Language: German
12.6.1894 (Tuesday)
Le Vice-consul de Suisse à Yokohama, P. Ritter, au Chef du Département des Affaires étrangères, A. Lachenal
Letter (L)
Ritter entreprend son voyage en Corée. Vaines tentatives pour atteindre Berne. Remarques générales sur le pays. Retour au Japon, alors que les hostilités sino-japonaises débutent. Les pleins pouvoirs pour traiter avec les autorités coréennes ne lui sont pas parvenus de Berne. L’occupation sino-japonaise de la Corée rend illusoire, pour l’instant, la signature d’un traité de commerce coréen-suisse.

Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
10. Corée
10.1. Mission de Ritter à Séoul
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Printed in

Yves Collart et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 4, doc. 137

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Bern 1994

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Repository

dodis.ch/42547
Le Vice-consul de Suisse à Yokohama, P. Ritter, au Chef du Département des Affaires étrangères, A. Lachenal1

Ich beehre mich, Ihnen mitfolgend eine kurze Arbeit2 zu übermitteln; die Frucht meines Aufenthaltes in Korea.

Wie ich Ihnen s.Z. mitgeteilt habe3, bin ich am 26. April l.J. von Yokohama weggegangen, das Konsulat Herrn Generalkonsul Schmidt-Leda überlassend. Ich besuchte auf meiner Fahrt durch das Land die kleine Schweizerkolonie in Osaka, deren Mitglieder ich zum Teil noch nicht kannte und schiffte mich mit einer Abfahrtsverspätung von 1 Tag in Kobe am 2. Mai an Bord des japanischen Dampfers «Genkai Maru» ein, der mich am achten nach Chemulpo, dem Hafen von Seoul brachte. Da schlechten Wetters halber die Strassen nach der 8-Stunden entfernten Hauptstadt Seoul unpassierbar waren, brachte ich 1 Tag in Chemulpo zu und kam am 10. Mai in Seoul an. Gleichen Tages noch hatte ich eine Konferenz mit dem politischen Ratgeber des Königs, dem General Le Gendre. Dieser sagte mir, dass der Minister des Auswärtigen von meiner Ankunft bereits benachrichtigt sei und ihn beauftragt habe sich zu erkundigen, ob ich mit Vollmachten komme. Er deutete mir an, dass, da Korea steten Konflikten mit mächtigen Nachbarn ausgesetzt sei, es sich überaus gerne mit einem neutralen Staate lieren möchte, dass ferner der Eintritt Koreas in den Weltpostverein wünschenswert werde und teilte mir mit, dass in Korea der Schweizername in Handelsbeziehung durch verschiedene vom Hause Favre-Brandt mit dem Staate und dem Hofe abgeschlossene Geschäfte bereits einen sehr guten Klang habe und dass einem sofortigen Abschluss eines Vertrages absolut kein Hindernis im Wege stehe. Er äusserte sich im Laufe des Gespräches, dass eine mir zukommende telegraphische Vollmacht hiezu vorderhand als genügend erachtet würde und stellte mir schnellste Abwickelung in Aussicht.

Ich überlegte bis zum nächsten Tage. Da, wie ich annehme, wir keine neuen Artikel vorzuschlagen haben werden, sondern im allgemeinen uns wohl an den Text eines der jüngeren der bereits abgeschlossenen Verträge z. B. den österreichisch-ungarischen halten würden und mir sicherlich keine Schwierigkeiten bereitet würden, vorteilhafte Zollansätze für unsere Hauptartikel zu erhalten, so erachtete ich es für angebracht Ihnen vorzuschlagen, den Handelsvertrag mit Korea wenn möglich während dieses meines Hierseins abzuschliessen. Die fremden diplomatischen Vertreter und Konsuln, welche ich Gelegenheit hatte zu sehen, schilderten mir alle den jetzigen Minister des Auswärtigen als einen überaus fortschrittlich gesinnten Mann.

