Language: German
15.9.1938 (Thursday)
Le Ministre de Suisse à Paris, W. Stucki, au Chef du Département politique, G. Motta
Political report (RP)
La France et la Crise sudète. Pessimisme au Quai d’Orsay. L’annonce du voyage de Chamberlain a Berchtesgaden a transformé l’atmosphère. Entretien avec Bonnet: les chances de Chamberlain, la France et les Etats neutres (respect absolu de la Belgique, la Hollande et la Suisse), attrait de l’or suisse pour l’Allemagne, transit des marchandises à travers la France.
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Printed in

Oscar Gauye (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 12, doc. 385

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Bern 1994

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dodis.ch/46645
Le Ministre de Suisse à Paris, W. Stucki, au Chef du Département politique, G. Motta1

Letzten Sonntag hieher zurückgekehrt, hatte ich am Montag abend Gelegenheit, die Nürnbergerrede am Radio mitanzuhören und ersuchte bereits am Dienstag Mittag Herrn Bonnet um eine Audienz. Der Gang der seitherigen Ereignisse ist Ihnen bekannt und es mag begreiflich erscheinen, dass mich der Aussenminister, der in den letzten Tagen natürlich ganz ausserordentlich in Anspruch genommen war, erst heute empfangen konnte. Über die Eindrücke, die einer meiner Mitarbeiter gestern am Quai d’Orsay empfing, habe ich den Chef der Abteilung für Auswärtiges telephonisch orientiert. Sie waren recht pessimistisch, wie überhaupt allgemein die Stimmung bis gestern Abend sehr gedrückt schien. Auffallend war immerhin, dass sich gestern morgen zwei wichtige Zeitungen («Matin» und « Jour-Epoque») sehr bestimmt für ein Plebiszit in der Tschechoslovakei einsetzten und gegen diese Auffassung ausser der äussersten Linken niemand ernsthaft opponierte. Heute früh, nach Bekanntwerden der Reise des englischen Premier Minister nach Berchtersgaden, hat die Stimmung vollständig umgeschlagen und man spricht hier von «Selbstbestimmungsrecht» und «Plebiszit» wie von etwas fast Selbstverständlichem.

In dieser wesentlich geänderten Atmosphäre hat mich heute Herr Bonnet empfangen. Er machte einen sehr müden und gedrückten Eindruck und betonte von vornherein, dass sich die Situation zwischen meinem Verlangen nach einer Besprechung und der Besprechung selber ganz wesentlich verändert hätte. Er liess durchblicken, dass die französische Regierung zwar recht «à contre-cœur» der Reise des Herrn Chamberlain zugestimmt habe, da niemand die Verantwortung dafür übernehmen wollte, nicht durch einen solchen grossartigen und ganz ungewöhnlichen Schritt den Frieden zu retten. Dies sei umso notwendiger gewesen, als sich in der französischen öffentlichen Meinung in den letzten Tagen und Stunden ein spürbarer Umschwung gezeigt habe und die Meinung immer stärker vertreten wurde, man dürfe nicht die französische Armee aufs höchste gefährden und Europa dem Ruin preisgeben, um die Sudeten-Deutschen zu verhindern, selber über ihr Schicksal zu entscheiden. Bedingung sei allerdings, dass aus dieser Besprechung die Grundlage für eine endgültige Lösung und für dauernde Ruhe in Mitteleuropa geschaffen würde.

Herr Bonnet betrachtet es für nahezu ausgeschlossen, dass die Besprechungen Chamberlain-Hitler nicht zu einem positiven Resultate führen könnten. Er liess sehr deutlich durchblicken, dass der Flug nicht ohne vorherige sorgfältige Sondierung unternommen worden sei. Im Vordergrund der Lösungsmöglichkeiten stehe einerseits das Plebiszit - dem sich Frankreich offensichtlich nicht widersetzen wird - und andererseits die Umgestaltung der Tschechoslovakei in einen Federativstaat von dauernd neutralem Charakter (auch gegen diese Lösung wird sich offenbar Frankreich nicht auflehnen).

Herr Bonnet gab ausdrücklich zu, dass die Reise für Deutschland und Hitler persönlich einen gewaltigen Zuwachs an Prestige bedeutet. Die andere Konklusion, dass Frankreich eine empfindliche Schlappe erleidet und seinen letzten Verbündeten in Mitteleuropa verliert, zog er nicht.

