Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
1. Allemagne
1.7. Questions politiques générales
Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 10, doc. 84
volume linkBern 1982
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E2300#1000/716#116* | |
| Old classification | CH-BAR E 2300(-)1000/716 62 | |
| Dossier title | Berlin, Politische Berichte und Briefe, Militärberichte, Band 32 (1931–1931) |
dodis.ch/45626
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Durch den Sieg des Kabinetts ist nun vorerst eine Beruhigung eingetreten. Was wird weiter geschehen? Ob es richtig ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es ist zweifellos das Dogma aller Volkskreise, dass die Reparationslasten für Deutschland nicht mehr tragbar sind. Diese Feststellung haben sich alle Parteien, höchstens in verschiedenen Schattierungen, zu eigen gemacht. Ich nahm kürzlich an einem grossen Herren-Essen in Anwesenheit von Mitgliedern der Reichsregierung, der Preussischen Regierung, des Reichstags, von Vertretern der Industrie, der Finanz, der Presse usw. teil, wobei in den nachfolgenden Gesprächen ein starker Pessimismus zutage trat. Die absolute Notwendigkeit einer baldigen Revision wurde betont, im Hinblick sowohl auf die wirtschaftliche Lage als auch auf die Spannung, die speziell auf dem Lande viel stärker sei, als man sich in Berlin vorstelle, und die sich in einer Explosion entladen werde, wenn nicht baldigst eine Entlastung herbeigeführt werde. Dabei wurde die blosse Anrufung des Moratoriums3 als ungenügend bezeichnet. Ein bekannter kluger Bankier bezeichnete es zwar als das wichtigste, dass man die Nerven behalte. Man müsse die Sache organisch reifen lassen und dürfe den Prozess nicht durch laute Trompetenstösse stören. Denn Deutschlands Stärke liege in seiner Schwäche und nehme mit der letzteren täglich zu. Er fand aber hierin keine Zustimmung; denn Deutschland habe keine Zeit mehr zu warten. Da ich neben dem österreichischen Gesandten4 der einzige und wohl kaum beachtete Ausländer in dem grossen deutschen Kreise war, ist es ausgeschlossen, dass alle die Klagen und Voraussagen etwa an die Adresse des Auslandes gerichtet waren.
Nun liegt die Entscheidung über das weitere Vorgehen bei der Regierung Brüning. Eine leise Hoffnung beginnt man auf die amerikanische Hilfe zu hegen. Im weitern wird wohl der nunmehr angekündigte Gegenbesuch von MacDonald5 und Henderson6 abgewartet werden. Dass als Minimum des Vorgehens der Regierung die Anrufung des Moratoriums erfolgen wird, gilt als selbstverständlich. Im übrigen bringt die Presse auch schon eine Andeutung über die Möglichkeit einer deutsch-französischen Ministerzusammenkunft.
Ob die deutsche Wirtschaft mit ihrer verschuldeten und kapitalarmen Industrie, ihrer notleidenden Landwirtschaft und ihrer hochbesteuerten und damit kaufschwachen Bevölkerung noch lange durchzuhalten vermag, wenn die Arbeitslosigkeit nicht eingedämmt werden kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Nachdem ich aber beobachten konnte, wie das arbeitswillige und geltungsbegierige, zähe deutsche Volk seit Kriegsende aus so vielen schweren Krisen, wenn auch oft lädiert, so doch im Kerne immer wieder unversehrt, sich herausgearbeitet hat, so habe ich gleichzeitig, gestützt auf den Glauben an den endlichen Sieg der internationalen Vernunft, eher eine optimistische Auffassung. Aber eines glaube ich zu wissen: auf psychologisch-politischem Gebiet können weitere Erschütterungen nur vermieden werden, wenn die Regierung in der Reparationsfrage bald zum mindesten einen Anfangserfolg aufweisen kann. Gelingt es ihr nicht, eine Entspannung herbeizuführen, die eine wesentliche Lockerung der schweren Fesseln verspricht, so könnten die Pessimisten Recht bekommen. Die nationalsozialistische Welle könnte die gegenwärtige Ordnung zeitweilig überfluten und ihre Pfeiler unterwühlen. Das gelobte Dritte Reich würde dabei nicht entstehen, wohl aber würde der Bolschewismus darauf lauern, in den Ruinen der Ansätze sich einzunisten.
- 1
- Rapport politique: E 2300 Berlin, Archiv-Nr. 32.↩
- 2
- Le Gouvernement Brünig a pu, après une âpre lutte contre l’opposition et les partis qui le soutiennent, appliquer un autre des arrêtés d’urgence sans approbation du Parlement, de façon autoritaire. Il conduit ainsi les affaires de l’Etat depuis 1930.↩
- 3
- Le 20 juin, le président Hoover annonce publiquement que les Etats-Unis proposent un moratoire d’un an pour le payement des dettes intergouvemementales.↩
- 5
- Premier Ministre anglais.↩
- 6
- Secrétaire d’Etat aux Affaires étrangères.↩
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