Classement thématique série 1848–1945:
3. POLITIQUE À L'ÉGARD DE LA SOCIÉTÉ DES NATIONS
Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 14, doc. 66
volume linkBern 1997
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E2001D#1000/1554#582* | |
| Dossier title | Evacuation du Secrétariat de la S.d.N. en temps de guerre (1939–1941) | |
| File reference archive | E.233.0.1 |
| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
| Archival classification | CH-BAR#E2001D#1000/1554#869* | |
| Dossier title | Contribution suisse (1939–1945) | |
| File reference archive | E.273 |
dodis.ch/47252
Compte rendu du Conseiller de Légation, H. Zurlinden1
BESUCH IN GENF AM 23. JUNI 1941.
Die Aussprachen im Völkerbundssekretariat erfolgten auf Grund der Instruktionen, die mir Herr Bundesrat Pilet-Golaz am 21. Juni in Gegenwart von Herrn Minister Bonna zu meiner Notiz vom 19. Juni2 erteilt hatte.
Im Laufe des Vormittags sah ich ausser den Herren Gautier und Henneberger Herrn Stencek (11/2 Stunden) und Herrn Aghnides (1 Stunde).
Am Nachmittag wurde ich von Herrn Lester empfangen (1 1/2 Stunden). Wegen Zeitmangel konnte ich mit Herrn Jacques Secretan im Internationalen Arbeitsamt nur telephonisch sprechen.
Während ich die in der Notiz vom 19. Juni aufgeführten 5 Punkte3 zur Sprache zu bringen hatte, wurde von Seiten des Völkerbundessekretariats ausserdem nur eine besondere Angelegenheit in die Aussprache geworfen: der angeblich erfolgte Wechsel in den Beziehungen des Politischen Departements zum Völkerbund.
I. Politisches Departement und Völkerbund.
Der Reihe nach erklärten mir die Herren Stencek, Aghnides und Lester - natürlich in privater und vertraulicher, offenherziger Form - in ähnlicher Weise, dass im Sekretariat seit letzten Sommer der Eindruck entstanden sei, als ob das Politische Departement seinen Kurs gegenüber dem Völkerbundssekretariat gewechselt habe, d. h. von einer wohlwollenden Einstellung zu einer fast feindlichen übergegangen sei.
1. Aghnides erwähnte in dieser Hinsicht die Enttäuschung Lester’s, dass sein Antrittsbesuch, den er allerdings in etwas timider Form angemeldet hatte, nicht angenommen worden sei.
2. Er selber, Aghnides, habe in Bern bei einem Besuch bei Herrn Secrétan den Wunsch geäussert, Herrn Minister Bonna zu grüssen, worauf ihm Secrétan geantwortet habe, es genüge, eine Visitenkarte abzugeben.
3. Alle drei Vertreter des Sekretariats glaubten sagen zu müssen, dass seit meiner Abreise nach Davos Secrétan niemals nach Genf gekommen sei und dass auf die frühere Gepflogenheit eines persönlichen Kontaktes, wobei wichtigere Angelegenheiten in loyalen Aussprachen vorbereitet wurden, abgelöst worden sei durch frostige, einseitige Mitteilungen des Departements.
4. Nach Stencek sei Secrétan in dieser gewollten Brüskierung so weit gegangen, dass gewisse Entscheidungen des Departements - zum Beispiel in der Frage der Suspendierten - dem Sekretariat nicht einmal mehr schriftlich mitgeteilt, sondern durch seinen Bruder im BIT lediglich telephonisch übermittelt worden seien. Auch habe Secrétan seine Unterschrift nicht mehr unter den Stempel «Section de la SDN», sondern unter «Section des unions internationales» gesetzt.
5. Lester sagte zusammenfassend, dass er sich von Bern isoliert und daher unglücklich gefühlt habe. Er sei deshalb Herrn Minister Bonna und Herrn Bundesrat Pilet-Golaz zu ausserordentlichem Dank verpflichtet, dass ich wieder nach Genf geschickt worden sei.
