Language: German
8.9.1879 (Monday)
Nationalrat C. Feer-Herzog an den Vorsteher des Finanz- und Zolldepartements, S. Bavier
Report (R)
Der Währungsspezialist des Bundesrates analysiert die internationale Finanzlage. Deutschland wird nicht zum Bimetallismus zurückkehren und US-Versuche zur Stabilisierung des Silberpreises sind aussichtslos. Präsidentschaftskampagne in den USA.
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Printed in

Erwin Bucher, Peter Stalder (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 3, doc. 166

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Bern 1986

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dodis.ch/42145
Nationalrat C. Feer-Herzog an den Vorsteher des Finanz- und Zolldepartements, S. Bavier1

Ich erhielt Ihre geschätzte Zuschrift vom 5.2 nebst den beiden Einschlüssen von Paris vorgestern, und beehre mich darauf zu antworten. Der Hauptinhalt derselben war mir seit längerer Zeit durch meine Münzcorrespondenzen mit Berlin und New York, sowie durch direkte Mittheilungen des Herrn Lardy bekannt.

Ich will mir erlauben Ihnen in kurzen Zügen die hauptsächlichsten Momente dieser Fragen vor Augen zu führen.

Der gegenwärtige Finanzminister John Sherman ist ein grundsätzlicher Gegner der Blandbill und der Silberprägungen. Allein der Umstand dass er als Presidentschaftscandidat für das Jahr 1880 auftritt, versetzt ihn in die Lage allen Fractionen gegenüber zuvorkommend sein zu müssen, und dieser Umstand hat ihn dazu gebracht eine besondere Silbermission nach Europa abordnen zu müssen. Für diese Mission hat der Finanzminister auch in dem Umstande noch einen besondern Grund, dass er die neuen Silberdollar, die er in Folge der Blandbill gesetzlich zu prägen gezwungen ist, durchaus nicht an den Mann bringen kann. Von 36 Millionen Dollars, die bis jetzt geschlagen worden sind, bleiben 34 Millionen unbeweglich in den Gewölben des Schatzamtes zurück. Jeden Monat kommen 2 weitere Millionen dazu, und Sie können sich denken, welches die Verlegenheit des Herrn Sherman während der Presidentschaftscampagne im nächsten Jahre sein wird. Daher die Mission des Herrn Walker nach Europa. Als vor mehr als einem Monate Dr. Bamberger von Berlin aus mir diese Mission ankündigte, konnte ich meinen Augen nicht trauen, denn mein Freund General Francis Walker ist ein ausserordentlich sanftmütiger Gelehrter, der absolut nur Englisch versteht, und dessen Naturell ihn für die Durchführung einer so schwierigen Aufgabe durchaus nicht eignet.

Sie können denn auch den Mittheilungen des Herrn Lardy entnehmen wie ausserordentlich kühl er in Paris empfangen worden ist. Man würde Unrecht haben aus dem Artikel des Herrn von Reinach im Journal des Débats, der sehr blöde ist, zu schliessen, dass die französische Regierung irgendwie Herrn Walker entgegen kommen kann oder will. Die Banque de France sowohl als die Union Latine sind mit Fünffrankenthalern so gesättigt dass sie durchaus keine Vermehrung des Vorrathes vertragen können. Am 30. August besass die Banque de France 1147 Millionen in Fünffrankenthalern, weil auch in Frankreich das Publikum diese Münze überall zurückweist. In der Schweiz selbst, haben wir einen übergrossen Vorrath, der noch überdies zu 48 % aus italienischen Stüken besteht. Aus zwei Privatbriefen, die mir Herr Say im Monat Mai geschrieben, sowie aus dem Briefe vom 5. Mai, den die Banque de France an den Finanzminister gerichtet hat, und welchen Sie mir selbst mittheilten, geht hervor dass Frankreich auch nicht die Prägung eines einzigen Fünffrankenthalers mehr zugeben kann. Freilich stellt Herr Lardy in seinem Briefe die ganze Frage als die Gefahr einer grossen Goldexportation vor.3 Allein die Sache liegt nicht ganz so. In erster Linie wird man den aus Amerika zu beziehenden Getreidebedarf mit amerikanischen Titeln bezahlen und erst nachher kommt das Geld an die Reihe. Die diessfälligen Momente sind in der «Semaine Financière» vom 30. August nach allen Richtungen sehr klar entwickelt (Pag. 594).

Der lateinische Münzverband ist übrigens auf die Dauer von sechs Jahren neuerdings festgekittet: Solange nur ein einzelner Staat widersteht, kann kein einziger Fünffrankenthaler geprägt werden und solange der Zwangscurs in Italien existirt können Frankreich, Belgien und die Schweiz keine Prägungen von grobem Silber zugeben. Unser Münzverband befindet sich daher dem Gegenstand der zwischen Deutschland und Amerika angeregten Frage naturgemäss entrückt; und der sarcastische Brief, den Herr Say von Italien aus darüber nach Paris geschrieben hat, findet in diesem Umstande seine naturgemässe Erklärung.

