Language: German
11.10.1934 (Thursday)
Le Ministre de Suisse à Madrid, K. Egger, au Chef du Département politique, G.Motta
Political report (RP)
Grève générale; influence grandissante de l’armée; incident au Parlement provoqué par Primo de Rivera.

Classement thématique série 1848–1945:
II. RELATIONS BILATÉRALES
8. Espagne
8.3. Questions politiques générales
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Printed in

Jean-Claude Favez et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 11, doc. 70

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Bern 1989

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Cover of DDS, 11

Repository

dodis.ch/45991
Le Ministre de Suisse à Madrid, K. Egger, au Chef du Département politique, G. Motta1

Wenn Revolution in dem Begriff Umsturz, Barrikaden und Schiessereien zusammengefasst wird, ist sie in Madrid und Barcelona vorbei. In den Provinzen flackern noch einige Herde auf, und in den Kohlen- und Industriebezirken des Nordens werden die Aufständischen durch Truppen, zu deren Verstärkung Marokkaner und Fremdenlegionäre gelandet wurden (ca. 6000 Mann) kriegsgemäss niedergekämpft.

Dem offenen Aufruhr ist aber durch Generalstreik der Marxisten und Syndikalisten ein stummer Abwehrkampf gefolgt, der die Regierung Lerroux2 in die grösste Verlegenheit bringt.

Die öffentlichen Betriebe werden nur durch Truppen, Polizei und Freiwillige aufrecht erhalten. Die Eisenbahntruppen wurden mobilisiert, die «Taxis» erscheinen nicht, obschon der Radio seit zwei Tagen alle paar Stunden die Drohung verkündet, die Fahrbewilligungen würden zurückgezogen; die Arbeiter kehren nicht zurück, obschon auch ihre Kontrakte als gelöst gelten, Arbeitswillige stehen unter dem Terror der Syndikate, Autobusse und Trams werden von Genietruppen und Freiwilligen geführt und fahren nur unter Bedeckung, die Läden stehen zwangsweise offen, aber viele Waren fehlen, da die Zufuhr stockt; in den Bars und Restaurants muss sich der Gast selbst bedienen; die Abfälle werden in den Strassen verbrannt, zum Teil werden sie durch Freiwillige weggeschafft, auch die Leichenbestattung wird von solchen besorgt; in vielen Quartieren fehlen Gas und Strassenbeleuchtung, weil Defekte nicht repariert werden, kurz, es ist ganz unrichtig, wenn der Radio und die wenigen erscheinenden Blätter immer wieder aufdringlich verkünden: «la vida ha quedado completamente normalizada.»3

Von Tag zu Tag steigert sich der Einfluss der Armee, die allein heute das bürgerliche Leben notdürftig reguliert. Steuert Spanien einer neuen Militärdiktatur entgegen? Wird Lerroux gezwungen sein, seine Macht an die Generäle abzutreten? Alle Zeichen für eine solche Umstellung sind vorhanden. Eine Fortdauer der heutigen Zustände ist jedenfalls unerträglich.

Die Vorstellung der neuen Regierung vor den Cortes4 war, in Abwesenheit der gesamten Linken, von patriotischem Schwung getragen. Die erwarteten Zwischenfälle innerhalb und ausserhalb des Parlamentes ereigneten sich nicht. Das bedeutendste Ereignis war wohl die Erklärung von Gil Robles5, dass auch er sich zur republikanischen Staatsform Spaniens bekenne, und Leute der äussersten Rechten und Traditionalisten jubelten ihm zu.

Den einzigen Missklang brachte der junge Fascistenführer Primo de Rivera6

. Mit dem französischen Botschafter war ich der einzige Missionschef in der Diplomatenloge und berichte als Augenzeuge. Primo de Rivera beglückwünschte zuerst die Regierung zu ihren Erfolgen, glaubte aber, den Rat geben zu müssen, dass man sich in Zukunft hüten müsse, die Geschicke der Nation «lauen Elementen und verräterischen Dienstmannen» in die Hände zu legen. Er zielte auf General Batet, ohne den Namen zu nennen. Batet ist Katalane und hat noch vor wenigen Wochen seinen Offizieren die Parole gegeben, den katalonischen Gesinnungen der Truppen mit grösstem Wohlwollen zu begegnen. Batet glaubte, im neuen katalonischen Staat Generalstabschef zu werden. In letzter Stunde merkte er, dass Companys7 einen ändern General dafür ausersehen, und er schwenkte daher, aus rein persönlichen Motiven, zur nationalen Front über und erzwang in kurzer Frist die Übergabe der Generalität. Von solchen Zufälligkeiten hängen immer wieder die Geschicke Spaniens ab!

Die Äusserungen Primo de Riveras lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Im Glauben und im Mut seiner Überzeugung liess sich der Fascistenführer aber nicht einschüchtern. Dem Glorienschein Batets raubte er aber viel von seinem Glanz. Die Zensur unterdrückt den Zwischenfall.

Die Verhaftung von Azana8 wirkte als Sensation, zumal man sicher glaubte, er sei (mit Hülfe des französischen Botschafters, mit dem ihn ein enges Freundschaftsverhältnis verbindet) nach Frankreich entkommen.

Herr Vizekonsul Gonzenbach9 hat mir den beiliegenden summarischen Bericht über die Ereignisse in Barcelona zugesandt10. Seine Bemerkungen über den Patriotismus der Katalanen, die für ihre Ideale und ihre Freiheit gekämpft hätten, vermag ich freilich nicht zu teilen.

1
Rapport politique: E 2300 Madrid, Archiv-Nr. 7.
2
L’élargissement sur la droite du gouvernement Lerroux, le 1er octobre, a donné le signal de l’insurrection de gauche à Barcelone, Madrid et dans les Asturies.
3
La vie est restée complètement normale.
4
Parlement espagnol.
5
Chef parlementaire de la Confédération espagnole des droites autonomes, mouvement corporatiste, autoritaire et conservateur.
6
José Antonio, fils du défunt dictateur d’Alphonse XIII, fondateur le 29 octobre 1933 de la Phalange fasciste.
7
Président de la Généralité de Catalogne.
8
Un des chefs des républicains de gauche.
9
En charge du Consulat de Suisse à Barcelone.
10
Non reproduit. Pour ce rapport du 7 octobre cf. E 2001 (C) 3/133.