Language: German
2.8.1914 (Sunday)
Le Ministre de Suisse à Berlin, A. de Claparède, au Chef du Département politique, A. Hoffmann
Letter (L)
Le général von Moltke assure que l'armée allemande respectera la neutralité suisse. L'Allemagne soutiendra l’armée suisse dans le cas d’une agression française. Incident de frontière à St. Louis.
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Printed in

Jacques Freymond et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 13

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Bern 1981

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dodis.ch/43288
Le Ministre de Suisse à Berlin, A. de Claparède, au Chef du Département politique, A. Hoffmann1

Heute frühe besuchte mich der erste Adjutant des Generals von Moltke, Chef des grossen Generalstabs, und in dessen Auftrag bat er mich, denselben zu besuchen. Ich fuhr sofort in Begleitung des genannten Offiziers nach dem grossen Generalstab und wurde von General von Moltke sofort empfangen; er erklärte mir, dass er wünsche, die Absicht der deutsche Armeeleitung bekanntzugeben, welche in dem gegenwärtigen Kriege die Neutralität der Schweiz ganz und voll respektieren wolle. Nicht ein deutscher Soldat werde das Gebiet der Eidgenossenschaft berühren und kein Zoll unseres Landes werde von deutschen Truppen besetzt werden. Die deutsche Regierung und die Armee betrachte die Schweiz als ein befreundetes Land und werden auch gerne in dieser schweren Zeit der Schweiz das möglichste Entgegenkommen zuteil werden lassen, um derselben die Versorgung von Lebensmitteln und sonstigen Bedarfs für die Armee zu erleichtern. Sodann begann er darüber zu sprechen, dass die Schweiz von Seite der französischen Kriegsleitung nicht so sicher sein könne. Man habe hier den Eindruck, und jüngst aus Frankreich eingegangene Berichte bestätigen denselben, dass Frankreich beabsichtige, bei Überschreitung unserer westlichen Grenze und Verletzung unserer Neutralität, Deutschland über unser Gebiet anzugreifen. In solchen Fall würde die deutsche Armee uns ganz zur Seite stehen und mit uns Zusammengehen, wenn die Schweiz durch Frankreich bedroht sein sollte. Ich dankte da dem Chef des Generalstabs und teilte ihm mit, dass ich zur Kenntnis des Schweizerischen Bundesrates seine Mitteilung bringen würde, dass die deutsche Armee im Falle eines französischen Angriffes uns zur Seite stehen würde, denn so lege ich seine Äusserungen über eine allfällige Bedrohung aus. Herr von Moltke anerkannte die Richtigkeit meiner Auffassung, jedoch mit dem Bemerken, dass die Ausdrücke Bedrohung und Angriff, obgleich im Grund verschieden, sich mitunter je nach der Lage der Verhältnisse ganz decken. Aber, fügte er hinzu, Ihre Offiziere wissen es und werden in konkretem Falle zu entscheiden haben. Zum Schluss wiederholte Herr von Moltke die Bereitwilligkeit der deutschen Armeeleitung, uns in allen Fällen entgegenzukommen, wo es ihr möglich sein wird, der Schweiz von Nutzen zu sein.

Diese Zeilen sollten abgeschrieben werden, als ich gegen 10Vi Uhr abends wieder den Besuch des ersten Adjutanten des General-Obersten von Moltke erhielt, von welchem ich Ihnen mit meinem chiffrierten Telegramm von heute nacht Kenntniss gegeben habe.

Merkwürdig erscheint es, dass der Vorfall bei S. Ludwig gerade am selben Tag sich ereignet hat, wo Herr von Moltke sich mit so bestimmten Worten über unsere Neutralität ausgesprochen hat. Eine Verwandtschaft zwischen den beiden Besuchen des Adjutanten des Generales von Moltke scheint schon deshalb nicht zu bestehen, weil mein hiesiger niederländischer Kollege auch heute mittag von Herrn von Moltke ersucht worden war, bei ihm zur selben Stunde zur Entgegennahme einer ähnlichen Neutralitätserklärung zu erscheinen.

Meinem heutigen Telegramm kann ich nur noch hinzufügen, dass der Adjutant des Generals von Moltke in der verbindlichsten Weise das aufrichtigste Bedauern des Letztem darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass diese Grenzverletzung stattgefunden habe - und daher den Wunsch hegte, dass der hohe Bundesrat von diesen seinen Gefühlen möglichst bald Kenntnis erhielt.

1
Lettre: E 2001, Archiv-Nr. 733.