Gehen wir zu Deutschland selbst über, so wird Herr Walker dort noch grössere Schwierigkeiten antreffen, als in Frankreich. Es wäre zu weitläufig diesen Punkt hier vollständig zu entwickeln. Es kann aber im Allgemeinen gesagt werden, dass die deutsche Münzreform zu weit vorgerückt ist als dass man sie rückgängig machen kann und dass die Verluste des Rückgängigmachens wahrscheinlich grösser ausfallen dürften, als die Ersparnisse an den Silberverkäufen. Herr von Bismark hat offenbar diese Frage noch nicht studirt. Es ist viel leichter einige Tarifansätze hinaufzuschrauben, als einen seit sieben Jahren geführten Feldzug plötzlich wieder vollständig rückgängig zu machen.

Das allergrösste Hinderniss, welches sich in Deutschland ergeben wird, besteht aber in dem Umstande, dass Deutschland für die Umwandlung der ehemaligen Silberforderungen in Goldforderungen das Verhältniss von 15 1/2 zu 1 gesetzlich eingeführt hat. Wollte nun aber Deutschland die Doppelwährung nun wieder einführen, so müsste dasselbe das Silber auf 1572: 1 hinaufführen. Darin besteht aber gerade die absolute Unmöglichkeit. Ein Einiggehen von Amerika und Deutschland kann wohl das Silber um einige Punkte hinaufschrauben, niemals aber wieder das alte Verhältniss zwischen Gold und Silber wieder herstellen. Der gewaltige Faktor der dieses Verhältniss beherrscht, liegt nicht in den Prägungen einzelner Staaten, sondern in der indischen Handelsbilanz. Ich habe diesen Punkt in meinen frühem Schriften ausführlich entwickelt und derselbe Punkt hat in der Sitzung des englischen Parlamentes vom 12. Juni deren Stenographie ich besitze durch die Reden der Herrn Goschen, Cross und Anderer eine glänzende Bestätigung gefunden. Dieselben haben bewiesen, dass die Silberbezüge Indiens von nun an nie mehr die frühere Höhe wieder erreichen können, und dass sie wenigstens um 15 Millionen ft StferlingJ jährlich gegen früher Zurückbleiben müssen. Die alten Silberpreise werden desshalb nimmer wiederkehren, und wenn Sie die Tabellen des neuesten Werkes von Soetbeer consultiren, so werden Sie selbst erstaunt sein über die Grösse der Revolution die in den letzten Jahren stattgefunden hat. Herr Hammer hat dieses Werk für das Finanzdepartement angeschafft.

Ich beschränke mich für heute soweit es sich um die deutsch-amerikanische Frage handelt auf die vorstehenden Mittheilungen. Da ich Ihnen aber einmal über Münzsachen schreibe, so will ich mir erlauben noch eine weitere Anzeige beizufügen.

Seitdem ich mich hier befinde hat mir die Regierung der Argentinischen Republik einen Gesetzesentwurf und einen Bericht in spanischer Sprache Übermacht, womit sie ihrem Congress ein neues Münzsystem vorschlägt. Der letztere Bericht trägt zu meiner Überraschung meinen eigenen Namen an der Spitze. Es hat damit folgende Bewandtniss. Sechs Monate vor dem Kriege veranstaltete die französische Regierung eine grosse enquête über die Münzfrage und die allgemeine Münzeinheit. 1872 wurden die Berichte und Vorträge sämmtlicher französischer und ausländischer Experten in 2 grossen Quartbänden veröffentlicht. Die argentinische Regierung hat diese Publication als Ausgangspunkt angenommen, und sagt in ihrer Botschaft, dass sie meinen Bericht als den erschöpfendsten zum Ausgangspunkte ihrer Vorschläge mache. Die letztem bestehen darin, dass die Einheit von 25 fs. in Gold als Basis des Münzsystems genommen, und diese 25 fs. in 5 Pesos von 5 fs. eingetheilt werden. Dadurch entsteht für die argentinischen Staaten, wo sehr viele fremde Münzsorten existiren, französische, amerikanische und englische, die möglichst grösste Übereinstimmung mit dem durchschnittlichen Werthe derselben.

In Folge meiner noch immer andaurenden Gliederschmerzen bin ich gezwungen, meine sämmtlichen Briefe meiner Tochter zu dictiren und es wäre mir desshalb sehr angenehm, wenn Sie mir eine Copie dieser Zeilen hieher zurück schicken wollten.

P.S. Wenn Herr Reinach über die Silberproduction der Vereinigten Staaten sagt, dass dieselbe während der ersten sechs Monate dieses Jahres abgenommen habe, so ist dieses richtig. Die auf das ganze Jahr berechnete Production hat aber durchaus nicht abgenommen, & wird neuerdings wachsen, indem der sogenannte Sutrotunnel der bestimmt ist, die Lüftung, Entwässerung und Ausbeutung aller Schächte des Comstockgebirges bis auf die Tiefe von 2000’ möglich zu machen, theils vollendet und in Funktion begriffen, theils seiner gänzlichen Durchführung ganz nahe gebracht ist. In Colorado und in Arizona sind auch weitere Silbergebiete in Thätigkeit gesetzt worden.

1
Bericht: E 12/29.
2
Nicht ermittelt.
3
Vgl. das Schreiben von Lardy an Bavier vom 3. 9.1879 (E 12/29).