Abgedruckt in
Diplomatische Dokumente der Schweiz, Bd. 26, Dok. 110
volume linkZürich/Locarno/Genève 2018
Mehr… |▼▶Aufbewahrungsort
| Archiv | Schweizerisches Bundesarchiv, Bern | |
▼ ▶ Signatur | CH-BAR#E2001E-01#1987/78#1271* | |
| Alte Signatur | CH-BAR E 2001(E)-01/1987/78 356 | |
| Dossiertitel | Beilagen September/Oktober 1974 (1973–1975) | |
| Aktenzeichen Archiv | C.41.780.19.0 |
dodis.ch/38752
Referat des Generalsekretärs des Politischen Departements, E. Thalmann, vor der Ständigen Wirtschaftsdelegation1
INTERNATIONAL ENERGY PROGRAM2
In politischer Hinsicht kann zum IEP heute folgendes gesagt werden:
Natürlich haben wir uns zunächst die Frage gestellt, ob das IEPneutralitätskonform sei. Gestützt auf eine genaue Prüfung der dem IEP zugrundeliegenden Texte hat Herr Prof. Bindschedlerin einem Gutachten3 in überzeugender Weise den Nachweis dafür erbracht, dass unser Beitritt zum IEP der ständigen Neutralität der Schweiz weder in rechtlicher noch in politischer Hinsicht widersprechen würde.
Politisch relevant für uns ist jedoch nicht nur der Abkommenstext4, son dern ebensosehr der Geist, in dem das Abkommen durchgeführt wird und wie in der Praxis seine Handhabung aussieht. Darüber lässt sich im Moment natürlich noch kaum etwas Konkretes aussagen. Je nachdem kann das Abkommen zu einer für uns unerwünschten Frontbildung führen oder aber zu einem Dialog zwischen Produzenten und Konsumenten, der früher oder später kommen muss und an dem auch wir in höchstem Masse interessiert sind.
Vieles hängt davon ab, in welcher Richtung sich der Nahostkonflikt5 entwickeln wird. Die eben abgeschlossene Verhandlungsrunde Kissingers liefert noch keine schlüssigen Hinweise dafür. Vielleicht wird man im November, wenn Kissinger eine neue Tournée unternimmt, klarer sehen6. Aber auch wenn man einen 5. Nahostkrieg nicht ausschliesst, wird man feststellen müssen, dass das Energieproblem dadurch zwar nochmals wesentlich verschärft werden könnte, doch würde dadurch der Zwang für Produzenten und Konsumenten, miteinander ins Gespräch zu kommen, auf längere Frist gesehen kaum behoben.
Auch vom politischen Gesichtswinkel aus ist es durchaus positiv zu würdigen, dass das IEP den Versuch darstellt, ein internationales Problem multilateral anzupacken. Angesichts unserer relativen Machtlosigkeit entstehen daraus für uns in der Regel weniger heikle Abhängigkeiten als beim Abschluss bilateraler Abkommen.
Von grosser Bedeutung für uns ist, dass der Teilnehmerkreis möglichst gross und ausgewogen ist. Eine Nichtbeteiligung Frankreichs aus politischen Gründen wäre für uns – vielleicht mehr psychologisch als realpolitisch – unerfreulich7. Vor allem aber hätten wir ein grosses Interesse daran, dass Schweden und Österreich mitmachen8. Ihr Abseitsstehen bei gleichzeitigem Beitritt der Schweiz würde fast zwangsläufig auf eine unterschiedliche Interpretation der Neutralität zurückgeführt, wiewohl in Tat und Wahrheit für Schweden und Österreich ganz einfach eine völlig verschiedene wirtschaftliche Ausgangslage als für die Schweiz besteht.
Schliesslich wird natürlich die Reaktion der Produzentenländer auf das IEP auch für die Schweiz von ausschlaggebender Bedeutung sein. Bisher ist sie eher milde ausgefallen. Dies ist kaum erstaunlich, haben sich doch die Produzenten seit langem in der OPEC9 und in der OPAECselbst multilateral organisiert.
Für eine abschliessende politische Beurteilung fehlen uns noch zahlreiche Elemente. Wir werden darnach trachten, uns diese in den nächsten Wochen zugänglich zu machen.
- 1
- Referat (Kopie): CH-BAR#E2001E-01#1987/78#1271*(C.41.780.19.0).↩
- 2
- Zum Beitritt der Schweiz zum IEP vgl. die Erklärung von E. Brugger vom 6. November 1974, dodis.ch/38753; das BR-Prot. Nr. 189 vom 5. Februar 1975, dodis.ch/38755 sowie die Notiz von E. Brugger an P. Graber vom 18. November 1975, dodis.ch/38760. Allgemein zum IEP und der IEA vgl. die Notiz von L. Rochat an P. Graber vom 7. Februar 1975, dodis.ch/38756; die Notiz von G. Kündig vom 2. April 1975, dodis.ch/38758 sowie das BR-Prot. Nr. 919 vom 21. Mai 1975, dodis.ch/38759.↩
- 3
- Notiz von R. BindschedlerIEP und Neutralität vom 11. September 1974, dodis.ch/38750.↩
- 4
- Übereinkommen über ein Internationales Energieprogramm vom 18. November 1974, AS, 1976, S. 623–656.↩
- 5
- Vgl. dazu DDS, Bd. 26, Dok. 22, dodis.ch/39248, Anm. 2.↩
- 6
- Vgl. dazu den Politischen Bericht Nr. 98 von F. Schnyder vom 7. November 1974, dodis.ch/38936.↩
- 7
- Zu Frankreich vgl. den Bericht von P. Languetin vom 6. September 1974, dodis.ch/38749.↩
- 8
- Zu Schweden und Österreich vgl. den Bericht des Integrationsbüros vom 8. Oktober 1974, dodis.ch/38751 sowie die Notiz von P. R. Jolles und E. Thalmann an den Bundesrat vom 13. November 1974, dodis.ch/38754.↩
- 9
- Zu den Handelsbeziehungen der Schweiz mit den OPEC-Staaten vgl. den Bericht von W. Jag gi vom 9. April 1975, dodis.ch/40670.↩
Tags
Neutralitätspolitik Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OEWZ–OWZE)


