Language: German
15.1.1916 (Saturday)
Le Chef de l’Etat-Major Général de l’Armée suisse, Th. von Sprecher, au Général U. Wille
Bericht über die militärische Lage der Schweiz auf Anfang des Jahres 1916
Report (R)
Situation militaire de la Suisse face aux belligérants et menace possible pour la neutralité suisse.
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Jacques Freymond et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 168

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Bern 1981

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dodis.ch/43443
Le Chef de l’Etat-Major Général de l’Armée suisse, Th.vonSprecher, au Général U. Wille1

Bericht über die militärische Lage der Schweiz auf Anfangdes Jahres 1916

(Vgl. «Punktuationen über die Lage» vom 23./24. Mai.2 und «Bericht über die Lage» vom 30. Juli 19153.)

Abgesehen von den ganz bedeutenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die unserm Lande, insbesondere von seiten der Entente-Mächte, durch die weitgehenden Beschränkungen der Ein- und Ausfuhr bereitet werden, sind unseres Wissens die politischen Beziehungen zu den kriegführenden Staaten nach Umständen gut. Militärisch bestehen weder an der einen noch der ändern Front irgendwelche namhafte Störungen der guten Nachbarschaft, die ernstliche Verwicklungen befürchten Hessen, noch auch Truppenansammlungen in unserer Nähe, die als eine Bedrohung für uns aufgefasst werden müssten.

Was die unmittelbaren Berührungen unserer Truppen mit denen der Kriegführenden anbelangt, so wird allerdings die Anlehnung der beiderseitigen Gegner an unser neutrales Gebiet in einer Weise ausgeübt, die leicht zu dessen Verletzung führen kann. Sowohl im Pruntrutischen als auf dem Umbrailpass schliessen die Kämpfenden mit ihren Verteidigungslinien und Hindernissen unmittelbar an unserer Grenze an und verstärken ihre Anlagen fortwährend. Augenscheinlich hat jeder seinen Gegner im Verdachte, er möchte, bei günstigen Umständen, das neutrale Gebiet zur Umfassung des angelehnten Flügels benutzen. Ich halte die Befürchtung einstweilen nicht für begründet. Unsre Nachbarn allerseits können nicht im Zweifel darüber sein, dass wir den Versuch des Durchzuges duch das Pruntrutische (das Eisgau) oder das bündnerische Münstertal gleicherweise als Casus belli betrachten würden. An einen wie am ändern Orte aber würde der Vorteil der örtlich beschränkten Umfassung von ferne nicht den Nachteil aufwiegen, der dem Invasor aus der Gegnerschaft unserer ganzen Armee erwüchse. Im Nordwesten ganz besonders ist an eine absichtliche Grenzverletzung nur zu denken in Verbindung mit der Bereitstellung einer Truppenmasse, die unsern Gesamtstreitkräften ungefähr entspräche. Es würde sich dann für den Invasor zunächst um eine Verlegung des Kriegsschauplatzes in die Schweiz handeln und im weitern um die Schaffung einer Basis in unserm Lande, behufs weitern Vorgehens gegen die strategische Flanke des Gegners. Nur dieses grosse, unter Umständen allerdings bedeutungsvolle Ziel könnte es allenfalls rechtfertigen, die Gegnerschaft der ganzen schweizerischen Armee in Kauf zu nehmen.

