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1938 - 1949
Lonza-Dossier, Mappe 6: Beziehungen zwischen der Lonza AG und den
deutschen Lonza-Werken GmbH
Information Independent Commission of Experts Switzerland-Second World War (ICE) (UEK)
Info UEK/CIE/ICE ( deutsch français italiano english):
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1. Dossier de Fond:

- Zertifikat vom 26.6.1945: Lonza-Werke Elektro-Chemische Fabriken GmbH Waldshut (2 Mio. RM Stammkapital) sind zu 100 % in Besitz der schweizerischen Lonza Elek-trizitätswerke und Chemische Fabriken  AG Basel und Gampel VS;  die Lonzona AG für Acetatprodukte Säckingen (Stammkapital 4 Mio. RM) ist zu 25 % in Besitz der Lonza AG und zu 75 % in Besitz der Lonza-Werke GmbH; die Kraftwerke Reckingen AG (Stammkapital 6 Mio. RM) sind zu jeweils 50 % in Besitz der Lonza-Werke GmbH und der Lonza AG. Damit seien die genannten deutschen Betriebe in Besitz einer Schweizer Gesellschaft.

2. Allgemeine Korrespondenz mit dem Leiter der deutschen Lonza-Betriebe, Assessor Albert Müller

- Entwurf des Anstellungsvertrags für Müller (Mai 1938); Art. 1: "Herr Assessor Müller ist dienstlich direkt dem Präsidenten des Verwaltungsrates der Lonza AG unterstellt."

- Brief von Müller an VR-Präsident Golay (4.12.1939): VR-Präsident Maurice Golay, Generaldirektor Ernst Schenker und Müller haben in zwei Besprechungen am 2.10. und 25.11.1939 folgendes vereinbart: "Die Tätigkeit des [1938 geschaffenen] Beirats ruht für die Dauer des Krieges. Stattdessen werde ich Sie und Herrn Schenker in jeweils etwa allmonatlich stattfindenden Besprechungen über die Finanzlage und den wirtschaftlichen Status der beiden Gesellschaften [Lonza-Werke und Lonzona] unterrichten (...). (...) Die Aufgaben der Geschäftsleitung der Lonza-Werke und des Vorstandes der Lonzona AG werden ausschliesslich von mir wahrgenommen." Schenker und alle "übrigen Herren in der Schweiz" verlieren ihre Unterschriftsbefugnis.  

- Brief von Golay an Müller (5.2.1941): Golay gratuliert Müller zur Verleihung des "Kriegsverdienstkreuzes II. Klasse" für seine hervorragenden Dienste um das Wirtschaftsleben am Oberrhein.

- Brief von Golay an Müller (20.3.1943): Müllers Vertrag wird um drei Jahre verlängert, und Golay dankt Müller "für den vorbildlichen Einsatz in der Erfüllung der Ihnen auf wichtigstem Aussenposten gestellten Aufgaben (....)."


- Brief der Lonza AG an Müller (30.3.1946): "Im Hinblick auf die Verhältnisse sehen wir uns veranlasst, die Direktion unserer in Deutschland gelegenen Tochtergesellschaften neu zu organisieren, wobei die Geschäftsleitung in vermehrtem Masse wieder direkt von Basel aus ausgeübt werden soll. Wir bitten Sie daher, davon Kenntnis zu nehmen, dass wir hiermit unsere Vereinbarung mit Ihnen vom Juli 1938 vorsorglich künden, und Ihre Aktivität  bei den deutschen Gesellschaften mit sofortiger Wirkung als suspendiert erklären."

- Brief von Müller an Golay (23.11.1948): er sei am 22.11.1948 durch die Spruchkammer Freiburg/Brsg als "Mitläufer" eingestuft worden.

- Brief von Golay an Müller (2.12.1948): Golay freut sich, dass Müller als "Mitläufer" eingestuft worden sei. Auf Müllers Wunsch nach Wiedereinstellung werde demnächst eingegangen.

