Language: German
21.7.1943 (Wednesday)
Le Chargé d’Affaires de Suisse au Caire, A. Brunner, au Département politique
Political report (RP)
La colonie française d’Egypte et de Gaulle. Soutien britannique aux gaullistes. L’attitude de l’Amiral Godefroy commandant de quelques bâtiments de la flotte française réfugiés à Alexandrie.

Classement thématique série 1848–1945:
2. RELATIONS BILATÈRALES
2.5. ÉGYPTE
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Printed in

Antoine Fleury et a. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 14, doc. 393

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Bern 1997

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dodis.ch/47579 Le Chargé d’Affaires de Suisse au Caire, A. Brunner, au Département politique1

Das letzte Mal2 habe ich Ihnen eine Berichterstattung über die verworrenen und gegensätzlichen Anschauungen bei den Franzosen im Auslande in Aussicht gestellt. Meine Ausführungen sind selbstverständlich auf die Verhältnisse in Ägypten zugespitzt. Ein Teil der hiesigen französischen Kolonie folgte dem General de Gaulle beinahe vom ersten Tage an. Ägypten hat in der gaullistischen Bewegung eine gewisse Bedeutung errungen, allein es wäre schwer zu sagen ob die hiesigen Verhältnisse auch für andere Teile des französischen Kolonial-Reiches, woselbst der Gaullismus Anhänger fand, zutreffen mögen. Die Besetzung Nord-Afrikas durch die Alliierten, die Haltung Darlans, besonders aber diejenige Girauds haben einige Verwirrung in die Kreise des Gaullismus gebracht. Heute ist diese Verwirrung nach aussen hin durch die Gründung des «Comité National pour la Libération de la France» überbrückt worden ohne dass die internen Gegensätze abgeklärt wären.

Ich werde versuchen Ihnen geschichtlich die Gründung der gaullistischen Partei in Ägypten zu beschreiben. Gewisse Geschehnisse entgehen mir und es mögen daher einige Punkte unabgeklärt bleiben. Im grossen und ganzen hat mir jedoch der Umstand, dass Ihrer Gesandtschaft in Ägypten die französischen Interessen anvertraut worden sind, geholfen in diese konfusen und intrigienreichen Verhältnisse etwas mehr Einsicht zu gewinnen.

Als im Jahre 1940 das Schicksal Frankreichs dem Marschall Pétain und General Weygand anvertraut worden war, fassten die Franzosen im Auslande neuen Mut und erhofften in Erinnerung an die Marne-Schlacht die Wieder-Auflebung des französischen Wiederstandes und damit den Eintritt von militärischen erfolgen. Man kann sich beim Eintreffen der Waffenstillstandsnachricht ihre Überraschung und ihre Niedergeschlagenheit gut vorstellen. Unwillkürlich dachten sie an die noch in Syrien und Nord-Afrika stehenden Truppen und konnten sich kaum vorstellen, dass der Weiterkampf von diesen Einheiten nicht ohne weiteres aufgenommen wurde. Diesen Leuten war das Elend der französischen Bevölkerung unbekannt; über die Zahl, Stärke und Bewaffnung der Truppen in Syrien und Nord-Afrika waren sie falsch orientiert. Sie wussten nicht, dass in diesem Zeitpunkt keine englische oder amerikanische Hilfe möglich gewesen wäre und beurteilten daher die Sachlage anders als ihre Landsleute in Frankreich oder die Mitglieder der französischen Armeen in Syrien und Nord-Afrika. Am 18. Juni kam dann der Aufruf des General de Gaulles, dessen Persönlichkeit den meisten unbekannt war. Dieser Aufruf entsprach den kämpferisch eingestellten Elementen der Kolonie und wurde von der jüdisch und englischen Presse begeistert aufgenommen. Die Diskussionen zwischen Franzosen wurden immer heftiger und ganz besonders taten sich gewisse Elemente unter dem Deckmantel des Patriotismus in dieser Bewegung hervor, welche - wie mir später bekannt worden ist - bei der französischen Gesandtschaft alles getan hatten um in ihrer Stellung verbleiben zu können und der Mobilisierung zu entgehen. Pétain und Weygand wurden als Verräter und Gefangene der Deutschen dargestellt und die französischen Radio-Emissionen als gefälscht und diktiert verachtet. Die ruhigeren Elemente erhielten inzwischen durch in Syrien demobilisierte Franzosen zuverlässigere Nachrichten über die Zustände in Frankreich. Ferner hörte man zum ersten Male, dass die bis dahin genannten Zahlen, der in Syrien und Nord-Afrika stehenden Truppen, stark übertrieben waren und dass ihre Bewaffnung zu wünschen übrig liess. Die Moral dieser demobilisierten Truppen war noch gut, zeigte keinen «Frondeur-Geist». Sie sahen die Verhältnisse mit anderen Augen an als gewisse Leute, die unbedingt ihre Stellung wahren wollten. Die Meinungen in der französischen Kolonie gingen immermehr auseinander. Die Aufrufe de Gaulles hatten neue Jünger gewonnen, worunter auch viele patriotisch eingestellte Elemente, die davon überzeugt waren durch ihren Beitritt dem Vaterlande zu dienen. Den jungen Soldaten und Offizieren welche an Seite der Engländer den Kampf weiterführten, hat niemand die Achtung versagt. Die britische Botschaft ihrerseits gab der gaullistischen Bewegung in Ägypten ihre offizielle Unterstützung. Die Ausfälle gegen die Vichy-Regierung und Marschall Pétain empörten die Anhänger der legalen Regierung. Die Gaullisten gingen soweit die französische Gesandtschaft als Emissionsstation zu verdächtigen, was vollständig unrichtig war. Ich muss Minister Pozzi Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er in seiner schwierigen Stellung alles versucht hatte um die Einigkeit in der Kolonie auf jeden Fall die zahlreichen französischen Interessen in Ägypten zu erhalten.

