Language: German
9.7.1935 (Tuesday)
Le Ministre de Suisse à Madrid, K. Egger, au Chef du Département politique, G.Motta
Political report (RP)
Etat de guerre à Barcelone. La coalition gouvernementale de droite semble fragile. L’action de Gil Robles au Gouvernement.

Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
8. Espagne
8.3. Questions politiques générales
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Printed in

Jean-Claude Favez et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 11, doc. 135

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Bern 1989

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Cover of DDS, 11

Repository

dodis.ch/46056
Le Ministre de Suisse à Madrid, K. Egger, au Chef du Département politique, G. Motta1

Bevor die Cortes2 in die Ferien gehen, haben sich in Spanien politische Ereignisse abgespielt und sind solche zum Teil noch in Entwicklung begriffen, die nicht als bedeutungslos übergangen werden dürfen.

Das Ausland ist wohl am meisten über die plötzliche Verhängung des Kriegszustandes in Barcelona3 überrascht worden. Der Alarmzustand besteht noch für fast alle übrigen Provinzen. Die Zensur wird mit unverminderter Strenge ausgeübt. Die Regierung rechtfertigt sich für die Massnahmen in Barcelona mit dem Hinweis, sie wolle mit den Terror- und Sabotageakten der «Pistoleros», mit den wilden Streiks und Überfällen endgültig aufräumen. In Wahrheit liegt die Sache ganz anders, doch liess die Zensur nichts durchsickern. Es handelte sich um eine grossangelegte militärische Sabotage, da in einer Kaserne über dreihundert Gewehre unbrauchbar gemacht wurden. Man befürchtete eine Meuterei von Truppen. Um die Möglichkeit zu haben, bei Notwendigkeit gleich mit Militär und nicht nur mit der Polizei ausrücken zu können, verhängte man den Kriegszustand. Gil Robles, der Kriegsminister4, flog mit dem Innenminister5 unerwartet nach Barcelona und erteilte selbst die nötigen Instruktionen. Daraus mag man den Umfang der Bewegung ermessen.

Die revolutionäre Bewegung in Asturien ist auch heute noch keineswegs erloschen, und die Demonstrationen in den Minengegenden gegen die Urteile der Kriegsgerichte haben deutlichen revolutionären Charakter. Zu ihrer Unterdrükkung verlegte Gil Robles, ohne grosses Aufsehen, militärische Manöver in jene Gegenden und errichtete in Asturien eine «militärische Kommandantur». Die Gährung besteht aber weiter. Die Zensur unterdrückt die Berichte darüber.

Die Parteipolitik erscheint nach aussen verhältnismässig ruhig und auf längere Sicht gefestigt. Auch hier sorgt die Zensur dafür, dass im Ausland dieser Glaube besteht. Der «Pakt von Salamanca» ist fast zu einem Rütlischwur gestempelt worden. In Salamanca sprachen jüngst Lerroux und Gil Robles, die beiden Führer der Parteien6, von denen das Schicksal der Regierung abhängig ist. Gil Robles bekräftigte seine Treue zur Republik und distanzierte sich unzweideutig von den Anhängern des alten Regimes. Lerroux wandte sich gegen die republikanische Linke, der er ihre Sektiererei vorwarf. Nach aussen sieht es heute so aus, als ob zwischen Radikalen und Volksaktion ein ewiger Friede geschlossen sei. Man brüstet sich mit der Traktandenliste einer langen Reihe von Regierungsaufgaben, wobei an erster Stelle die Verfassungsreform steht, vergisst aber zu sagen, dass deren Durchführung die gewaltigsten innern Erschütterungen zur Folge haben kann. Man ist stolz auf das genehmigte Budget, das aber keinerlei Finanzprogramm enthält und noch nichts von den vielgepriesenen Finanzkünsten Chapaprietas offenbart. Von der dringenden Agrarreform, die der Linken immer wieder als Lockköder hingeworfen wurde, hört man nichts mehr. Sie dürfte in ihrer ersten verheissungsvollen Fassung endgültig begraben sein. Glaubt die Regierung ernsthaft, damit fänden sich die Geprellten ohne Weiteres ab?