- Brief von Schenker an Golay (27.12.1948): Die Wiedereinstellung Müllers sei keine Selbstverständlichkeit. "Er [Müller] ist wohl [von den Franzosen] als Exponent der Lonza-Werke gemassregelt worden, wobei ausschlaggebend war, dass er gleichzeitig eben aktives Parteimitglied war." Müller müsse klargemacht werden, "dass die Geschäftsleitung der deutschen Gesellschaften sich wiederum mehr an den Interessen der Muttergesellschaft richte.  Das war während des Krieges nicht in wünschbarem Ausmass möglich, sollte aber heute wieder selbstverständlich sein."

- Brief von Golay an Schenker (29.12.1948): Golay fragt sich, "ob wir Herrn Müller noch beschäftigen können. Es ist eine sehr delikate Frage (...)."

- Besprechung zwischen Golay, Schenker und Müller am 21.4.1949 in Reckingen. Thema: die persönliche und berufliche Zukunft Müllers. Schenker macht ihm klar, dass die Lonza AG Wert darauf lege, "die Interessen der deutschen Tochtergesellschaften wieder mehr nach denjenigen der Muttergesellschaft zu richten. Die Umstände bedingten, dass die Geschäftsführung weitgehendst in Schweizer Hände kam. (...) Golay bemerkt, dass zur Organisation des Krieges [als Müller fast unkontrolliert schalten und walten konnte] nicht mehr zurückgekehrt werden könnte. Die Lonza-Werke sind schliesslich im Besitze der Muttergesellschaft und werden soweit möglich, nach deren Direktiven geleitet. Die oberste Geschäftsleitung der Lonza ist im Prinzip auch die oberste Geschäftsleitung der Tochtergesellschaft." Golay will die Wiedereinstellung Müllers "in Erwägung ziehen", sofern "wir von seiten der Behörden [den französischen Besatzungsbehörden] keine Schwierigkeiten mehr haben (...)."

- VR-Rundschreiben Nr. 766 vom 7.5.1949: betrifft den Tod Müllers und enthält Hinweis auf seine Inhaftierung durch die französische Besatzungsmacht.

3. Vertrauliche Rapporte Müllers 1939-1945

Zeitraum der über 70 Berichte: 27.10.1939-1.2.1945
Ort der Berichterstattung: meistens kam Müller nach Basel; das Treffen vom 20.5.1940 fand in Anwesenheit deutscher und Schweizer Soldaten am Grenzpfeiler des Kraftwerks Reckingen statt. Für die weiteren Treffen mit Müller musste die Lonza AG beim Schweizer Armeekommando eine Genehmigung einholen.
Themen: Geschäftsgang der Lonza-Werke und Lonzona AG, Fragen und Probleme der Rohstoff- und Energielieferungen; das Thema "Einsatz von Zwangsarbeitern" fand in den Protokollen keinen Niederschlag.
Ansprechpartner Müllers: meistens Ernst Schenker, z.T. auch Maurice Golay

Erwähnenswertes:
1. Bericht (27.10.1939): "Herr Präsident Golay konstatiert einleitend, dass die Berichterstattung in kleinstem Kreise nunmehr laufend anstelle der Beirats-Sitzungen trete, die für die derzeitige Zeit aus bekannten Gründen unterbleiben müssten." (S. 1)
Müller: "Die Werke der Lonza-Werke geniessen als Wehrwirtschaftsbetrieb (...) besondere Fürsorge und unterstehen besonderer Aufsicht der kompetenten behördlichen Stellen." (S. 1)
Müller will mit Schenker ständigen Kontakt halten (S. 3). Das neue Zahlungsabkommen Deutschland-Schweiz lasse einen reduzierten Dividendentransfer zu (ebd.).  