Ich habe mich zu all diesen Geständnissen etwas indifferent oder gar belustigt verhalten, indem ich eher bestritt, dass ein bewusster Kurswechsel stattgefunden habe und indem ich eher vermutete, dass man in Genf vor lauter Nichtstun übersensibel geworden sei und Gespenster sehe. Die politischen Verhältnisse und die Situation des Völkerbundes insbesondere hätten sich allerdings geändert und die schweizerische Staatsmaxime der Neutralität und leider auch unsere Benzinreserven legten uns reserviertere Methoden auf. Aber diese Nuancen seien nicht als persönliche Feindseligkeiten, auch nicht im Falle Secrétan’s, aufzufassen (dessen Name wohl etwas in den Vordergrund gerückt wurde, weil man andere nicht zu nennen wagte).
Auf die mir gemachten Komplimente erwiderte ich, dass ich ebenfalls lauter unangenehme Dinge mitgebracht hätte. Man entgegnete mir, dass ich immerhin gekommen sei, mündlich diese Dinge zu besprechen und dass ihnen damit die Gelegenheit gegeben sei, das Politische Departement zu verstehen.
Ich glaube selber auch, dass die Aufrechterhaltung eines persönlichen loyalen Kontaktes dem Völkerbundssekretariat die Notwendigkeit erleichtert, sich unseren Wünschen und Weisungen mit Verständnis zu fügen.
II. Die sachlichen Fragen.
1. Jahresbeitrag der Schweiz pro 1941.
Von Stencek erfuhr ich, dass Lester genau über die schweizerische Haltung aufgeklärt ist, ebenfalls dass das Sekretariat durch sein Finanzreglement gezwungen war, uns wieder zu mahnen.
Lester hat sich am längsten bei diesem Traktandum aufgehalten und erst etwas den Buchstabenjuristen herausgekehrt. Immer wieder hatte ich darauf abzustellen, dass wir heute aus Höflichkeit ihm wenigstens mündlich sagen möchten, dass wir seine Mahnbriefe nicht beantworten würden. Wir wurden zunächst darin einig, dass eine Diskussion über das sogenannte fragwürdige Zustandekommen des Völkerbundbudgets das Problem nur hinauszögere und nicht löse, denn das Sekretariat müsse den gegenteiligen Standpunkt behaupten. Er sei daher dankbar, dass man ihm, wenn auch nur mit Andeutungen, zu verstehen gebe, dass politische Gründe zu der Zahlungsverweigerung geführt hätten. Wieder hatte ich zu präzisieren «Je vous dis seulement que vous n’aurez pas de réponse de nous et que vous ne verrez donc pas d’argent». Lester wollte mit Hartnäckigkeit wissen, was diese Worte «exactement» zu bedeuten hätten. Ich erwiderte, dass diese Worte exakt das bedeuteten, was mit ihnen gesagt sei. Darauf erklärte er, er wolle unsern Standpunkt verstehen und müsse besonders aus finanziellen Gründen den Nichteingang der Zahlung bedauern.
2. Radio Nations4.
Die Angelegenheit wurde vor allem mit Stencek in ihren technischen Seiten behandelt. Lester klammerte sich sehr an die Bereitwilligkeitserklärung des Bundesrates, über ein neues Abkommen zu verhandeln. Auf seine Bemerkung «Je ne représente plus grand-chose, mais je représente toujours l’honnêteté» erwiderte ich, dass auch wir damals, vor 17 Monaten, unser Wort gehalten hätten. Jetzt aber seien die Gründe die zur Kündigung geführt hätten inzwischen noch stärker hervorgetreten, sodass wir nur noch die «Dénonciation pure et simple» aufrecht erhalten könnten. Das Sekretariat sei übrigens selber schuld daran, dass es damals auf unsere Offerte nicht eingegangen sei und heute mit seinem Vorschlag zu spät komme.
