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Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 25, doc. 142
volume linkZürich/Locarno/Genève 2014
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E2001E-01#1982/58#7471* | |
| Old classification | CH-BAR E 2001(E)-01/1982/58 315 | |
| Dossier title | Hilfsaktionen der Schweiz (1928–1982) | |
| File reference archive | B.55.40 • Additional component: Chile |
dodis.ch/35858
Notiz des Chefs des politischen Diensts West, M. Gelzer, an den Delegiertenfür technische Zusammenarbeit des Politischen Departements, S. Marcuard1
1. Im beiliegenden politischen Bericht2 aus Santiago über eine von Präsident Allende vor dem chilenischen Kongress verlesene Regierungserklärung befindet sich folgender Passus über die Beziehungen zur Schweiz:
«Le traditionnel esprit démocratique et le sentiment social de la Suisse, ainsi que le haut degré de sa technologie nous permet d’observer que ce pays, petit par ses dimensions et peu peuplé, est en mesure d’apporter beaucoup d’enseignements aux pays en développement. Aussi notre Gouvernement a-til un intérêt spécial à développer, chaque jour davantage, les traditionnelles relations d’amitié chileno-suisses.
Par échange de notes (13 décembre 19713), l’accord complémentaire sur le perfectionnement professionnel hôtelier et de recherches touristiques a été modifié.»
2. Das spezifische Interesse Allendes an intensivierten Beziehungen mit unserem Lande verdient Beachtung. Es sollte u. E. bei der Fixierung der Schwerpunkte unseres Entwicklungshilfeprogramms4 Berücksichtigung finden. Wenn wir auch keinen Anlass haben, die Schweden in ihrer grundsätzlichen Linksorientierung der Auslandhilfe zu imitieren, so scheint doch eine möglichst weitgehende Berücksichtigung Chiles bei unserer Entwicklungshilfeplanung auf Grund folgender Überlegungen erwägenswert:
– Chile versucht bis jetzt einen eigenen – demokratischen – Weg zum Sozialismus zu gehen: ohne Gewalt anzuwenden, ohne auf die Hilfe mächtiger Geldgeberstaaten abzustellen. Präsident Allende wird dabei einerseits von der rechtskonservativen parlamentarischen Opposition, anderseits von den starken und eigenmächtigen Linksrevolutionären, welche die bestehende Ordnung unter Übergehung der parlamentarischen Spielregeln gewaltsam ändern möchten, bedrängt.
Das Experiment Allendes erinnert übrigens etwas an die burmesischen Bemühungen um die Errichtung einer von Grossmächten unabhängigen sozialistischen Gesellschaft.
– Intensive schweizerisch-chilenische Beziehungen auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe könnten die Chilenen am ehesten veranlassen, bei der zum Teil schon erfolgten zum Teil erwarteten Nationalisierung5 namhafter schweizerischer Investitionen6 in ihrem Land eine faire Entschädigungspolitik zu betreiben.
Anderseits sind wir uns bewusst, dass die durch Nationalisierungen hart getroffenen Schweizer (unsere Kolonie in Chile zählt zur Zeit etwa 1500 Landsleute, mehr als die Hälfte davon Doppelbürger) vorerst einmal negativ auf unser allenfalls wachsendes Engagement im Bereich der Entwicklungshilfe reagieren würden. Bis jetzt hat sich die chilenische Regierung nämlich in vielen Fällen nicht an ihre verbalen Zusicherungen einer völkerrechtskonformen Entschädigungspraxis7 gehalten.
3. Der uns zugestellte Vorschlag8 für die Phase II des Berufsschulungsprojekts9 in Santiago hat im Sinne der vorgängigen Bemerkungen unsere volle Zustimmung.
- 1
- Notiz (Kopie): CH-BAR#E2001E-01#1982/58#7471* (B.55.40). Verfasst von A. R. Hohl. Beigelegte handschriftiche Notiz von A. R. Hohl an J.-J. Indermühle vom 12. Juni 1972: Comme j’avais à peu près simultanément avec vous rédigé une note concernant le Chili je me suis permis d’intégrer votre note du 8 juin dans la mienne.↩
- 2
- Politischer Bericht Nr. 6 von Ch. Masset vom 2. Juni 1972, dodis.ch/36529. Zur Einschätzung von S. Allendes Politik vgl. auch das Schreiben von R. Dürr an S. Marcuard vom 10. September 1970, dodis.ch/36534 sowie die Notiz von J.-M. Boillat an J.-J. Indermühle vom 22. Dezember 1971, dodis.ch/36528.↩
- 3
- Note von G. Peyraud an das chilenische Aussenministerium vom 26. November 1971 und Note des chilenischen Aussenministeriums an G. Peyroud vom 13. Dezember 1971, CH-BAR#E2200.144#1986/17#126* (771.222).↩
- 4
- Zur Entwicklungshilfe der Schweiz an Chile vgl. DDS, Bd. 25, Dok. 57, dodis.ch/35910, Anm. 7.↩
- 5
- Zu den Nationalisierungen in Chile vgl. das Schreiben von R. Dürr an P. Micheli vom 11. September 1970, dodis.ch/36524; die Notiz von J. Faillettaz vom 26. Mai 1971, dodis.ch/36557 sowie die Notiz von B. Stofer vom 14. März 1972, dodis.ch/36558.↩
- 6
- Vgl. dazu die Notiz über die Besprechung mit Vertretern der FH vom 6. März 1970, dodis.ch/36599; das Schreiben von N. Celio an das Politische Departement und an das Volkswirtschaftsdepartement vom 7. Juni 1971, dodis.ch/36560 sowie Doss. CH-BAR#E7110#1982/108#1617* (892.1). Zur Konsolidierung von Chiles Aussenhandelsschulden vgl. die Notiz von E. H. Léchot vom 24. Januar 1972, dodis.ch/36542; die Notiz von P. A. Nussbaumer an P. Graber vom 6. Juni 1972, dodis.ch/36544; das BR-Prot. Nr. 1047 vom 12. Juni 1972, dodis.ch/36548 sowie das BR-Prot. Nr. 1475 vom 23. August 1972, dodis.ch/36552.↩
- 7
- Vgl. dazu Doss. CH-BAR#E2001E-01#1987/78#2289* (B.34.66).↩
- 8
- Vorankündigung des Antrags des Delegierten für technische Zusammenarbeit an den Bundesrat vom 29. Mai 1972, CH-BAR#E2005A#1983/18#251* (t.311.5).↩
- 9
- BR-Prot. Nr. 1332 vom 9. August 1972, CH-BAR#E1004.1#1000/9#785*. Vgl. ferner das BR-Prot. Nr. 1401 vom 16. August 1972, dodis.ch/36538.↩
Tags
Chile (Politics) Nationalization of Swiss assets