Herr Le Gendre gab mir ändern Tages meinen Besuch zurück und ich teilte ihm mit, dass ich mich entschlossen habe telegraphisch an Sie um Instruktionen zu gelangen. Da ich keinen Schlüssel mit Bern besitze, nahm ich die Offerte des Herrn Lefèvre, des vertretenden französischen Commissaires, den Sinn meines Telegrammes mittels der französischen Chiffre zu übermitteln gerne an und derselbe sandte am 11. Mai 1894 nachmittags 2 Uhr 20 Min. ein für Sie bestimmtes chiffriertes Telegramm an das auswärtige Amt in Paris. Für dieses Telegramm hatte ich ihm ungefähr den folgenden Inhalt angegeben: dass laut allem was ich hier sehen und vernehmen konnte, sowohl die gegenwärtige Regierung als auch der Zeitpunkt ungemein günstig für einen Vertragsabschluss sein würden. Ich bat Sie für den Fall, dass Sie hiezu bereit seien, mir durch Vermittlung des französischen Ministers des Auswärtigen die Erlaubnis telegraphisch zu übermachen, die Unterhandlungen beginnen zu dürfen und stellte Ihnen in Aussicht, dass bei Ankunft der Vollmacht mit der Post der Vertrag zur Unterzeichnung bereit sein könne.

Dies geschah wie gesagt am 11. Mai. Nach meiner Berechnung konnte ich eine Antwort binnen 8–10 Tagen haben. Das Telegramm war von hier an das franz. Konsulat in Shanghai gerichtet worden, allwo es umtelegraphiert werden musste, um auf der sibirischen Linie, auf welcher laut einer Abmachung die französischen dienstlichen Telegramme gratis spediert werden, nach Paris zu gelangen.

Ich wartete und wartete. Als nach 14 Tagen noch keine Antwort eingetroffen war, sagte ich Herrn Lefèvre bestimmt, dass das Telegramm jedenfalls nicht in Bern angekommen sei. Er beruhigte mich mit der Versicherung, dass eine solche Annahme vollkommen ausgeschlossen sei. Diese 3 Wochen Wartezeit in Seoul, unter tropischer Sonne, schlecht installiert und von Ungeziefer geplagt, gehören zu meinen unangenehmsten Erinnerungen.

Am 4. Juni telegraphierte ich an das Haus Favre-Brandt in Yokohama, welches wie ich wusste einen Schlüssel mit seiner Filiale in Neuchâtel besitzt:

«Faites demander Berne si mon télégramme du 11. Mai est arrivé, » worauf ich bereits am siebten die Antwort erhielt: «Neuchâtel avisé Berne rien reçu.»4

Ich kehre nun, Ihrer schriftlichen Bestätigung vorstehender Mitteilung entgegensehend, sobald als möglich nach Japan zurück, um den Handelsbericht pro 18935 fertig zu stellen, den ich Ihnen in ca. 4–6 Wochen zugehen lassen werde.

Dass in Korea eine Revolution ausgebrochen ist, wissen Sie natürlich und kann ich Ihnen über dieselbe folgendes mitteilen:

Als der Aufstand im Süden ausbrach – der nicht wie fälschlich gesagt wird, gegen die Fremden gerichtet ist, sondern seinen Grund in der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den diebischen Beamten hat – machte die Regierung den grossen Fehler, statt neue Beamte in jene Distrikte zu senden, diese Bewegung mit bewaffneter Hand unterdrücken zu wollen. Dieser Schritt erregte hohe Unzufriedenheit unter der gesamten Bevölkerung. Als die Regierungstruppen mehrfach kläglich geschlagen worden waren, sandte der König eine Delegation von drei Mandarinen, welche das Volk beruhigen und mit Versprechen hinhalten sollten. Nun war es aber zu spät. Die Deputation ist massakriert worden und schreckerfüllt hat der König abermals einen Schritt getan, den er besser unterlassen hätte – er bat den Kaiser von China um bewaffnete Hilfe gegen seine eigenen Untertanen. Dieser sandte denn auch sofort Kriegsschiffe und Truppen, die bereits im Süden gelandet sind.

