leeren Händen. Dass Sie trotzdem, auf welche Weise immer, die so erhebliche Zurücksetzung der Zölle auf mehrere und hauptsächlichste Artikel erreicht haben, ist überraschend und wird sicherlich für die Unterhändler der anderen Staaten, die bereits Unterhandlungen führten, eine thatsächliche Überraschung sein. Es ist nur dringend zu hoffen, es werde das Ihrerseits erreichte Entgegenkommen durch Eingehen auf die serbischen Vorschläge gewürdigt, sonst wäre selbstredend alles Erreichte wieder gefährdet. Man legt aus begreiflichen Gründen hierseits grossen Werth auf Erleichterung der Einfuhr in die Schweiz, der wenigen serbischen Produkte, wie Fleisch, Vieh, Zwetschgen, Pflaumenmus (Pekmes) und Teppiche, Produkte, die die Schweiz sehr wohl aufnehmen kann und gegen eine «Überschwemmung» durch Fleisch und Vieh hat schon die geographische Lage so genügend gesorgt, dass sie wohl nicht in Frage kommen kann.

1
Schreiben: E 2200 Wien 1/1907 IV.