Besprechung Golay, Schenker, Müller am 26.11.1939 in Basel: Golay empfindet "die Massnahmen, die wir bisher für die Überwachung unserer deutschen Tochtergesellschaften  getroffen hatten, als unbefriedigend". Müller erklärt, er habe "schon seit zwei Jahren Verhandlungen mit den massgebenden Instanzen in Berlin geführt, von denen er angesichts der persönlichen Verpflichtungen, die er diesbezüglich unternehmen musste, weder dem Verwaltungsrat noch der Direktion Kenntnis geben konnte." Die Lonza-Werke und die Lonzona "sind in die Kategorie der 'Wehrbetriebe' eingereiht worden" und hätten nun "eine besondere 'Mobilisations-Aufgabe' zugewiesen" bekommen. Hinsichtlich der Kommunikation  Tochtergesellschaft-Mutterhaus wurde Müller von den deutschen Behörden folgendes erlaubt:
a) Fragen grundsätzlicher Natur können mit Basel diskutiert werden;
b) finanzielle Details können Basel wie bisher mitgeteilt werden;
c) Quartalsbilanzen, die für Basel bestimmt sind, werden jedoch keine "Einzelheiten über die Produktion mehr erhalten".
Um Müllers Befugnisse wenigstens etwas einzuschränken, wird er gebeten sich zu verpflichten,
1.) "keinen Teil der Aktiven unserer deutschen Gesellschaften in irgendwelcher Form zu verpfänden oder zu veräussern (Verkäufe ausgenommen);
2.) keine ausserordentlichen finanziellen Massnahmen zu treffen;
3.) die Art der Produktion nicht zu ändern;
4.) im allgemeinen keine Änderung grundsätzlicher Natur durchzuführen, ohne zuerst meine [Golays.] Bewilligung erhalten zu haben."
Müller "teilte uns schliesslich noch mit, dass alle deutschen Gesellschaften gegenwärtig in fünf Kategorien eingeteilt sind, wovon drei Kategorien (unsere Gesellschaften gehören der Kategorie 2 an) unter direkter Staatsaufsicht stehen. (...) In unserem Falle ist Herr Assessor Müller sowohl als Geschäftsführer wie auch staatliches Aufsichtsorgan."
"Erhebungen über das Verhältnis von Schweizer Mutter- zur deutschen Tochter-Gesellschaft" (30.11.1939):
- Bei GF Schaffhausen hätten sich "in personeller Beziehung (...) schon seit längerer Zeit Schwierigkeiten ergeben, die schliesslich dazu führten, dass sie das gesamte wichtigere Personal zurückziehen mussten bis auf einige untergeordnete Beamte, die keinen Einblick in den Betrieb haben.(...) Auch irgendwelche Unterlagen über Bestellungseingang, über Umsatz oder solche anderer Art seien nicht mehr erhältlich (...);  sie seien also derzeit nicht in der Lage, in ihrem Mutterhaus zu bilanzieren, weil ihnen diese Unterlagen fehlen." GF habe darauf aufmerksam gemacht, "dass (...) diese entscheidenden Restriktionen begründet werden mit der Erklärung ihres deutschen Betriebes als Rüstungsbetrieb. Eine Einordnung in diese Kategorie hätte ausserhalb ihres Einflusses gelegen.""

- Maggi Kemptthal: "keinerlei Einschränkungen, da sie nicht Rüstungsbetrieb sei. In Singen befinden sich wie bis anhin noch Schweizer in leitender Stellung".

- AIAG Neuhausen: "Dir. Bloch sagt zwar, er hätte auch Mühe, Bilanz-Zahlen zu erhalten, doch hätte er sie  bis jetzt erhältlich machen können. Indessen bekomme er keine Nachrichten mehr über den Umsatz. Sein Schweizer Personal in Rheinfelden sei noch immer in Funktion. Der Betrieb in Singen (Walzwerke Singen) unterliege wieder anderen Ansprüchen der Behörden. Er hätte der Eindruck, dass man bei energischem Verlangen vieles erhalte, und er glaubt, dass für die (...) Verhältnisse in Waldshut Erleichterungen zu erzielen wären, wenn wir diese mit Bestimmtheit anbegehren. Jedenfalls sei er in Rheinfelden 'besser' behandelt."