Wir einigten uns dahin, dass wir noch offiziell antworten würden, mit dem Vermerk, dass die Bereitwilligkeit zum Verhandeln dahinfalle. Lester wünschte diese schriftliche Antwort, um sie der Kontrollkommission mitzuteilen.
3. Spezialmarken des Völkerbundes.
Lester zeigte sich erfreut, dass wenigstens die Marken mit dem Spezialaufdruck «SDN» und «BIT» den beiden Organismen belastet werden.
Dagegen sprach ich, angesichts der Reserviertheit von Herrn Bundesrat Pilet-Golaz, nicht von einer Verlängerung der Frist zum Rückzug der Vignette-Marken.
Nach meiner Rückkehr aus Genf habe ich Herrn Dr. Buser verständigt, dass er nun die offizielle Antwort nach Genf veranlassen könne.
4. Abreise des Völkerbundessekretariates nach Amerika.
Stencek wollte nicht über dieses Thema sprechen. Dagegen kam Lester spontan darauf. Es sei lediglich beabsichtigt, einige technische Abteilungen nach Amerika zu senden, damit sie von dort besser ihre Tätigkeit fortsetzen können, zum Beispiel auch den Schweizer Gautier (Hygiene-Abteilung). Dagegen sei und bleibe der Sitz des Sekretariates Genf. Auch er werde auf seinem Posten bleiben. Ich erinnerte mich bei diesen Worten daran, dass vor nicht mehr als einem Jahr mir Avenol, der inzwischen nach bösen Zungen mit vollen Taschen das sinkende Schiff verlassen hat, mir erklärt hatte: «Je suis le capitaine de ce bateau et s’il le faut, je sombrerai avec lui.» Es war daher für mich ein Gaudium, als ich tatsächlich und wörtlich im selben Bureau von Lester feierlich vernahm: «Je suis le capitaine de ce bateau et s’il le faut, je sombrerai avec lui!»
III. «Minister» Frangulis.
Aghnides war auf seinen Landsmann zu sprechen gekommen, um einen Vergleich zu ziehen, wie er und wie dieser Gangster, Dieb und Spion von den schweizerischen Behörden behandelt werde. Ich gab gerne zu, dass wir von dem komödienhaften Auftreten Frangulis’ in Genf überrascht worden seien. Aghnides erging sich in heftigsten Worten über einzelne Handlungsweisen von Frangulis, der zum Beispiel im Athener Aussenministerium, in dem er nicht einmal Angestellter, geschweige denn Minister war, Dokumente gestohlen hatte, um sie an den «Matin» in Paris zu verkaufen.
Neu für mich war, dass Frangulis nach Aghnides über zehn Jahre lang im Nachrichtendienst Frankreichs gestanden habe und dass die famose «Académie Diplomatique Internationale» nur als ein Schild dafür diente, diese Tätigkeit zu verdecken und leicht Beziehungen zu «Diplomaten» und «Staatsmänner» anzuknüpfen. Seit einem Jahr, d.h. seit der Ausschaltung Frankreichs, stehe natürlich der Kerl nun im Solde Deutschlands.
Bei diesen ernsteren Hintergründen des Gastspieles Frangulis in Genf dürfte nun doch eine Überwachung dieser «Exzellenz» durch die Polizei erwogen werden.
- 1
- E 2001 (D) 4/76.↩
- 2
- Non reproduite. Cette notice est datée du 18 juin.↩
- 3
- Les cinq points mentionnés dans ladite notice sont: 1. Jahresbeitrag der Schweiz pro 1941. 2. Radio-Nations. 3. Spezialmarken des Völkerbundes. 4. Abreise des Völkerbundsekretariates nach Amerika. 5. Kleinere Angelegenheiten.↩
- 4
- Sur l’Accord du 21 mai 1930 entre le Conseil fédéral et le Secrétaire général de la SdN concernant l’établissement et l’exploitation d’une radio-électrique (Radio-Nations), cf. E 2001 (C) 5/47; pour la suite des négociations à ce sujet, cf. E 2001 (D) 4/78 et 84.↩
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