Die wahre politische Lage Spaniens zeigt sich heute unter ganz anderem Aspekt: Tatsache ist, dass der kaum dreissigjährige Führer der Volksaktion, Gil Robles, der katholischen Kirche, von ihr beauftragt und von ihr bezahlt, zu ganz unverhofftem Aufschwung verholfen hat. Freilich sind es bis jetzt mehr Äusserlichkeiten: Bewilligung öffentlicher Prozessionen, Duldung der Schmückung der Häuser mit kirchlichen Emblemen an religiösen Feiertagen, Erlass einer Reihe von mittelalterlichen Sittenmandaten und Verbot der Prostitution. Die grossen Hoffnungen aber, die der Vatikan auf ihn gesetzt, (Abschluss eines Konkordates, Wiedereinführung des geistlichen Unterrichtes, etc.) hat er bis jetzt nicht erfüllt. Er wird sie auch nicht erfüllen können. Schon rückt die Kirche etwas von ihm ab7

. Wenn er ihr nicht mehr brauchbar erscheint, lässt sie ihn fallen. Diese Möglichkeit besteht. Damit wäre sein und der Volksaktion Schicksal erledigt.

Eifrig schafft Gil Robles am Ausbau der Armee, wobei er es nicht verschmähte, aus der monarchischen Rumpelkammer verstaubte Requisiten hervorzuholen. Er will die gänzlich unzulängliche Aviatik erneuern, für Munition und Waffen werden Millionenkredite bereitgestellt, und er selbst ist heute von einer Prätorianergarde getreuer Regimenter umgeben. Für die Bildung des Nachwuchses hat er soeben eine «Militär-Akademie» gegründet. Er steht zur Stunde auf schwindelnder Höhe. Morgen schon kann es anders sein. Gil Robles ist ein glänzender Parlamentarier, aber er ist kein Staatsmann und das könnte ihm eines Tages zum Verhängnis werden8.

Lerroux fühlt sich in seiner Kampfgenossenschaft mit Gil Robles sichtlich nicht wohl. Schon hat er Konzessionen gemacht, die ihn innerlich zu schweren Gewissenskonflikten führen müssen. Noch weicht er behutsam dem Druck der katholischen Volksaktion, ohne die er seine Stellung als Ministerpräsident nicht aufrecht zu erhalten vermöchte. Schon aber blinzelt er nach links, und eines Tages paktiert er eben wieder mit den Linksrepublikanern und Sozialisten und wechselt zu Azana9 hinüber. An Beweglichkeit und schlauer Berechnung fehlt es dem Siebziger auch heute noch nicht, doch muss er wissen, dass der Anschluss zu vollziehen ist, bevor die drohende Zersetzung der Linken zu weit fortgeschritten ist.

Schon munkelt man, die Schwenkung werde sich in absehbarer Zeit unter Wiederholung der blutigen Ereignisse des Vorjahres vollziehen. Für eine so nahe Entwicklung scheinen mir die Ereignisse noch nicht reif zu sein, aber es wäre verfehlt, die innere Lage Spaniens in so wohlgefälligem Rosalicht zu betrachten, wie es die heutigen Machthaber aus den politischen Kulissen der Zensur in geschickter Aufmachung auf der politischen Weltbühne aufleuchten lassen.

1
Rapport politique: E 2300 Madrid, Archiv-Nr. 8.
2
Parlement espagnol.
3
L’état d’alarme règne sur tout le pays, régulièrement prorogé depuis les troubles d’octobre 1934.
4
Du gouvernement Lerroux.
5
E. Vaqueiro Cantillo.
6
Leaders respectivement des républicains de droite et de la Confédération espagnole des droites autonomes.
7
Remarque marginale de Motta: ?
8
Remarque marginale de Motta: Das kann heute noch niemand sagen.
9
Un des chefs des républicains de gauche.