Language: German
31.12.1938 (Saturday)
Le Ministre de Suisse à Tokyo, W. Thurnheer, au Chef du Département politique, G. Motta
Political report (RP)
Le départ d’Ugaki des Affaires étrangères a marqué un changement décisif dans la politique étrangère du Japon en faveur de l’Armée. La prise d’Hankéou et de Canton. On considère la guerre contre la Chine comme pratiquement gagnée. Mise en question de la politique de la «porte ouverte». Réaction anglo-saxonne. Les USA et la Grande-Bretagne ont con senti un prêt à la Chine. Ces Puissances pourraient fermer leur marché aux Japonais. L’URSS et le Japon.

Classement thématique série 1848–1945:
II. LES RELATION BILATÉRALES ET LA VIE DES ÉTATS
II.15 JAPON
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Printed in

Oscar Gauye (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 12, doc. 497

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Bern 1994

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dodis.ch/46757
Le Ministre de Suisse à Tokyo, W. Thurnheer, au Chef du Département politique, G. Motta1

Mit dem Rücktritt General Ugakis zu Beginn des Monats Oktober ist eine entscheidende Änderung in der japanischen Aussenpolitik eingetreten. Mit ihm schied ein Aussenminister aus, der das Verständnis und den Willen zur Verfolgung einer Aussenpolitik Japans in den Chinawirren hatte, die den interessierten Grossmächten gegenüber die nötigen Rücksichten zeigte. Es war von Anfang an klar, dass sein Nachfolger Arita, 1935/36 japanischer Botschafter in China und mit guten Beziehungen zur Armee, den Plänen der letztem - die heute in der Politik Japans sehr einflussreich ist - keine grossen Hindernisse in den Weg legen werde. Er war es auch, der vor zwei Jahren als damaliger Aussenminister den folgeschweren Anti-Komintern-Vertrag mit Deutschland Unterzeichnete.

Die Tendenz der Militärs ging und geht dahin, möglichst rasch, und wenn nötig ohne Rücksicht auf ungünstige Rückwirkungen auf die Aussenpolitik, die militärische Kontrolle über China zu gewinnen. So erfolgte gleichzeitig mit dem Vormarsch gegen Hankow der Angriff gegen Canton, der östlich von der britischen Kolonie Hongkong begann und sich in deren Rücken nach Canton durchzog. Die Operation gelang auch nach japanischer Ansicht erstaunlich rasch und leicht; sie hatte den doppelten Erfolg, nicht nur Canton, sondern auch Hongkong vom Hinterlande abzuschneiden; damit waren sämtliche grossen Hafenstädte Chinas, mit Ausnahme Hongkongs, in den Machtbereich Japans gekommen und alle wichtigsten, das britische Hongkong inbegriffen, für den Verkehr mit dem Hinterlande von Japan abhängig geworden.

Im Heimatlande wurden diese Siege der kaiserlichen Armee und Marine im grossen Stil und in würdiger Weise gefeiert. In Tokyo fanden während mehreren Nächten gewaltige Lampionprozessionen zum Kaiserpalaste statt, an denen gegen eine Million Menschen teilnahmen. In den Theatern, Kinos, öffentlichen Plätzen etc. wurden Festakte abgehalten. Die Presse brachte begeisterte Artikel. Die Vertreter der Antikomintern-Staaten feierten durch grosse Empfänge und Diners, zu denen regelmässig auch die Spanier geladen, die Erfolge Japans. Das Gegenstück zu diesen Freudenfesten bildete die Überführung der Asche von zehntausend Offizieren und Soldaten in den Yasukuni-Schrein, wodurch sie göttlichen Status bekamen; eine Art Walhallafahrt. Es ist der Stolz jeder japanischen Familie, einen Angehörigen als eine Art Schutzpatron in diesem Tempel zu wissen.

Wie zur Zeit der Einnahme von Shanghai und Nanking so wurde auch nach Hankows und Cantons Einnahme in den Zeitungen die Meinung verbreitet, Chiang Kai-Shek sei nun zu einer kläglichen Nebenrolle verurteilt und die Chinesen werden zur Einsicht kommen, dass ein weiterer Widerstand zwecklos sei. In manchen japanischen militärischen Kreisen scheint man den Krieg strategisch mehr oder weniger als gewonnen zu betrachten; auch der britische und andere Militärattaches teilen diese Ansicht. Jedenfalls scheint im nördlichen China mit keinen grösseren Militäraktionen, sondern nur noch mit Guerillakriegen gerechnet zu werden, denn der bisherige Kommandierende der Nordarmee, Terauchi, der als Stratege hochgeschätzt ist, wurde durch einen General ersetzt, der mehr als Organisator bekannt ist. Die wirtschaftliche Entwicklung dieser Gebiete wurde in der Tat in den letzten Monaten intensiv an die Hand genommen.