Laut einer zwischen China und Japan bestehenden Konvention soll keine der beiden Mächte in Korea Truppen landen dürfen, ohne die andere zu avisieren. Da China dieses Mal die Soldaten aber auf speziellen Wunsch des koreanischen Königs hergesandt hatte, scheint Japan nicht davon in Kenntnis gesetzt worden zu sein, infolgedessen sendet nun dieses seinerseits ebenfalls Truppen in grosser Anzahl. Die Reiszufuhr nach den Städten hat aufgehört, die Preise steigen rapid.

Während die Chinesen im Süden ihre Haut für die Koreaner zu Markte tragen

sind japanische Truppen mit Kanonen in Seoul eingezogen und haben somit die

beste Festung des Landes in Händen, ohne dass jemand versucht hat sie daran

zu verhindern. In diesen Tagen sollen 14 Schiffe mit Kavallerie und Artillerie in

Chemulpo landen, allwo die Japaner bereits Baracken und Stallungen bauen.

Russland hat vorderhand noch gar nichts getan.

Die Koreaner sind natürlich über diese Vorkommnisse sehr ungehalten, oder

besser gesagt erschreckt. In diplomatischen Kreisen wird sonderbarerweise diesem militärischen Schauspiel keine grosse Bedeutung zugelegt und der Vorfall

so aufgefasst, dass Japan die Gelegenheit benutze, um seine militärische Macht

vorzuführen, zu zeigen in wie kurzer Zeit es im Stande ist, Truppenkörper ausser

Landes zu bewegen und um gleichzeitig Protest dagegen einzulegen, dass der

tributäre König von Korea bei jeder sich bietenden Gelegenheit und Schwierigkeit das Millionenreich China zu Hülfe rufe. Nicht nur dass diese Intervention

Chinas den Koreanern wieder ein schönes Stück Geld kosten wird, im besten

Falle wird die Sache so enden, dass China und Japan bei diesem Anlasse eine

Abmachung, einen Frieden auf Kosten Koreas eingehen werden.

Meiner Ansicht nach dürfte Japan jedoch viel ernstere Absichten haben.

Heute zirkuliert das Gerücht, dass Japan in den nächsten Tagen weitere

8–10000 Mann landen werde. Wie soll da an eine friedliche Lösung gedacht

werden können! Wie das Volk über die Zustände denkt, wird dadurch illustriert,

dass vor einigen Tagen eine Abordnung der chinesischen Kaufleute Chemulpos

bei der dortigen deutschen Firma E. Meier & Co. erschienen ist, um die Häuser

und Vorräte der Chinesen für eine halbe Million Dollars zu versichern, sie von

dem Abschluss der Versicherung aber abstanden, als ihnen gesagt wurde, dass

für Feuerschaden entstanden durch Krieg die Gesellschaft nicht hafte.

Zum Abschluss eines Vertrages mit Korea ist der gegenwärtige Zeitpunkt

allerdings nicht mehr günstig. Diese neue, offenkundige Unterwerfung unter

China, des von den europäischen Grossmächten sonderbarerweise als unabhängiges Königreich anerkannte Korea, lässt sogar die Möglichkeit aufkommen,

dass China den König von Korea am Eingehen eines Vertrages mit einem Staate,

der mit China selbst noch keinen Vertrag hat, verhindern könnte. Es klingt dies

beinahe lächerlich, ist es aber gar nicht, wenn man Gelegenheit hatte zu sehen,

mit welcher Kleinlichkeit hier im Osten vorgegangen wird. Hiezu folgendes Beispiel:

Korea hatte sich – wie ich es bereits in meinem Rapporte erwähnte – eine

Münzstätte in Seoul gebaut. Als diese fertig war, funktionierte der Apparat

nicht und die Japaner rieten den Koreanern eine neue Münze mit ändern

Maschinen zu errichten und wirklich – statt Geld in irgend einer ausländischen

Präge schlagen zu lassen – bauten die Koreaner eine zweite Münze in Chemulpo. Diese ging denn auch ganz gut und sie fingen an Silberdollars zu prägen,

welche auf der einen Fläche in chinesischen Charakteren die Aufschrift trugen:

«das grosse Reich Korea». Sofort fiel China über die koreanische Regierung her:

Wir sind ein grosses Reich und ihr seid ein kleines Reich, folglich habt ihr kein

Recht euch grosses Reich Korea zu nennen; sprachs und sistierte die Prägung für immer.

