Language: German
17.5.1867 (Friday)
Le Ministre de Suisse à Berlin, J. Heer, au Président de la Confédération, C. Fornerod
Political report (RP)
Arrivée de Heer à Berlin et audience chez Bismarck. Politique de la Prusse envers la France. Probabilité d’une victoire prussienne sur la France.

Classement thématique série 1848–1945:
I. LES RELATIONS INTERGOUVERNEMENTALES ET LA VIE DES ÉTATS
I.1 ALLEMAGNE
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Printed in

Roland Ruffieux (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 2, doc. 92

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Bern 1985

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dodis.ch/41625
Le Ministre de Suisse à Berlin, J. Heer, au Président de la Confédération, C. Fornerod1

Obgleich in der That zur Stunde noch jeder Stoff zu amtlichen Mittheilungen aus sofort anzugebenden Gründen mir abgeht, halte ich es dennoch für meine Pflicht, Ihnen wenigstens mit einigen Worten zu sagen, dass ich auf meinem Posten angelangt bin. Vorgestern Mittwoch Abends traf ich in Berlin ein & versäumte nicht, gleich am folgenden Tage, gestern Mittags, dem Ministerpräsidenten & Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Hrn. Grafen v. Bismarck, die Copia meines Beglaubigungsschreibens einzusenden, mit der Bitte, mich zu benachrichtigen, wann ich das Original in die Hände des Königs niederlegen könne. Ich fügte bei, dass es mir sehr angenehm wäre, die Antwort persönlich abholen zu können & dabei in einer kurzen Unterredung mir über einige formelle Punkte den Rath des Ministers zu erbitten. Umgehend erhielt ich den Bescheid, dass Graf v. Bismarck mich heute, Freitags Nachmittags 1 % Uhr bei sich erwarte, & ich wollte also diese erste Audienz vorübergehen lassen, bevor ich Ihnen schriebe. Nun aber geht mir in diesem Augenblikk – 111/2 Uhr Vormittags – ein Billet zu, worin Hr. v. Bismarck «zu seinem Bedauern» erklärt, dass er mich um 11/2 Uhr nicht sehen könne & mir verspricht, mir über den Tag des Empfanges nachher Mittheilung machen zu wollen. Die Sache lässt sich also etwas langfädig an & ich kann nicht verhehlen, dass mir die Absagung der Audienz, bei aller Höflichkeit der eingehaltenen Form, einen unangenehmen Eindrukk gemacht hat. Geht es so lange, bis ich nun den Ministerpräsidenten zu Gesicht bekomme, wie lang wird es erst dauern, bis ich den König selbst sprechen kann2. Bis ich aber meine Creditive abgegeben habe, existire ich für die diplomatische Welt überhaupt nicht & kann also auch meine Besuche nicht machen. So wenig erheblicher Schaden daraus, bei gegenwärtiger Gestaltung der Verhältnisse, erwachsen wird, so ist es mir doch unangenehm, mehrere Tage auf solche Weise zwischen Himmel & Erde zu hängen.

Sobald ich den Ministerpräsidenten gesprochen habe, werde ich mir die Ehre geben, Ihnen über die Audienz Bericht zu erstatten. Für heute beschränke ich mich auf das Vorstehende & füge nur noch hinzu, dass das Paket, das ich von der Bundeskanzlei erhalten soll, noch nicht eingegangen ist; baldiger Empfang desselben wäre mir um so erwünschter, als auch das Gesandtschafts-Sigill damit einlangen wird.

N.S. Die Audienz hat nun doch stattgehabt & ich erbreche den schon geschlossenen Brief nochmals, um Ihnen von dem Inhalte derselben einige Nachricht zu geben: ich hoffe, Sie verzeihen mir unter solchen Umständen die Unschikklichkeit, die darin liegt, dass nun das Beste und Interessanteste in eine «Nachschrift» zu stehen kommt. Nach 12 Uhr kam die Botschaft, ein am Morgen plötzlich angesagter Conseil sei eben so plötzlich abgesagt worden & Hr. v. Bismarck erwarte mich also um die früher angesetzte Stunde.

