Language: German
17.3.1904 (Thursday)
Der schweizerische Generalkonsul in Yokohama, P. Ritter, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, R. Comtesse
Political report (RP)
Trotz des Krieges und der Unterbrechung fast aller Nachrichtenverbindungen ist die Geschäftslage in Japan recht gut; nach einem japanischen Sieg ist ein Handelsaufschwung in Japan, Korea und der Mandschurei zu erwarten. Die Schweizerkolonie und allgemein die Ausländer haben nichts zu befürchten.

Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
I. INTERNATIONALE LAGE
How to cite: Copy

Printed in

Herbert Lüthy, George Kreis (ed.)

Diplomatic Documents of Switzerland, vol. 5, doc. 14

volume link

Bern 1983

more… |
How to cite: Copy
Cover of DDS, 5

Repository

dodis.ch/42869
Der schweizerische Generalkonsul in Yokohama, P. Ritter, an den Bundespräsidenten und Vorsteher des Politischen Departementes, R. Comtesse1

handschriftlich

Ich bin ausser Stande Ihnen irgendwelche neue Kriegsnachrichten geben zu können. Wir sind in Yokohama ganz auf die vom Censurate erlaubten Depeschen angewiesen. Die einkommenden Nachrichten sind spärlich, die Aufregung in der Stadt hat bedeutend nachgelassen.

Man kann nicht sagen, dass das fremde Geschäft schlecht gehe. Im Gegenteil, es finden Güter, welche irgendwie für Kriegszwecke dienen können, guten und lohnenden Absatz. In Luxusartikeln ist begreiflicherweise vollständiger Stillstand. Die Truppentransporte stören den Handel sehr. Ein regelmässiger Fahrplan wird nicht mehr innegehalten; sogar eine Fahrt nach Tokio ist schwierig und zeitraubend. Die Spedition von Privatgütern hat fast aufgehört und auch die Küstenschiffahrt ist beinahe Null geworden. - Seitdem die japanischen Postschiffe nach Amerika und Europa nicht mehr laufen, sind wir an überseeischen Nachrichten verkürzt. Briefe sind seit vielen Wochen sozusagen keine mehr angekommen, da bis vor Ausbruch des Krieges die ganze Post aus Europa über Sibirien geleitet wurde. Man wusste hier nicht, was mit diesen Postsäcken geschehen sei und erst gestern wurde hier ein Telegramm verbreitet, sagend, dass die in Dalny angehäuften Briefschaften und Zeitungen nach Russland zurück und via Suez nach Ostasien gesandt werden. Für die Kaufleute ist das eine arge Kalamität, indem nun mit den Frachtdampfern immerfort Waren anlangen, von denen man nicht weiss, wem sie gehören, oder welche nicht abgenommen werden können, weil die dazugehörigen Schiffspapiere, via Sibirien gesandt, immer noch nicht eingetroffen sind.

Im Innern des Landes schwächt sich natürlich die Kaufkraft des Volkes, dadurch dass die jungen Männer in den Krieg ziehen, bedeutend. Dem Feldbau und dem Fischfang kann nicht mehr richtig obgelegen werden, anderseits fehlen, wie bereits gesagt, auch noch die Warenbeförderungsmittel und in den Städten vertheuern sich die Lebensmittel bereits in hohem Masse. - Die Regierung requirirt im ganzen Lande die Pferde und die Handwagen. Fourage wird aufgekauft, muss doch der Armee schon nach Korea von hier aus alles zugeführt werden.

Wie es die Russen machen wollen, um ihre Truppen im Osten zu verpflegen, ist mir, der ich die sibirische Bahnroute kenne, unklar. Der Weg ist schlecht gebaut, Schäden am Material, am Damm, an der Linie und an den Brücken haben uns immerfort verspätet. Dazu kommen die beiden wunden Punkte der Route - die Überschreitung des Baikalsees in Sibirien und des Khinghangebirges in der Mandchurei.

