Language: German
12.1.1868 (Sunday)
Le Ministre de Suisse à Paris, J. C. Kern, au Président de la Confédération, J. Dubs
Political report (RP)
Problème d’une conférence sur la Question romaine; les relations entre Berlin et Paris.

Classement thématique série 1848–1945:
I. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ÉTATS
I.12 FRANCE
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Printed in

Roland Ruffieux (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 2, doc. 117

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Bern 1985

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dodis.ch/41650
Le Ministre de Suisse à Paris, J. C. Kern, au Président de la Confédération, J. Dubs1

Obwohl ich, wie Sie aus frühem Berichten wissen, wenig Glauben an das Zustandekommen einer Conferenz bezüglich der Römischen Frage habe, so wollte ich mich doch vergewissern, wie es gegenwärtig mit diesem Projekte stehe. Ich begab mich gestern zu Deprez, dem Directeur de la section politique auf dem Ministerium des Äussern, um etwas Näheres und Sicheres diessfalls zu erfahren.

Hr. Deprez gab mir sofort im vollständigen Wortinhalt Kenntniss von einer Cirkulardepesche, welche Moustier unterm 24. Dezemb. lezten Jahres an die französischen diplomatischen Agenten adressirt hat. Sie umfasst 4 Folioseiten, enthält aber eigentlich keine neuen Gesichtspunkte. Hauptzweck derselben ist offenbar, den Eindruk, den die bekannten Erklärungen von Rouher in der Sitzung des Corps législatif vom 5. Dezember 1867 gemacht hat, womöglich zu mildern. Es sei ja nichts Anders – heisst es darin – als was die französische Regierung schon früher ebenfalls als Ziel ihrer Politik deklarirt habe: nur etwas lebhaft («vif») ausgesprochen! Schuz der Rechte des Papstes als Souverän, ohne desswegen der Souveränität Italiens sich feindselig gegenüber zu stellen. Das Nebeneinanderbestehen beider Souveränitäten mit Herstellung eines modus vivendi, der Conflikten vorbeuge, sei nach wie vor als das Ziel dieser Conferenz anzusehen. Die franz. Regierung, gestüzt auf die wohlwollenden Antworten, welche von der grossen Mehrheit der Staaten eingetroffen seyen, werde demnach ihre Bemühungen in bisherigem Sinn fortsezen, u. zu diesem Zweke pourparlers pflegen mit verschiedenen Mächten, vor Allem mit Italien und Rom etc. etc. Doch ich glaube voraussezen zu sollen, der französiche Geschäftsträger werde Ihnen ebenfalls vom Hauptinhalt jener Depesche Kenntniss gegeben haben. Dass eine A bschrift davon gegeben werden solle oder könne, davon ist am Schluss der Depesche keine Rede.