Ich ging also hin & wurde nach kurzem Warten vorgelassen. Bismarck trug die Interims-Uniform eines preussischen Generals, in welcher er sich sehr stattlich ausnimmt: er ist ein Mann von wahrhaft athletischer Gestalt, mit grosser Glatze u. dünnem, kurz geschorenem blondem Haar, der Ausdrukk seines Gesichtes, auf Abbildungen gewöhnlich streng u. fast grimmig, ist in Wahrheit eher sanft, wie er denn auch im Sprechen einen durchaus sanften, liebenswürdigen, fast möchte ich sagen bescheidenen Ton anschlägt. Dass er aber unter Umständen auch anders aussehen u. auftreten kann, glaube ich wohl. Der Empfang war sehr freundlich u. nach wenigen, einleitenden Worten waren wir mitten in sehr lebhaftem politischem Gespräch. Er sprach sich dabei mit der bekannten, ihm eigenen Offenheit aus, u. ich notire Ihnen die Hauptsachen, obgleich es bei dem sprudelnden Wesen des Ministers nicht leicht ist, den Faden seiner Bemerkungen stetsfort im Gedächtniss festzuhalten. Zunächst sprach er seine Freude darüber aus, dass, wie er höre, die Schweiz entschlossen gewesen wäre, im Falle des Krieges ihre Neutralität ernsthaft u. nach allen Seiten hin aufrecht zu erhalten; Preussen könne nichts Besseres verlangen. Es versteht sich, dass ich hierauf in bündiger u. bestimmter Form diejenigen Gesichtspunkte eröffnete, die mir die Instruktionen2 des h. Bundesrathes an die Hand geben. Auf meine Bemerkung, dass indessen nun wohl die Kriegsgefahr für längere Zeit vorbei sei, zukkte er die Achseln u. meinte: dass Preussen keinen Krieg wünsche, sei klar; es verlange nichts u. habe im eigenen Hause mehr als genug zu thun; aber die Thatsache, dass die französischen Rüstungen auch jetzt noch fortdauern, lasse die Lage immer noch als eine beunruhigende erscheinen. Die Pferdeankäufe nach Frankreich seien nicht sistirt & zwischen Paris u. der Ostgrenze stehe eine unverhältnissmässige Zahl von Truppenkörpern; allerdings seien sie nicht auf Kriegsstärke, aber die Urlauber u. Reservisten könnten mit grösster Raschheit & sehr unvermerkt jeden Augenblikk herbeigezogen werden. Unter diesen Umständen & wenn das nicht bald anders werde, sei Preussen genöthigt, auch mit Rüstungen zu beginnen. Denn so wenig es den Krieg suche, so wenig werde es ihm aus dem Wege gehen. Frankreich steht im Grunde doch isolirt da: die allgemeine Lage ist so, dass keine Macht in Europa einen Sieg Frankreichs, der mit völliger Niederwerfung Preussens endigen würde, ertragen könnte: von Belgien u. der Schweiz ganz abgesehen, was wäre Ostreich oder Italien, einem so allmächtig gewordenen Frankreich gegenüber? Selbst Russland hat ein sehr entschiedenes Interesse im gleichen Sinn: es kann keine französischen Soldaten in Posen brauchen u. England ist vitaliter interessirt dabei, dass nicht auch die grossen Elemente maritimer Macht, welche die norddeutsche Küste enthält, die französische Seemacht verstärken. Frankreich wird daher zu einem Entscheidungskampfe gegen Preussen schwerlich Alliirte finden: auch Italien, trotz der Ratazzi’schen Velleitäten, knirscht im Grunde in die Zügel, die ihm Frankreich angelegt hat & wird sich wohl hüten, nach Abentheuern auszugehen. «Italien ist eigentlich unser ganz natürlicher Bundesgenosse; denn wir haben die nämlichen Mächte zu fürchten: Frankreich u. Ostreich.» Geht es aber zwischen Frankreich & Preussen allein los, so sollte der Sieg nicht zweifelhaft sein. Frankreich kann jetzt 280,000 oder – setzen wir runde Zahlen – 300,000 Mann offensiv gegen Deutschland ausrükken lassen; vielleicht in 6 bis 12 Monaten 400,000; mehr haben sie nicht (über Besatzungstruppen & algierische Armee hinaus). Preussen dagegen stellte im J. 1866 bei einer Bevölkerung von 20 Millionen Seelen 650,000 Mann effektiv in’s Feld; in Norddeutschland ist jetzt alles auf preussischen Fuss eingerichtet, u. da der Bund 30 Millionen Seelen hat, so könnten 900.000 Mann bloss von ihm geliefert werden; setzen wir aber, da manches noch etwas unfertig ist, bloss 800 M., dazu 100,000 M., die Süddeutschland, anstatt der 300,000, welche es nach der Bevölkerung träfe, jedenfalls in sehr guter Beschaffenheit hinstellen würde, gibt 900,000 M. disponible Truppen. Davon rechne man ab, 200,000 M. für Festungen «u.dgl.» (Observationscorps gegen Ostreich?) u. 100,000 für Dekkung der Küste («in 3 Corps, 60,000 an der Ostsee, 30.000 M. an der Nordsee»), so bleiben immerhin 600,000 M. bester Truppen, welche wir der französischen Invasionsarmee entgegenwerfen können. Da nun ohnedem der Angreifer immer der stärkere sein sollte, wenn er Chancen haben will, im fremden, feindlich gestimmten Lande definitiv zu reüssiren, so ist klar, dass wir dem Angriff mit grosser Seelenruhe entgegensehen können. Zu statten kommt uns dabei freilich, dass unsere Verhältnisse zu Russland uns gestatten, die östliche Grenze vollständig zu degarniren. (Wörtlich.) Trotz dieser glänzenden Aussichten, fügte der Minister hiezu, suchen wir wahrlich den Krieg nicht; wir sind nach dem letzten Jahr, um mich so auszudrükken, satt u. verlangen nichts weiter. Zudem ist es keine Kleinigkeit, einen Krieg heraufzubeschwören u. wieder etwa 30,000 brave Jungens todt oder zu Krüppeln schiessen zu lassen. Darum freue ich mich des Arrangements wegen Luxemburg: das Ländchen u. auch die Festung hatten freilich an sich wenig Bedeutung. Die Festung wird auf 1,500 Schritte Distanz beherrscht, & da die ganze Stadt nur 2,000 Schritte breit ist, so kann man mit gezogenen Geschützen von den beherrschenden Höhen aus bis in die Kehlen der Verschanzungen auf der entgegengesetzten Seite reichen. Zudem war unser Besitztitel schwach: wäre Holland mit seinen Urkunden früher oder später gekommen und hätte uns gehen heissen, ja ich weiss wahrhaftig nicht, was wir hätten sagen können. Aber als nun Holland unbegreiflicherweise sich hinter Frankreich stekkte, nahm die ganze Frage einen ändern Charakter an: «vor holländischen Papieren hätten wir uns ganz füglich zurükkziehen können: vor französischen Kanonen geht das nicht an.» Die Holländer hegten die thörichte Besorgniss, wir wollten sie verschlingen, woran auch kein wahres Wort war; ein Staat wie Holland, der eine grosse Geschichte hinter sich u. sich durchaus ehrenhafte Selbständigkeit gewahrt hat, der zudem von uns nichts wissen will, ist kein Zielpunkt unserer Vergrösserungssucht. Der einzige Gegenstand über den wir mit Holland uneinig sind, sind die Zölle & zur Beseitigung dieses Punktes brauchen wir wahrlich keinen Krieg: wir haben nach dem Meere zu auch noch den Weg durch Belgien & jetzt dazu den im eigenen Lande, über die Ems.

