Language: German
16.12.1913 (Tuesday)
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher, an den Vorsteher des Militärdepartementes, A. Hoffmann
Letter (L)
Militärische Gründe sprechen aus schweizerischer Sicht nicht gegen den Bau der französischen Faucille-Bahn. Soll Genf der Schweiz erhalten bleiben, muss die schweizerische Gesinnung in der Genfer Bevölkerung gestärkt werden.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
II. BILATERALE BEZIEHUNGEN
8. Frankreich
8.4. Simplonzufahrten
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 392

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Bern 1983

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Cover of DDS, 5

Repository

dodis.ch/43247
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher, an den Vorsteher des Militärdepartementes, A. Hoffmann1

Confidentiell

Das vom Politischen Departement eingelangte Aktenstück berührt die Frage ob auf Seite Frankreichs für die Verbesserung der Verbindung zwischen Paris und Savoyen vorab die Linie Faucille-Genf oder eine die Schweiz umgehende Bahnlinie St. Amour-Annemasse in Betracht zu ziehen sei. Die zur Prüfung der Frage vom franz. Ministerium sub 4. Mai 1912 eingesetzte Kommission spricht sich in Übereinstimmung mit dem franz. Ministerium des Äussern «aus diplomatischen Rücksichten» sehr bestimmt für die Faucille aus. Unter diesen diplomatischen Rücksichten ist wohl vornehmlich der französische Einfluss in Genf zu verstehen.

Militärisch fällt die ganze Frage nicht schwer ins Gewicht. In einem Konflikt mit Frankreich kann die Schweiz Genf nur erhalten, wenn die französische Invasionsarmee geschlagen wird; der entscheidende Zusammenstoss wird aber keinesfalls in oder bei Genf stattfinden und es ist für den Entscheid ganz gleichgültig, ob die Bedingungen für eine kriegerische französische Invasion in Genf für Frankreich noch durch eine Faucille-Bahn verbessert werden. Genf an und für sich ist vor wie nach für uns militärisch unhaltbar. Von einer ändern Seite betrachtet, könnte die Frage auftauchen, ob nicht die Führung der Bahnverbindung Paris-Savoyen über Genf für Frankreich unter Umständen einen neuen Anreiz zur Verletzung unseres Gebietes bilden könnte, so namentlich in einem Kriege zwischen Frankreich und Italien. Man darf jedoch überzeugt sein, dass nur ganz schwerwiegende Gründe Frankreich wie jeden ändern kriegführenden Staat veranlassen werden, unsere Neutralität zu verletzen und die schweizerische Armee sich zum Feinde zu machen. Die Benutzung einer Bahn Lons-le-Saunier-Genf-Savoyen-Wallis kann einen solchen Grund nicht abgeben, angesichts der auf französ. Boden für die Verbindung mit Savoyen und Wallis zur Verfügung stehenden Linien Bourg-Annemasse-Bouveret und Lyon-Aix-Chamonix, ganz abgesehen von den nach der italienischen Grenze heranführenden Bahnen. Wenn Frankreich einen Vorteil von einer Invasion der Schweiz erwartet, so wird der Einbruch, ohne dass Genf und die Faucille-Bahn dabei entscheidend ins Gewicht fallen, über den Waadtländer Jura gegen das Wallis oder durch den Neuenburger und Berner Jura gegen den Rhein erfolgen. Der Bau der Faucille spielt dabei keine Rolle. Militärische Gründe sollen also dem Zustandekommen einer Faucille-Bahn nicht entgegengestellt werden. Politisch allerdings wird dadurch zweifelsohne der ohnedies übermächtige französische Einfluss in Genf neuen Zuwachs erhalten. Genf wird so immer mehr zum wirtschaftlichen und geistigen Zentrum eines zu neun Zehnteln französischen Gebietes und es wird mit allen Mitteln an der Unterstützung und Stärkung der schweizerischen Gesinnung der Genfer Bevölkerung gearbeitet werden müssen, soll nicht dereinst diese geistige Metropole der welschen Schweiz uns politisch verloren gehen.

1
Schreiben (Kopie): E 53, Archiv-Nr. 119.