3. Bericht (22.12.1939): Golay fragt, "ob die Unterschrifts-Berechtigung wirklich in dem Sinne geregelt werden müsse, dass auf Schweizerseite keine Unterschriftsberechtigungen mehr bestehen." Man solle klären, wie dies andere Gesellschaften regelten. (S.1)

5. Bericht (5.2.1940): Müller befürchtet "ernste Ereignisse" wegen der nach wie vor bestehenden Unterschriftsberechtigung der Schweizer. (S. 1)

6. Bericht (1.3.1940): Müller ist für die Aufhebung der Unterschriftsberechtigung der Schweizer Schenker, Hess, Lichtenhahn, Chatelain, Link und v. Bidder. Dafür soll der Deutsche Kurt Heide eine Unterschriftsberechtigung erhalten. (S. 1f.)

8. Bericht (26.4.1940): Müller bittet um ein Schreiben der Lonza AG an die Schweizer Grenzbehörden, ihn ungehindert passieren zu lassen. Es gebe für ihn immer mehr Schwierigkeiten beim Grenzübertritt. (S. 5)

23. Bericht (2.5.1941): Auf eine Einweihungsfeier für das Kraftwerk Reckingen wird verzichtet, denn "eine Zusammenkunft von deutschen und Schweizer Herren" solle "vermieden werden". (S. 3)

26. Bericht (27.6.1941): Müller bittet um Erteilung der Unterschriftsberechtigung für Dr. Sauter und Assessor Mench (Lonzona). Handschriftliche Anmerkung Golays: "Was ist geschehen?" (S. 2)

30. Bericht (17.9.1941): Kurt Heide will sich zurückziehen; warum, ist unklar. Er soll gebeten werden, bis zum Zeitpunkt der nächsten GV zu bleiben, damit die Aufsichtsratsposten  für das Kraftwerk Reckingen und die Lonzona nicht vakant werden. (S. 1f.)
34. Bericht (4.12.1941): Es gibt Probleme mit dem Volkswirtschaftsdepartement bezüglich der Energieversorgung. (S. 1ff.)

48. Bericht (1.12.1942): Der Versicherungsschutz wird für den höheren Stab ausgedehnt
(15-20 Mann). (S. 2)

53. Bericht (10.3.1943): Kurt Heide wird - anscheinend von Schweizer Seite - die Einreise in die Schweiz verweigert.

58. Bericht (7.9.1943): Müller informiert über geplante deutsche Industrieverlagerungen nach Südbaden. (S. 2)

60. Bericht (6.10.1943): Golay plädiert für eine Reduktion der deutschen Unterschriftsberechtigungen. Müller stellt den Geschäftsgang und die allgemeine Lage als "immer noch befriedigend" dar. (S. 1)

65. Bericht (3.2.1944): Müller sei zu deutsch-schweizerischen Verhandlungen zugezogen worden, "weil er deutsch-intern gewisse behördliche Koordinationsaufgaben nebenamtlich innehat." (S.2)

72. Bericht (13.9.1944): "Assessor Müller erscheint unangemeldet; der Telephon-Verkehr ist nicht mehr möglich." (S. 1)

73. Bericht (9.11.1944): Müller lässt nur noch Quartalsbilanzen erstellen. (S. 2)

75. Bericht (26.1.1945): "Die Behörden insistieren, dass er [der Betrieb] fabriziert. Er wird daher [vermutlich in Waldshut] eine grössere Einheit in Betrieb nehmen." (S. 1)

76. und letzter Bericht (1.2.1945): "Assessor Müller ist heute wieder hier, weil er von der deutschen Verhandlungsdelegation in Bern über Energiefragen konsultiert wurde." (S. 2)


[...]

5. Säuberungsmassnahmen der Alliierten

-  Verteidigungsdossier Albert Müllers, verfasst am 8.9.1945 in Säckingen, z.H. der Lonza AG: Müller berichtet, dass er am 31.8.1945 verhaftet und seitdem dreimal verhört worden sei. Im folgenden nimmt er zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung.
"1.) sei ich durch die Partei zu leitender Stellung bei der Lonza gelangt und auf der Partei Verlangen schliesslich 'Generaldirektor' der deutschen Gruppe geworden." Müller entgegnet darauf, er sei 1933 auf Empfehlung des Oberregierungsrates Stöckinger vom badischen Wirtschaftsministerium von der Lonza AG eingestellt worden, da diese einen Wirtschafts-juristen gesucht habe. Er betont, "auch alles weitere vollzog sich ohne Einflussnahme der Partei, lediglich in Uebereinstimmung und Anpassung an die Verhältnisse aus eigenem Entschluss der Lonza Basel. Nur für die Dauer des Krieges war mir die Leitung übertragen und in den letzten Monaten haben bereits Besprechungen zwischen Schenker und mir bezüglich der Geschäftsleitung stattgefunden (...)."

