Language: German
18.11.1871 (Saturday)
Le Ministre de Suisse à Vienne, J. J. von Tschudi, au Président de la Confédération, K. Schenk
Political report (RP)
Audience officielle chez le Comte Andrâssy: son admiration pour la Suisse.

Classement thématique série 1848–1945:
I. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ÉTATS
I.3. AUTRICHE-HONGRIE
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Printed in

Roland Ruffieux (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 2, doc. 386

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Bern 1985

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dodis.ch/41919
Le Ministre de Suisse à Vienne, J. J. von Tschudi, au Président de la Confédération, K. Schenk1

Graf Andrassy hat heute das diplomatische Corps zum erstenmale empfangen. Nach den uns von ihm gemachten Mittheilungen wird er in der äusseren Politik sich strenge an die vom Grafen Beust befolgten Grundsätze halten und es wird sein eifrigstes Bestreben sein, zu allen Mächten in den möglichst freundschaftlichen Beziehungen zu stehen. Er versicherte, dass alle bis jezt in den Zeitungen gebrachten Notizen, er werde in Bezug auf die orientalische Frage oder Russland gegenüber eine andere Stellung einnehmen als sein Vorgänger, vollkommen aus der Luft gegriffen seien.

Hinsichtlich der inneren Fragen und der sich so sehr hinschleppenden Ministercrisis sagte mir Graf Andrassy, dass ich meiner Regierung mittheilen könne, dass alle die verschiedenen Nachrichten, die die in- und ausländischen Journale über diese wichtige Frage tagtäglich bringen, rein erdichtet seien. Er fügte bei: «Warten Sie noch einige Tage, bis ich mit Thaten hervortrete, und dann erst urtheilen Sie, dann aber urtheilen Sie auch scharf. Je dümmer die Zeitungen jezt schreiben, desto angenehmer ist es mir. Man wird dem Kaiser und auch mir wohl die Berechtigung zugestehen, ehe neue Thatsachen in’s Leben treten, dieselben vorerst nach allen Richtungen hin auf das genaueste zu erwägen; man kann ja nicht in wenigen Tagen gut machen, was durch Jahre verdorben wurde. Es ist ein Unsinn, wenn man glaubt und es auch schreibt, dass, während ich irgend einen Einfluss nehmen kann, eine Hohenwart’sche oder Taaff’sehe Epoche zurükkehren werde. Ich habe während fünf Jahren unter schwierigen Verhältnissen in Ungarn stets strengst constitutionel regiert und werde auch in Wien meinen Grundsätzen nicht untreu werden.»

f-J2

Den Meisten von uns ist Graf Andrassy seit Jahren bekannt; wir haben ihn auch immer hochgeschätzt. Bei den heutigen ersten officiellen Beziehungen hat er uns allen einen entschieden günstigen Eindruk gemacht und die Überzeugung erwekt, dass die diplomatischen Beziehungen mit ihm eben so angenehm sein werden als mit seinem Vorgänger. Die Klippe, an der Graf Andrassy möglicherweise scheitern kann, liegt, nach meiner Ansicht, in seiner Nationalität und seinem Temperamente; er ist sehr rasch in Wort und That.

Beim Abschied sagte mir Andrassy, es werde sein eifrigstes Bestreben sein, dass sich die Beziehungen Österreichs zu der Schweiz womöglich noch freundlicher gestalten, als sie es bisher waren; er liebe und bewundere die Schweiz und ihre Institutionen und die lezteren haben ihm schon oft als Richtschnur seiner Handlungen gedient. Ich versicherte natürlich Graf Andrassy, dass seine freundnachbarlichen Gesinnungen in der Schweiz einen sympathischen Widerklang finden werden.

1
E 2300 Vienne 19.
2
Suit une partie consacrée à la politique intérieure autrichienne.