Language: German
10.2.1872 (Saturday)
Le Ministre de Suisse à Berlin, B. Hammer, au Président de la Confédération, E. Welti
Political report (RP)
L’Allemagne n’a pas l’intention d’intervenir en Suisse contre l’Internationale. Mission de Gortschakôw dans notre pays.

Classement thématique série 1848–1945:
III. ANARCHISME, RÉFUGIÉS POLITIQUES
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Printed in

Roland Ruffieux (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 2, doc. 397

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Bern 1985

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Cover of DDS, 2

Repository

dodis.ch/41930
Le Ministre de Suisse à Berlin, B. Hammer, au Président de la Confédération, E. Welti1

Im Besitz Ihrer Depesche vom 1. diess2, welche sich mit der meinigen gleichen Datums3 u. Gegenstandes gekreuzt, liess ich es mir angelegen sein, über die Provenienz des fraglichen Zeitungsgerüchtes Anhaltspunkte zu gewinnen, bin jedoch zu positiven Resultaten in meinen Nachforschungen nicht gelangt.

Was den Inhalt des Gerüchtes betrifft, so bin ich im Falle, auch heute noch den Inhalt meiner Depesche vom 1. diess zu bestätigen u. insbesondere zu betonen, dass die Reichsregierung, dermalen weit entfernt von jeder Absicht, der Schweiz Ungelegenheiten zu bereiten, gegentheils, wie mir scheint, sich angelegen sein lässt, das Vertrauen der öffentlichen Meinung in der Schweiz zu gewinnen. Es beruht diess Bestreben wohl zum guten Theil auf der klaren Einsicht in die europäische Situation u. auf dem Wunsche, sich für den zweiten deutsch-französischen Krieg die neutrale u. loyale Haltung der Schweiz wieder zu sichern. Ich folgere diese Ansicht sowohl aus der objektiven Betrachtung der Lage, als auch aus wörtlichen Kundgebungen massgebender Persönlichkeiten.

Diese Stimmung schliesst nicht aus, dass man hier allerdings der vielfach übertriebenen Ansicht begegnet, Genf sey dermalen der Bloksberg, auf dem die europäischen Revolutionspartheyen (die Ultramontanen inbegriffen) ihre Wallpurgisnächte feiern, u. es wird desswegen für uns immerhin indicirt sein, auch abgesehen von unsern eigenen und inneren Interessen, auf die Ansammlung fremder Elemente in Genf ein wachsames Auge zu haben.

Sie haben seit meiner Depesche vom 1. diess aus den Versammlungen des preussischen Landtages entnehmen können, wie auffallend scharf u. bitter der Kampf zwischen der sog. Centrumspartey u. dem Fürsten Bismark entbrannt ist (Vide insbesondere Verhandlung des Abgeordnetenhauses vom 9. Februar). Es entwikelt sich auch immer mehr die Gewissheit, dass die ultramontanen u. socialistischen Bestrebungen stark convergiren, u. so könnte es allerdings einmal in der Gereiztheit des Kampfes möglich werden, dass Fürst Bismark, der «Genfer Correspondenz» sich erinnernd, reklamirend gegen die «Internationale» aufträte. Ich wiederhole diess ausdrüklich nur als meine persönliche Ansicht.

Sie haben seit Ihrer Depesche v. 1. Februar wahrnehmen können, dass das Dementi in den Zeitungen nun die Runde macht, wie früher das Gerücht einer diplomatischen Intervention gegen die Schweiz. Ich bin überzeugt, beides geschah ohne Zuthun oder Veranlassung Seitens der preussischen Regierung. Hr. v. Thile spricht sich auch in Übereinstimmung hiermit aus. Hr. v. Oubril [sic], der russische Botschafter, mit dem ich mich über die Angelegenheit unterhielt, versicherte mich, dass er von seiner Regierung hinsichtlich einer gemeinsamen diplomatischen Aktion gegenüber der Schweiz absolut keine Aufträge erhalten habe. Er sey auch überzeugt, dass Fürst Gortschakow nur wohlwollende Gesinnungen gegen die Schweiz hege, u. falls er wirklich veranlasst sein könnte, der Schweiz hinsichtlich der Internationalen Vorstellungen zu machen, solches nur im Interesse der Schweiz selbst thun würde!

Die Äusserungen des Fürsten Gortschakoff betreffend, enthalte ich mich jeder persönlichen Erörterung u. beschränke mich darauf, eines Umstandes zu erwähnen, der vielleicht mit diesen Äusserungen in innerem Zusammenhange steht.

Der Sohn des russischen Reichskanzlers, der junge Fürst Michael Gortschakow, welcher als Legationsrath der russischen Botschaft hier beigegeben ist, machte vor einiger Zeit eine Reise in der Schweiz u. konnte sich unter fictivem Namen und unter dem Dekmantel der Gesinnungsverwandtschaft in die Kreise der zahlreich am Genfer See lebenden russischen Nihilisten und Communisten einführen etc. So wenigstens, wird erzählt, berühme sich hier der junge Gortschakow selbst. Es liegt nun in der Natur der Dinge u. der handelnden Personen, dass diese angeblichen Erlebnisse und Berichte des Sohnes auf den Vater Reichskanzler einen mehr als gewöhnlichen Eindruk hervorbringen mussten, u. fügt man noch bei, dass, nach dem Beispiel von Catacazy zu schliessen, der Fürst Gortschakow die Schwäche zu haben scheint, sich in die Leute seiner Wahl zu verlieben, so kann es, wie Ihre Depesche andeutet, erklärlich werden, wie dieser Staatsmann, der es überhaupt lieben soll, einen hohen Ton anzustimmen, dazu gelangt, Herrn Mercier gegenüber sich in der angegebenen Weise auszudrüken.

1
E 2300 Berlin 1.
2
Non retrouvée.
3
Cf. no 393.