Language: German
1.6.1905 (Thursday)
Der schweizerische Generalkonsul in Yokohama, P. Ritter, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, M. Ruchet
Political report (RP)
Japan ist durch den Sieg über Russland zur Grossmacht aufgestiegen. Japan ist der Schweiz für ihre freundliche Haltung dankbar, und für die Schweiz bestehen nach Friedensschluss grosse Geschäftsmöglichkeiten.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
I. INTERNATIONALE LAGE
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Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 78

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Bern 1983

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Cover of DDS, 5

Repository

dodis.ch/42933
Der schweizerische Generalkonsul in Yokohama, P. Ritter, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, M. Ruchet1

handschriftlich

Die Ereignisse der letzten Tage des Monats Mai sind Ihnen durch den Telegraphen wohl ungefähr gleichzeitig wie uns bekannt geworden. Dass eine enorme, freudige Aufregung in Japan beim fortdauernden Eintreffen der Siegesberichte herrschte, ist selbstverständlich. Wenn in der fremden Kaufmannschaft Japans auch viele Sympathien für Russland bestehen, so überwiegen bei ihr doch die persönlichen Interessen und die Freude über die japanischen Erfolge ist daher allgemein.

Wie ich es schon in meiner Depesche vom 16. Mai2 gesagt hatte, war es den Fremden trotz grossem Zutrauen in die Umsicht und Tapferkeit der Japaner, angesichts der stetig näherrückenden russischen Flotten nicht mehr recht wohl gewesen. Hätte die Baltische Flotte das Togo’sche Geschwader zu schwächen vermocht, so wären die Armeeoperationen in Manchurien gehemmt und die grossen Häfen Japans blockirt worden. Der Handel wäre abgeschnitten, Truppentransporte und die so erfolgreich vor sich gehende Hebung der Schiffe im Hafen von Port-Arthur (jetzt Tairen genannt) unterbrochen worden. Die Preise der Lebensmittel und der importirten Güter wären neuerdings gestiegen, Japans Prestige hätte gelitten, dasjenige Russlands gewonnen und Frieden wäre in weite Ferne gerückt gewesen. Werden wir den Frieden jetzt erhalten? Man möchte es beim Lesen der Europa-Telegramme beinahe glauben. Hier treten geregeltere Zustände bereits wieder ein. Die Kriegsversicherungszuschlagsprämien sind von einem Tag auf den ändern verschwunden, alle Werthpapiere und Aktien fliegen in die Höhe, das Geschäft ist fest und gut.

Dass Japan die Gelegenheit ausnützen will, um bei den Mächten thatkräftiger auftreten zu können, beweist die auf den Monat Juli projektirte Erhebung seiner Gesandtschaften zu Botschaften.

Welch ein Unterschied zwischen dem Japan von heute und dem Japan als ich hier ankam! Es werden diesen Monat dreizehn Jahre. Damals nahm noch niemand die Japaner ernst, man belächelte sie und behandelte sie fast wie Kinder. Die fremden Diplomaten in Tokio waren meist solche, welche aus irgendeinem Grunde dorthin «strafversetzt» worden waren. Heute buhlt die ganze Welt um die Gunst der neuen Grossmacht und bewundert deren Diplomatie.

Wir Schweizer in Japan sind überaus froh über die diversen Sympathiebezeugungen, welche unser Land einerseits durch die Entsendung der Militärmission und durch den japan-freundlichen Ton seiner Presse, anderseits aber besonders durch seine Betheiligung an der Kriegsanleihe gezeigt hat. Es ist das hier von japanischen Seite freudig begrüsst worden und auch von unsern Kaufleuten vermag ich es jeden Tag zu hören. Manche Geschäfte, die den Franzosen entzogen wurden, sind an uns gefallen. Es liegt in der Hand des hohen Bundesrathes, auch seinerseits der japanischen Regierung derart entgegenzukommen, dass die Schweiz bei dem enormen Importgeschäft, welches sich hier nach Friedensschluss machen muss, ihren Theil abbekomme (und nicht durch die stets bereite, mächtig vorstossende Konkurrenz, auf alle Zukunft hin, hinausgedrückt werde.

Angenehm überrascht hat alle Fremden das Urtheil des Haager Schiedsgerichtes in der house-tax-Frage. Fürchtet man doch sehr, dass aus allzugrosser Japanfreundlichkeit zu dessen Gunsten entschieden werden könnte. Da die Schweizer unter die grössten fremden Grundbesitzer zählen, so ist für sie der Entscheid von besonderer Wichtigkeit gewesen. Die gesamte Japan-Presse hat dieses Urtheil, durch welches dem Land bedeutende Summen entgehen, mit welchen es schon gerechnet, ja welche es theilweise bereits eingezogen und verbraucht hat, mit grosser Würde entgegengenommen. Keine abfällige Kritik ist erschienen, der Regierung ist lediglich empfohlen worden, künftig bei Abfassung von Verträgen noch mehr Vorsicht als bisher walten zu lassen.

Für die nächsten Tage sind in Tokio und Yokohama Volksfeste, Fackelzüge, Bankette etc. in grossem Style geplant. Gleichzeitig mit den neuen Siegesnachrichten sind die vor Port-Arthur gehabten japanischen Schiffsverluste nachträglich offiziell bekannt gegeben worden. Man hatte dieselben, um die Stimmung nicht zu drücken, bis jetzt verheimlicht. Damit der Aufenthalt der Togo’schen Flotte nicht verrathen werde, sind von dessen Geschwader seit mehr als drei Monaten keine Briefe der Mannschaft mehr an die Angehörigen in Japan befördert worden.

Wir leben hier in hochinteressanten Zeiten, und ich bin glücklich, ausser dem allgemeinen Wohlbefinden unserer Kolonie auch über eine erfreuliche Weiterentwicklung ihrer Geschäfte berichten zu dürfen.

1
Politischer Bericht: E 2001 (A), Archiv-Nr. 648.
2
Nicht abgedruckt.