Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
II. BILATERALE BEZIEHUNGEN
10. Italien
10.1. Allgemeine Beziehungen
Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 120
volume linkBern 1983
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E53#1000/893#345* | |
| Old classification | CH-BAR E 53(-)1000/893 54 | |
| Dossier title | Organisation der Eröffnungsfeier des Simplontunnels, Teilnehmerliste, Treffen des Bundesrates mit dem König von Italien, italienische Simplonfeste, (1906–1906) |
dodis.ch/42975
Der Bundespräsident und Vorsteher des Politischen Departementes, L. Forrer, an den schweizerischen Gesandten in Rom, J. B. Pioda1
Zu meiner Verwunderung sagt mir auf meine Anfrage Hr. Bonzon vom Eisenbahndepartement soeben, dass die längst in Ihrer Hand befindlichen Einladungen an die Mitglieder des italienischen Ministeriums noch gar nicht abgegeben worden seien; H. Bonzon giebt mit allerdings die Gründe an, warum Sie das bisher unterlassen haben.
Ich ersuche Sie nun, auf alle Fälle dafür zu sorgen, dass der Ministerpräsident und der Minister des Auswärtigen beförderlich Einladungsschreiben, die auf ihren persönlichen Namen ausgestellt sind, erhalten und dass wir, Herr Zemp oder ich, bis spätestens den 10. dieses Monats Abends wissen, ob mindestens einer der beiden Herren oder keiner kommt.
Ich will Ihnen sagen, warum wir das bald wissen müssen. Wir betrachten die Feier als einen Akt von hoher nationaler, oder besser gesagt: binationaler Bedeutung. Darum wird der Bundesrat in corpore der Feier beiwohnen, soweit sie in der Schweiz stattfindet und ist auch bereit in corpore nach Italien zu kommen2. Letzteres muss er aber an eine Bedingung knüpfen, die durch die Rücksicht auf die Coordination der beiden Staaten und Staatsregierungen notwendig ist3. Kommt an das Fest der Präsident des Ministeriums oder der Minister des Auswärtigen, so kommt der Bundespräsident auch nach Italien. Kommt keiner von jenen beiden, sondern nur einige andere Minister, z.B. nur die Herren Carmine und Pantano, so erscheint in Italien nur eine Delegation des Bundesrates, selbstverständlich ohne den Bundespräsidenten. Darüber ist man im Bundesrat einig. Darum mein Begehren an Sie, wie es auf der ersten Seite dieses Briefes formuliert habe.
Wohlverstanden: wir überlassen es den Herren Sonnino und Guicciardini, die Einladung anzunehmen oder abzulehnen; wir freuen uns, wenn beide kommen oder wenigstens einer von ihnen kommt; allein wir stellen keine Zumutung an sie. Kommt einer oder kommen beide, so komme ich nach Italien. Wenn nicht, nicht.
Damit jeder Schein einer Zumutung vermieden werde, bitte ich Sie, wenn Sie von den Herren Sonnino und Guicciardini eine Antwort auf die Einladung bis spätestens den 10. d. M. erbitten, von den Konsequenzen nichts zu sagen und solches höchstens anzudeuten als Ihre persönliche Vermutung.
Jede persönliche Eitelkeit liegt uns Mitglieder des Bundesrates und insbesondere mir (ich ging zudem gern einmal nach Genua, weil ich noch nie dort war) durchaus fern, allein wir erachten es als unsere Pflicht, die Coordination zu wahren.
Die Gefahr eines Ministerwechsels in der Zwischenzeit geht uns gar nichts an; die Herren sind persönlich eingeladen, und wenn’s in der Zwischenzeit einen Wechsel gibt, so lädt man neben jenen noch schnell auch die Nachfolger ein.
Ebensowenig berührt uns die gleichzeitige Tagung des Parlaments. Dieses soll für einige Tage Ferien machen, so gut das ja bei anderen (Freude - oder Trauer) Anlässen geschieht.
Ich habe heute der Gesandtschaft wegen des Ausstehens der schriftlichen Antwort des Königs telegraphiert. Das ist auch eine starke Leistung und würde gegenüber einem grösseren Staate kaum Vorkommen4.
- 1
- Schreiben: E 53 Archiv-Nr. 101.↩
- 2
- Gemeint ist der zweite Teil der offiziellen Feier, der in der Woche vom 28. Mai bis zum 3. Juni 1906 stattfand. Der Bundesrat mit Bundespräsident Forrer an der Spitze und eine grössere italienische Abordnung, zu der Aussenminister Tittoni zählte, besuchten die Städte Lausanne, Genf, Sitten, Brig, Domodossola, Mailand und Genua.↩
- 3
- Mit «Coordination» ist die Gleichstellung der schweizerischen Republik mit der italienischen Monarchie gemeint. Schon am 7. Februar 1906 hat sich Pioda in einem Brief an Forrer nebenbei zu dieser Frage geäussert: Was die Ehrenbezeugungen anbelangt, ist nunmehr keine Frage, dass dieselben ebenbürtig sein müssen. Selbst der Czar hat das zugegeben (MS Z II 555. 43 Nr. 4). Nach dem Besuch des italienischen Königs notierte Forrer in seine Agenda: Von Interesse wäre die Vorgeschichte; es ist nicht Alles ohne Reibungen zu Stande gekommen. Insbesondere mussten wir streng darauf halten, dass die Coordination der beiden Staaten auch äusserlich zum Ausdruck gelange, was uns schliesslich glänzend gelungen ist (MS Z II 735, S. 26).↩
- 4
- Die italienische Gesandtschaft übermittelte erst am 7. Mai 1906 ein Schreiben des Königs, worin der Monarch die Annahme der Einladung für den 19. Mai 1906 persönlich mitteilte (E 53 Archiv-Nr. 101). Der Besuch selbst wickelte sich in freundschaftlicher Atmosphäre ab. Der König traf am 19. Mai mit dem Zug von Domodossola kommend in Brig ein, wo er vom Bundesrat empfangen wurde. Am Nachmittag reisten der Bundesrat und der König nach Domodossola.↩


