Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
X. LANDESVERTEIDIGUNG
Abgedruckt in
Diplomatische Dokumente der Schweiz, Bd. 5, Dok. 253
volume linkBern 1983
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| Archiv | Schweizerisches Bundesarchiv, Bern | |
| Signatur | CH-BAR#E27#1000/721#11977* | |
| Dossiertitel | Hptm U. Wille zum Gardejäger-Bat in Potsdam; Bericht, Bd 1 - 2 (1906–1909) | |
| Aktenzeichen Archiv | 06.C.3.b.04 |
dodis.ch/43108
BERICHT VON HAUPTMANN U. WILLE ÜBER DIE KOMMANDIERUNG ZUM GARDE-JÄGER-BATAILLON POTSDAM 1. OKTOBER 1906-30. SEPTEMBER 19071
Ich habe mein Ausland-Kommando zu dem Garde-Jäger-Bataillon in Potsdam angetreten mit dem Bewusstsein, dass ich seit meinem ersten militärischen Denken die deutsche Armee mit Augen der Bewunderung betrachtet habe. Wenn demnach für den vorliegenden Bericht die Gefahr einer Voreingenommenheit besteht, so kann andererseits nur wohlwollende Beurteilung über Dinge und Menschen gerecht sein. Da ich auch über Fehler und Schwächen der deutschen Armee schon vor meiner Kommandierung orientiert war, glaube ich, dass ich nicht kritiklos an meine Aufgabe herangetreten bin.
Der vorliegende Bericht ist auch nicht beeinflusst von dem bestechenden Eindruck, den der Glanz der preussischen Garde und die freundliche Aufnahme auf den Fremden ausübt. Der Bericht ist an Hand von Notizen und Briefen erst zu einer Zeit geschrieben, da ich über das Gesehene nachgedacht habe. Vielerlei erscheint mir jetzt anders und nebensächlich.
Der Bericht rapportiert ausführlich über Ausbildung und Auffassung der deutschen Armee.
Geheimnisse über die deutsche Armee zu berichten bin ich nicht in der Lage. Die Art, wie unsere Offiziere in Deutschland im Offizierskorps aufgenommen werden, empfiehlt die Unterlassung aller sondierenden Gespräche, indem das Offizierskorps einlässliche Instruktion über ihr Verhalten gegen den Schweizer erhalten hatte.
Die Kommandierung ist mir eine wertvolle persönliche Weiterentwicklung gewesen. Ich war früher der Ansicht, dass unsere Kavallerie- und Artillerie-Instruktoren darum zu beneiden sind, weil sie als Leutnant in Deutschland diensttuend in die Front eintreten können, während der Infanteriehauptmann Zuschauer bleibt. Ich gebe meinen Irrtum zu, jedoch mit der Einschränkung, dass dann die Kommandierung in eine grosse Garnison erfolgen muss. Die zentralen Verhältnisse bei der Garde, die Nähe des Truppenübungsplatzes gaben mir Gelegenheit mehr zu sehen, als ich zu bewältigen in der Lage war. Das persönliche Bekanntwerden mit allen massgebenden Vorgesetzten öffnet dem fremden Offizier alle Tore. Die Vielseitigkeit des Gesehenen erlaubt einen Gesamtüberblick über das innere Wesen der Armee.
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- E 27, Archiv-Nr. 11977 2. Autor ist der Sohn des späteren Generals Ulrich Wille. Ab gedruckt wird bloss die Einleitung des Berichts. Der eigentliche Bericht schliesst mit den folgenden Ausführungen: [...] Die Manöver bewiesen die vortreffliche Gefechtsausbildung der Infanterie im Angriff, wie in der Verteidigung. Grosse Marschleistungen gab es nicht, aber Hitze und Sandboden liessen es dennoch als anerkennenswert erscheinen, dass es keine Marschkranke gab. Der deutsche Infanterist pflegt seine Füsse, weil es seine Pflicht ist, für deren Vernachlässigung er einstehen muss; marschiert trotz Schmerzen einer Fusswunde weiter, weil der Vorgesetzte keine Wehleidigkeit duldet. Ich habe die deutsche Armee verlassen mit der Überzeugung, dass die Armee zuversichtlich in einen Krieg ziehen darf. Ich stimme denjenigen zu, die vor dem Nachmachen des deutschen Vorbildes warnen. Wir sollen äusserlich eigene Wege gehen, die unsem Verhältnissen Rechnung tragen. Eigne Wege gibt es aber nicht für die innere Zuverlässigkeit einer Armee, für die Gewissenhaftigkeit und Entschlussfähigkeit der Führer und für die Pflichttreue und Energie der Truppen. Es gibt keine eigenen Wege für die soldatische Auffassung des Einzelnen. Bei meiner Rückkehr musste ich mich erst an den Mangel soldatischer Auffassung gewöhnen, der es uns ermöglicht, dass Offiziere an verantwortungsvoller Stelle bleiben, obwohl seit Jahren jedermann von ihrer Ungeeignetheit überzeugt ist. Ich musste mich an den Mangel des innern Respektes gewöhnen, den unser Offizier bei der Truppe sich verschafft. Ich musste mich daran gewöhnen, dass unsere Unteroffiziere so wenig Autorität über die Mannschaft haben, dass sie in vielen Fällen in keiner Weise ein Führer ihrer Leute sind und kaum als gute Soldaten ihren Leuten ein Beispiel sind. Die straffe deutsche Auffassung ist, was wir zum Vorbild nehmen müssen. Und wenn früher oder später Anzeichen bestehen werden, dass in Deutschland die alte preussische Straffheit nachlässt, so soll das uns ein Ansporn sein, sie bei uns um so mehr anzustreben. Die straffe Auffassung über Pflicht macht den Menschen zum Mann und zum Soldaten.↩