Mit Rücksicht darauf, dass Herr Bonnet vor einigen Tagen dem belgischen Botschafter Erklärungen über die unbedingte Respektierung der belgischen Neutralität durch Frankreich abgegeben hatte, sprach ich davon, dass man in der Schweiz gelegentlich die Meinung höre, Frankreich würde im Kriegsfälle nicht die Siegfriedstellung angreifen, sondern der Schweiz ein Durchmarsch Ultimatum stellen. Der Bundesrat sei aber ebenso fest davon überzeugt, dass Frankreich dies unter keinen Umständen tun würde, wie sicherlich auch Frankreich überzeugt sei, dass die Schweiz ein solches Ultimatum unbedingt ablehnen müsste. Herrn Bonnet erklärte sofort mit grosser Lebhaftigkeit, dass die französische Regierung und der französische Generalstab durchaus und einstimmig auf diesem Boden stehen und dass eine solche Annahme absurd wäre.

«Je vous donne la déclaration solennelle que jamais et sous aucune condition, la France posera un tel ultimatum à la Belgique, ou à la Hollande, ou à la Suisse». Ich dankte ihm für diese Erklärung, die für mich eine absolute Selbstverständlichkeit bedeute.

Ich wies im weitern Herrn Bonnet auf die Notwendigkeit hin, dass die Schweiz gegebenenfalls in schwierigen Situationen sofort über entscheidende Dinge orientiert würde und wie schwierig es sei, gerade in solchen kritischen Stunden, die massgebenden Persönlichkeiten des Quai d’Orsay zu erreichen. Herr Bonnet begriff dies vollständig und versprach mir, einem seiner leitenden Beamten die Verantwortung dafür zu übertragen, dass die Gesandtschaft im entscheidenen Moment sofort orientiert würde. Er fügte allerdings bei, er hoffe, diese Frage sei infolge der neuen Entwicklung der Dinge gegenstandslos geworden.

Herr Bonnet erklärte weiter, dass Frankreich ein grosses Interesse an einer starken schweizerischen Armee und namentlich einer raschen Mobilisation habe. Seiner Ansicht nach - «j’ai des informations sûres et précises» - wäre es trotz aller gegenteiligen Erklärungen eben doch nicht ausgeschlossen, dass Deutschland versuchen könnte, in die Schweiz einzubrechen. Dabei hätte es Deutschland nicht nur auf einen strategischen Vorteil, sondern namentlich auch auf das in den schweizerischen Banken liegende Gold und die dort befindlichen Depots abgesehen. Die Lockung könnte mit Bezug auf die Banken in Basel und Zürich zu gross werden, da es zum Kriegführen Geld brauche und Deutschland keines habe. Er glaube zwar zu wissen, dass die Schweiz das Gold der Nationalbank rechtzeitig in Sicherheit bringen würde und könnte. Beunruhigt aber sei er mit Bezug auf das, was die Privatbanken in Basel und Zürich enthalten. Er erlaube sich, freundschaftlich unsere Aufmerksamkeit auf diesen von ihm als sehr wichtig betrachteten Punkt zu lenken.

Ich versuchte, im Verlaufe des Gesprächs noch zu erfahren, ob sich im Konfliktsfalle Italien neutral verhalten oder sofort sich an die Seite Deutschlands stellen würde. Herr Bonnet antwortete, die französische Regierung habe hierüber keine absolute Klarheit, rechne aber damit, dass sich Italien wenn auch nicht sofort, so doch nach kurzer Zeit aktiv auf Seiten Deutschlands beteiligen würde.

Schliesslich sprach ich noch von der Möglichkeit, dass die Schweiz, wie im Frühjahr 1914, eventuell wünschen könnte, sich mit Frankreich über die Sicherung ihrer Zufuhren an Lebensmitteln und Rohstoffen rechtzeitig zu verständigen und dass man eventuell auch Vorsorge treffen sollte für den Abtransport der in Frankreich lebenden dienstpflichtigen Schweizerbürger und auch eines Teils der schweizerischen Zivilbevölkerung in Frankreich. Herr Bonnet würde es begrüssen, wenn diese Fragen rechtzeitig und nicht erst im Trubel eines Kriegsausbruches behandelt würden. Für die erste Frage wäre Herr Alphand vom Handelsministerium, für die zweite Frage das Kriegsministerium zuständig. Er hätte gar nichts dagegen, wenn die Gesandtschaft mit diesen Stellen direkt verhandeln würde. Mit Rücksicht auf meine anlässlich der Ministerkonferenz gemachten Darlegungen, denen sich auch meine Kollegen in Rom, London und Berlin angeschlossen haben, darf ich wohl erwarten, in der nächsten Zeit in dieser Frage die meines Erachtens sehr dringend gewordenen Instruktionen zu erhalten2.

1
E 2300 Paris, Archiv-Nr. 91. Remarques manuscrites de Motta en tête du document: Dem Bundesrat mitgeteilt. 16.9.38 M. Et: Affaires étrangères. Remercier M. Stucki. Le Conseil fédéral a pris aujourd’hui des décisions concernant les accords à prendre avec les différents Etats. 16.9.38. M.
2
A ce sujet, cf. Nos 390, 412, 439.