Die Lage kann sich dazu entwickeln, dass bei den Millionenheeren, die beiderseits im Felde stehen, das Gewicht unserer 200000 Mann, die nicht von schwerer Artillerie unterstützt werden und im Rufe gewisser innerer Zerwürfnisse stehen, den einen oder ändern der Kämpfenden nicht von dem Versuche des Vorgehens über die Schweiz abzuhalten vermag. Zur Zeit aber sind weder politische noch militärische Anzeichen dafür vorhanden, dass ein solcher Versuch geplant wird. Zwar stehen an unserer Nordwestfront nicht unerhebliche Kräfte der beiden Gegner Deutschland und Frankreich. Die Armee Gaede mag etwa 100000 Mann aller Heeresklassen zählen mit starker Artillerie. Die räumliche Verteilung dieser Truppen aber schliesst jeden Gedanken daran aus, dass sie bestimmt sein könnten für einen Vormarsch durch die Schweiz. Auch bestehen an den auf unsere Nordfront gerichteten deutschen Bahnlinien keine ändern Truppenansammlungen als die in den normalen Garnisonen und Übungsplätzen vorhandenen Ausbildungsdepots. Die französische VII. Armee de Maud’huy in der Stärke von etwa 130 Bataillonen, die von St-Dié im Norden bis an die Lomont-Kette verteilt sind, ist augenscheinlich ihrer jetzigen Dislokation gemäss, sei es zum Angriff, sei es zur Abwehr, gegen das südliche Eisass gerichtet. Die zur Zeit eben im Gange befindlichen Verstärkungsarbeiten an der Südwestfront des Pruntrutischen deuten auch mehr auf die Befürchtung eines deutschen Durchbruches hin als auf die eigene Absicht des Einbruches in unser Gebiet. Als auf uns berechnete Täuschung könnten sie auch nur dann aufgefasst werden, wenn gleichzeitig andere Anzeichen eines geplanten Überfalles vorlägen, wie scharfe Grenzsperre, auffallende Truppenansammlungen bei Besançon und weiter südlich hinter unserer Westfront. Solange übrigens die Verbindung mit unserm Konsul in Besançon, wie es jetzt der Fall ist, vollständig ungehindert bleibt, halte ich dafür, eine französische Unternehmung gegen unsere Westfront (mit Ausnahme allfällig von Genf, wofür besondere Gesichtspunkte bestehen) sei nicht zu befürchten. Genf, das wir direkt nicht verteidigen können, könnte m. E. erst gegen den Friedensschluss zu als gefährdet erscheinen, wenn Frankreich, allfällig mit Zustimmung Deutschlands, die allgemeine Abrechnung benutzen wollte, um dieses wertvollen Objektes sich zu versichern.

Bei Deutschland ist ein Durchbruch durch die Schweiz m. E. überhaupt schon aus strategischen Gründen beinahe mit Sicherheit auszuschliessen. Deutschlands Lage im Verhältnis zu England, Belgien und Frankreich wird es immer dazu zwingen, namentlich aber im derzeitigen Krieg, seine Hauptkräfte im Zentrum und auf dem rechten Flügel einzusetzen, und ihm verbieten, das Hauptgewicht auf eine exzentrische, schweizerische Basis zu verlegen. Überdies führt eine von der Schweiz gegen Ostfrankreich unternommene Operation zunächst wenigstens in ein nicht sehr fruchtbares, sondern relativ armes Gebiet (Hochfläche zwischen Jura und Saône) und sodann auch wieder auf eine befestigte Front (Besançon, Dijon, Lyon) und die starke Wasserlinie der Saône, jedenfalls aber nur auf grossem Umwege gegen das geographisch-politische Operationsziel Paris. Betrachtet man die Karte von Europa, so erscheint überhaupt die Schweiz im Verhältnis zu Deutschland als ein Anhängsel der äussersten Südgrenze des Reiches, das der geographischen Lage nach viel eher in Betracht käme für ein deutsches Vorgehen gegen Italien als gegen Frankreich, wenn nicht hier die Alpenzone sich als starkes Hindernis dazwischenlegte, das durch Zerstörungen noch erheblich verstärkt werden könnte. Wenn im Feldzuge von 1813/14 die österreichische Armee von Süddeutschland her durch die Schweiz gegen Frankreich vormarschierte, so spielten dabei politische Rücksichten mit (Lostrennung der Schweiz von Napoleon) und dann die Idee von der strategischen Bedeutung, die man dem Besitze der Gegend von Dijon und des Plateaus von Langres ungebührlicherweise beimass; Erwägungen, die heute kaum noch eine Rolle spielen dürften.

Die geographische und strategische Lage der Schweiz zu Frankreich ist eine wesentlich andere. Sie entspricht der westöstlichen Schwerpunktlinie der französischen Landmasse, und eine französische Operation durch die Schweiz, sei es gegen Deutschland oder Österreich, hat viel weniger den Charakter einer exzentrischen, sich weit von der Basis entfernenden Bewegung, als es bei einer deutschen Operation dieser Art der Fall wäre. Auch winkt hier einer französichen Invasionsarmee der Vorteil, auf eine beinahe unbefestigte Front des Gegners zu stossen, wie es umgekehrt gar nicht zuträfe. Endlich könnte für Frankreich auch noch die Überlegung Platz greifen, dass, die Unüberwindlichkeit der französischen Nordostfront vorausgesetzt, durch eine englische Offensive in Belgien und eine französische in der Schweiz Deutschland genötigt würde, seine strategische Reserve in zwei so weit auseinanderliegende Teile zu trennen, dass ein Hin- und Herschieben dieser Flügel-Reserven beinahe untunlich wäre.

