Language: German
14.2.1915 (Sunday)
Le Ministre de Suisse à Tokyo, F. von Salis, au Chef du Département politique, A. Hoffmann
Letter (L)
La question chinoise menace l’amitié anglo-japonaise. L’influence allemande sur des officiers nippons. Entrée en guerre imminente de l’Italie.
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Printed in

Jacques Freymond et al. (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 94

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Bern 1981

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Cover of DDS, 6

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dodis.ch/43369
Le Ministre de Suisse à Tokyo, F. von Salis, au Chef du Département politique, A. Hoffmann1

Meinen Bericht vom 2. Jänner habe ich ganz ergebenst zu bestätigen die Ehre.

Während die Annäherung an Russland stetige Fortschritte macht, begegnet das Allianzverhältnis zu England mehr und mehr der offenen Kritik. Die Interessen der beiden Reiche kollidieren im Tale des Yangtsekiang, diesem, unter allen, bevorzugtesten der von der Natur so reich bedachten Länder der chinesischen Republik. Es ist für niemand ein Geheimnis, dass die Handelstätigkeit der Japaner daselbst von den Engländern, als den Abmachungen widersprechend, mehr und mehr bekämpft wird. China ist es, das die Freundschaft Japans und Englands auf die Probe stellt und deren Zusammenbruch einstens herbeiführen dürfte.

Der Gegenstand der derzeitigen Unterhandlungen zwischen Japan und China ist England, Russland und auch der amerikanischen Regierung bekanntgegeben worden; wie ich aus erster Hand vernehme, sollen die Forderungen Japans nichts Ungehöriges enthalten. Die Zeitungen bauschen die Sache auf, um für die bevorstehenden Wahlen zugunsten des Kabinetts Okuma, das einer flauen, auswärtigen Politik bezichtigt wurde, Propaganda zu machen. Hinsichtlich Tsingtau hat die Stimmung, infolge eben dieser Angriffe, völlig umgeschlagen, und es unterliegt vorderhand keinem Zweifel, dass die Provinz niemals an China zurückgehen wird.

Im letzten Ministerrate wurde beschlossen, sowohl die Gefangenen als auch die anderen, wie wohl in keinem kriegführenden Lande ihren Geschäften in solch ungehinderter Weise nachgehen dürfenden Deutschen und Österreicher strenger zu behandeln und zu beaufsichtigen. Die Betroffenen haben die Massregel vor allem ihrer eigenen Taktlosigkeit zuzuschreiben: ausserdem haben voraussichtlich die Alliierten, im besonderen England, darauf gedrungen, im Bewusstsein, dass die Sympathien sehr zahlreich auf deutscher Seite stehen.

Wie deutsch die Offiziere denken und wie sehr sie von den Theorien eines Bernhardt durchdrungen sind, illustriert die meinem belgischen Kollegen gegenüber geäusserte Ansicht: der Einmarsch der Deutschen in Belgien sei eine unvermeidliche, strategische Notwendigkeit gewesen, worüber sich Belgien vorher hätte klar sein sollen, um die nötigen Massnahmen zu treffen. - Dem schwedischen Gesandten bemerkte kürzlich Fürst Oyama, der japanische Moltke, als sie auf die Bevölkerung Schwedens zu sprechen kamen: wenn sie nur 6 Millionen zählen, müssen sie sich darauf gefasst machen, früher oder später von einer der Grossmächte aufgenommen zu werden!

Für alle Fälle und auf die Gefahr hin, längst Bekanntes zu wiederholen, will ich nicht unterlassen zu berichten, dass ich gestern vernahm, Italien habe bis jetzt einen allzu hohen Einsatz verlangt, um mitzumachen, und die Retrozession von Nizza und Savoyen als Bedingung aufgestellt. Dass Italien bald losschlagen dürfte, schliesse ich aus der mir heute bekanntwerdenden, plötzlichen Abreise des hiesigen italienischen Militärattaches, der sich ausgebeten hatte, im Kriegsfälle zurückkehren zu können.

1
Lettre: E 2001, Archiv-Nr. 743.