Am 20. Juni 1940 sandte die französische Kolonie in Kairo an Pétain und die Generäle Weygand und Noguès und an Herrn Peyrouton folgendes Telegramm: «La Colonie française du Caire adresse son plus vibrant témoignage d’admiration à nos armées qui, combattant avec une héroïque vaillance contre un ennemi supérieur en nombre et disposant de moyens mécaniques écrasants, ont grandi notre patrimoine d’honneur national. Quel que soit le trouble qu’entraînent une grande bataille perdue et l’invasion ennemie de la France Métropolitaine quelles que soient les souffrances qu’endurent déjà et qui menacent plus encore tous nos malheureux réfugiés parmi lesquels se trouvent bon nombre de femmes, d’enfants et de parents des Français du Caire, transiger avec l’honneur, avec la parole donnée à nos alliés, compromettre la cause commune et l’avenir de la France serait une impossibilité française. Contre une telle transaction s’élèvent les Français du Caire, résolus aux pires sacrifices et décidés à continuer une lutte qui n’est pas sans espoir. Le territoire de la France fût-il totalement envahi, la lutte doit être continuée par l’Empire français à côté de nos fidèles alliés britanniques jusqu’à la victoire finale. La Colonie française du Caire met avec enthousiasme et avec la plus ferme résolution tous ses membres, tous ses biens, toutes ses forces au service de la France. Les Présidents des Groupements français du Caire, Baron de Benoist, Vincenot, Déjardin, Thuilot-Vincent

Dieses Telegramm, welches ohne Beistimmung Pozzis abgesandt wurde, war der erste selbstständige Schritt der Gaullisten in Ägypten. Am 14. Juli, am französischen National-Feiertag, hat eine leitende Persönlichkeit der Kolonie nach der Rede des Ministers unangemeldet ausgerufen: «Il ne s’agit pas de nous occuper des morts, il faut continuer la lutte et coller à l’Angleterre.» Damit war der offene Kampf den Anhängern Vichys angesagt. Alle Schattenseiten eines solchen politischen Bürgerkrieges machten sich nun geltend. Ausweisungen aus der Kanal-Zone von langjährigen Beamten, Internierungen, Verleumdungen folgten sich in ununterbrochener Reihe bis zum Abbruch der offiziellen Beziehungen Ägyptens zu Frankreich und noch längere Zeit darüber hinaus. Die Gründe zu dieser Aufhebung oder Aufschiebung der diplomatischen Beziehungen dürften in der Hauptsache im Misstrauen der britischen Botschaft gegenüber dem Personal der französischen Gesandschaft zu suchen sein. Sie hoffte durch einen solchen Abbruch auch der gaullistischen Bewegung einen grossen Dienst zu leisten. Inwiefern militärischerseits darauf gedrungen wurde, wird wohl nie festgestellt werden können.

