Language: German
15.2.1906 (Thursday)
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher, an die Landesverteidigungskommission
Letter (L)
Ein direkter Kriegsfall ist unwahrscheinlich. Die Schweiz könnte aber jederzeit in Verwicklungen der Nachbarstaaten hineingezogen werden. Den besten Schutz bildet der Entschluss, einer Neutralitätsverletzung mit allen Mitteln entgegenzutreten, diese Mittel auszubilden und rechtzeitig bereitzustellen.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
X. LANDESVERTEIDIGUNG
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 108

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Bern 1983

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dodis.ch/42963
Der Chef der Generalstabsabteilung, Th. von Sprecher, an die Landesverteidigungskommission1

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Ich schicke voraus, dass die Umstände, insbesondere die seit letzten Sommer anhaltend unsichere internationale Lage, mich davon abgehalten haben, irgend welche eingreifenden Änderungen an den bestehenden Aufmarsch-Akten vorzunehmen.

Was ich die Ehre habe der L.V.K. vorzutragen, hat deshalb nur den Charakter von mehr oder minder abgeklärten Ideen und Vorschlägen, welche künftig erst zur Ausarbeitung resp. Verwirklichung kommen sollen.

Man wird sich auch im Allgemeinen sagen müssen, dass von grossen Unterschieden der Aufmarschmöglichkeiten, wenigstens beim direkten Kriegsfall, für die Schweiz. Armee kaum die Rede sein kann. Ich bin allerdings der Meinung, dass der direkte Kriegsfall für uns bei weitem der unwahrscheinlichere ist; worauf wir aber jederzeit gefasst sein müssen, das ist, in die kriegerischen Händel der Nachbarmächte hineingezogen zu werden. Der beste Schutz dagegen wird allezeit in dem festen Entschluss bestehen, einer Verletzung unserer Neutralität mit allen Kräften und Mitteln entgegenzutreten und diese Kräfte und Mittel nach bestem Wissen, Gewissen und Vermögen auszubilden und sie rechtzeitig bereitzustellen. Lassen wir bei Niemand einen Zweifel darüber aufkommen, dass wir unter keinerlei Bedingung den Durchmarsch durch unser Gebiet gestatten, so zweifle ich nicht, dass damit mancher drohende Konflikt im Keime erstickt wird. Ausgeschlossen aber sind die Möglichkeiten indirekter Kriegsfälle damit keineswegs. Dass dem Frieden in unserer Nachbarschaft nicht zu trauen ist, das hat der grösste Optimist in letzter Zeit einsehen müssen. Und wenn wir bedenken, um was beim nächsten Kriege gewürfelt wird, so können wir uns nicht verhehlen, dass eine Verletzung unseres Gebietes, sei es eine absichtliche, sei es eine gezwungene, vollkommen im Bereiche der Möglichkeit liegt. Für den Fall aber, dass wir auf Grund eines Allianzvertrages oder doch einer Militärconvention an der Seite vom Gegner des Invasors in den Kampf einzutreten hätten, ergeben sich Abweichungen vom normalen Aufmarsch im direkten Kriegsfall, die m. E. auch als selbständige Aufmärsche zu bearbeiten wären.

Übrigens beruhen die Aufmärsche und noch mehr die Kriegspläne so sehr auf der jeweiligen politischen Lage, dass sie stets mit dieser Schritt halten müssen. Das bedeutet aber bei dem im Werden begriffenen und z. Teil schon eingetretenen totalen Wechsel in der Gruppierung der europäischen Mächte nichts anderes, als dass auch wir in unsern Kriegsvorbereitungen von ganz neuen Voraussetzungen ausgehen müssen. Die Beziehungen v. Zweibund gegen Dreibund, die den Arbeiten des Generalstabes während längerer Zeit und bisanhin Richtung und Gepräge gegeben haben, fallen nun so ziemlich ausser Betracht; dafür taucht der deutsch-französische und der ital.-österr. Konfliktfall in unserm Gesichtskreise deutlicher wieder empor. Wir sind nicht in der Lage eines Grossstaates, der selbständige Kriege führen und gutenteils von den Maassregeln des Nachbars unabhängige, einem rein offensiven Gedanken entspringende Entschlüsse fassen kann. Unsere Kriegsvorbereitungen werden stets den Charakter der Abwehr gegen eine hinsichtlich ihrer Richtung und Kraft s.z.s. unbekannte feindliche Einwirkung haben, also auf unsicherer Basis beruhen und auf zahlreiche Möglichkeiten Rücksicht nehmen müssen. Deshalb bin ich auch der Ansicht, dass wir keine Bedenken tragen müssen, zunächst immer in die ganz unpräjudizierliche allg. M.M. Aufstellung einzurücken in der uns alle Aufmarschmöglichkeiten offen und die zahlreichsten Bahnen und Strassen zur Verfügung stehen. Es entspricht dies auch am besten der Rolle, die wir als Neutrale zu spielen genötigt sind. Die Hauptforderung, die vom milit. Standpunkte aus gestellt werden muss, ist die des rechtzeitigen Aufgebotes. Welche Konsequenzen diese Forderung auf unser Nachrichtenwesen hat, wird unter No. V erörtert. Von der Tatsache ausgehend, dass wir die ganze Armee in Betracht gezogen, von allen Staaten wohl am raschesten mobil sind, wäre der Schluss berechtigt, das Aufmarschgebiet sei in offensiver Absicht möglichst weit nach vorn zu suchen. Die politische Lage aber und im gleichen Maasse die Gestaltung unserer Grenze, verbieten einen solchen Schluss in den meisten Fällen. Gegen Westen ist eine erste Konzentrierung der Armee in der S.W. Ecke gleicherweise ausgeschlossen wie eine solche im Jura. Nach Norden zu können wir die Gesamtarmee ebensowenig vorwärts der Aare, wie vorwärts der Thur aufmaschieren lassen. Gegen Osten würde das graub. Vorland insbesondere zur Bedrohung von Landeck-Glurns herausfordern, um so die österr. Offensive auf der Hauptoperationslinie des Arlberges zu unterbinden, Feldkirch indirekt zu Fall zu bringen und uns selbst eine gute Etappenlinie über den Arlberg zu verschaffen. Allein solange uns nicht eine Bahnverbindung bis Zernez und Schuls für den Nachschub, oder im Unterengadin selbst grosse Magazin-Anlagen für die Verpflegung etc. zur Verfügung stehen, dürfen wir an einen Vorstoss mit grösseren Kräften gegen die feindl. Truppen im Oberinntal und Vintschgau nicht denken. Selbstverständlich hinge ein solcher Plan in erster Linie von der Stärke des herwärts des Arlbergs stehenden feindl. Heeresteile ab.