2. Vorwurf: Auszeichnung Müllers zum Wehrwirtschaftsführer; dazu Müller: "Von Schweizer Seite wurde die Arbeit ebenfalls anerkannt. (...) Ich bin am 1.5.1933 in die Partei eingetreten mit der Überzeugung, dass Deutschland nur noch durch den Nationalsozialismus von dem Bolschewismus gerettet werden könne, und habe als aufrichtiger Patriot meine Pflicht getan, auch als sich immer mehr zeigte, dass der Niedergang drohte."

3. Vorwurf: Rücksichtsloses Herrschen "nach Nazigrundsätzen", v.a. "seien nur Nazis zu Stellungen gekommen (bezeichnend sei die Betriebsordnung von 1938)." Müller dazu: "Ich habe im Sinne nationalsozialistischer und vaterländischer Auffassung gearbeitet, mich dabei vor allem für die Besserung der sozialen Verhältnisse der Arbeitenden verwandt und ihnen ohne Rücksicht auf ihre politische Einstellung geholfen (...) Die Betriebsordnung von 1938 war nach einem Schema aufgestellt, das von der Arbeitsfront vorgeschrieben war, und enthält nichts anderes als diejenigen aller anderen grösseren deutschen Betriebe."

4. Vorwurf: Müller habe mit der Gestapo kooperiert; Müller beteuert, er habe "im Gegenteil in vielen Fällen solche Meldungen verhindert."

5. Vorwurf: "Ich sei dafür verantwortlich, wenn
a) Ausländer misshandelt worden seien und ausserdem hätte ich
b) selbst etwa eine Woche vor dem Zusammenbruch im Fabrikhof in Waldshut Russen geschlagen." Müller erklärt dazu: "Ich habe bei jeder Gelegenheit (Appellen, Besprechungen, Vertrauensratssitzungen usw.) angeordnet, dass die Ausländer streng, aber menschlich und korrekt zu behandeln sind, insbesondere habe ich auch stets darauf gedrungen, dass die Ausländer entsprechend den von ihnen verlangten Leistungen ordentlich verpflegt, untergebracht und versorgt werden müssen. Wir haben in den Werken sehr viel Gutes für die Ausländer getan. Als mir einmal zu Ohren kam, dass Ausländer im Werk Waldshut geschlagen worden seien, bin ich energisch eingeschritten; mit aus diesem Grunde auch wurde der Werkschutzleiter H. von mir entlassen." Antwort Müllers zu b): "Unwahr; ich habe kurze Zeit vor dem Zusammenbruch (...) einen Rundgang durch das Werk gemacht und die nichtstuenden Ausländer angeschnauzt; geschlagen wurde keiner (wäre bei dem Stand der Dinge Wahnsinn gewesen)."

Müller schliesst mit der Bitte, "dass uns die Lonza aus der Haft herausholt; dazu bedarf es aber des Eingreifens von Basel, und ich bitte die Herren Präsident Golay und Schenker um ihre Hilfe und Intervention."


- Brief von Schenker an Golay (8.9.1945): Schenker traf den Waldshuter Werksleiter Dr. Gunnar Alfthan (finnischer Staatsbürger). Nach dessen Ansicht war Müller "keineswegs ein fanatischer und verbohrter Nazi. (...) Dr. Alfthan genoss in besonderem Masse als Ausländer den Schutz von Assessor Müller, auch dann, als er noch in dem letzten Vierteljahr von den Parteileuten hart bedrängt wurde und diese seine [Alfthans] Entfernung verlangten. (...) Natürlich war Assessor Müller Nationalsozialist. Wir haben ihn als solchen seinerzeit engagiert, um eine Person zu haben, die den Verkehr mit den neuen nach 1933 eingesetzten Behörden erleichtert. Müller ist über diese Aufgaben hinausgewachsen und hat sich bestimmt als ein hoch intelligenter und fähiger Geschäftsführer erwiesen."

