Language: German
7.3.1914 (Saturday)
Der schweizerische Gesandte in Berlin, A. de Claparède, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, A. Hoffmann
Political report (RP)
Entgegen pessimistischen Stimmen und allerlei Zeitungsgeschwätz zeigt sich Zimmermann überzeugt, dass Europa einem friedlichen Sommer entgegengeht.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
I. INTERNATIONALE LAGE
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 400

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Bern 1983

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dodis.ch/43255
Der schweizerische Gesandte in Berlin, A. de Claparède, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, A. Hoffmann1

In jüngster Zeit bin ich wiederholt in der Presse wie in diplomatischen Kreisen auf pessimistische Äusserungen gestossen, welche gegen den Optimismus, welcher in der Wilhelmstrasse während den Ereignissen des letzten Jahres herrschte, stark abstechen. So der neuliche Petersburger Artikel der Kölnischen Zeitung, so auch Mitteilungen aus einer sonst gut informirten schwedischen Quelle, welcher zufolge die russisch-österreichischen Beziehungen dermalen gespannter als je zuvor waren, eine Ansicht, welche namentlich durch die jüngsten Concentrierungen von Truppen in Finnland begründet werde, die, nimmt man an, bestimmt seien, einem Angriff Deutschlands auf Finnland im Falle eines russisch-österreichischen Krieges entgegen zu treten. Ich besuchte daher dieser Tage Herrn Unterstaatssekretär Zimmermann und bat ihn, mir seine Ansicht über die gegenwärtige Lage mitteilen zu wollen. Mit der Türkey anfangend, sagte er mir, dass man nach dieser Richtung beruhigt sei: der berühmte bulgarisch-türkische Vertrag, dessen Existenz in der behaupteten Form in Abrede gestellt wird, könne nicht als ernst betrachtet werden, denn Bulgarien wäre mangels an Geld, Truppen und Generälen unfähig, jetzt einen Krieg zu führen und der König sowie seine Ratgeber seien vernünftige Männer, die den Frieden aufrechterhalten wollen. Überdies hätte Rumänien seit der Unterzeichnung des Bukarester-Friedens im Falle eines Krieges zwischen der Türkey und Bulgarien einerseits und Griechenland und Serbien anderseits ein sehr ernstes Wort zu reden. Die Türkey scheine durch die jetzige Regierung in einer vernünftigeren Art regiert zu werden, als man es hoffen dürfte. Auch die Türkey empfindet das Bedürfniss, sich in finanzieller und militärischer Beziehung zu erholen. Die Inselfrage werde sich schliesslich in friedlicher Weise erledigen lassen; der Krieg wäre längst ausgebrochen, hätte ein solcher wegen dieser und anderer Fragen stattfinden sollen.

In Betreff des Artikels der Kölnischen Zeitung, und der militärischen Vorbereitungen Russlands, versicherte mich Flerr Zimmermann, dass die fragliche Pressäusserung auf keinerlei offizielle Inspiration zurückgeführt werden könne, und was die russischen Rüstungen betrifft, so weiss man hier, dass man in Paris in jüngster Zeit sehr nervös geworden ist und ein Gefühl der eigenen Schwäche empfindet, welches namentlich auf die Schwierigkeiten, welche das Gesetz über die dreijährige Dienstzeit hervorgerufen, und auf die Krankheiten in der Armee und die Minderwertigkeit der jüngst eingereihten Rekruten zurückzuführen ist. In diesem Gefühl und in der Besorgnis, Deutschland könnte den Krieg herbeiführen wollen, wünsche Frankreich, durch Russland gedeckt zu sein und gefällt sich in den Meldungen über die russische Kriegsbereitschaft! Auch bestehen dermalen, trotz des Zeitungsgeschwätzes, keine weiteren Differenzen in den russisch-österreichischen Beziehungen. Die russische Regierung - fügte er hinzu - hat uns wiederholt und jüngst noch ihre friedlichen Absichten in offizieller Weise bekannt gegeben und - was für uns noch wertvoller ist - sind diese Äusserungen aus unseren eigenen Quellen in allen Punkten bestätigt worden, auch diejenige welche sich auf die Bedeutung der dortigen Rüstungen beziehen!

Und was die englischen Schiffsbauten betrifft, von welchen fremde, auch deutsche Zeitungen, so viel Staat machen, so sind dieselben notwendig geworden seitdem Kanada sich ausser Stande sieht, die versprochenen Schiffe zu liefern. Wir nehmen daran nicht den geringsten Anstoss: wir, England und wir, sind ziemlich auf den Standpunkt gelangt, dass wir nicht mehr die Schiffsbauten des ändern Landes uns gegenseitig Vorhalten, was als ein erfreuliches Zeichen der besseren Beziehungen zwischen beiden Ländern zu betrachten ist. Die Herren Journalisten mögen schreiben was sie wollen, wir bekümmern uns darum nicht.

Während dieser Unterredung hat Herr Zimmermann sich zwei Mal sehr optimistisch geäussert, ein Mal über die Lage in den Balkans, alsdann, als er in Betreff der allgemeinen politischen Lage sich dahin äusserte, dass wir nunmehr einem friedlichen Sommer entgegengehen, was in den letzten Jahren leider nicht immer der Fall gewesen sei!

1
Politischer Bericht: E 2300 Berlin, Archiv-Nr. 67.