Wir sind also auch hier darauf angewiesen einstweilen den Aufmarsch in der Hauptsache hinter der Rheinlinie zu bewerkstelligen und den Arlberg von der Spitze her zu gewinnen. Am kompliziertesten erscheinen die Verhältnisse bezügl. des Aufmarsches an der Südfront.

Es ist schon die Idee ausgesprochen worden, auch im Kriegsfälle mit Italien die Armee in der Hochebene aufmarschieren zu lassen, um die feindl. Kolonnen in den Gebirgstälern oder beim Hervortreten aus denselben anzufallen. Das hiesse aber doch der Doktrin des Zusammenhaltens der Kräfte (die übrigens auch nicht für alle Umstände passt) von Anbeginn zuviel opfern. Es ist auch schwer einzusehen, wie man mit vereinten Kräften eine feindl. Armee anfallen soll, die möglicherweise auf einer Front von 200 km. an drei oder vier verschiedenen Orten wird zu debouchieren suchen.

Das andere Extrem des Kriegsplanes besteht in der Verlegung schon des Aufmarsches der Armee in die Front Domo d’Ossola oder Gravellona-Bellenz-Fuentes-Tirano. Die Kühnheit wird diesem Aufmarsch niemand absprechen; er steckt sich aber m. E. ein unerreichbares Ziel, Erkämpfung des Aufmarschraumes und zwar durch Offensive auf drei getrennten Operationsfeldern mit nachherigem Einmarsch in die lombardische Ebene.