Was nun schliesslich den Abschluss eines schweizerisch-koreanischen Handelsvertrages – für den Fall Sie zur Wünschbarkeit eines solchen, nach Kenntnisnahme von meinem Rapporte noch hinneigen – anbetrifft, so werden wir, abgesehen von obiger Eventualität, jedenfalls nicht auf die geringsten Schwierigkeiten stossen. Ich würde Ihnen sehr gerne ein Exemplar des österr.-ung./ koreanischen Vertrages vom 23. Juni 1892, ratifiziert den 6. Oktober 1893 senden (beachten Sie darin besonders Art. 2 §. 4), ich konnte jedoch keines bekommen. Dieser Vertrag wurde englisch und chinesisch aufgesetzt. Ich denke für den unserigen, wäre französisch und chinesisch angebrachter. Eine französische Übersetzung des erwähnten österr. Vertrages finden Sie in den vom franz. Handelsministerium veröffentlichten «Annales du commerce extérieur – Législation commerciale» no 89 de l’année 1894; eine deutsche Übersetzung im Novemberheft des vom Reichsamt des Innern herausgegebenen «deutschen Handelsarchives» Jahrgang 1893 p. 724. Österreich hat in seinem Vertrage gegenüber den ändern Mächten einige Vergünstigungen in den Importzollansätzen erlangt.

Bejahenden Falles wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie den Vertragstext in Bern ausschreiben und so aufsetzen lassen würden, dass genügend Platz vorhanden ist, die chinesische Übersetzung daneben anzubringen. Ich würde dann alles schon in Yokohama vorbereiten. Wenn Sie es wünschen, so kann ich darauf dringen, den Vertrag in Tokio zu machen, muss aber nachher doch nochmals nach Seoul um die Ratifikationen auszuwechseln. In Seoul kämen wir allerdings schneller zum Ziele.

Da Herr Dumelin sich zur Zeit in der Schweiz aufhält, können Sie vielleicht mit ihm das Abkommen treffen, dass er einwilligt die Verwaltung dieses Generalkonsulates während der Dauer einer ferneren Reise wieder zu übernehmen und ihn bestimmen, den Posten auch später anlässlich eines mir zu gewährenden Urlaubes zu verwalten.

Das Wetter dato ist abscheulich. Seoul ist seit 4 Tagen von seinem Hafen vollständig abgeschnitten, Wolkenbrüche und Stürme haben die Telegraphenleitungen umgeweht und die Strassen auf Tage hinaus unpassierbar gemacht. Im Innern der Häuser muss man die Regenschirme aufspannen, kein Dach widersteht solchen Regenmassen.

1
Lettre: E 13(B)/232.
2
Rapport de 25 pages manuscrites, intitulé Korea et daté Seoul, im Mai und Juni 1894 (E 13 (B)/232).
3
Cf. lettre de Ritter du 20 avril 1894, non reproduite.
4
Cf. lettre de la maison C. & J. Favre-Brandt, Neuchâtel, du 6 juin 1894, non reproduite. Une communication de l’Ambassade de France à Berne du 27 juillet 1894, non reproduite, confirme au Chef du DFAE que le télégramme du 11 mai 1894 est parvenu à Paris, mais qu’une erreur s’était produite dans la transmission de cette dépêche qui retarda sa communication au gouvernement suisse. Cf. E 13 (B)/232.
5
Cf. Handelsbericht des schweizerischen Vizekonsuls in Yokohama, Herrn Dr. jur. Paul Ritter, über das Jahr 1893, Separatabdruck aus dem «Schweizerischen Handelsamtsblatt». Bern (Jent & Co.) 1894.