Da eine Offensive Deutschlands gegen Italien einstweilen ausgeschlossen ist und Deutschland zudem günstige Operationslinien über österreichisches Gebiet zur Verfügung hätte, kann also im allgemeinen eine Benutzung schweizerischen Gebietes nur allfällig für Frankreich Vorteile bieten, die zu einer solchen Operation einladen könnten. Um aber im Ernste mit diesem Vorgehen zu rechnen, müssten nicht nur geographisch-strategische Rücksichten dafür sprechen, sondern auch Kräfte zu Gebote stehen, die nach Zahl und Beschaffenheit sich dazu eignen würden.

In dieser Hinsicht fällt Folgendes in Betracht:

Mit einer Vermehrung der Kräfte der Entente kann in nennenswertem Masse gerechnet werden von seiten Russlands, Italiens, Englands und seiner Dominions sowie der französischen Kolonien. Russland ist für uns nur in Rechnung zu ziehen, insoweit es deutsche Kräfte nach Osten abzieht. Von einem Herüberziehen italienischer Truppen auf den französischen Kriegsschauplatz war schon vielfach und auch noch in letzter Zeit die Rede. Solches erscheint aber sehr unwahrscheinlich; Italiens Interessen liegen am Mittel- resp. am Adriatischen Meere, und dafür wird es vorab seine Kriegsmacht einsetzen. Die französischen Kolonien können nach glaubwürdigen Angaben wohl noch etwa 100000 Mann liefern; einstweilen geht freilich alles, was von den Kolonien kommt, nach dem Orient; es ist aber nicht ausgeschlossen, dass später Teile zur Verstärkung der französichen Nordostfront erübrigt werden. In französischen Blättern ist schon die Ansicht geäussert worden, diese Kolonialtruppen von Senegal, von Algier usw. seien eben das, was es brauche, um als erste Sturmwelle gegen die befestigte deutsche Front anzulaufen; über sie hinweg würde dann die französische Truppe mit geringen Opfern den Durchbruch vollenden. (Vgl. auch das französiche Dekret vom 18. Dez. 1915 über die Rekrutierung unter den Eingebornen von Indochina, Madagaskar, Äquatorial-Afrika, Somali-Küste, Neu-Kaledonien und Ozeanien.) Die französischen Rekruten der Heimatarmee werden kaum genügen zur Aufrechterhaltung der Bestände an der Front. Vor einigen Wochen gingen Meldungen ein über starke Truppenansammlungen (100000-130000 Mann) im Lager von Valbonne östlich von Lyon; spätere Nachrichten aber ergaben, dass es sich dort nur um eine Zusammenziehung von Depotmannschaften handelte, deren Ausbildung noch der Ergänzung und Vereinheitlichung bedurfte. In gleicher Weise waren grössere Besammlungen bei Châlons-sur-Marne festgestellt worden. Alle diese Beobachtungen und Betrachtungen lassen also noch nicht annehmen, dass Frankreich im Falle sei, eine Armee von 200000-300000 Mann für eine strategische Umfassung des linken deutschen Flügels bereitzustellen. Wohl aber kann diese Möglichkeit eintreten, wenn England$ grosse Mannschaftsreserven mobil werden, wie es, nach der Annahme der wenn auch beschränkten Wehrpflicht, aufs kommende Frühjahr in Aussicht steht. Nicht nur dass deren Ziel ausreichte, um auf einem erheblich grössern Teil der belgischen und französischen Front die französischen Truppen abzulösen, sondern es kann auch angenommen werden, dass für den reinen Abwehr- und Grabenkampf sie nach Widerstandskraft und Ausbildung genügen würden. Inbesondere fällt für deren Kampfwert ins Gewicht, dass sie noch unabgenutzt und mit unerschütterten Nerven Leuten gegenüberstehen werden, die zwar kriegsgewohnt sind, aber doch einen Teil ihrer Kraft werden eingebüsst haben.

