Language: German
10.7.1919 (Thursday)
Le Ministre de Suisse à Vienne, Ch. D. Bourcart, au Chef du Département politique, F. Calonder
Political report (RP)
Attitude des dirigeants autrichiens à l’égard du régime Bela Kun. Appréciations d’hommes politiques hongrois sur ce régime et les guerres de frontière avec la Tchécoslovaquie et éventuellement avec l’Autriche.

Classement thématique série 1848–1945:
II. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ETATS
II.8 HONGRIE
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Printed in

Jacques Freymond, Oscar Gauye (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 7-II, doc. 14

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Bern 1984

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dodis.ch/44225
Le Ministre de Suisse à Vienne, Ch. D. Bourcart, au Chef du Département politique, F. Calonder1

Die deutliche Stellungnahme Otto Bauers gegen Bela Kun hat bei den weitesten Kreisen der Bevölkerung die Position der Regierung entschieden gestärkt. Es ist die Antwortnote des Staatssekretärs das erste unzweideutige Farbebekennen dieses enigmatischen Politikers. Es ist zugleich ein Beweis für die Richtigkeit der Annahme, dass die kommunistische Gefahr in Wien bis auf weiteres vorüber, dass die Macht der Pestersovjets abnimmt, und dass das, nach Massgabe des phantastischen und häufig zuchtlosen ungarischen Charakters erfolgte, Pester Experiment den Bolschewismus in Mitteleuropa entschieden kompromittierte.

Eine Konversation mit dem frühem Minister des Regimes Karolyi, Diner-Denes, hatte mir den scharfen Ton der Note Bela Kuns als ein Provokationsmanöver erscheinen lassen, das Vorwände zu einem bewaffneten Konflikt und zur Eroberung und Ausplünderung Wiens bewirken sollte. Diner schilderte mir Kun als einen genialen, äusserst mutigen Menschen, der zu allem bereit und auch zu unerwarteten Durchführungen fähig sei. Die rote Armee bezeichnete er als zuverlässig und er versicherte, da er selbst im Kontrast zu den Bolschewiken stehe, müsse er, der bevorstehenden Ereignisse wegen, Deutschösterreich baldmöglichst verlassen.

Ich liess zur Kontrolle dieser Mitteilungen beim auswärtigen Amt anfragen und erhielt von Dr. Kautsky, dem Sekretär Bauers, durchaus beruhigende Auskunft. Kautsky sagte, die ungarischen Truppenkonzentrationen an der Grenze seien lediglich eine Folge von Bauernunruhen grösseren Stils.

Immerhin schien die Ansicht Diner-Denes Herrn Kautsky zu interessieren. Er sagte, er wolle sich sofort mit dem Staatsamt für Heerwesen in Verbindung setzen und schärfere Grenzüberwachung veranlassen. Diner-Denes habe sich mit dem Regime Kun überworfen und sei unorientiert, wie es denn überhaupt ein Kennzeichen der jetzigen Pesterverhältnisse sei, dass die ganzen staatlichen Entschliessungen höchstens von drei Menschen ausgehen und strengstens geheim gehalten werden. Es sei aber die Möglichkeit vorhanden, dass Diner neues erfahren habe durch seinen Freund, den Grafen Michael Karolyi, der vor zwei Tagen in Wien eingetroffen sei. Kautsky glaubt nicht mehr an die Resistenz der Pesterregierung; das Geld beginne spürbar zu fehlen, mit dem Geld schwinde die Popularität bei den untersten Schichten des Proletariats, die Brauchbarkeit der roten Armee und die Fähigkeit zur Propaganda im Ausland. Kun genial zu nennen, sei eine entscheidende Übertreibung. Kun sei höchstens ein ungewöhnlich begabter, leicht pathologischer Halbgebildeter, der die ganzen Nachteile des Fanatikers und des unreifen jungen Menschen mitbringe.

Es wirkt leicht belustigend, den leisen Unterton fast konservativen Bewusstseins aus den Äusserungen des Bauerschen Sekretärs über die Pester Usurpatoren herauszuhören.

Graf Bethlen, der Führer der einstigen ungarischen Partei seines Namens, sagte mir, die rote Armee wolle keinen Krieg gegen Deutschösterreich. Der Krieg gegen Tschechien sei nicht für den Kommunismus, sondern aus patriotischen Gründen geführt worden. Der Generalstabschef der roten Armee, Horvath, sei ein Konservativer. Die Massregeln der Volksbeauftragten gegen gesinnungsuntüchtige Offiziere – Bestrafung ihrer Angehörigen, Frauen und Kinder – kennzeichnet zur Genüge die Unsicherheit der Machthaber. Diner-Denes nannte er einen Schnüffler für die Bolschewiken.

1
Rapport politique: E 2300 Wien, Archiv-Nr. 34. Ce texte porte des corrections manuscrites de C. J. Burckhardt.