Language: German
27.3.1919 (Thursday)
Le Ministre de Suisse à Vienne, Ch. D. Bourcart, au Chef du Département politique, F. Calonder
Political report (RP)
Les événements de Hongrie: la responsabilité de l’Entente. Répercussions à Vienne.
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Printed in

Jacques Freymond, Oscar Gauye (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 7-I, doc. 287

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Bern 1979

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dodis.ch/44032
Le Ministre de Suisse à Vienne, Ch.D. Bourcart, au Chef du Département politique, F. Calonder1

Die Ereignisse in Budapest waren vorauszusehen und entsprangen vor allem zwei Faktoren:

1.) der desorganisierenden Politik Karolyis und seiner von jeher stark zu den russischen Sowjets tendierenden Mitregenten.

2.) der Zurückhaltung der Entente, die einerseits die demagogische Zerrüttung der innerpolitischen Zustände nicht hinderte und andererseits den Patriotismus und die nationale Eitelkeit des ungarischen Volkes durch die Begünstigung der Randstaaten tiefgehend verletzte. Noch in letzter Stunde wäre eine Konsolidierung möglich gewesen, wenn man einer kräftigen Regierung territoriale Integrität beim Friedensschluss in Aussicht gestellt hätte. Englische Offiziere sagten mir, wie sehr sie immer wieder in diesem Sinne berichtet hätten, [und wie leicht noch vor 3 Monaten eine erfreuliche Lösung der österreichischen Frage möglich gewesen wäre; ein englischer Major, der nun seit 2 Monaten die englische Lebensmittelkommission in Wien leitet, versicherte mir, es seien von ihm und von Cunningham immer wieder Truppen zur Besetzung verlangt worden; er habe aber nie, weder in dieser speziellen Frage, eine Antwort erhalten noch sonst irgend etwas über die Intentionen Versailles erfahren. Selbst Franchets dringende Warnungen seien gänzlich unbeachtet geblieben.

Mittlerweile hat sich nun eine Lage ausgebildet, deren Gefährlichkeit für ganz Europa nicht kann hoch genug eingeschätzt werden. Die Versuche, sich dem russischen Bolschewismus anzuschliessen, waren ursprünglich nur bei den Ausläufern einer Partei zu suchen, die in ihren kräftigen Bestandteilen starke Tendenzen zeigte, sich dem radikalen Bürgertum zu nähern. Das Herauszögern des Friedens aber, die vollständige Unklarheit, in der die Völker über ihre künftige Gestaltung gelassen wurden, hat aus der Verzweiflung den Wunsch nach einem Zusammengehn mit Russland entstehen lassen. Von der deutschen Botschaft wird die Drohung einer Einführung der Räterepublik und eines Zusammengehens mit den Sowjets ganz offen für den Fall eines schlechten Friedens herumgeboten. «Der preussische Adel wird sich an die Spitze der Bewegung stellen; dass sie in straffer Organisation durchgeführt wird, dafür sorgen wir schon; wenn das gesamte Volksvermögen verstaatlicht ist, wird sich niemand der Wucht unserer Propaganda entziehen können; die Ententetruppen werden sich für den Kapitalismus nicht schlagen; wenn die Blockade weiter bestehen sollte, so wird sie durch die Weltrevolution gebrochen und über die schweren Zeiten bis zu diesem Augenblick wird der frisch erwachende Enthusiasmus der weitesten Volksschichten und die erhöhte Produktionskraft hinweghelfen»: dies sind die Worte eines deutschen Diplomaten. Ein Ausspruch, der dem Grafen Czernin zugeschrieben wird, lautet: «Wir befinden uns noch mitten im Krieg, Deutschland wird ihn gewinnen, denn es wird die Revolution gewinnen.»

In Deutschösterreich ist die Situation bedrohlich, selbst die Regierung beginnt aus ihren Befürchtungen kein Hehl mehr zu machen. Bauer, den ich nach meiner Rückkehr aus der Schweiz sprach, hat an die Budapester Kommunisten eine deutliche Absage geschickt. Mir gegenüber äusserte er sich zurückhaltend, verschwieg aber die Möglichkeit einer raschen Änderung der Situation durchaus nicht. Einer seiner Mitarbeiter versicherte mir, Bauer habe «Angst». Der Streik der Eisenbahner ist heute ein blosser Salärstreik, kann sich aber leicht an der ungarischen Nachbarschaft zu einem wirklichen Aufstand entzünden. Die kommunistische Gruppe in Wien hat keine bedeutende Führerschaft; die gefährlichsten Agitatoren aber sind immer wieder die Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft. Im neutralen diplomatischen Korps wurde die Ansicht geäussert, nur eine rasche Besetzung Wiens mit 6000 Mann (vor einem Monat hätten noch weniger genügt) könne die Situation und das Prestige der Ententemächte retten.

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Rapport politique: E 2300 Wien, Archiv-Nr. 34.