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Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 26, doc. 178
volume linkZürich/Locarno/Genève 2018
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E2300-01#1977/30#65* | |
| Old classification | CH-BAR E 2300-01(-)1977/30 25 | |
| Dossier title | Peking (1973–1975) | |
| File reference archive | A.21.31 |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E2001E-01#1987/78#2319* | |
| Old classification | CH-BAR E 2001(E)-01/1987/78 485 | |
| Dossier title | Beziehungen der Schweiz zu anderen Staaten (1973–1975) | |
| File reference archive | B.15.21 • Additional component: China |
dodis.ch/37717
DIE SCHWEIZ UND CHINA
Mysteriöses China2? Jedenfalls nicht, was das Verhältnis des Reichs der Mitte zu unserem Lande betrifft3. Chinas Haltung ist, wie sein gesamtes politisches Konzept, im Grunde genommen kristallklar. Meine Antrittsbesuche zeigten dies mit aller Deutlichkeit.
1. Die Schweiz ist «in», weil die 2. Welt und damit Westeuropa im Rahmen der weltpolitischen Strategie Chinas «in» ist. Das «chinesische Lächeln» für Europa ist eine direkte Folge des chinesisch-sowjetrussischen Konfliktes, einer Feindschaft, die China aus innen- wie aussenpolitischen Gründen nötig hat. In seiner Auseinandersetzung mit der UdSSR und, in begrenztem Umfange, auch mit der Supermacht USA4, ist China auf die lebenswichtige «Entwicklungshilfe» der 2. Welt dringend angewiesen. Bei dieser Hilfe ist auch der Schweiz mit ihrer fortgeschrittenen Technologie eine angemessene Rolle zugeteilt. Unser Qualitätsdenken macht uns dabei sympathisch, unsere Qualitätsarbeit attraktiv. Dass unsere Volkswirtschaften komplementär sind, ist ein weiteres Plus.
2. Alle anderen «Qualifikationen», alles Lob, das man uns Schweizern in der Regel vordergründig zollt, ist aus dieser Interessen-Sicht sekundärer Natur: – unsere Neutralität findet Anerkennung: wir sind ohne politische Bindungen
und Aspirationen, ein unverdächtigerer Partner als andere. Hier ist allerdings gleich beizufügen, dass uns die Chinesen auch daran messen, was wir zu den europäischen Einigungsbestrebungen an das von ihnen gewünschte einige, starke Europa beitragen. Wiederholt klingt in den Gesprächen die Erwartung an, die Schweiz möge sich der Bedeutung eines geeinten
Europas für ihre eigene Sicherheit bewusst sein. Dass dieses Europa mit den USA eng verbunden ist, wird von China akzeptiert «solange Amerika
Eure politische Unabhängigkeit nicht einschränkt» (Vize-Aussenminister5).
Die Neutralität ist den Chinesen aber auch als politisches Modell (Südostasien!) willkommen. – Ebenfalls willkommener Modellcharakter kommt unserer Armee zu: unsere militärischen Anstrengungen werden anderen Ländern als Muster der zeitgemässen Wachsamkeit «im Europa der gefährlichen Détente-Träume»
angepriesen. Unsere Anstrengungen decken sich teilweise (Milizarmee-Bewaffnung der Kommunen) mit den Absichten der Chinesen. – Garnitur ist zweifellos auch die immer wieder repetierte chinesische Genugtuung über unsere frühzeitige Anerkennung der Volksrepublik (19506),
womit wir in die Gruppe der «old friends» gehören (es gibt aber auch «very old friends» oder «very good friends», die erst später kamen). – Ebenfalls sekundär ist eine gewisse Sympathie für gemeinsame Eigenarten:
Schweizerischer Realismus, pragmatisches Vorgehen, Perfektionismus, die den Chinesen ebenso zu beeindrucken scheinen wie unsere Ehrlichkeit (wenn wir etwa für Beziehungen auf der ehrlichen Grundlage der Gleichheit und des beidseitigen Nutzens plädieren).