Wir hätten also damit zu rechnen, dass dann Frankreich im Falle wäre, Kräfte in der Zahl von mehreren hunderttausend Mann aus der Front für Offensivzwecke herauszuziehen, Leute, die sich jedenfalls für solchen Zweck besser eignen würden als die englischen Mannschaften und ihre Führer. Ob diese Kräfte dann auf der französisch-deutschen Armeefront eingesetzt oder für eine Operation vom rechten französischen Flügel aus verwendet würden, könnte nur der entscheiden, der befähigt wäre, über die Widerstandskraft der deutschen Sperrfront zu urteilen. Besteht Aussicht, diese mit Hilfe der nunmehr beschafften ungeheuren Vorräte an Geschützen und Artillerie-Munition zu durchbrechen, so wird die Offensive wohl in der Richtung auf Belgien und den Rhein unternommen werden; ist diese Aussicht nicht vorhanden, so wird auch die Idee eines Vorgehens durch die Schweiz nicht von der Hand gewiesen werden können. Vor dem Frühsommer d.J. aber ist diese Möglichkeit kaum ins Auge zu fassen. Von neuem kann sodann eine Gefahr für die Schweiz eintreten, wenn es den Truppen der Entente gelingen sollte, die deutsche Front an den Rhein zurückzudrängen. Der Rhein mit seinen Festungen bildet eine der stärksten strategischen Barrieren Europas, und wenn es zur vollständigen Niederwerfung Deutschlands kommen sollte, so dürften die siegenden Heere der Entente nicht am Rhein haltmachen. Kann diese Linie von ihnen nicht durchbrochen werden, so muss sie umgangen werden, was sowohl durch die Schweiz als von der See aus durch Holland geschehen kann. Nimmt der grosse Krieg diesen Verlauf, so werden wir bis nahe an sein Ende zur Abwehr bereit sein müssen.

Ein Vorgehen durch Holland kann für England eine grosse Versuchung bilden; die Richtung einer solchen Operation wäre für Deutschland gefährlicher als der französische Angriff durch die Schweiz. Soll der rechte deutsche Flügel in Flandern zurückgedrängt werden, so liegen vor allem eine Landung an der Schelde und der Durchmarsch durch das dortige holländische Gebiet nahe, um in die Flanke oder den Rücken der Deutschen zu gelangen. Aber auch eine überraschende Landung weiter nördlich an der holländischen Küste ist denkbar, namentlich wenn die deutsche Linie in Flandern frontal nicht zu überwinden wäre. Deutschland hat zur Zeit an der holländischen Grenze nur etwa 1 Armeekorps stehen, das allerdings rasch verstärkt werden könnte und in Verbindung mit der nun seit bald 1 Zi Jahren im Felde stehenden holländischen Armee von etwa 300000 Mann dem englischen Vormarsch an den zahlreichen Wasserlinien zum mindesten lange standzuhalten vermöchte. Für uns hätte der englische Angriff durch Holland die Folge, dass weniger französische Truppen an deren Nordostfront frei würden und die Wahrscheinlichkeit eines Durchbruches durch die Schweiz entsprechend abnähme.Ich habe bisher nur die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit einer Invasion von Westen und Norden her ins Auge gefasst. Ein solches Ereignis aber wird m. E., unter den Umständen des heutigen Krieges, nie allein eintreten, sondern unbedingt begleitet sein von einer Bedrohung auf einer ändern Front. Da aber, nach Lage der Dinge, nur von Westen her uns einstweilen eine Gefahr drohen kann, so ergibt sich, dass wir nur vom Verbündeten des westlichen Nachbars, also von Süden her, uns zugleich auf Bedrohung oder Angriff gefasst machen müssen. Es ist gar nicht daran zu zweifeln, dass so gewiss die Entente beschliesst, uns in das Spiel der Kräfte hineinzuziehen, so gewiss auch unsere West- und Südfront gleicherweise gefährdet erscheinen. Die nächstliegende Überlegung würde die allfälligen Gegner dazu führen, uns von zwei Seiten her anzupacken, um so. mehr, als es eine gemeinsame Reserve für die beiden Kriegsschauplätze nördlich und südlich der Alpen, mit ihrer einzigen Bahnverbindung durch den Gotthard, nicht geben kann, unsre Kräfte auf diesen zwei Fronten also ganz auf sich selbst würden angewiesen sein.

Krieg bedeutet also für uns unter gegenwärtigen Umständen unfehlbar Krieg nach zwei Fronten. [...]4Bei den obigen Darlegungen über die Möglichkeit bzw. Wahrscheinlichkeit eines Hineinziehens unseres Landes in den europäischen Krieg bin ich bisher im wesentlichen von militärischen Gesichtspunkten ausgegangen, und dabei habe ich stets an dem naheliegenden Gedanken festgehalten, dass wir unsere Armee gegen den einsetzen, der unsere Neutralität ernstlich bedroht oder verletzt, und mit dem Gegner des Invasors gemeinsame Sache machen würden. Militärisch betrachtet halte ich ein anderes Verhalten, nämlich den Anschluss an den Verletzer unseres Gebietes, schlechthin für unmöglich, mag man theoretisch noch so sehr vom Rechte dazu überzeugt sein. Die immer schärfer sich ausprägenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Bedrückungen legen es aber nahe, auch die Folgen der Entwicklung dieser Dinge und überhaupt die militärische Tragweite unserer so grell hervorgetretenen wirtschaftlichen Abhängigkeit kurz zu betrachten.