- Auch Gunnar Alfthan geriet in die Ermittlungen der Besatzungsbehörden. Lonza-Direktor Reinhard Waldner schreibt an Golay (6.10.1946): " Während des Krieges wurden in Waldshut zahlreiche Fremdarbeiter (Kriegsgefangene & Deportierte) beschäftigt. Wenn sich diese Arbeiter Verfehlungen irgend welcher Art zu Schulde (sic) kommen liessen, so bestand bei schweren Fällen die Strafe in Stockschlägen. (...) Die Prügel wurden von einer Equipe des sogenannten Werkschutzes verabfolgt und zwar so, dass anschliessend die Hilfe der Fabriksanität in Anspruch genommen werden musste. (...) Der Ermittlungsausschuss  für die Säuberung soll Dr. Alfthan (...) vorwerfen, er hätte als Werksleiter die Verprügelung der Fremdarbeiter zu verantworten." Waldner vertritt die Auffassung, "die Lage von Herrn Dr. Alfthan" sei "nicht sehr einfach. Als Ausländer hatte er intern praktisch kein Verfügungsrecht mehr, nach aussen war er aber Werksdirektor. Die Vorfälle können nicht bestritten werden und es ist klar, dass jemand die Verantwortung dafür zu übernehmen hat. (...) Wenn Herr Schenker erklärt, der Fall Alfthan ist eine Prestige-Angelegenheit der Gesellschaft, so werden Sie auf Grund der vorstehenden Ausführungen an den Tatsachen nicht vorbeisehen dürfen. Es ist von uns niemand in der Lage festzustellen, wer tatsächlich die Verantwortung für die Vorfälle zu übernehmen hat. Die Gesellschaft wird die Verprügelung von Menschen niemals decken können. (...) Herr Schenker hat gelegentlich wiederholt versucht, die Sache zu bagatellisieren, als Mensch kann ich ihm leider nicht folgen."
- Brief von Golay an die französischen Besatzungsbehörden in Waldshut (28.10.1946):
Dr. Alfthan sei ein "d'une confiance absolue et possédant les qualités nécessaires à la conduite des hommes pendant les longues années où il a été en contact direct avec nos ouvriers. Mr. Le Dr. Alfthan a rempli consciencieusement sa tâche à Waldshut, confirmant ainsi toute la confiance que nous avions placée en lui, et ce fut pour nous une très grande tranquillité que de le savoir à ce poste au début des hostilités, car nous étions sûrs qu'il nous serait possible de compter sur sa collaboration efficace, non seulement comme bon administrateur, mais comme chef animé d'un esprit pondéré de prudence et de modération. (...) Il s'est de même toujours dévoué au sort des faibles et des affligés. (...) Comme pendant toute la durée des hostilités, nous n'avons pu avoir de contact direct avec nos sociétés allemandes, il ne nous est pas possible d'envisager de notre propre initiative si les accusations portées contre lui reposent sur des faits exacts. Nous n'avons cependant aucune raison de mettre en doute les arguments qu'avance le Dr. Alfthan dans son exposé (...). (...) Tant que son influence a été possible pendant la durée de la guerre, nos espérances n'ont point été déçues."

- "Notiz über die Strafen, die für das Personal von Waldshut von der Säuberungskommission  für die politische Reinigung der Industrie, Handel und Handwerk des Landes Baden in Freiburg i.B. vorgeschlagen sind" (12.3.1947):
1.) Urteilsvorschläge in Sachen Dr. Alfthan