Der Schienenweg um den See herum hätte vielleicht bis zum Frühjahr fertiggestellt werden können. Er ist es aber dato nicht. Das Schienenlegen auf das Eis ist ein sehr gefährlicher Nothbehelf, der selbst wenn er dato gut funktionieren sollte, nothgedrungen Ende April auf gegeben werden muss. Die Transportflotte auf dem See ist klein und wird nach dem strengen gehabten Winterdienste kaum mehr in bestem Zustande sein. Durch das Khinghangebirge wird ein Tunnel gebohrt. Bis vor weniger als einem Jahre mussten die Reisenden auf der einen Seite aussteigen und den Berg überschreiten. Jetzt ist die Bahn provisorisch - ein Werk hoher Ingenieurkunst - über das Gebirge gelegt. Der Zug fährt in Zickzacklinien, gezogen und geschoben von je einer Lokomotive hinauf und hinunter. Dieser Zickzacklinien wegen - wurde mir damals gesagt - sei es nur möglich, ganz kurze Züge über den Berg zu bringen.

Die Kälte ist dato in Sibirien und Mandchurien enorm. Wir hatten bis – 50 °R. und die Gefahr des Erfrierens selbst in Eisenbahnzügen ist gross. Feuerung mangelt zwar nicht, da der Urwald meist bis an die Linie reicht. Lebensmittelmangel muss ein treten, da im Lande selbst sozusagen nichts zu haben ist. Schon zur Zeit unserer letzten Reise (2te Hälfte Januar 1904), als es relativ noch friedlich aussah, war die Linie oft blockirt mit Soldaten-«Material» und hauptsächlich Lebensmitteltransporten. Ich halte es daher für ausgeschlossen, dass, da den Russen von der Meerseite keine Lebensmittel mehr zugehen können, sie neben den Verpflegungstransporten die Truppentransporte wie benöthigt auszuführen vermögen. Es ist meines Erachtens ganz unmöglich, dass sie auf der Strecke, sagen wir, nur 2000 Mann, je um eine Tagesreise weiterbringen. Könnten sie es, so würden sie im günstigen Falle derart mindestens drei Monate brauchen um 100000 Mann von Moskau bis ans gelbe Meer zu transportieren.

Ob Port-Arthur und Dalny von den Russen bereits aufgegeben worden sind, wissen wir hier nicht. Die Nachrichten welche wir erfahren sind tendenziös und sich immer widersprechend. Was aus den in Port-Arthur niedergelassenen Schweizern geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Es waren, als ich vor 6 Wochen jene Stadt passirte, dort etwa 8-10 Schweizer niedergelassen. 2 oder 3 Handelsangestellte, 1-2 Gouvernanten und Herr Georges Schneider aus Chauxde-Fonds mit Frau und 2 Kindern. Herr Schneider hatte in der «alten» Stadt ein gut gehendes Uhrengeschäft. Er dürfte durch die Räumung oder das Bombardement wohl am schwersten getroffen worden sein. Da der höchste russische Beamte des rothen Kreuzes in Port-Arthur, Herr Auguste Tardent, ein geborener Neuenburger ist, so darf gehofft werden, dass er - (ich weiss dass er mit den Schweizern die besten Beziehungen unterhielt) - sich ihrer thatkräftig angenommen haben wird.

Pekuniär viel schwerer geschädigt wurde die Schweizer Kolonie durch die Räumung von Wladiwostok. Als ich im Jahre 1900 dort war, mochten etwa 20 unserer Landsleute, meist in recht guten Verhältnissen, dort niedergelassen sein. Sie waren Kaufleute, Maschinenfabrikanten, Uhrenmacher, Zuckerbäcker, Farmer etc.

In Dalny ist meines Wissens lediglich eine Schweizerin als Gouvernante in der Familie des Stadtgouverneurs Hr. Sacharoff wohnhaft.

Ich werde mich bemühen über deren Schicksale etwas zu erfahren.

Hier in Japan ist alles soweit ruhig. Wir Fremden bleiben so viel als möglich unter uns. Die Bevölkerung Yokohamas und Tokios lässt sich uns gegenüber bis jetzt nichts zu Schulden kommen, lediglich aus Kobe wird eine feindlichere Stimmung, die jedoch nichts beängstigendes hat, gemeldet.

Dass in Japan unter den Fremden alles projapanisch gesinnt ist, ist selbstverständlich. Man hofft bei bestehendem Kriegsglücke der Japaner auf einen grossen Handelsaufschwung für Japan und Korea. Man hegt auch für die Mandchurei grosse Hoffnungen für Handel und Gewerbe, möge sie nun schliesslich russisches oder japanisches Schutzgebiet werden, chinesisch bleiben, oder aufgetheilt werden.

