Language: German
20.2.1906 (Tuesday)
Der schweizerische Geschäftsträger in London, E. Probst, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, L. Forrer
Political report (RP)
Nach dem Bruch mit Schweden sollte Norwegen eine Republik werden, und die provisorischen Behörden planten, den schweizerischen Bundesrat anzufragen, ob er sich für deren Anerkennung durch die Mächte verwenden würde. Es wurde jedoch für politisch klüger erachtet, zuerst Frankreich und die USA zu sondieren, und erst das Scheitern dieser Sondierungen führte zu einer monarchischen Staatsform.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
I. INTERNATIONALE LAGE
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 110

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Bern 1983

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Cover of DDS, 5

Repository

dodis.ch/42965
Der schweizerische Geschäftsträger in London, E. Probst, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, L. Forrer1

Ich hatte heute Morgen, anlässlich des ersten Herrenempfanges (lever) beim König im Buckingham Palast, Gelegenheit, mich längere Zeit mit dem Geschäftsträger Norwegens Herrn Irgens über den Werdegang des neu errichteten norwegischen Königtums zu unterhalten. Obgleich diese mir vertraulich gemachten Mitteilungen retrospektiven Charakter haben, glaube ich dennoch, sie Ihnen berichten zu sollen, erstens weil sie sehr wenig Bekanntes enthalten und zweitens weil sie teilweise die Schweiz betreffen. Zur Erläuterung möge dienen, dass Herr Irgens, seines Zeichens Rechtsanwalt, von seiner Regierung sehr geschätzt wird, was schon daraus hervorgeht, dass sie ihn als ersten Geschäftsträger nach London, dem für Norwegen wichtigsten Posten, sandte.

Meinem Gewährsmann zufolge war das norwegische Volk unmittelbar nach dem am 6. Juni 1905 erfolgten offenen Bruch mit Schweden in seiner weitaus grössten Mehrzahl für die Errichtung einer Republik; die freiheitlichen Institutionen des Landes und die politische Reife seiner Bewohner befürworteten eine demokratische Regierungsform. Die provisorische Regierung in Christiania war auch geneigt, dieser Strömung Rechnung zu tragen und beriet darüber, wie dieses Ziel am besten erreicht werden könnte. Wie Herr Irgens mir erzählte, ging der erste Vorschlag dahin, es sei ein Minister in Spezialmission nach Bern zu senden, um den schweizerischen Bundesrat vertraulich anzufragen, wie er sich einer Republik Norwegen gegenüber verhalten und ob er bei den Mächten die für deren völkerrechtliche Anerkennung nötigen Schritte tun würde. Man habe sich in Christiania von einer eventuellen Fürsprache der obersten Behörde der ältesten Republik in Europa zu Gunsten der Jüngsten viel versprochen. Dieser Plan sei fallen gelassen worden, weil es für politisch klüger erachtet wurde, zuerst die beiden grossen Republiken Frankreich und Vereinigte Staaten von Amerika bezüglich ihrer Haltung einer Republik Norwegen gegenüber zu sondieren.

Herr Irgens wurde mit dieser Mission in den Vereinigten Staaten betraut. Er brachte drei Monate drüben zu, fand aber sehr wenig Entgegenkommen und gar keine Aufmunterung. Erstens habe das Washingtoner Kabinet die Monroe Doktrin vorgeschützt, die ihm eine Einmischung in die Angelegenheiten eines europäischen Staates verbiete und zweitens sei ihm geradezu bedeutet worden: first a King and afterwards the recognition (zuerst ein König und hernach die Anerkennung).

Die Mission in Frankreich habe ebenfalls keinen Erfolg davon getragen. Die Regierung habe sich ganz ablehnend verhalten; einzig 50 Kammer-Abgeordnete hätten eine Sympathieadresse nach Christiania gelangen lassen; dieses Schriftstück sei jedoch von keinem parlamentarischen Führer unterschrieben worden.

Erst jetzt und angesichts dieser geringen Theilnahme Frankreichs und der Vereinigten Staaten von Amerika an den republikanischen Bestrebungen des norwegischen Volkes, habe man in Christiania angefangen, ernstlich an die Wiederaufrichtung des Königthums zu denken.

Herr Irgens fügte bei, Norwegen sei übrigens mit der Wahl seines Königs sehr zufrieden; Schwiegersohn Eduards VII., des konstitutionellsten aller Monarchen, sei König Hakoon selbst freiheitlich gesinnt und habe zudem eine Verfassung beschwören müssen, die ihm in staatsrechtlicher Hinsicht keine selbständige Macht verleihe.

Diese Äusserung meines Kollegen erklären - worüber die europäische Presse seinerzeit keinen stichhaltigen Grund anzugeben vermochte - weshalb das liberale Norwegen keine Republik wurde.

1
E 2300 London, Archiv-Nr. 6.