Diess ungefähr der Inhalt der höchst anziehenden Unterredung; ich denke, es ist genug, wenn ich meinen interlocuteur habe sprechen lassen & meine eigenen Zwischenbemerkungen in der Feder behalte, sie würden, gegenüber dem Angebrachten, wenig Interesse in Anspruch zu nehmen im Falle sein.

Nachdem ich fast 3 /4 Std. da gesessen, fand ich es doch am Orte, mich zu empfehlen; Graf Bismarck liess mich aber auch stehend nicht sogleich los: er kam auf den Sonderbundskrieg zu reden: 1847 im September sei er durch Luzern gekommen, gerade als man dort & in Alpnach Schanzen aufgeworfen habe. Es schien mir, er verbinde mit diesen Reminiscenzen einen etwas spöttischen Rükkblikk auf die damalige Schweiz. Armee & ergriff daher die Gelegenheit zu erklären, dass seither sehr vieles geschehen sei, dass die Armee von 1847 mit der heutigen in keiner Weise verglichen werden dürfe. «Es sind freilich nur Milizen, & ich begreife, dass ein kgl. preussischer General von Milizen einen sehr geringen Begriff habe, aber ich hege auch die Überzeugung, dass im gegebenen Fall manches Vorurtheil durch die Thatsachen widerlegt würde.» «Nein, wirklich, » entgegnete Gf. B., «ich habe vor gut geführten Milizen allen Respect; die baierischen Truppen von 1866 waren gewissermassen auch nur Milizen: sie sind im Jahre nur wenige Wochen präsent u. Offiziere u. Mannschaften sind gar nicht zusammengewachsen, dennoch haben sie sich ganz vortrefflich geschlagen, besser als manche Theile der österreichischen Armee. Es fehlte in Baiern wirklich nichts anderes als die obere Leitung, & die Befähigung der höhern Offiziere.» Ebenso freundlich, wie ich empfangen worden, wurde ich dann endlich entlassen. Wann ich Audienz beim König haben werde, weiss ich noch nicht bestimmt, vielleicht morgen, vielleicht auch erst Montags: der alte Herr hat alle Tage Paraden abzunehmen u. ist also stark beschäftigt.

1
Rapport politique: E 2300 Berlin 1.
2
Cf. no 89.