Ein Mittelweg zwischen den beiden genannten, und der mir der nähern Prüfung wert scheint, wäre der folgende: Wenn wir mit Italien in einen Konflikt geraten, so können wir jetzt und noch für unabsehbare Zeit als gewiss annehmen, dass Österreich als Mitkämpfer an unserer Seite sein wird. Deshalb würde ich die Anlehnung nach Osten suchen und nur dort zunächst offensiv vorgehen in der Richtung auf Gravedona-Colico. Im Einverständnis mit Österreich könnte man Tirano nur ganz schwach besetzt lassen, die Val Camonica der österr. Offensive von Tonale her freigebend, womit der Aprica-Pass gedeckt wäre. Im Westen hätten wir uns defensiv zu verhalten; das Wallis ist der hiefür günstigste Abschnitt unserer Südfront. Entweder besetzen wir Crevola oder auch nur den Südausgang des Simplontunnels bei Varzo und einen Punkt im Tosatale, sei es die Fruth, sei es Premia-Baceno und setzen uns in diesen starken Stellungen bereit zur taktischen Offensive, gehörig fest. Auch im Centrum vorwärts Beilenz, bei Locarno und am Monte-Cenere, wären Verstärkungen anzulegen zur Offenhaltung des Debouches gegen das Centovalli und gegen den Sotto-Cenere. Diese centrale Armee-Abteilung würde zunächst ebenfalls in der Defensive bleiben, könnte aber auch über den Jorio-Pass mit der Ostarmee-Gruppe zusammenwirken. Der Grundgedanke ist der: Wir sollen mit unserer numerisch schwachen Armee nicht in das ihr ganz ungewohnte und unbekannte Gelände der lombardischen Ebene hinaustreten, es sei denn an der Seite einer grossen, feldgewohnten Armee. In den südlichen Vortälern der Alpen aber haben wir Aussicht den italienischen Kolonnen mit Erfolg entgegenzutreten; ihre Übermacht werden sie im angenommenen Falle daselbst nicht zur Geltung bringen können, einmal aus strategischen Gründen, weil der Gewalthaufe ihrer Truppen sich wird gegen Österreich wenden müssen und sodann in Folge der topographischen- und Kommunikations-Verhältnisse des Gebirgslandes. Für einen Einbruch in die Schweiz rechnen die Italiener, soweit unsere Kenntnis reicht, stark mit einer Offensiv-Operation durch Graubünden, sei es wegen des reichen Strassennetzes, sei es wegen der Verbindung dieser Operation mit der Offensive gegen Österreich. Auch aus diesem Grunde empfiehlt es sich, unsererseits starke Kräfte über die Bündner-Pässe vorzuschieben. Die Entwicklung der Dinge weiter hinaus sich klarlegen zu wollen wäre ein Werk der Phantasie, nicht der operativen Berechnung. Eine italienische gegen den Gotthard gerichtete Offensive halte ich im Kriege Italiens gegen Österreich für weniger wahrscheinlich, als die angenommene durch Graubünden. Ich verkenne gar nicht, dass auch der skizzierte Operationsplan ein Wagnis bedeutet; es gibt jedoch überhaupt keine Kriegspläne, die jede Gefahr des Misslingens ausschlössen. - Dies sind einige grundlegende Erwägungen, von denen ich bei den Entwürfen für die Aufmärsche ausgehen. Zu jeder Zeit werden diese Aufmärsche sich den Kriegsplänen, soweit von solchen die Rede sein kann, anpassen müssen und die Kriegspläne hinwiederum hängen enge mit der jeweiligen politischen Lage zusammen. Diese Lage aber ergibt eine gewisse Abstufung der Suppositionen, nach denen die Dringlichkeit der bezüglichen Vorbereitungen sich bemisst. So wie ich die Lage auffasse, ergäbe sich für die nächste Zeit in der Reihenfolge der Dringlichkeit folgendes Programm für die Neubearbeitung der Aufmärsche:

A. Krieg zwischen Frankreich und Deutschland:

1. Aufmarsch Front nach Westen,

2. Aufmarsch Front nach Norden,

event. 3. eine engere Konzentration gegen N.W., aus der der Aufmarsch, sei es gegen W. oder gegen N., in der Hauptsache per Fussmarsch zu gewinnen wäre.

B. Krieg Italiens gegen Österreich:

4. Aufmarsch an der S.O. und S.-Front.3

C. Verbindung von A. und B.

5. Aufmarsch an der W. und S.-Front.

Einen Grundsatz, der zwar vornehmlich bei den Operationen, in gewissem Maasse aber auch schon bei den Aufmärschen sich wirksam erweisen muss, sei es mir gestattet noch mit einem Worte zu berühren, den nämlich des Zusammenhaltens der Kräfte. Ich bin durchaus der Überzeugung, dass wir alle unsere Kräfte tunlichst zusammenfassen und einheitlich verwenden müssen, Gelegenheit zur nützlichen Verwendung vorausgesetzt, in folgenden zwei Fällen: Erstens: wenn die Lage unabgeklärt ist und zweitens: wenn wir dadurch die Aussicht gewinnen, dem Gegner in der Schlacht gewachsen oder überlegen zu werden. Wo aber die Dinge so liegen, dass wir uns sagen müssen, trotz der Vereinigung all unserer Kräfte würden wir selbst bei deren zweckmässigster Anwendung keine Aussicht des Erfolges erlangen, da besteht für uns der Grund nicht, dem Gegner den Vorteil zu verschaffen, Kraft seiner unzweifelhaften, grossen Überlegenheit mit unserem Heere in einem Male abzurechnen. Alsdann tritt vielmehr die Dezentralisierung und eventuell sogar Gebirgs- resp. der kleine Krieg mit seiner wechselnden, bald defensiven bald offensiven Gestalt in seine Rechte. Es gibt auch in der Strategie keine alleinseligmachenden Regeln, sondern sie ist wirklich, nach Moltkescher Definition, nur ein System von Aushülfen.[...]4

1
Schreiben: E 27, Archiv-Nr. 12759 B. Mitglieder der Landesverteidigungskommission für das Jahr 1906 waren: Oberst E. Müller, Vorsteher des Militärdepartementes, Präsident von Amtes wegen; die Oberst-Korpskommandanten E. Fahrländer, A. Techtermann, F. Bühlmann, U. Wille; Oberst P. Isler, Waffenchef ad interim der Infanterie und Oberst Th. von Sprecher, Chef der Generalstabsabteilung.
2
Umfassender Bericht über Mobilmachungsfragen.
3
Zum Aufmarsch gegen Italien ist ein älterer Bericht vom Februar 1904 vorhanden (E 27, Archiv-Nr. 12815).
4
Bemerkungen über die Zerstörung von Kommunikationen, über das Nachrichtenwesen etc.