Printed in
Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 6, doc. 91
volume linkBern 1981
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| Archive | Swiss Federal Archives, Bern | |
▼ ▶ Archival classification | CH-BAR#E2001A#1000/45#743* | |
| Old classification | CH-BAR E 2001(A)1000/45 95 | |
| Dossier title | Nr. 722. Depeschen und Berichte der schweizerischen Gesandtschaft in London, insbesondere über den allgemeinen Gang der Kriegsereignisse, u.a. betr. die Seeblockade (1914–1916) | |
| File reference archive | B.272.14 |
dodis.ch/43366
Ich war froh, Ihrem zweiten vorgestrigen Telegramm zu entnehmen, dass mein Haager Bericht vom 14.1. M.2 in Ihre Hände gelangt ist. Gestern nachmittag konferierte ich zwei Stunden lang mit Sir E. Crowe, dem zuständigen Hilfs-Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, über unsere schwebenden Konterband-Reklamationen und über die Mittel und Wege, für die Zukunft eine beide Teile zufriedenstellende Lösung der entstandenen sehr ernsten Schwierigkeiten zu finden. Während ich im Gange auf und ab ging, auf den Zeitpunkt wartend, an dem ich Sir E. Crowe sehen konnte, traf ich Sir E.Grey, der, als ich ihm beschrieb, in welch schwieriger Lage wir uns befänden, mich aufforderte, heute mittag zu ihm zu kommen, um ihm Einzelheiten geben zu können; nachmittags finde eine Sitzung des Kabinetts statt, und so könne er dann gleich meine Klagen dort Vorbringen. Sir E. Grey empfing mich in der Anwesenheit Sir E. Crowes und eines Vertreters des Board of Trade. Über den Gang unserer Unterredung sandte ich Ihnen soeben ein langes chiffriertes Telegramm, dem ich aber noch einige nähere Ausführungen glaube beifügen zu sollen.
Ich betonte vorerst, dass es mir daran gelegen war, mit Sir E. Grey selbst zu sprechen, da es sich nicht mehr um technische Fragen handele, sondern um die Aufrechthaltung der guten Beziehungen zwischen der Schweiz und Grossbritannien, die meiner Regierung und mir persönlich sehr am Herzen lägen. Die strikte Neutralität der Schweiz sei für beide kriegsführenden Teile wertvoll und es dürfe uns daraus kein Vorwurf gemacht werden, dass wir auch auf ökonomischem Gebiete streng neutral zu bleiben entschlossen seien. Wir verlangen nichts anderes, als leben zu können; dazu seien uns aber gewisse Rohmateralien nötig und es sei natürlich, dass die öffentliche Meinung der Schweiz es nicht angenehm empfinde, wenn uns der Bezug dieser Güter erschwert oder unmöglich gemacht werde. Sollten nun noch zu diesen Einfuhrsschwierigkeiten Ausfuhrsschwierigkeiten sich gesellen, dadurch dass wir, entgegen den Zusicherungen des Monats Septembers, unsere mit Ursprungszeugnissen versehenen Waren nicht mehr durch Deutschland und die Niederlande nach dem Vereinigten Königreiche und überseeischen Ländern schicken könnten, so würde unsere Lage nahezu verzweifelt werden.
Hierauf antwortete Grey, es läge der britischen Regierung fern, in irgendeiner Weise uns schädigen zu wollen, was mich zu der Bemerkung veranlasste, das nehme bei uns niemand an, aber die Wirkung der getroffenen Massnahmen komme doch auf eine solche Schädigung heraus und das Wesentliche sei nun, bei beidseitigem gutem Willen, und bei Wahrung der beidseitigen Interessen, Mittel und Wege zu finden, diese Schädigung zu vermeiden oder doch wenigstens soviel als möglich abzuschwächen. Sir E. Grey sagte, er sei ganz bereit, zu einer solchen Verständigung die Hand zu bieten, und vielleicht könnte sie auf Grund einer ähnlichen Vereinbarung erfolgen, wie sie zur Wahrung der niederländischen Importinteressen erfolgte. Gegenwärtig handle es sich jedoch darum, die schwebenden Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, und in dieser Richtung wolle er, Sir E. Grey, folgendes feststellen:
1) Seit dem 4. Dezember sei von seiten der britischen Admiralität kein Schiff aufgehalten worden, das schweizerische Waren geführt habe. Es sei nicht die Schuld Grossbritanniens, wenn in Italien Transit-Schwierigkeiten entstünden; das «Foreign Office» habe im Gegenteil sein Möglichstes getan, diese Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen.