3. Wir müssen uns jedoch im klaren sein, dass diese chinesische Haltung kühl vom alten Mao-Wort bestimmt wird: «Das Ausländische in den Dienst des Chinesischen stellen».
Wir bleiben, aus chinesischer Sicht, ein Teil der kapitalistischen Welt, deren Untergang für den Chinesen nur noch eine Frage der Zeit ist und auf den sie ruhig warten können. Unseren Beziehungen sind jedenfalls klare ideologische Grenzen gesetzt, die wir, wie zu hoffen bleibt, mit Würde zur Kenntnis nehmen. (Ein chinesischer Botschafter zu einem Afrikaner: «Wir werden mit Europa Handel treiben, solange wir Europa, auch im Interesse Afrikas, brauchen. Wir werden jedoch nie Handlanger des Kapitalismus werden».)
4. Abgesehen von diesem wirtschaftlichen Nutzdenken ist die Schweiz für China ohne grosses Interesse7. Auch auf allen anderen Gebieten, etwa der kulturellen Beziehungen, sind wir für die Chinesen nur so weit interessant, als wir uns «nützlich in den Dienst der chinesischen Sache stellen» lassen.
Tatsache ist auch, dass uns die Chinesen (und dies gilt für ganz Europa) schlecht kennen und, nach chinesischer Tradition, auch gar keine besonders grossen Anstrengungen unternehmen, dieses Europa besser kennenzulernen. Es ist oft geradezu beängstigend, welche Kenntnislücken bei den führenden Chinesen über den Westen bestehen, d. h. bei den politischen Chefs, die das Schicksal der Welt in nächster Zukunft mitentscheiden werden. (Davon, wie auch vom oft schlecht getarnten, jahrhundertelangen Superioritätsgefühl der Chinesen soll an anderer Stelle noch die Rede sein.)
5. Und noch etwas: Wenn die Chinesen einmal eine grundsätzliche politische Linie festgelegt haben, wird sie stur eingehalten, was auch immer auf anderen Ebenen geschieht. Weder eine ausländische Regierung noch ihr Botschafter in Peking können daran, im Guten oder Bösen, viel ändern. Oder um mit einem langjährigen europäischen Botschafter in Peking zu sprechen: «Ich könnte hier jeden Blödsinn machen, unsere guten bilateralen Beziehungen würden dadurch nicht betroffen, solange China die Europa-Fahne auf Schönwetter gestellt hat.» Und zurzeit steht sie fröhlich flatternd im Ostwind. Wir haben eine gute Chance, auf dem Wege zum besseren gegenseitigen Verständnis einige entscheidende Schritte zu tun.
- 1
- Politischer Bericht Nr. 36: CH-BAR#E2300-01#1977/30#65* (A.21.31).↩
- 2
- Zur Innen- und Aussenpolitik der Volksrepublik China vgl. die Notiz von A. R. Hohl vom 1. April 1975, dodis.ch/37730.↩
- 3
- Vgl. dazu DDS, Bd. 26, Dok. 41, dodis.ch/37698; Dok. 137, dodis.ch/37700; Dok. 153, dodis.ch/37707 sowie DDS, Bd. 26, Dok. 157, dodis.ch/37693.↩
- 4
- Vgl. dazu DDS, Bd. 26, Dok. 8, dodis.ch/39285, Punkt 2 sowie den Politischen Bericht Nr. 50 von A. Natural vom 13. November 1974, dodis.ch/40528. Allgemein zur Rolle der Volksrepublik China in der internationalen Politik vgl. DDS, Bd. 25, Dok. 89, dodis.ch/34585.↩
- 5
- Wang Tung.↩
- 6
- Telegramm von M. Petitpierre an Mao Zedong vom 17. Januar 1950, dodis.ch/8016.↩
- 7
- Vgl. dazu DDS, Bd. 26, Dok. 153, dodis.ch/37707, bes. Anm. 4.↩
Relations to other documents
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