Wenn auf diplomatischem Gebiet alles so leicht von der Hand ginge wie in den letzten Monaten auf militärischem, sähe in der Tat die Lage Japans günstig aus, und zwar dies trotzdem der hier erwartete Zusammenbruch des chinesischen Generalissimus und seiner Armee immer noch nicht eingetreten ist. Nun sind aber auf der diplomatischen Front die Erfolge mit Ausnahme Deutschlands und Italiens bei den übrigen Grossmächten eher negativ. Es ist dies auch nicht erstaunlich. Dem amerikanischen Botschafter ist seit Beginn der Wirren von den verschiedenen sich folgenden Aussenministern immer wieder versichert worden, dass am Prinzip der «offenen Türe» festgehalten werde; ähnliche Zusicherungen haben England und Frankreich erhalten. Heute aber rückt die japanische Regierung, nachdem die militärische Situation Japan eine entscheidende Überlegenheit in China in den wichtigsten Gebieten sichert, offiziell mit Forderungen auf, die den frühem Zusicherungen widersprechen. Der Neunmächte-Vertrag sei hinfällig geworden; die «offenen Türen» bleiben bestehen, doch will Japan sich die Kontrolle über die Rohmaterialien, über «gewisse» Industrien, offenbar diejenigen, die mit den Rohmaterialien oder dem Wehrwesen Zusammenhängen, ferner auch «gewisse» Tarifprivilegien etc. sichern. Die Schiffahrt auf dem Yangtse wird immer noch nicht gestattet, da sie gefährlich sei; dabei befahren japanische Handelsschiffe regelmässig diese Strecken.

Auf diese japanischen Eröffnungen reagierten natürlich die betroffenen Gross-Staaten, besonders energisch die Vereinigten Staaten, dann auch Grossbritannien. Frankreich dürfte mit ihnen einig gehen, verhält sich aber nach aussen vorsichtig und zurückhaltend. Wenn die Amerikaner besonders die rechtliche Seite dieser neuen Stellung der Japaner angreifen, so konzentrieren die Engländer ihren Widerstand mehr auf das wirtschaftliche Gebiet. Sie bemühten sich seit Beginn der Wirren um den Schutz dieser Interessen in China, doch haben auch sie kein nennenswertes Entgegenkommen gefunden. Zur Illustration diene folgendes Gespräch zwischen dem frühem Vize-Aussenminister Horinouchi - der vor seiner Abreise als Botschafter nach Washington sich auf eine Orientierungstour in die besetzten Gebiete Chinas begab - und Sir Robert Craigie. Letzterer ersuchte Herrn Horinouchi von seiner Reise wenigstens eine einzige Konzession seitens der Militärs für Grossbritannien zurückzubringen. Herr Horinouchi wich diesem Ersuchen mit der Bemerkung aus, die Lage könnte durch Verwendungen seinerseits nur noch verschlimmert werden, worauf ihm der britische Botschafter prompt antwortet: «dies ist unmöglich».

Die vorgeschilderte Haltung Japans gegenüber den genannten zwei Grossmächten hat zur Folge, dass diese sich zur Wahrung ihrer Interessen zusehends mehr zusammenschliessen. Bis anhin bestand nur eine gegenseitige Verständigung über die geplanten oder unternommenen Schritte. London scheint bisher an einer Verständigung betreffend gemeinsamen Vorgehens mehr interessiert gewesen zu sein wie Washington und Paris. Wenn Japan aber gar keine Konzessionen machen will, könnte den dreien die Geduld vergehen. An Mitteln zur Gegenaktion fehlt es ihnen nicht. Das einfachste wäre die Unterstützung der Chinesen mit Geld und Material. Die neulich von Grossbritannien und den Vereinigten Staaten China gewährten Darlehen kann man als einen ersten Schritt in dieser Richtung und einen Wink für die Japaner betrachten. Ein weiterer und viel empfindlicherer Schlag wäre eine Sperrung der Märkte, die für Japan von grösster Bedeutung sind. Überdies ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die Beziehungen zwischen Russland und Japan andauernd gespannt sind; das isolierte Sowietrussland wäre wohl gerne bereit, den Druck gegen Japan zu erhöhen in Kompensation zu Entgegenkommen Grossbritanniens und der Vereinigten Staaten.

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E 2300 Tokio, Archiv-Nr. 9. Remarque manuscrite de Motta en tête du document: In Zirkulation. Der Bericht ist interessant. 2.2.39. M.