a) Ermittlungsausschuss Waldshut: "Entlassung, Vermögenssperre gemäss Gesetz 52. Kann keine führende Stellung in der Wirtschaft innehaben. Bewährungsfrist 5 Jahre. Begründung: Förderung des Nationalsozialismus durch Massregelung von Antifascisten (sic!) im Werk vor 1933 und nach 1933. Duldung der Misshandlung ausländischer Arbeiter und Kriegsgefangener; Aufforderung dazu durch von ihm unterzeichnete Anschläge. Meldung an die Gestapo der Ausländer, welche Nazigegner waren."
b) Säuberungskommission Freiburg: "Dauernd die Betriebsführung entzogen, sowie jede selbständige oder leitende Tätigkeit aberkannt. Führerschein dauernd zu entziehen. Haltung von Kraftfahrzeugen untersagt. Gesamtes Vermögen ist einzuziehen. Begründung: Dr. Alfthan gehörte, nach seinen Aussagen, weder der NSDAP noch eine ihrer Organisationen an. Dr. Alfthan war jedoch Werksdirektor und damit leitender Mann der bekannten Lonza-Werke Waldshut, die berüchtigt waren für im Betrieb stattgefundenen Misshandlungen und Ausnützung ausländischer Arbeiter und Kriegsgefangener. Dr. Alfthan zeichnete also für diese Ausschreitungen verantwortlich. Er hat diese Misshandlungen und Ausnützungen geduldet und, wie aus dem vorliegenden, umfangreichen Belastungsmaterial hervorgeht, auch angewiesen. (...) Eine Persönlichkeit mit einer derartigen Belastung ist, auch wenn sie nominell nie der NSDAP angehört hat, für die Zukunft als Betriebsführer untragbar. Sein Einkommen weist in den Kriegsjahren eine erhebliche Steigerung auf, sodass er als Nutzniesser des Systems anzusehen ist."

2.) Auszug aus dem Dossier Dr.Alfthan

"Später wurde Assessor Müller von der Generaldirektion Basel engachiert (sic!) und wird von da ab Hauptverantwortlicher für die Vorkommnisse im Werk. Jedoch sind alle, den Akten beiliegende Anschläge und Aufrufe, von Dr. Alfthan unterzeichnet, ebenso die Meldungen an die Gestapo. Dr. Alfthan war täglich im Werk und es ist unmöglich, dass ihm alle die Vorkommnisse, die methodischen Misshandlungen unbekannt geblieben sind (...).Zu seinen Gunsten spricht, dass er in einem Falle im Werk 1939-40 dazu kam und dagegen einschritt, ohne jedoch die Missetäter zu bestrafen." Im Dossier wird ausserdem auf Dr. Alfthans finnische Staatsangehörigkeit, seine jüdische Frau, den Entzug der Prokura (durch Assessor Müller?), die Probleme seiner halbarischen Kinder und Assessor Müller als der "Beschützer von Dr. Alfthan" hingewiesen. Diejenigen, die Misshandlungen der Zwangsarbeiter angeordnet hätten, "wurden bis zur letztmöglichen Minute von Dr. Alfthan verteidigt bis die Erhebungen der französischen Gendarmerie ihre Verhaftung bedingten. Bei der ersten Verhaftung stellte das Werk sogar eine Kaution von RM 50.000. (...)
Die Lonza ist ein Schweizer-Unternehmen. (...) Unter den Nazis stieg die Belegschaft von 700 auf 1500 Mann, ebenso die Produktionskapazität. Den Anschluss an die nationalsozialistische Bewegung fand das Schweizer-Unternehmen durch die Anstellung von Assessor Müller, welcher grossen Einfluss in der Partei hatte, bei Köhler [dem badischen Ministerpräsidenten] und Wagner [dem badischen Gauleiter] ein- und ausging und so in der Lage war, die Werksinteressen zu vertreten und zu schützen."

3. Zeugenaussagen

a) Putzfrau Maria R.: "Die Schreie [der mißhandelten Zwangsarbeiter] drangen bis in den ersten Stock und waren in allen Bureauräumen hörbar."
b) Fräulein F.: "Wir Frauen waren am Abend ganz erledigt als wieder so  etwas vorgefallen war. Ich war persönlich gegen diese Art von Misshandlung aufgebracht. Bei Dr. Alfthan habe ich mich oft beschwert, dass das doch endlich mal abgestellt werden sollte. Ich erzählte ihm alles, was auf der Rettungsstelle vorsichging."
c) Johann Z. berichtet, "Assessor Müller hätte gesagt: 'Falls die Gefangenen nicht arbeiten, sollte er eine Picke oder eine Schippe aufnehmen, um sie damit zu schlagen, auch wenn er sie tot schlägt.'"

