Language: German
12.8.1914 (Wednesday)
Le Ministre de Suisse à Tokyo, F. von Salis, au Chef du Département politique, A. Hoffmann
Letter (L)
Mobilisation de l’armée japonaise. La déclaration de guerre à l’Allemagne semble imminente.
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Printed in

Jacques Freymond et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 28

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Bern 1981

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dodis.ch/43303
Le Ministre de Suisse à Tokyo, F. von Salis, au Chef du Département politique, A. Hoffmann1

Das Auswärtige Amt hat am 5. August, im Hinblick auf die Lage in Europa, folgende Erklärung veröffentlicht:

«Die kaiserliche Regierung kann seine Sorgen nicht verhehlen mit Rücksicht auf die politische und wirtschaftliche Lage, welche in Europa durch die letzten Ereignisse geschaffen worden ist. Es versteht sich von selbst, dass die kais. Regierung aufrichtig wünscht, es möchte die gegenwärtige Krisis baldtunlichst beigelegt und der Frieden wiederhergestellt werden. Sollte dagegen der Krieg fortfahren, so hofft die kais. Regierung, dass derselbe sich auf die unbeteiligten Staaten ausdehnen und dass es Japan möglich sein werde, strikte neutral zu bleiben. Es ist notwendig, dass die weitere Entwicklung der Ereignisse mit der grössten Sorgfalt verfolgt werde. Sollte England in den Krieg hineingezogen und der japanischenglische Allianzvertrag anwendbar werden, so würde Japan die notwendigen Massregeln treffen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Für den Augenblick ist es nicht möglich vorauszusehen, ob der Fall eintreten wird; die kais. Regierung hofft in der Tat, dass diese Möglichkeit nicht zutreffen werde; sie verfolgt mit der grössten Aufmerksamkeit die Entwicklung der Dinge.»

Seither ist der Fall eingetreten und Japan mobilisiert. Man versichert mich, dass es auf direktes Ansuchen Englands hin geschehen sei. Andererseits waren die verschiedenen Kollegen, die ich hierüber sprach, alle der Ansicht, dass Japan seine Aktion darauf beschränken werde, die Sicherheit auf der hohen See zu befestigen, so weit dies möglich und wobei die Besetzung von Tsingtau mitinbegriffen ist, und zu verhindern, dass in China Unruhen entstehen; an einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten glaubt niemand ernstlich. Der französische Botschafter machte mir diesbezüglich die sehr zutreffende Bemerkung, Japan habe alles Interesse, den korrekten Alliierten zu spielen und keine weiteren Komplikationen herbeizuführen, indem es so bei den einstigen Friedensverhandlungen sein Wort mitsprechen, sein Prestige heben und sich den Dank und - was bei weitem das Wichtigste - den Geldmarkt Englands und Frankreichs sichern werde.

Die Kriegserklärung an Deutschland ist, allem nach, eine Sache von Stunden. Die deutsche Botschaft ist bereit, jeden Augenblick abzureisen. Der österreichische Botschafter ist gänzlich ohne Nachrichten.

Auf den Ententebotschaften ist die Stimmung eine äusserst zuversichtliche; einer der Botschafter meinte: «les Allemands ont eu un coup de soleil», und dies ist allerdings der Eindruck, den die, zwar gänzlich unvollständigen, Nachrichten hervorrufen.

Wie sehr heutzutage die wirtschaftlichen Verhältnisse ineinandergreifen und den Weltmarkt beeinflussen, ist wohl noch nie so greifbar zu Tage getreten. In Tokyo und Yokohama mussten die Börsen geschlossen werden, um eine Panik zu verhüten; der Wechselkurs auf die Vereinigten Staaten ist um 50% gestiegen. Der Preis der Seide ist bedeutend gefallen, trotz der optimistischen Anschauung von einigen wenigen, die die Vereinigten Staaten und Italien für die Ausfälle bei den kriegführenden Staaten aufkommen zu sehen hoffen. Unsere Seidenhäuser in Yokohama sind in grosser Sorge wegen der in den Wert von Hunderttausenden gehenden Ladungen, die unterwegs sind. In China wird das Fernbleiben des europäischen Geldes die Kaufkraft und damit den Import von Japan beeinflussen.

Über den Verlauf der Ereignisse sind wir hier sehr schlecht unterrichtet. Den Botschaften geht es diesbezüglich kaum besser, insbesondere der deutschen und österreichischen, da die Kabel gänzlich in Feindeshand sind. Der aus der Schweiz, via Sibirien, zuletzt eingegangene Kurier datiert vom 16. Juli. Die Gesandtschaft sendet alle ihre Briefe «via Amerika», da über Sibirien keine Post mehr angenommen wird.

Indem ich den Schutz des Allmächtigen für unser Land erflehe, versichere ich Sie, Hochverehrter Herr Bundespräsident, meiner ausgezeichnetsten Hochachtung und Ergebenheit.

1
Lettre: E2001, Archiv-Nr. 743.