Deprez schien mir aber nicht sehr viel Zuversicht in das Gelingen des Projektes zu haben, und der Nuntius glaubt eben sowenig an einen Zusammentrit der Conferenz als Nigra und Lord Lyons, wie ich aus persönlicher Unterhaltung mit allen drei Collegen mich zu überzeugen Anlass hatte. Vor etwa 8 Tagen hat auch Holland eine zustimmende Erklärung zur Conferenz abgegeben. Auf meine Anfrage an den holländischen Gesandten von Nyefeldt, ob es mit Vorbehalten geschehen sei, bemerkte er mir, es sei ohne besondere Vorbehalte zur Abhaltung und Theilnahme an der Conferenz die Zustimmung ertheilt worden, «indem seine Regierung von der Ansicht ausgehe, sich erst in der Conferenz selbst über den Standpunkt zu erklären, den sie in der Römischen Frage einnehme.» Es ist also nur noch die Antwort von Belgien ausstehend, wo diese Conferenzfrage einen Hauptanstoss zur Ministerkrisis gegeben hat. Über die politische Situation im Allgemeinen äusserte sich Deprez wie früher schon Moustier durchaus in friedlichem Sinn u. erklärte speziell, «die Verhältnisse zu Preussen haben sich in neuester Zeit ganz besonders freundlich gestaltet.» Der provisorische Geschäftsträger v. Preussen, Graf Solms bestätigte mir seinerseits ganz das Gleiche u. fügte bei, «die preussische Regierung u. ganz besonders der König sei fest entschlossen, Alles auszuweichen, was Frankreich irgend Grund zu Unzufriedenheit od. ernster Missstimmung geben könnte.» Der König sowohl als Bismark haben sich auf das entschiedenste in diesem Sinn gegenüber Graf Golz während seines lezten Aufenthaltes in Berlin ausgesprochen, so dass lezterer sehr befriedigt aus Berlin zurükgekehrt sei. Graf Golz selbst konnte ich gestern nicht sprechen; er hatte, während ich um 1 Uhr in die Ambassade kam, am gleichenTage um 11 Uhr eine sch were Operation durch Nelaton bestanden. Sein Leiden ist nicht (wie öffentl. Blätter meldeten) ein Augenleiden. Er litt vielmehr an einem bedenklichen, wahrscheinlich krebsartigen Geschwür unterhalb der Zunge, das Nelaton, nachdem man den Patienten chloroformirt hatte, herausgeschnitten hat. Ich las das eigenhändige Bulletin von Nelaton, das lautete: «die kranke Stelle ist vollständig weggenommen, der Zustand des Patienten so befriedigend, als man es nach einer derartigen Operation erwarten darf.» Was aber sehr beunruhigend ist, ist der Umstand, dass der Vater v. Graf Golz ungefähr in gleichem Alter, in dem sich jezt Golz befindet, am Zungenkrebs gestorben ist. Ich bedaure recht aufrichtig den wakern Collegen. Graf Solms ist sonst nichts weniger als optimistisch in Beurtheilung der Zustände & Verhältnisse zwisch. Frankreich u. Preussen. Diessmal aber äusserte er grosse Zuversicht in Erhaltung des Friedens zwischen beiden Staaten. «Wir wollen von Annexion der Südstaaten auch für lange nichts wissen», sagte er. «Die Hauptsache in internationalen Beziehungen haben wir ja schon durch die Militär-Conventionen u. den Zollverband. Nach der Vermehrung von Oppositionselementen in unserm Parlamente durch die süddeutschen Redner(!) sehnt man sich Berlin gar nicht»!!! Darin dürfte er nicht ganz Unrecht haben! Wenn ich Ihnen diess melde, so darf ich aber anderseits nicht unterlassen beizufügen, dass diese Zuversicht in Erhaltung des Friedens durchaus nicht allgemein getheilt wird, dass vielmehr häufig u. zwar, wie ich als Ohrenzeuge bestätigen kann, aus dem Munde von der gouvernementalen Seite angehörenden Kammermitgliedern, das Urtheil gehört wird, «diese Lage könne nicht auf die Länge fortdauern; der Kaiser werde nolens volens dahin gedrängt werden, für die im Innern sich kundgebende Missstimmung durch Krieg einen Ableiter nach Aussen zu suchen. An der Spize der Kriegsparthei steht neben dem Kriegsminister auch der Minister der Marine. Beide entwikeln in Fortsezung von Kriegsrüstungen beharrliche Thätigkeit. Wie unpopulär das noch in Berathung liegende Militärgesez namentlich auch auf dem Lande ist, das haben die neulichen zwei Oppositionswahlen bewiesen, die der Regierung höchst unerwartet kamen.

Da auf die gleich nach Empfang Ihres diessfälligen Auftrages an die franz. Regierung gestellte Anfrage betreffend Revision des Staatsvertrages vom Jahr 1828 bisher noch keine Antwort erfolgt ist, so fragte ich Herrn Deprez gestern nach der Ursache dieser Zögerung. Er erwiederte mir, «man habe das Gutachten des Justizministeriums noch nicht erhalten, welches man vor Ertheilung einer Antwort abzuwarten habe.»

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Rapport politique: E 2300 Paris 21.