Bei einem Kriege gegen die Entente werden wir ohne weiteres bezüglich der Absperrung vom überseeischen Verkehr in die ganz gleiche Lage uns versetzt sehen, in der sich zur Zeit die Zentralmächte so wenig wohl befinden. Kann das ein Grund sein, uns auch dann auf die Seite der Entente zu schlagen, wenn sie uns mit Krieg bedroht oder überzieht? Ganz abgesehen davon, dass auch der Abschluss von den Zentralmächten uns durch den Entzug von Kohle, Eisen und ändern wichtigen und unentbehrlichen Dingen schwer schädigen würde, halte ich doch dafür, dass auch in diesem Falle weder Volk noch Regierung es über sich bringen könnten, dem Invasor die Hand zum Bunde zu reichen. Wir würden auch nur dann auf die richtige Stimmung in der Armee rechnen können, wenn wir sie gegen den führen dürfen, der als der treulose Einbrecher allen offenkundig wäre; dies um so mehr noch, als in diesem Falle doch auch etwelche Aussicht bestände, durch unsern Eintritt in die Arena die Waagschale zugunsten unseres Kriegsgenossen sinken zu machen.

Aber auch noch einer ändern Entwicklung der Lage muss gedacht werden.

Es könnte in der Absicht der Entente liegen, durch stetige Verschärfung der jetzt schon sehr lästigen Absperrung, ohne militärische Bedrohung, uns auf ihre Seite hinüberzuzwingen. Dann zu einem geraden, ehrenhaften und einmütigen Entschlüsse zu gelangen, wird viel schwieriger sein. Gegenüber dem allmählich anziehenden, stillen Drucke wird es um so weniger zu einer einhelligen Entrüstung und Empörung dagegen kommen, als dann nicht nur der politisch zur Entente hinneigende Teil unseres Volkes, sondern auch ein gut Teil unserer Grossindustrie sehr geneigt sein wird, dem Drucke nachzugeben.

Wir dürfen aber auch dann die grosse geschichtliche Erfahrung nicht vergessen, dass die Vormachtstellung Frankreichs auf dem europäischen Kontinente stets zu einer schweren Minderung sogar unserer politischen Selbständigkeit geführt hat, ja bis zu einer wahren Vasallenschaft gegenüber dem westlichen Nachbarn, während unsre politische Unabhängigkeit nie angetastet oder beschränkt wurde seit 1871, da das Deutsche Reich in die Stellung der europäischen Vormacht einrückte. Dass andererseits die Zentralmächte versuchen sollten, uns zu zwingen, aus wirtschaftlichen Gründen auf ihre Seite zu treten, erscheint vollständig ausgeschlossen; sie haben von der abgeschlossenen Schweiz keine irgend nennenswerte ökonomische Erholung und Stärkung zu erwarten, und an der Absperrung von der See würde der Anschluss der Schweiz an sie nicht nur nichts bessern, sondern die Lage für die Zentralmächte nur noch verschlimmern.

Eine Gefahr, aus wirtschaftlichen Gründen zum Kriege gezwungen zu werden, droht uns also m. E. auch nur von den Entente-Mächten.

Auch dieser Weg führt also wieder zu dem Schlüsse, dass wir einstweilen nur mit einer Bedrohung unserer West- und Südfront zu rechnen haben, auf die eben die dem Herrn General vorgeschlagene Kräfteverteilung der Armee zugeschnitten ist.

Wenn der Herr General im allgemeinen der hier dargelegten Auffassung unserer Lage und den Grundzügen des Programmes für die Arbeit zustimmt, werde ich die Vorschläge einreichen für die entsprechende Kriegsgliederung, die Truppenverteilung und weitere Massnahmen, wie sie im Zusammenhange mit dem Ablösungsdienste zu treffen sind.

1
E 27, 13560/1.
2
Non reproduit.
3
Non reproduit.
4
Les sections III à V du rapport contiennent des considérations sur les dispositions à prendre, ainsi celles qui concernent la répartition des forces armées sur les différents fronts, l’équipement et la formation de l’armée et le développement du service de renseignement.