4. Auszüge aus von Dr. Alfthan unterschriebenen Bekanntmachungen

a) "'Die Kriegsgefangenen sind korrekt, aber nicht mit uns auf einer Stufe stehend zu behandeln.'
b) 'Es ist eines Deutschen unwürdig, kameradschaftlich mit Kriegsgefangenen, die immer unsere Feinde sein werden, zu verkehren.'
c) Meldung an die Gestapo. Erfassung politischer, unzuverlässlicher ausländischer Arbeiter (17 Namen).
d) Meldung an die Gestapo über einen griechischen Arbeiter, der einem Hitler-Bild die Augen ausgestochen hatte.
e) Meldung an die Gestapo von Flucht von griechischen Arbeitskräften.
f) Bestätigung einer telefonischen Meldung an die Gestapo, um die Verhaftung von 2 griechischen Arbeitern zu beantragen, die gegen den griechischen Vertrauensmann Drohungen ausgesprochen hätten."
- Brief von Dr. Alfthan an Lonza-Generaldirektor Ernst Schenker (13.3.1947):
Alfthan traf sich am 12.3.1947 mit Schenker in Basel. Offensichtlich bat dieser den Werksleiter die gegen ihn erhobenen Vorwürfe kurz darzustellen. Dabei versucht er, sich zu verteidigen. Besonders ausführlich geht er auf  den Punkt "Duldung systematischer Ausländermisshandlungen seitens des Werkschutzes" ein und erklärt: "Ich kann mich heute nicht erinnern, von mehr als zwei sog. Systematischen Misshandlungen gewusst zu haben (von systematischen Misshandlungen wurde erst nach dem Zusammenbruch gesprochen), die ich beide Herrn Ass. Müller meldete, was mir schon beim ersten Mal seitens des Werkschutzes sehr verübelt wurde und zu verschiedenen Aussprüchen, wie 'der lästige Ausländer' und 'Dr. Alfthan hat mit dem Werkschutz gar nichts zu tun' etc. führte. Ich bemerke, dass ich persönlich stets bestrebt war, die Ausländer gut zu behandeln, damit sie sich bei uns wohlfühlten und gute Arbeit leisten würden. Ich unterhielt mich oft freundschaftlich mit ihnen in ihrer eigenen Sprache, bemühte mich um ihr Essen und ihre Unterkunft, schaffte ihnen Unterhaltungsmöglichkeiten und war bestrebt, wenn mir Beschwerden bekannt wurden, diese abzustellen. Ich fand hierbei eine weitgehende Unterstützung bei Ass. Müller. Über Misshandlungen hat sich kein Ausländer bei mir beklagt, sondern haben sie im Gegenteil ihre Zufriedenheit ausgesprochen.; auch das Essen war im allgemeinen reichhaltiger, als den Leuten offiziell zustand. (...) Bei allen Konferenzen ist (...) von Ass. Müller darauf hingewiesen worden, dass die Kriegsgefangenen und Ausländer wohl streng, aber korrekt zu behandeln sind. (...) Zu der Frage, weshalb nur in Waldshut Ausländer misshandelt worden sind und nicht auch bei den anderen Lonza-Werken ist zu sagen, dass wir in Waldshut mit den Kriegsgefangenen zusammen bis 800 Ausländer hatten, davon gegen 600 Zivilarbeiter, während die Lonzona z.B. nur Frauen hatte und in Istein nur etwa 100 ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene beschäftigt wurden. Unter den vielen Ausländern befanden sich natürlich alle möglichen Elemente, die sich durch Arbeitsunlust, Renitenz, Disziplinlosigkeit, Unsauberkeit, Kameradschaftsdiebstähle, Schlägereien, Glückspiele usw. bemerkbar machten. Der Werkschutz, zu dessen Aufgabe die Überwachung der Ausländer gehörte, hatte unter diesen Elementen einen schweren Stand, was eine Ursache dazu sein mag, dass trotz Verbots Übergriffe vorkamen."
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