Language: German
10.1.1907 (Thursday)
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher, an den Vorsteher des Militärdepartementes, L. Forrer
Letter (L)
Von Sprecher hat von französischer Seite erfahren, dass England nach wie vor gegen Deutschland arbeite und im Bündnis mit Frankreich in einem Krieg gegen Deutschland nichts zu verlieren habe. Es sei für England notwendig, den Überseehandel und die Industrie Deutschlands zu zerstören.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
I. INTERNATIONALE LAGE
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 160

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Bern 1983

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Cover of DDS, 5

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dodis.ch/43015
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher, an den Vorsteher des Militärdepartementes, L. Forrer1

handschriftlich. Geheim Nachrichten-Sache

Ich halte es für geboten, Ihnen, Herr Bundesrat, Kenntnis zu geben von dem Wortlaute eines Schreibens, das von einem hochgestellten französischen General an einen schweizerischen Offizier gerichtet wurde. Es bestätigt die Auffassung, die ich in der Denkschrift vom Ende vorigen Jahres2 bezüglich der politischen Lage zum Ausdruck gebracht habe. Wörtlicher Auszug: «Les agissements de la politique anglaise dirigée par Edouard VII contre son neveu Guillaume II n’ont jamais cessé depuis la crise de Tanger, et ils sont, aujourd’hui (Jan. 1907!) plus actifs que jamais.

L’Angleterre a tout à gagner et n’a rien à perdre dans une guerre contre l’Allemagne avec le concours de la France.

Edouard est trop vieux pour attendre, et, d’autre part, c’est une nécessité impérieuse pour les Anglais de détruire le commerce maritime de l’Allemagne et de ruiner son industrie.

Par ces motifs et d’autres encore, je crois à de graves événements extérieurs dans un avenir prochain.»

Ich bitte dringend für vollständige Geheimhaltung des Ursprungs und der Formulierung der Nachricht Vorsorge zu treffen, damit die sehr wertvolle Nachrichten-Quelle nicht plötzlich versiege und uns und dem betreffenden schweizerischen Offizier dadurch überdies fatale Unannehmlichkeiten aus der Sache erwachsen. In ähnlicher Weise habe ich übrigens vor kurzer Zeit auch Nachricht aus Österreich erhalten. Überdies habe ich die bestimmte Annahme äussern hören, von ziemlich orientierter Seite, [der britische]3Gesandtschaftsposten in Washington sei von König Eduard durch Mr Bryce besetzt worden, um einen Vertreter dort zu haben, der, vermöge seiner genauen Kenntnis Nordamerikas und der vielen Beziehungen zu dortigen einflussreichen Kreisen, besonders geeignet sei, die Intimität zwischen Deutschland und den USA zu stören. Es dürfte sich unter diesen Umständen vielleicht empfehlen, den Versuch zu machen, durch unsern Gesandten in Washington Näheres über die Verhältnisse in Erfahrung zu bringen.

Um die Kriegsvorbereitungen des Generalstabes danach einzurichten, bitte ich, schriftlich mich von Nachrichten in Kenntnis setzen zu wollen, die zur Beleuchtung der politisch und militärischen Lage in Europa dienen können.

1
Schreiben (Kopie): E 27, Archiv-Nr. 1101.
2
Nr. 163, Annex.
3
Unlesbar, sinngemäss ergänzt.