2) Was unser in Gibraltar liegendes Kupfer anbelange, so ersuche er Sie, bekanntzugeben, welche Quantität gegenwärtig in der Schweiz benötigt sei; er werde sein Möglichstes tun, uns diese zu verschaffen, sofern die Sendung an den Bundesrat selbst gerichtet werde und wir das Versprechen geben, das Metall nicht wieder auszuführen und auch dessen Erzeugnisse, insoweit bei denselben der Wert des Metalls nicht den der Herstellung übertreffe und es sich nicht um Maschinen handle, die zum Beispiel zur Herstellung von Munition dienen und nach Deutschland ausgeführt werden sollten. Elektrische Maschinen anderer Art, Uhren usw. seien wir natürlich vollständig frei auszuführen, obwohl zu deren Herstellung auch Kupfer verwendet werde.
3) Auch für den ungestörten Durchgang von Petrol, Mineral- und Schmierölen sei er bereit einzutreten, wenn die Güter an Sie adressiert würden und ein Versprechen der Nicht-Wiederausfuhr vorliege.
4) Von mir darauf aufmerksam gemacht, dass englische Kapitäne sich geweigert hätten, für die Schweiz bestimmte Güter mit Namens-Konnosamenten anzunehmen, versprach Sir E. Grey, das Board of Trade auf diesen Übelstand, wenn er wirklich vorgekommen sei, hinzuweisen, damit Abhilfe geschaffen und wir in die Lage versetzt würden, die uns auferlegte Bedingung zu erfüllen.
5) Betreffend unsern Export durch Deutschland und den Niederlanden, sagte Sir E. Grey, was mir schon gestern Sir E. Crowe bemerkt hatte, die Frage sei infolge eines Gerichtsurteils wieder akut geworden. Ein Gericht urteilte nämlich, dass es «trading with the ennemy» sei, wenn ein in Grossbritannien sesshafter Kaufmann Güter für neutrale Staaten durch Feindesland instradiere, weil dadurch der feindlichen Transportgesellschaft ein Vorteil erwachse. Dies Argument mag für den Absender in England zutreffen, aber doch gewiss nicht für den Absender in der Schweiz, der den britischen Gesetzen nicht unterworfen ist. Sir E. Grey gab zu, dass es ihm voraussichtlich möglich sein werde, diese Anschauung durchzusetzen.
Ich füge noch bei, dass meine Unterredung mit Sir E. Grey, die ungefähr Ya Stunden dauerte, in der freundschaftlichsten Weise verlief.
Anlässlich meiner gestrigen Konferenz mit Sir E. Crowe hatte ich Gelegenheit, das Thema Grant Duff zu berühren. Crowe versicherte mich, der britische Gesandte tue sein Möglichstes, um den schweizerischen Standpunkt hier begreiflich zu machen und es sei ihm fern, Öl ins Feuer zu giessen3. Dagegen wollte es Sir E. Crowe nicht gelten lassen, dass die England unfreundlichen Stimmen in der schweizerischen Presse durch die Haltung der britischen Regierung in Sachen Konterband-Güter veranlasst seien, sondern er wollte alles auf deutsche Intrigen zurückführen.
Als ich ihm bemerkte, wir hätten die Schwierigkeiten wegen den 25 für die Munitionsfabrik vom Bundesrat gekauften Tonnen Kupfer4 nicht als freundlichen Akt empfunden, sagte er, er werde sich dafür verwenden, dass sie uns geliefert würden.
Ich bin in der Ansicht bestärkt, dass in allen diesen Fragen das Auswärtige Amt selbst unter der Diktatur des Kriegsministeriums (Kitchener) und der Admiralität (Churchill) zu leiden hat.
Ich lege einen Ausschnitt aus dem heutigen Daily Graphic bei5, der die Lage der Schweiz ins richtige Licht setzt und den ich deshalb nicht unterliess, Sir E. Grey einzuhändigen.