Inzwischen wurde der Direktor der Kanal - Gesellschaft, Baron de Benoist, offiziell als Vertreter des nationalistischen Komitees in London anerkannt. Die von ihm im Dienste der Gaullisten eröffneten Büros konnten und durften nicht den Namen «Konsulat» führen. Für den gewöhnlichen Mann in der Strasse waren es jedoch Gesandtschaften und Konsulate der «France Libre», welche offiziell die politischen Feiertage Frankreichs feierten. Im weiteren wurde im Radio Kairo der «France Libre» zu Propaganda-Zwecken eine Viertelstunde gewährt. Die Mitglieder des Lokal-Komitees wählten sich selbst. Die in die gaullistische Armee eintretenden Franzosen Unterzeichneten einen Vertrag, der ihnen den britischen konsularischen Schutz gewährte und ihnen die Garantie gab, nicht gegen Frankreich kämpfen zu müssen.

Es ist anzunehmen, dass weitere und tiefere Gründe in Frankreich und anderswo dem Gaullismus Sympathien gewannen. Frankreich, das heute nicht mehr viel Gutes in Europa erwarten kann, scheint sich daher diesen Befreiungskämpfern immermehr zuzuwenden. Die Gesamt-Besetzung Frankreichs einerseits, sowie die Besetzung Nord-Afrikas durch die Alliierten anderseits, haben der ganzen Bewegung einen grossen Aufschwung gegeben. Wenn der Gaullismus früher nur mühsam neue Anhänger und andere Teile des französischen Kolonial-Reiches sich anschliessen konnte, so kam der Verdienst einer französischen Gesamtfront im Auslande ausschliesslich den Ereignissen in Nord-Afrika zu. De Gaulle als stärkerer Charakter wird auch in diesem «Comité National» eine ausschlaggebende Rolle spielen. Bekanntlich widersetzen sich die Gaullisten hartnäckig gegen die Wiedereinsetzung höherer französischer Offiziere in die neuzuschaffende französische Armee. Neben interessierten Gründen der kämpfenden jungen Offiziere, welche naturgemäss rasch Karriere machen wollen, sind es auch politische Gründe, welche diesen Offizieren die Mitarbeit mit Deutschland vorwerfen. Der Besuch Girauds in Washington lässt die Gaullisten misstrauisch. Die «Force X.»3 hat sich bekanntlich nicht an de Gaulle sondern an die französische Flotte Nord-Afrikas angeschlossen. Sowohl England als Amerika zeigen ausdrückliche Sympathien sei es für die eine oder andere der Parteien. In einem scheinen sie jedoch einig zu gehen, nämlich diese französische Bewegung durch ein Zentral-Komitee und nicht durch eine Zentral-Regierung lenken zu lassen.

Die Erfolge der Alliierten, die Tapferkeit der französischen Soldaten in Birhakim geben dieser ganzen Bewegung wenigstens militärisch einen ruhigeren Charakter. Politisch dürfte jedoch der Beitritt der französischen Kommunisten sowie die schrankenlose Unterstützung seitens Russlands selbst vielen fanatischen Anhängern etwas Zukunftssorgen machen. Ich kann nicht annehmen, dass der Gaullismus im Falle einer Befreiung Frankreichs politisch keine Rolle spielen wird. Die fanatische Ausschliesslichkeit dieser Kreise wird auch späterhin ihr Echo finden und in Anbetracht der heute gegensätzlichen Koalitionen in der Zukunft politische Schwierigkeiten bereiten.

1
E 2300 Kairo/4.
2
Il s’agit du rapport politique No 6 du 1er juin 1943. A propos de la situation du représentant du gouvernement français de Vichy en Egypte, ce dernier a été privé du droit d’utiliser le chiffre, sur ordre du Ministère égyptien des A ff aires étrangères, le 20 avril 1941. Voir rapport politique de Brunner du 25 avril 1941 (E 2300 Kairo/3).
3
Il s’agit du reste de la flotte française (9 bâtiments) qui mouillait au port d’Alexandrie, au moment de l’armistice franco-allemand en juin 1940. L’Amiral Godefroy qui la commandait est resté fidèle à Vichy, mais il s’engagea à ne pas sortir en mer sans autorisation de l’Amirauté britannique, celle-ci lui accordant l’assurance de ne pas en saisir les bâtiments. Sur ces accords et les tentatives répétées du côté britannique et américain d’associer la flotte française aux actions alliées en Afrique du Nord dès novembre 1942, voir les rapports politiques de Brunner du 13 janvier, 5 février, 19 février 1943. Le 31 mai 1943, Godefroy se résoud à se rallier à la flotte alliée d’Afriquedu Nord, mais se refuse à rompre avec Pétain, selon le rapport politique No 6 de Brunner, du 1er juin 1943.