Language: German
26.2.1918 (Tuesday)
Le Ministre de Suisse à Berlin, Ph. Mercier, au Chef du Département politique, F. Calonder
Political report (RP)
Discours du Chancelier allemand et ses propos concernant la Suisse. La question de la livraison de blé d’Ukraine à la Suisse. Les conséquences des propos anti-allemands de la presse romande sur les futures relations avec l’Allemagne.
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Printed in

Jacques Freymond et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 393

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Bern 1981

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dodis.ch/43668
Le Ministre de Suisse à Berlin, Ph. Mercier, au Chef du Département politique, F. Calonder1

Da ich nicht weiss, ob die schweizerische Presse die Reden des Reichskanzlers und des Vizekanzlers über die aussenpolitische und innenpolitische Lage in extenso veröffentlichen wird, beehre ich mich, beide Reden beizulegen, verweise in Hauptsache darauf und habe nur noch einige Bemerkungen beizufügen. Die Rede des Reichskanzlers wurde in lautloser Stille und bei gespannter Aufmerksamkeit aller Mitglieder des Hauses angehört und nur von Zeit zu Zeit durch zustimmende Rufe oder Beifall etwas unterbrochen.

Den Passus betreffend die Schweiz, den ich gestern schon telegraphisch kurz mitteilte, möchte ich noch ganz besonders hervorheben.

Aus der gedruckten Wiedergabe der Rede geht die Bedeutung, welche der Reichskanzler diesem Passus beizulegen schien, nicht mit voller Deutlichkeit hervor. Bevor er auf die Schweiz zu sprechen kam, machte der Reichskanzler eine kleine Kunstpause, um dann mit wesentlich stärkerer und lauterer Stimme und etwas langsamer sprechend die in der Beilage rot angestrichenen Worte auszusprechen. Ferner fügte er, was im gedruckten Texte nicht enthalten ist, noch mit ausdrücklicher Betonung und laut erhobener Stimme bei: «Wir sind der Schweiz zu Dank verpflichtet.» Hierauf verfiel der Reichskanzler wieder in den gewöhnlichen Ton der Rede und sprach dann noch verhältnismässig rasch die weiteren Worte betreffend die übrigen neutralen Staaten.

Sämtliche Bemerkungen betreffend die Respektierung der schweizerischen Neutralität und insbesondere auch die Betonung der alten freundschaftlichen Beziehungen und des Dankes gegenüber der Schweiz wurde von Zustimmungsrufen und am Schlüsse von lauten Beifallsrufen des ganzen Hauses begleitet.

Die Bedeutung, welche man den Worten des Reichskanzlers beimass, ging auch deutlich daraus hervor, dass sofort alle meine anwesenden Bekannten des Auswärtigen Amtes und des Bundesrates, welche im Saal anwesend waren, ihre Blicke nach der Diplomatenloge richteten, um festzustellen, ob ich persönlich anwesend sei, um die Erklärung zu hören. Die Konstatierung meiner Anwesenheit war auch sehr leicht, da ich mich zufälligerweise in der Mitte der vordersten Reihe der Loge befand.

Die Rede des Vizekanzlers, Dr. von Payer, gab streckenweise Anlass zu grosser Erregung bei den Abgeordneten. Insbesondere gebärdeten sich die Konservativen bei den in der Beilage rot angestrichenen Stellen wie wild. Es soll selten so erregte Szenen im Reichstag geben. Die Rede wird jedenfalls in den nächsten Tagen eine rechte Diskussion im Reichstage hervorrufen und auch in der Presse noch viel zu schreiben geben. Die Stellung der Reichsregierung gegenüber dem preussischen Wahlrecht deckt sich in der Vizekanzlerrede mit dem, was ich in einem früheren Berichte schon zu melden die Ehre hatte. Von Payer sprach mit stark schwäbelndem Akzent. Wäre die Rede um ein Drittel kürzer gewesen, so hätte sie noch mehr Eindruck gemacht.

Hier durchreisende Schweizer haben mir erzählt, dass man in der Schweiz viel davon spricht und stark auf die Möglichkeit hofft, Brotgetreide aus der Ukraine zu erhalten. Ob der Schweizerische Bundesrat schon solche Verhandlungen eingeleitet hat, ist mir nicht bekannt. Äusserungen der deutschen Presse in unmittelbarem Anschlüsse an den Friedensschluss mit der Ukraine habe ich entnommen, dass man mit namhaften Getreidebezügen für Deutschland hier erstfrühestens für den Monat Mai rechnet. Ob und auf welchen Termin für die Schweiz noch etwas übrig bleiben würde, erscheint mit daher fraglich.

Jedenfalls wird die Bereitwilligkeit Deutschlands zur Abgabe von Getreide an die Schweiz durch die Tätigkeit jener Schweizer und schweizerischen Verbände nicht gefördert, welche laut und leise die Parole ausgeben, der deutsche Handel sei zu boykottieren.

Ich glaube, dass man in der Schweiz keine Idee davon hat, welch schlechten Eindruck diese Vorgänge in Deutschland machen und wie eingehend sie von beteiligten und nichtbeteiligten, amtlichen und nichtamtlichen Kreisen verfolgt werden. Unter anderem sprach mir noch gestern in der Diplomatenloge des Reichstages sogar die mir bekannte Frau eines deutschen Gesandten und Bundesratsmitgliedes ihr Befremden und Bedauern darüber aus, dass «Die Westschweiz» Deutschland gegenüber so eine wüste Haltung einnehme. Dass es sich nur um eine kurzsichtiggehässige Tätigkeit entgleister Hetzapostel handelt, kann der Nicht-Schweizer aus der Ferne natürlich nicht beurteilen.

Meines Erachtens werden die im kürzlich übersandten Artikel «Deutschfeindliches aus der Westschweiz»2 skizzierten Verhältnisse der Schweiz in Deutschland viele Sympathien entziehen und mit der Zeit und insbesondere nach dem Kriege wesentlichen Schaden bringen, wenn der hohe Schweizerische Bundesrat sich nicht dazu entschliessen kann, dem neutralitätswidrigen Verhalten gewisser schweizerischer Kreise mit eiserner Faust Einhalt zu gebieten. Heute hat Deutschland die Dienste und die Freundschaft der Schweiz noch bis zu einem gewissen Grade nötig. Das temperiert natürlich die Haltung Deutschlands gegenüber der Schweiz. Nach dem Kriege, das heisst, wenn die Schweiz für Deutschland wieder an Wert verloren haben wird, könnte sich das lange Zeit durch den Zwang der Verhältnisse zurückgehaltene Übelwollen leicht in einer Art und Weise geltend machen, welche uns nicht wünschbar sein könnten.

Aus verschiedenen Anzeichen wie Urlaubssperren, Unterdrückung von Eisenbahnzügen in der Richtung Berlin-Westfront und umgekehrt, Gerüchte von einer Unterdrückung des Feldpostverkehrs usw. schliesse ich, dass man sich doch allmählich dem Zeitpunkt des Beginns der deutschen Offensive nähert. Mitte März dürfte sie wohl einsetzen, falls die Entente nicht unterdessen sich für Friedensverhandlungen geneigt zeigt.

Das dürfte auch der Sinn der Schlusssätze der Reichskanzlerrede vom 25. Februar 1918 sein.

1
Rapport politique: E 2300 Berlin, Archiv-Nr. 19/1.
2
Non retrouvé.