Die Stimmung der Fremden in China ist ebenfalls für Japan, obwohl man anderseits, besonders dort, auch wieder mit getheilten Gefühlen auf die Möglichkeit der immer weiteren Ausdehnung der japanischen Machtsphäre im Osten blickt.

Blicke in die Zukunft zu werfen ist zur Zeit eitel und eine Beantwortung der Frage, welche man sich hier alltäglich zehn Mal stellt: «Wie lange wird dieser Krieg wohl dauern», unmöglich. Das Eine steht für uns sicher, dass die Japaner zur See machen was sie wollen und das gelbe Meer absolut beherrschen. Ein Angriff von russischer Seite ist, soviel wir wissen, noch nicht erfolgt. Die Russen fühlen sich offenbar zu schwach oder zu geschwächt um etwas zu unternehmen. Wenn Russlands gute Aussichten sich nun auf den Landkrieg beschränken, so haben wir hier, die wir die Vortrefflichkeit der japanischen Soldaten kennen, dafür wenig Hoffnung. Wir dürfen schliessen, dass die Rüstungen Russlands für den Landkrieg ebenso unfertig seien wie diejenigen der Flotte, denn nur so lässt sich Russlands merkwürdige Langsamkeit erklären. Inzwischen landen die Japaner, gedeckt durch ihre freidisponirende Flotte fortgesetzt Truppen in Korea. Die Höhe ihrer Verstärkungen auch nur annähernd anzugeben ist mir jedoch ganz unmöglich.

Alles wird hier möglichst geheim betrieben. Die Truppentransporte passiren die Städte meist bei Nacht.

Die Militär- und Navalattachés der fremden Gesandtschaften in Tokio warten stetsfort vergeblich auf die Einladung sich nach dem Kriegsschauplätze zu begeben. Die Special-Kriegsreporter der fremden grossen Zeitungen, bereits über 50 an der Zahl und sich stetsfort vermehrend, liegen hier herum und erhalten vom Kriegsminister die erbetenen Pässe nicht. Dagegen werden sie, recht orientalisch, mit liebenswürdigen Versprechungen hingehalten und die Regierung gibt ihnen zu Ehren Feste und Bankette in Tokio.

Die heutigen Zeitungen veröffentlichen das Regierungsprogramm betr. BeSchaffung der für die Kriegsführung benöthigten Geldmittel. Man sieht vor: Kriegssteuern, Beschneidung aller beschneidbaren Staatsauslagen und Kriegsanleihen.

Die Ersteren sollen bestehen in einer Erhöhung der Grundsteuer, Einkommen-, Geschäfts-, Reisschnaps-, Saucensteuer etc. Erhöhung der Konsumsteuern auf Seidenfabrikate, Wollfabrikate, Petroleum etc. Die Verkaufspreise der Tabake durch das Monopolamt, sowie die Stempelsteuern sollen erhöht werden.

Dies, gemeinsam mit dem Fallenlassen der budgetirten Eisenbahn- und anderen Regierungsbauten, soll eine neue Jahreseinnahme von ca. 58000000 Yen (1 Yen = Fr. 2.60) werden.

Die erste Kriegsanleihe von 100000000 Yen ist im Lande selbst mehr als doppelt überzeichnet worden.

Für die Schweizerkolonie in Japan sind zu Befürchtungen irgend welcher Art zur Zeit absolut keine Gründe vorhanden. Es ist jedoch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass irgend etwas Unvorhergesehenes sich biete, und ich wäre dankbar, wenn Sie mir mittheilen möchten, ob ich mich in dringendem Falle an den K. deutschen Gesandten halten soll2.

Es ist äusserst schwierig in jetziger Zeit die Behörden für nichtkriegerische Angelegenheiten zu interessiren. Ich habe durch den Boykott der Firma Pollak, welcher immer noch nicht beigelegt ist, und in diversen ändern dringenden Sachen sehr viel Unangenehmes. Über den Fall Pollak werde ich in Bälde eingehend rapportiren.

Mit gleichem Schiffe gestatte ich mir, Ihnen eine Rolle Kriegsbilder zu übersenden.

1
Politischer Bericht: E 2001 (A), Archiv-Nr. 648.
2
Am 15. April 1904 gab das Politische Departement seine Zustimmung zu diesem Vorschlag (E 2001 (A), Archiv-Nr. 648).